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Rechnungs­legungs­änderungs­gesetz 2014

Mit dem Rechnungslegungsänderungsgesetz (RÄG 2014) werden einige lang erwartete und diskutierte Reformschritte umgesetzt. Das Ziel einer Annäherung an internationale Rechnungslegungsvorschriften und die Harmonisierung zwischen Unternehmens- und Steuerbilanz ist dem Gesetzgeber durch das RÄG 2014 teilweise gelungen. Die Unternehmen erwarten zahlreiche Änderungen, die frühzeitige Umstellungsmaßnahmen erfordern und bilanzpolitische Auswirkungen mit sich ziehen. Handlungsbedarf ist jedenfalls vor dem Jahresabschluss 2016 gegeben!

Das RÄG 2014 ist für jene Geschäftsjahre anzuwenden, die nach dem 31.12.2015 beginnen. Die Neuerungen, die mit dem RÄG 2014 in Kraft treten, sind sehr umfangreich. Nicht nur Bilanzierungs- und Bewertungsänderungen stehen uns bevor, sondern auch Änderungen in der Bilanz- und GuV-Gliederung und bei den Angabeverpflichtungen in Anhang und Lagebericht.

NEUERUNGEN IM ÜBERBLICK

Im Folgenden stellen wir die wichtigsten Änderungen im Kurzüberblick dar. Da die Herausforderung aber im Detail steckt, sind die Neuerungen detailliert und individuell je Unternehmen gesondert zu prüfen.

NEUE GRÖSSENKLASSEN UND BEGRIFFSBESTIMMUNGEN

Es wurde eine neue Größenklasse eingeführt – die Kleinstunternehmen (Micro-Gesellschaften) mit einer Bilanzsumme bis 350.000 Euro, Umsatzerlöse bis 700.000 Euro und bis zu zehn Beschäftigten. Die Schwellenwerte für die übrigen Größenklassen (klein/mittelgroß/groß) wurden inflationsangepasst und daher geringfügig erhöht (Bilanzsumme 5 bzw. 20 Mio. Euro und Umsatzerlöse 10 bzw. 40 Mio. Euro). Zu beachten ist, dass zukünftig die Umsatzerlöse auch die für die gewöhnliche Geschäftstätigkeit nicht typischen Verkäufe und Dienstleistungen mitumfasst. Daher wird die Umsatzschwelle schneller überschritten werden. Im Unternehmensgesetzbuch werden zudem zahlreiche neue Begriffsbestimmungen implementiert und bestehende Bestimmungen durch zentrale Paragraphen neu geregelt (z.B. „wesentlich“, beizulegender Wert usw.).

WESENTLICHE ÄNDERUNGEN DER BILANZIERUNGS- UND BEWERTUNGSVORSCHRIFTEN

  • Geschäfts- und Firmenwert: Bei einer nicht verlässlichen Schätzung ist ein erworbener Geschäfts-/Firmenwert unternehmensrechtlich über eine Nutzungsdauer von zehn Jahren abzuschreiben. Durch diese klare Regelung werden bilanzpolitische Gestaltungsspielräume eingeengt. In diesem Bereich ist die Harmonisierung zwischen Unternehmens- und Steuerrecht nicht gelungen. Steuerrechtlich bleibt die Abschreibungsdauer bei 15 Jahren.
  • Zuschreibungen im Anlage-/Umlaufvermögen: Ab dem 1.1.2016 besteht eine allgemeine Zuschreibungspflicht für sämtlicheVermögensgegenstände des Anlage-und Umlaufvermögens bei Wegfall der Gründe für eine außerplanmäßige Abschreibung; mit Ausnahme des Geschäfts-/Firmenwertes. Es besteht daher eine Nachholungspflicht für unterlassene Zuschreibungen ab Geschäftsjahre, die nach dem 31.12.2015 beginnen. Bis dato konnte von einer unternehmens- wie auch steuerrechtlichen Zuschreibungspflicht abgesehen werden, womit eine entsprechende Steuerbelastung vermieden werden konnte. Mit dem RÄG 2014 wird daher die Möglichkeit der Legung von „Stillen Reserven“ sehr stark eingeschränkt. Das RÄG 2014 sieht Gestaltungsmöglichkeiten vor, dass die nachgeholte Zuschreibung (steuerliche Zuschreibungsrücklage) nicht steuerwirksam wird.
  • Herstellungskosten: Analog dem steuerlichen Mindestansatz müssen zukünftig angemessene Teile der Material- und Fertigungsgemeinkosten auch unternehmensrechtlich in den Mindestansatz miteinbezogen werden.
  • Latente Steuern: Zukünftig sind auch aktive latente Steuern im Einzelabschluss verpflichtend anzusetzen. Weiters besteht zukünftig unter bestimmten Voraussetzungen ein Ansatzwahlrecht aus steuerlichen Verlustvorträgen. Da sich dadurch die Vermögens- und Ertragslage eines Unternehmens z.T. erheblich ändern kann, sieht das RÄG 2014 eine Verteilungsmöglichkeit über längstens fünf Jahre vor.
  • Unversteuerte Rücklagen: Die international unübliche Bilanzposition „unversteuerte Rücklagen“ werden zur Gänze abgeschafft. Bestehende unversteuerte Rücklagen sind unter Berücksichtigung von Steuerlatenzen in die Gewinnrücklagen umzubuchen. Steuerlich werden die unversteuerten Rücklagen in einem Rücklagenspiegel gesondert weitergeführt.
  • Rückstellungen und Verbindlichkeiten:Verbindlichkeiten und Rückstellungen sind zukünftig mit dem Erfüllungsbetrag anzusetzen. Das bedeutet, dass der Erfüllungsbetrag bestmöglich zu schätzen ist, und künftige Preis- und Kostensteigerungen einzubeziehen sind. Das hat insbesondere massive Auswirkungen auf die Berechnung der Personalrückstellungen (aus Pensions-, Abfertigungs-, Jubiläums- oder sonstige vergleichbare langfristige Verpflichtungen), da mit Inkrafttreten des RÄG 2014 zukünftige Gehaltserhöhungen verpflichtend miteinzubeziehen sind. Langfristige Personalrückstellungen sind zudem versicherungsmathematisch zu ermitteln. Sonstige Rückstellungen mit einer Restlaufzeit über einem Jahr mit einem marktüblichen Zinssatz abzuzinsen. Da durch diese Bewertungsmethode die Rückstellungen tendenziell beträchtlich höher werden, sieht das RÄG 2014 entsprechende Übergangsregelungen vor.

