Perspektiven

Klimakrise, Schweizer Wirtschaft, Frauenquote

Der CEO steht Rede und Antwort

Wir haben Reto Savoia, CEO von Deloitte Schweiz, 15 Fragen gestellt. Bereitet ihm die Klimakrise Kopfschmerzen? Wie steht er zur Frauenquote? Und wie kann die Schweiz ihre wirtschaftliche Spitzenposition behalten? Klicken Sie auf einen der fünf Themenpools, tauchen Sie ein und erfahren Sie mehr über Retos Gedanken und Ideen.

Zum Geschäft und unserer Performance

Deloitte ist in den letzten zehn Jahren rasant gewachsen. Wie entwickelt sich das Unternehmen aktuell?

Deloitte Schweiz erzielt solide finanzielle Ergebnisse: In den letzten Jahren haben wir in der Regel ein zweistelliges Umsatzwachstum ausgewiesen. In unserem Geschäftsjahr 2019, das am 31. Mai 2019 endete, hat sich das Wachstum zwar verlangsamt. Im Vergleich zu unseren Mitbewerbern verzeichneten wir jedoch weiterhin eine gute Entwicklung. Wir haben entsprechend reagiert und sind zurück auf einem soliden Wachstumspfad, sodass wir auch für das am 31. Mai 2020 endende Geschäftsjahr ein starkes Wachstum verzeichnen können – und das trotz der Coronakrise. Ich freue mich sehr über diese Entwicklung in diesem Geschäftsjahr. Diese hat es uns ermöglicht, aus einer Position der Stärke heraus die grossen wirtschaftlichen Herausforderungen rund um die Ausbreitung des Coronavirus anzugehen und unseren Kunden bei der Bewältigung der Krise mit ganzer Kraft zu unterstützen.

Das etablierte multidisziplinäre Geschäftsmodell von Deloitte erweist sich weiterhin als Wettbewerbsvorteil. Wir sind das grösste Beratungsunternehmen in der Schweiz und Marktführer bei den Themen, die für unsere Kunden am wichtigsten sind. Dazu zählen die technologiegetriebene Unternehmenstransformation, Cyberrisiken sowie globale Veränderungen in Bezug auf Steuern und regulatorische Bestimmungen. In den letzten fünf Jahren haben wir mehr als 600 Arbeitsplätze geschaffen und uns damit als führender Arbeitgeber etabliert, wir rechnen auch für das laufende Jahr mit einem weiteren Anstieg der Zahl unserer Mitarbeitenden. Deloitte setzt also ihren Wachstumskurs auf dem Schweizer Markt weiter fort. Das ist besonders erfreulich in einer Zeit, in der wir erhebliche Investitionen in neue Formen der Dienstleistungserbringung, in Geschäftsmodelle, Technologien und nicht zuletzt in unsere Mitarbeitenden vorgenommen haben.

Von der Fokussierung auf den Aufbau neuer Geschäftsmodelle bis hin zur Schaffung neuer Kundenerlebnissen und Karrieremöglichkeiten: Ich bin fest davon überzeugt, dass wir modernere und relevantere Dienstleistungen anbieten und unser multidisziplinärer Ansatz der Beste ist, den es am Markt gibt. Obwohl sich der Prozess der Globalisierung verlangsamt und Handelskriege den freien Austausch von Gütern und Dienstleistungen behindern, setzt sich die technische Entwicklung fort. Daher sind unsere Kunden in einem stärker digital vernetzten Umfeld tätig als je zuvor. Für eine strategische Beratung und pragmatische Lösungen wenden sie sich nach wie vor an Deloitte, den grössten globalen Anbieter professioneller Dienstleistungen.

Vor welchen Herausforderungen steht das Audit-Geschäft von Deloitte?

Die Rolle und die Aufgaben einer Unternehmensprüfung muss für die verschiedenen Anspruchsgruppen wie der Verwaltungsrat, die Investoren oder verschiedene Behörden geklärt werden. Wir wollen uns aktiv an den Diskussionen um die zukünftige Ausgestaltung der Wirtschaftsprüfung beteiligen. Gemäss den aktuellen gesetzlichen und regulatorischen Vorgaben erstellt der Wirtschaftsprüfer ein Gutachten über die Richtigkeit und Übereinstimmung der Jahresabschlüsse mit den geltenden Regeln. Dabei überprüft er, ob die finanzielle Lage akkurat dargestellt ist. Bei Deloitte haben wir dabei auch den Mut, kritische Fragen zu stellen und unsere Kunden auf die Probe zu stellen. Im Rahmen unseres Prüfungsauftrags können wir den verschiedenen Anspruchsgruppen Gewissheit bieten und so Vertrauen aufbauen.

