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Deloitte Österreich zum Brexit

Folgen und Risiken für österreichi­sche Unter­nehmen

Der per Volksentscheid beschlossene Austritt Großbritanniens aus der EU stellt die Unternehmen vor viele Herausforderungen. Auch wenn sich die gesetzlichen Rahmenbedingungen nicht sofort ändern und das britische Parlament das Ergebnis des rechtlich unverbindlichen Referendums noch verwerfen könnte, müssen sich Unternehmer rechtzeitig für etwaige Folgen wappnen.

Wien, 29. Juni 2016. Österreichische Unternehmen sollten bereits jetzt ihre Lieferkette und langfristige Verträge mit britischen Vertragspartnern überprüfen. Sie sollten Chancen und Risiken in den Bereichen Handel und Steuern, Unternehmensstrategie, Supply Chain und Personal sowie rechtliche und organisatorische Entwicklungen im Auge behalten.

„Der Vollzug des Brexit kann noch bis zu zwei Jahre dauern – aber die österreichischen Unternehmen sind gut beraten, sich bereits jetzt umfassend darauf vorzubereiten“, betont Bernhard Gröhs, Managing Partner von Deloitte Österreich. „Die zukünftigen Folgen eines britischen EU Austritts sind vielfältig und werden ihre Spuren im wirtschaftlichen Alltag hinterlassen.“

Auswirkungen auf indirekte Steuern

Mit dem Austritt wird Großbritannien umsatzsteuerlich und zollrechtlich nicht mehr zum Gemeinschaftsgebiet der EU gehören und nicht mehr an das Unionsrecht gebunden sein. Ab diesem Zeitpunkt sind für Warenlieferungen und Dienstleistungsverkehre zwischen Großbritannien und der EU Rechtsvorschriften für Drittstaaten anzuwenden. Lieferungen sowie unternehmensinterne Warenbewegungen nach Großbritannien sind dann nicht mehr als innergemeinschaftliche Lieferungen, sondern als Ausfuhrlieferungen zu behandeln. Sie müssen entsprechend zollrechtlich angemeldet werden. Warenverkehre in die EU sind wiederum als Importe und nicht mehr als innergemeinschaftliche Erwerbe zu deklarieren. Sofern zum Austrittszeitpunkt keine Freihandelsabkommen mit Großbritannien geschlossen werden, werden auf den Warenverkehr neben Einfuhrumsatzsteuern reguläre Drittlandszölle erhoben. Dies gilt ebenso für Warenverkehre aus der EU nach Großbritannien.

„Zollabgaben sind im Gegensatz zur Einfuhrumsatzsteuer nicht abzugsfähig. Daher müssen die Unternehmen den Mehraufwand in zukünftigen Preisverhandlungen berücksichtigen“, erklärt Christian Bürgler, Partner bei Deloitte Österreich. Für Dienstleistungen an britische Unternehmen kann der Nachweis der Unternehmereigenschaft nicht mehr mit der UID-Nummer des Leistungsempfängers erbracht werden. Sondern er muss entweder durch eine Unternehmerbescheinigung oder einen alternativen Nachweis überprüft werden. Auch für die Anwendung des Vorsteuervergütungsverfahrens sind mit dem Tag des Brexit die Rechtsvorschriften für Drittstaaten anzuwenden. Damit verkürzt sich die Antragsfirst von bisher neun auf sechs Monate des nach der Leistungserbringung folgenden Jahres.

Änderungen im Bereich der direkten Steuern

Mit dem Austritt Großbritanniens sind bestehende Richtlinien bei direkten Steuern im Verhältnis zu Großbritannien grundsätzlich nicht mehr anwendbar. Die lokalen Gesetze, mit denen die Richtlinien in nationales Recht umgesetzt wurden, bleiben zwar zunächst bestehen. Künftige britische Regierungen haben aber die Möglichkeit, lokale Gesetze entsprechend abzuändern oder außer Kraft zu setzen. „Das birgt ein großes Risiko für die Unternehmer in sich. Es lässt sich noch nicht abschätzen, wie die britische Politik hier agieren wird“, warnt Bernhard Gröhs.

Zahlreiche Befreiungsregelungen gelten auch ausschließlich im Verhältnis zu EU Mitgliedstaaten. Falls sich Großbritannien nicht zukünftig dem EWR-Raum anschließt, kann es zu einer Aufhebung dieser Begünstigungen kommen.

Handlungsbedarf in Unternehmen

Bevorstehende Änderungen vor allem in Bezug auf Waren- und Dienstleistungsverkehr können erhebliche Ressourcen und komplexe Planungsarbeit erfordern. Bestehende Überwachungs- und Kontrollprozesse sowie Abläufe in Warenwirtschaftssystemen müssen dann an die neuen Rahmenbedingungen angepasst werden.

Verträge müssen gegebenenfalls neu verhandelt und Beschaffungs- und Vertriebsstrategien neu gedacht werden. Ebenso müssen Preisgestaltungen vor dem Hintergrund einer etwaigen zusätzlichen Abgabenbelastung durch eine Wiedereinführung von Handelszöllen neubewertet werden. Auch bei Entsendungen von Mitarbeitern nach und von Großbritannien bringen die bereits angekündigten Einschränkungen der Arbeitnehmerfreizügigkeit neue Herausforderungen mit sich.

„Wir müssen beobachten, wie die zukünftigen Beziehungen zwischen Großbritannien und der EU konkret gestaltet werden. Es wird entscheidend sein, wie weit das britische Parlament in der nationalen Gesetzgebung von bestehenden EU-Regelungen abweicht oder an Vereinfachungen und Harmonisierungen festhält“, so Bernhard Gröhs abschließend.

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