GLIEDERUNG NEU

Neben dem Wegfall der Position unversteuerter Rücklagen, wird die Bilanzübersicht durch die verbindliche Aufnahme von Fristigkeiten bei den Forderungen und Verbindlichkeiten in der Bilanz erweitert werden.  In der Gewinn- und Verlustrechnung gibt es zukünftig keine Position „außerordentliches Ergebnis“ mehr; alle Ereignisse im Unternehmerleben gelten als gewöhnlich. Einige Textierungsänderungen (z.B. Ergebnis vor Steuern statt Ergebnis der gewöhnlichen Geschäftstätigkeit) und diverse Erleichterungen insbesondere im Bereich Anhang für kleine und kleinste Gesellschaften werden durch das RÄG 2014 eingeführt.

KONZERNABSCHLUSS

Aber nicht nur im Einzelabschluss ergeben sich gesetzliche Änderungen, sondern auch im Konzernabschluss. Neben den Erhöhungen der Schwellenwerte, bei denen ein Konzernabschluss zu erstellen ist, ist künftig verpflichtend die Neubewertungsmethode bei der Vollkonsolidierung eines Tochterunternehmens anzuwenden. Die Buchwertmethode wurde als Kapitalkonsolidierungsmethode abgeschafft. Aufgrund der mit der Neubewertungsmethode verbundenen 100-prozentigen Aufdeckung der stillen Reserven und Lasten werden auf Konzernebene durch das RÄG 2014 tendenziell höhere Firmenwerte ausgewiesen werden. Konsolidierungsmaßnahmen (z.B.Zwischengewinneliminierung,  Aufwands- und Ertragskonsolidierung) dürfen in Zukunft nur mehr unterbleiben, sofern diese nach der neuen Definition nicht wesentlich sind.

HANDLUNGSBEDARF – 2016 IST ES ZU SPÄT

Wie aus der Kurzdarstellung der Neuerungen zu erkennen ist, hat das RÄG 2014 zum Teil massive ergebniswirksame Auswirkungen auf den Jahresabschluss. Daher ist eine frühzeitige Auseinandersetzung mit dem RÄG 2014 sehr wichtig. Welche Auswirkungen hat das RÄG 2014 im Budget 2016? Welche Umstellungsmaßnahmen müssen vor Jahresabschlusserstellung für das Geschäftsjahr 2016 stattfinden? Wie hoch sind die aktuellen stillen Reserven im Anlage- bzw. Umlaufvermögen? Haben die neuen Begriffsdefinitionen Auswirkungen auf diverse Verträge und Prämienvereinbarungen? Dies sind nur einige Fragen, die Sie sich stellen müssen, um bei den umfangreichen Änderungen im Unternehmensgesetzbuch auch keine monetären Überraschungen zu erleben. Es ist zudem auf jene Bereiche zu achten, bei denen die Umstellung auch Datenerhebungen und Systemumstellungen mit sich ziehen. Ist es z.B. erforderlich, dass die Bewertung der Herstellungskosten auf den neuen Mindestansatz nach UGB angepasst werden müssen, so ist neben der Berechnung der angemessenen Material- und Fertigungsgemeinkosten  auch die Bewertungssystematik neu zu implementieren. Für die Ansatzermittlung der Personalrückstellungen (z.B. Abfertigung alt, Jubiläum) ist rechtzeitig ein Aktuar für die versicherungsmathematische Berechnung zu beauftragen und mit ihm die anzuwendenden Parameter wie Gehaltssteigerung, Fluktuation, etc. festzulegen. Bei der Definition der Parameter, insbesondere des Zinssatzes und der zugrundeliegenden Bewertungsmethode, wird der Unternehmer vor die nächste Herausforderung gestellt: Volatiler (stichtagsbezogener) oder stabiler (durchschnittsbezogener) Ansatz des Zinssatzes der zukünftig stetig anzuwenden ist? Da das RÄG 2014 auch steuerliche Konsequenzen nach sich zieht, besprechen Sie mit Ihrem Steuerberater unter anderem die Höhe allfälliger stillen Reserven im Anlage- bzw. Umlaufvermögen, um die steuerliche Begünstigung der Zuschreibungsrücklage im Geschäftsjahr 2015 zu nutzen. 2016 ist es zu spät!

FAZIT

Durch eine frühzeitige Auseinandersetzung mit den gesetzlichen Änderungen aus dem RÄG 2014 können Sie unliebsamen Überraschungen vorbeugen bzw. unnötigen Zeit und Umstellungsdruck entschärfen. In der Analyse und Vorbereitung unterstützt Sie Ihr Steuerberater und Abschlussprüfer als sachverständiger und objektiver Experte gerne!

Rechnungslegungsänderungsgesetz 2014
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