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Executive Summary

Am Puls: Deloitte Unternehmensmonitor 2019

Die fortschreitende Digitalisierung, der allgegenwärtige Klimawandel, internationale Handelskonflikte und politische Unsicherheiten: Weltweit stehen die Wirtschaftsstandorte vor großen Herausforderungen.

Doch welche Auswirkungen haben die aktuellen Herausforderungen auf die Stimmung in der heimischen Wirtschaft? Womit beschäftigen sich die Führungskräfte derzeit am meisten? Wo sehen sie Zukunftstrends und daraus entstehende neue Chancen? Der vorliegende Deloitte Unternehmensmonitor zeichnet ein umfassendes Bild der Stimmung am Markt – und ist damit eine wertvolle Ergänzung zum etablierten Deloitte Radar. Die Ergebnisse sind teils naheliegend und decken sich mit den Erfahrungen aus unserer Beratungspraxis, teils sind sie aber auch durchaus überraschend und damit für uns umso wertvoller.

Deloitte Unternehmensmonitor 2019

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Regulatorisches Umfeld

Führungskräfte österreichischer Mittel- und Großunternehmen haben unterschiedliche Reformvorschläge bewertet. Sämtliche Vorschläge wurden dabei grundsätzlich als wichtig angesehen. Zu den Top-Prioritäten zählen die Senkung der Lohnnebenkosten (94 %), die Vereinfachung der Lohnverrechnung (91 %), steuerliche Investitionsbegünstigungen (90 %), die Abschaffung der Besteuerung nicht entnommener Gewinne (90 %) sowie das digitale One-Stop-Unternehmensportal für Behördenwege und Genehmigungsverfahren (90 %).

Mehr als zwei Drittel der Unternehmen können außerdem einer ökologischen Steuerreform zustimmen, wenn diese mit verminderten Lohnnebenkosten einhergeht. Somit treten die Unternehmen zwar für eine geringere Regulierungsintensität ein, sprechen sich aber auch für intelligente Regulierungen aus, wenn damit auf dringende Zukunftsherausforderungen reagiert werden kann.

Der Großteil der Unternehmen würde Investitionen mit freiwerdenden Mitteln aus einer Abgabensenkung finanzieren. Je nach Branche verfolgen zwischen 68 % und 87 % expansive Investitionsstrategien, die den Fortschritt ankurbeln. Dazu zählen etwa Bildungsmaßnahmen oder die Entwicklung neuer Produkte. Solche Strategien werden tendenziell eher in wachsenden Dienstleistungsbranchen eingesetzt. Etwas weniger Unternehmen – je nach Branche 50 % bis 72 % – verfolgen hingegen bewahrende Investitionsstrategien, etwa höhere Gehälter. Diese Strategien finden sich eher in Niedriglohnbranchen wie Gastgewerbe, Handel, Verkehr und Logistik.

Zukunftstrends

Die Auswirkungen des Klimawandels auf den Energiebereich werden für energieintensive Branchen zunehmend spürbar. Das Hauptproblem sind die negativen externen Effekte der Öl- und Kohlenutzung, die in den Erzeugungskosten nicht abgebildet sind. Die Allgemeinheit übernimmt derzeit Kosten für die Konsumentinnen und Konsumenten energieintensiver Produkte, worüber sich beispielsweise die „Fridays for Future“-Generation bereits lautstark beschwert. Dementsprechend ist jedes zweite Unternehmen wegen der Auswirkungen des Klimawandels beunruhigt. Sorgen bereiten auch die Entwicklungen im Bereich der sichereren und leistbaren Energieversorgung und Konjunktureinbrüche aufgrund internationaler politischer Konflikte – ein mit der Erdölversorgung eng verknüpftes Thema.

Ähnlich relevant ist die Bevölkerungsentwicklung: 40 % der Unternehmen klagen über alternde Belegschaften und 30 % über regionale Abwanderung. Arbeitsmärkte geraten durch Abwanderung aus dem Gleichgewicht, wenn in einer Region keine attraktiven Arbeitsbedingungen mehr geboten werden. Der dadurch entstehende „Fachkräftemangel“ ist damit oft ein allgemeiner, regional begrenzter Arbeitskräftemangel, auf den neben bildungspolitischer Maßnahmen auch mit regionaler Entwicklung reagiert werden müsste.