Unser Geschäftsbereich Audit & Assurance in der Schweiz verzeichnet ein robustes Wachstum. Um dieses fortzusetzen, arbeiten wir am Audit der Zukunft: das heisst, intelligente und aufschlussreiche Prüfungen anzubieten, um den sich wandelnden Bedürfnissen der Gesellschaft und der Investoren gerecht zu werden. Die Wirtschaftsprüfung wird immer ein wesentlicher Bestandteil unseres Unternehmens, unserer Marke und unserer Reputation bleiben. Dank unserer einzigartigen Marktposition und unseren starken internen Bestimmungen in Bezug auf Unabhängigkeit und Qualität verfügen wir über grosses Wachstumspotenzial. Deloitte verfügt über ein etabliertes Portfolio aus mittleren bis grossen schweizerischen und internationalen Firmenkunden und eine breite Branchenpräsenz. Vor Kurzem haben wir die SBB in unser Auditportfolio aufnehmen können.

Deloitte ist ja vor allem ein Beratungsunternehmen. Vor welchen Herausforderungen steht der Geschäftsbereich Consulting?

Wir handeln schneller, globaler und verstärkt auf digitaler Basis – genau wie unsere Kunden. Sie möchten aus ihrer Beratung von Deloitte echte Vorteile ziehen. Trotz der aktuellen Krise der Globalisierung ist diese nach wie vor ein wichtiges Thema und wir unterstützen unsere Kunden darin, eine möglichst belastbare internationale Struktur aufzubauen. Die Kenntnis des lokalen Markts und lokale Beziehungen spielen jedoch weiterhin eine wichtige Rolle, da sich die Märkte unterscheiden und es auf die Gesetze vor Ort ankommt.

Der Wettbewerb in der Beratungsbranche wird sich weiter verstärken – vor allem als Folge von Globalisierung und Digitalisierung. Wir konkurrieren mit mehr Nischenakteuren und Start-ups und passen unsere Modelle für die Dienstleistungserbringung an. Wir können unsere Margen nur mit einer erstklassigen Leistung erzielen.

Obwohl die Digitalisierung immer wichtiger wird, geht es bei der Beratung nach wie vor um die zwischenmenschliche Beziehung. Das Vertrauen ist weiterhin von zentraler Bedeutung, die Zusammenarbeit ist enger und das Feedback gewinnt an Bedeutung.

Die Herausforderungen der Schweizer Wirtschaft

Welche Auswirkungen haben Digitalisierung, Automatisierung und künstliche Intelligenz auf Schweizer Unternehmen und die Angestellten?

Die Automatisierung ist kein neues Phänomen und hat ihren Ursprung in der industriellen Revolution. Die Schweizer Wirtschaft, Unternehmen und die Arbeitnehmer unterlagen in den letzten 200 Jahren einem steten Wandel. In diesem Zeitraum entstanden und verschwanden ganze Industriezweige und viele Berufe, viele wurden auch ersetzt und neue Berufe entstanden. Die Anpassung an die ständigen Veränderungen erfordert beträchtliche Anstrengungen, Menschen müssen ihre Stellen wechseln sowie in die Ausbildung und Schulung investieren. Auch Unternehmen müssen sich ständig weiterentwickeln und ihre Mitarbeitenden schulen, um wettbewerbsfähig zu bleiben.

Die Automatisierung hat aber auch bedeutende Vorteile für die gesamte Schweizer Volkswirtschaft gebracht: Das Bruttoinlandprodukt, der Wohlstand und die Produktivität sind gestiegen; ausserdem werden mehr und interessantere Stellen angeboten, um nur einige Beispiele zu nennen. Es ist bereits abzusehen, dass die jüngste Transformation infolge der zunehmenden Verbreitung digitaler Technologien wie künstlicher Intelligenz ähnliche Auswirkungen haben wird. Als Hochkostenland muss die Schweiz die modernen Technologien sogar noch schneller einsetzen und Unternehmen müssen in der Lage sein, die am besten qualifizierten Arbeitskräfte aus aller Welt zu rekrutieren.

Ist die Schweizer für die Zukunft der Arbeit gerüstet? Was müssen Unternehmen tun und wo ist die Politik gefordert?

