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IFRS 16 Leasing – Umstellung stellt Unternehmen vor Herausforderungen

Konrad Fuhrmann, Director bei Deloitte Österreich, im Interview zum Thema IFRS 16 Leasing

IFRS 16 regelt den Umgang mit Leasingverhältnissen im Abschluss von Unternehmen, die nach IFRS bilanzieren. Die Regelung, welche seit Jänner 2019 erstmals verpflichtend anzuwenden ist, stellt betroffene Unternehmen vor Herausforderungen. Konrad Fuhrmann, Director bei Deloitte Österreich, beleuchtet in einem kurzen Interview den Umstellungsprozess.

Sie betreuen aktuell viele Umstellungsprojekte im Rahmen der IFRS 16. Wie aufwändig ist aus Ihrer Sicht die Umstellung für Unternehmen wirklich?

Es hat sich herausgestellt, dass der Umstellungsaufwand enorm ist und sicherlich von vielen unterschätzt wurde. Um die fachlichen Anforderungen des neuen Standards angemessen zu erfüllen muss jedes Unternehmen zum einen eine detaillierte Analyse der unterschiedlichen Vertragsausgestaltungen vornehmen. Herausforderungen stellen dabei die Identifizierung der im Sinne des IFRS 16 relevanten Verträge und die Organisation der Vertragserhebung dar – allen voran in großen dezentral organisierten internationalen Konzernen. Zum anderen ist eine systemseitige Implementierung sowie die Einbettung in bestehende Prozesse erforderlich. Leasingverträge sind hinsichtlich ihrer Laufzeit und bei Vorliegen indexgebundener Leasingraten regelmäßig einer Neueinschätzung zu unterziehen. Zusätzlich kann es bei Leasingverträgen jederzeit zu Vertragsänderungen kommen. Insbesondere deshalb wird – auch wenn Unternehmen das nicht gerne hören – der neue Leasingstandard in manchen Bereichen zu einem dauerhaften Mehraufwand führen, allerdings bei weitem nicht den Anstrengungen der Erstanwendung entsprechen.

Sie haben unter anderem fachliche Fragestellungen angesprochen. Welche Themenstellung ist aus Ihrer Sicht die bedeutendste hierbei?

Die wohl bedeutsamste Fragestellung spiegelt sich in der Laufzeiteinschätzung wider. Auch wenn im Rahmen der Zinssatzfestlegung durchaus Ermessenspielräume existieren, findet sich der wesentliche Einfluss in der Laufzeiteinschätzung. Dies gilt vor allem in Österreich, dem Land der unbefristeten Mietverträge. Im Rahmen der Laufzeiteinschätzung bei Verträgen, die kein festes Enddatum aufweisen, muss der Leasingnehmer beurteilen, wann er von einer Kündigungsoption Gebrauch machen wird. Bei dieser Einschätzung muss er „reasonably certain“ („hinreichend sicher“) sein, was ein deutlich höheres Maß an Schätzungssicherheit als die Beurteilung nach einer einfachen Wahrscheinlichkeit („more likely than not“) erfordert. Der Standard nennt zwar Faktoren, die bei dieser Beurteilung unterstützen sollen. Im Endeffekt muss sich jedes Unternehmen aber individuell ein Konzept zurechtlegen, das festlegt, wie solche Einschätzungen zu treffen sind und bis zu welchem Zeitpunkt überhaupt eine hinreichende Sicherheit bestehen kann, sodass eine unternehmensweite konsistente Vorgehensweise sichergestellt werden kann.

Wie ist Ihre Wahrnehmung zum tatsächlichen Einfluss von IFRS 16 auf das Bilanzbild von Unternehmen?

Viele börsennotierte Unternehmen haben ihre Konzernabschlüsse für 2018 schon veröffentlicht. Dadurch kann man bereits auf die ersten Auswirkungen schließen. Erfreulicherweise wurden hier standardmäßig quantitative Daten zu erwarteten Effekten angegeben, die ein unterschiedliches Spektrum darstellen (in den 16 bislang veröffentlichten Abschlüssen von ATX-Unternehmen reicht die Bandbreite von MEUR 5 bis MEUR 900). Die Auswirkungen von IFRS 16 sind jedenfalls sehr branchenabhängig. Besonders stark betroffen ist der Retail-Bereich, aber auch Banken und Versicherungen, wobei bei diesen die Effekte zumeist aufgrund der Bilanzsummen weniger bedeutsam sind.

Zu guter Letzt, wie ist Ihre persönliche Meinung zu IFRS 16, kommt es damit zu einer verbesserten wirtschaftlichen Darstellung von Unternehmen?

Grundsätzlich war es sicherlich ein vernünftiges Unterfangen des IASB, für eine Verbesserung des Leasingstandards zu sorgen, insbesondere im Rahmen der Beurteilung auf Leasingnehmerseite. Das definierte Ziel war, Bilanzadressaten eine verbesserte Einschätzung der Vermögens-, Finanz- und Ertragslage sowie der finanziellen Leistung eines Unternehmens zu ermöglichen, indem alle Vermögenswerte und Schulden aus Leasingtransaktionen vollständig in der Bilanz abgebildet werden. Dass nun aber erwartete Auszahlungen aus nahezu sämtlichen Mietverträgen als Nutzungsrecht mitsamt korrespondierender Leasingverbindlichkeit bilanziell zu erfassen sind, wirkt schon sehr über das Ziel hinausgeschossen.

Mag. Konrad Fuhrmann
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