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Analysen

Der Blick von innen: Befragung österreichischer Unternehmen

Deloitte Radar 2021

Zusätzlich stellten wir heuer rund 250 heimischen Unternehmen die Frage: Wie sehen Sie den Standort Österreich aktuell und welche Maßnahmen benötigt es, um gestärkt aus der Krise hervorzugehen?

„Koste es was es wolle“: Nach diesem Motto hat die österreichische Bundesregierung zu Beginn der Corona-Pandemie ein Bündel an Hilfsmaßnahmen für Unternehmen geschnürt, das in der geplanten Dimension von 50 Milliarden Euro alle bislang denkbaren Grenzen gesprengt hat. Der Grad der Wirksamkeit dieser Hilfsmaßnahmen wird wohl erst in einigen Jahren zu beurteilen sein. Abgesehen davon gibt es aber etliche strukturelle Hebel, die den Standort aus Sicht der Unternehmen grundsätzlich stärken können.

Bekannte Schwächen im Fokus

Eine Folge der Krise ist, dass seit Jahren bekannte strukturelle Schwächen des Standortes für viele Österreicherinnen und Österreicher plötzlich viel unmittelbarer „erlebbar“ und damit spürbarer wurden als in der Vergangenheit. Dadurch sind sie verstärkt in den Fokus der Aufmerksamkeit gerückt.

Beispiel Schulbereich: Viele Probleme beim „Home Schooling“ sind auf mangelnde Digitalisierung zurückzuführen. Dies betrifft einerseits die unzureichende technische Infrastruktur an den Schulen selbst, andererseits aber auch die teilweise mangelhaften Kenntnisse des Lehrpersonals im Umgang mit digitalen Inhalten – sofern überhaupt vorhanden – und die digitale Vermittlung derselben.

Das hat auch eine unmittelbare Auswirkung auf viele Unternehmen. Durch die plötzliche Mehrbelastung von arbeitenden Elternteilen im Rahmen der Kinderbetreuung wird die Vereinbarkeit von Beruf und Familie für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter wesentlich erschwert. Das hat wiederum negative Folgen für die zeitliche Verfügbarkeit von Arbeitskräften und wirkt sich im Extremfall auch negativ auf deren Gesundheitszustand aus.

Ähnliche unmittelbare Erfahrungen im Zuge der Krise haben viele Österreicherinnen und Österreicher auch bei der mangelnden Digitalisierung des Gesundheitswesens – Beispiel elektronischer Impfpass – oder anderen Bereichen der öffentlichen Verwaltung gemacht. Es ist daher wenig verwunderlich, dass der Behebung dieser Defizite im Rahmen der diesjährigen Befragung höchste Priorität zugesprochen wurde.

Ein klarer Auftrag zur Stärkung des Wirtschaftsstandorts

Auf Ebene der Unternehmen ist die allerwichtigste Maßnahme die Senkung der Lohnnebenkosten. Eine überwältigende Mehrheit von 92 % der Befragten sieht diesen Schritt in der aktuellen Umfrage als sehr bis eher wichtig an. Die Digitalisierung der öffentlichen Verwaltung (96 %), des Schulsystems (93 %) und des Gesundheitssystems (93 %) ist ebenso dringend gewünscht. Steuersenkungen auf Einkommen wünschen sich rund 68 % der Studienteilnehmerinnen und -teilnehmer.

Hohe Bedeutung kommt auch dem Thema Investitionsförderungen zu. Hier hat die Bundesregierung bereits die richtigen Weichen gestellt. Eine allgemeine Förderung via Investitionsfreibetrag halten 87 % der Befragten für sehr bis eher wichtig, 86 % räumen der Förderung von Umwelttechnologien einen hohen
Stellenwert ein. Auch der Umbau des Energiesystems – Stichwort erneuerbare Energien – hat für 81 % hohe Relevanz. Dazu kommt der Wunsch nach einer höheren Flexibilität des Arbeitsmarktes seitens 89 % der Befragten. Eine klare Absage gibt es in Richtung Renationalisierung: Laut 73 % der heimischen Führungskräfte sollte jetzt vielmehr eine verstärkte Internationalisierung auf der Agenda stehen.

Um gestärkt aus dieser Krise hervorzugehen, sollte Österreich aus Sicht der befragten Unternehmen vor allem auf folgende Maßnahmen setzen:

  • Rasche Digitalisierung aller Verwaltungsbereiche inklusive der Schulen
  • Senkung der Lohnnebenkosten
  • Höhere Flexibilität des Arbeitsmarktes
  • Weitere Förderungen von Investitionen
  • Forcierung von Umwelttechnologien und erneuerbaren Energien

Unternehmen fühlen sich gewappnet für den Weg aus der Krise

Optimismus und Vertrauen spielen eine entscheidende Rolle für neues Wachstum am Standort: Glauben die befragten Unternehmen an den Aufschwung, dann investieren sie auch eher. Fühlen sie sich gut vorbereitet für neue Anforderungen, dann stärkt das ihre Zuversicht.

Vergleicht man die Umfrageergebnisse des Vorjahres mit der aktuellen Erhebung, zeigt sich betreffend der Zuversicht der Unternehmen allerdings ein Rückgang. Dies dürfte stark mit der mittlerweile mehr als ein Jahr andauernden Krise zusammenhängen.

Derzeit glauben 27 % der Führungskräfte, dass der Standort Österreich die Geschwindigkeit des Aufschwungs „Gut“ oder „Sehr gut“ meistern wird, 47 % schätzen sie zumindest noch als „Befriedigend“ ein. Im Vergleich zum Vorjahr ist dies dennoch ein signifikanter Rückgang im Stimmungsbild der Unternehmen. Dieselbe Frage wurde im Vorjahr noch von 64 % mit „Sehr gut“ oder „Gut“ beurteilt.

Die mittelfristigen Auswirkungen dieser Stimmungslage auf die Risiko- und damit Investitionsbereitschaft der Unternehmen bleiben abzuwarten.

Deutlich besser bewerten die Führungskräfte jene Faktoren, die sie selbst steuern können. Der Umgang der Unternehmen mit neuen Arbeitswelten wird von rund 40 % mit „Gut“ oder „Sehr gut“ beurteilt, 42 % vergeben ein „Befriedigend“. Ein ähnliches Bild zeigt sich beim Einsatz von Zukunftstechnologien und bei der Reaktion der Unternehmen auf neue Kundenanforderungen. Nichtsdestotrotz wurden diese Faktoren signifikant schlechter beurteilt als vor einem Jahr.

Mit der Frage nach der Anpassung des Bildungssystems im Vergleich zu anderen europäischen Ländern wurde in der aktuellen Umfrage ein neuer Aspekt behandelt. Die Antworten lassen Handlungsbedarf erkennen: Eine Mehrheit von 56 % der Befragten vergibt derzeit die Noten „Genügend“ oder „Nicht genügend“, nur 9 % bewerten diesen Aspekt mit „Gut“. Damit werden die anhaltenden Defizite im Bildungssystem von den Befragten klar aufgezeigt.

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