Tourismus in Österreich: Das Ende des Höhenflugs

Deloitter erhebt jährlich gemeinsam mit der Österreichischen Hoteliervereinigung (ÖHV) die Lage im heimischen Tourismus. Rund 250 Unternehmerinnen und Unternehmer österreichweit wurden für den diesjährigen Tourismusbarometer befragt. Im Interview gibt Deloitte Partner Andreas Kapferer Einblicke in die Studienergebnisse.

Wie geht es dem heimischen Tourismus?

Die letzte Wintersaison war durchwachsen und weist ein deutliches Ost-West-Gefälle auf. Während Wien überdurchschnittlich gute Werte verzeichnen konnte, waren die Betriebe in Vorarlberg am wenigsten zufrieden. Insgesamt ist die Stimmung unter den österreichischen Touristikerinnen und Touristikern aber grundsätzlich positiv – wenngleich auch etwas verhaltener als im Vorjahr. Grund für diese leichte Eintrübung ist unter anderem das immer größer werdende Wertschöpfungsproblem. Das beschäftigt die Branche aktuell sehr.

Was bedeutet das konkret?

Im Hinblick auf die Nachfrage geht es den Unternehmen eigentlich gut. Die Auslastung ist konstant und die Umsätze steigen. Trotzdem bleibt den Betrieben unter dem Strich zu wenig übrig. Hauptgrund dafür sind die hohen Ausgaben. Zum einen sind Maßnahmen wie etwa Investitionen in den Erhalt oder die Verbesserung der Infrastruktur kostspielig, zum anderen steigen die allgemeinen Kosten. Vor allem die hohen Personalkosten drücken die Erträge zunehmend.

Wie kann dieser Problematik entgegengewirkt werden?

Die Tourismusunternehmen brauchen in den nächsten Jahren vor allem eine umfassende Steuerentlastung. Nur so können sie auch zukünftig erfolgreich wirtschaften. Die letzte Bundesregierung hat bereits zahlreiche Schritte gesetzt, die dem Tourismus zu Gute kommen sollten. So wurden etwa die Vorhaben des Tourismusministeriums zum Ausbau der Destination Österreich von den Befragten überwiegend positiv bewertet. Mit dem vorzeitigen Ende der Legislaturperiode besteht nun aber die Gefahr, dass viele der dringend notwendigen Maßnahmen wie die Registrierungspflicht für Sharing-Hosts oder die Anpassung der Abschreibungsdauern an die Praxis noch weiter aufgeschoben werden. Davor kann man aber nur warnen. Die nachhaltige Stärkung des Tourismus muss möglichst zeitnah angegangen werden.

Gibt es neben dem aktuellen Wertschöpfungsproblem noch weitere Hürden für die Branche?

Die Mitarbeitersituation ist ein weiterer großer Hemmschuh für die Tourismusbetriebe. Es herrscht ein chronischer Fachkräftemangel. Ganze drei Viertel der Betriebe sind laut Studie auf der Suche nach geeignetem Personal. Für 43 % ist es im Vergleich zum Vorjahr sogar noch schwieriger geworden passende Arbeitskräfte zu finden. Das hat zur Folge, dass das Angebot oft reduziert werden muss oder aber von den bestehenden Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern Mehrarbeit eingefordert wird. Beides wirkt sich negativ auf Stimmung und Umsatz aus. Auch die neue Regelung zur Arbeitszeitflexibilisierung bringt scheinbar kaum Erleichterung: Laut 61 % der befragten Unternehmen hatte das Gesetz bisher keinen unmittelbaren Vorteil.

Wie sollten die Unternehmen diesem Fachkräftemangel begegnen?

Ein aktives Bemühen um die Arbeitskräfte lohnt sich jedenfalls. Für die Tourismusbetriebe wird es in Zukunft immer wichtiger, die Wünsche der Belegschaft ernst zu nehmen.

Aus der Praxis wissen wir außerdem, dass sich auch regionale Betriebskooperationen bewähren – zum Beispiel im Rahmen von Initiativen zum saisonalen Jobwechsel in Betrieben der Region.

Auch die generationenübergreifende Zusammenarbeit ist vor dem Hintergrund des Fachkräftemangels ein wichtiges Stichwort, denn die Bevölkerung wird immer älter – und damit die Belegschaft. Betriebe, die auf die Bedürfnisse der unterschiedlichen Generationen sensibilisiert sind, können das darin liegende Potenzial nutzen. So kann ein gutes Zusammenspiel von Jung und Alt die Innovationskraft stärken und unterschiedliche Zielgruppen am Markt können authentischer angesprochen werden. 61 % der Befragten setzen bereits Maßnahmen, damit ältere Beschäftigte ihre Arbeit länger gut durchführen können.

Welcher Trend wird die Branche in Zukunft besonders bestimmen?

Das Thema Nachhaltigkeit ist aktuell in aller Munde – und wird auch für den Tourismus künftig tonangebend sein. Laut unserer Studie setzen bereits 87 % der befragten Tourismusbetriebe umweltschonende und nachhaltige Maßnahmen um – Tendenz steigend. Am häufigsten wird bisher auf den verstärkten Einsatz regionaler Produkte und auf die Abfallvermeidung geachtet. Doch auch Energieeffizienz steht immerhin schon bei einem Viertel der Betriebe auf der Agenda. Generell sehen wir bei unseren Klientinnen und Klienten, dass ökologische und wirtschaftliche Interessen immer mehr zusammenspielen. Dieser Wandel hin zu nachhaltigem Tourismus ist auf lange Sicht ein unerlässlicher Wertschöpfungsfaktor.

Andreas Kapferer
Andreas Kapferer
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