Vor den angesprochenen Problemen im Energie- und Bevölkerungsbereich stehen besonders die energieintensiven Branchen wie der Produktionssektor und der Verkehrsbereich. Trotz der genannten Herausforderungen bleiben die Unternehmen aber insgesamt optimistisch: Der Umsatz- und Gewinnentwicklung sowie der Digitalisierung der Arbeitswelt wird zuversichtlich entgegengesehen. Entwicklungen im Bereich der digitalen Kundenkommunikation und der Automatisierung innerbetrieblicher Abläufe sind für viele Unternehmen relevant und erfreulich. Andere Digitalisierungsbereiche wie neue Datenanalysemethoden, Robotik oder Produktionsindividualisierung sind für österreichische Unternehmen derzeit in der Praxis vergleichsweise noch weniger ein Thema. Hier gibt es für die Zukunft noch viel Potenzial. Etwas ambivalenter wird nur die zunehmende Verschmelzung von Arbeit und Freizeit gesehen – eine direkte Folge zunehmend digitalisierter Arbeitswelten.

Fachkräftemarkt

Berufsverläufe zeichnen sich immer stärker durch Beschleunigung, Flexibilisierung und Mobilität aus. Doch auch Entgrenzung und Instabilität sind ein Thema. Fachwissen verliert angesichts einer solchen Arbeitsmarktdynamik an Wert, überfachliche Kompetenzen wie Selbständigkeit, Selbstorganisation, Koordination und Kommunikationsfähigkeit gewinnen immer mehr an Bedeutung.

Ein neuer – durchaus ambivalenter – Typus von Arbeitskraft wird sichtbar: Die Arbeitskraftunternehmerinnen und -unternehmer. Diese werden bereits seit einigen Jahrzehnten in vielfältigen neuen Formen der Arbeitsorganisation sichtbar: Gig Work, Cost- und Profit-Center-Modelle, virtuelle Unternehmen, Lean Production, Projektorganisation sowie Telearbeit. Die gemeinsame Logik dieser neuen Arbeitsformen ist, dass das komplizierte, teure und ungewisse Geschäft der Sicherstellung der Arbeitsleistung durch unterschiedliche Selbstorganisationskonzepte den Arbeitenden selbst zugewiesen und von diesen auch übernommen wird. Beschäftigte übernehmen somit zunehmend eine basale unternehmerische Funktion, die bisher Domäne des mittleren und unteren Managements war.

Die Studienergebnisse bestätigen diesen Trend. Auf die Frage, welche fachlichen und überfachlichen Kompetenzen in den nächsten Jahren verstärkt benötigt werden, führten nur 15 % der Unternehmen konkrete Fachkompetenzen an – meist technische Fähigkeiten, Führungskompetenzen und Fertigkeiten im Kontext der Digitalisierung. Mehr als die Hälfte nannte hingegen ausschließlich überfachliche Kompetenzen. In den wachsenden Dienstleistungsbranchen ist zunehmend kommunikatives und organisatorisches Geschick gefragt. Die Unternehmen suchen in den nächsten Jahren zudem verstärkt nach belastbaren, verantwortungsbewussten, flexiblen und führungsstarken Persönlichkeiten – also nach Führungskräften sowie den bereits erwähnten Arbeitskraftunternehmerinnen und -unternehmern. Überraschend ist, dass rund jedes vierte Unternehmen in den nächsten Jahren überhaupt keine Fachkräfte verstärkt sucht. Diese Unternehmen werden nicht die Treiber zukünftiger Entwicklungen sein. Abgesehen von dieser Gruppe zeigt sich aber ein optimistisches Bild: Je nach Branche sind 84 % bis 98 % der Unternehmen zuversichtlich, den eigenen Fachkräftebedarf in den nächsten Jahren decken zu können. Besonders hoch ist die Zuversicht im expandierenden Dienstleistungsbereich.

Der größte Teil der Unternehmen will die benötigten Kompetenzen durch unternehmensinterne Aus- und Weiterbildung aufbauen. Der Fokus liegt also auf endogenen Unternehmenspotenzialen. Externe Suchstrategien am Arbeitsmarkt nehmen demgegenüber einen geringeren Stellenwert ein. Damit deuten sich bereits die neuen Herausforderungen für die Unternehmen durch die zunehmende Fokussierung auf überfachliche Kompetenzen an: Die nach wie vor benötigten Fachkompetenzen müssen zunehmend betriebsintern hergestellt und erworben werden. Es kann immer weniger damit gerechnet werden, dass diese bereits vorab durch ein stark berufsspezifisches Bildungssystem auf externen Arbeitsmärkten verfügbar sind.

Die generalisierende Klage vom drohenden Fachkräftemangel muss demnach neu und differenzierter diskutiert werden. Jedenfalls gibt es eine spürbare Zunahme der Nachfrage nach überfachlichen Kompetenzen, nach Führungskräften sowie Arbeitskraftunternehmerinnen und -unternehmern. Außerdem nehmen die Schwierigkeiten in der Arbeitskräftenachfrage aufgrund von regionaler Abwanderung zu. Letzteres ist wie bereits erwähnt auch eine Frage regionaler Entwicklung und keine rein bildungspolitische Herausforderung.

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