Wir haben einen Bericht über die digitale Innovationsfähigkeit der Schweiz erstellt, die wir anhand drei wichtiger Bereiche bewerteten, einer davon umfasst auch die Arbeitskräfte. Die Ergebnisse waren eindeutig: Die Schweiz verfügt über ein ausgezeichnetes Bildungssystem und hervorragende Universitäten und ist für ausländische Arbeitnehmer sehr attraktiv. Aufgrund dieser Erkenntnisse können wir behaupten, dass die Schweizer Arbeitsbevölkerung für die Zukunft gewappnet ist. Im Hinblick auf die digitalen Grundkenntnisse der gewöhnlichen Arbeiter besteht jedoch noch Verbesserungspotenzial. Schulen sollten sich bei der Grundausbildung stärker auf die Kompetenzen in Informatik, Kommunikation und Technologie konzentrieren. Auch im Hinblick auf die Anzahl der Hochschulabsolventen in den MINT-Fachbereichen Naturwissenschaften, Technologie, Ingenieurwesen und Mathematik schneidet die Schweiz im Vergleich zu anderen Ländern wie Deutschland und Grossbritannien relativ schlecht ab. Es ist wichtig, bei jungen Menschen eine grössere Begeisterung für technische Fähigkeiten zu wecken sowie die Zusammenarbeit zwischen Schulen und Unternehmen zu verstärken.

Ausserdem sollten wir den demografischen Wandel, die Alterung der Gesellschaft und die bevorstehende Pensionierungswelle der Babyboomer nicht ausser Acht lassen. Diese Entwicklungen werden kommenden in 10 bis 15 Jahren in der Schweiz zu einem schwerwiegenden Arbeitskräftemangel führen. Daher muss die Schweiz weitere Anstrengungen unternehmen, um unzureichend genutzte Arbeitskräftepotenzial wie Frauen oder ältere Arbeitnehmende zu aktivieren oder zu binden. Unternehmen müssen älteren Arbeitnehmern zum Beispiel attraktive und flexible Arbeitsmodelle anbieten und sie motivieren, länger zu arbeiten. Die Politik muss das Rentenalter flexibel gestalten, um den erstarrten Meinungen eines fixen Rentenalters entgegenzuwirken und die finanziellen Anreize für die Fortsetzung des Arbeitsverhältnisses über das Rentenalter hinaus zu verbessern.

Was müssen Schweizer Unternehmen tun, um in Zukunft erfolgreich zu sein?

Die vollen Auswirkungen der Corona-Krise sind noch nicht sichtbar, die Erholung von diesem Schock wird vorerst die wichtigste Aufgabe sein. Darüber hinaus müssen Schweizer Unternehmen für sich herausfinden, was ein wahrhaft nachhaltiges Geschäftsmodell für die Zukunft bedeutet: Sie müssen eine zukunftssichere Strategie für ihr Unternehmen entwickeln sowie Mehrwert für ihre Kunden, ihre Mitarbeitenden und andere relevante Anspruchsgruppen schaffen. Sie müssen ihre Mitarbeitenden beim lebenslanges Lernen unterstützen sowie die Anpassung und Erweiterung deren Kompetenzen und Fähigkeiten sicherstellen.

Gleichzeitig müssen die Unternehmen nach Möglichkeiten suchen, die besten Mitarbeitenden zu gewinnen und in die Schweiz zu holen. Dies wird immer schwieriger, da der Schweizer Arbeitsmarkt aufgrund des demografischen Wandels in der Bevölkerung bis 2030 mit einem Mangel von bis zu einer halben Millionen Arbeitskräften konfrontiert sein dürfte. Es braucht daher zusätzliche und flexiblere Möglichkeiten, hochspezialisierte Mitarbeitende aus Drittstaaten in die Schweiz holen zu können.

UUm innovativ sein zu können, muss die Experimentierfreude, die Zusammenarbeit und die Risikobereitschaft unter den Mitarbeitenden gefördert werden. Und schliesslich kann ein Unternehmen ohne enthusiastische, qualifizierte und geschulte Führungskräfte, die ihren Worten Taten folgen lassen, nicht erfolgreich sein.

Ziele und Führungsgrundsätze als CEO

Welche Ziele verfolgen Sie als CEO von Deloitte Schweiz?

Ich werde weiterhin auf den Erfolg der letzten Jahre aufbauen und gleichzeitig neue Dinge ausprobieren. Dabei werde ich gezielte Investitionen in neue Technologien, Geschäftssparten und unsere Mitarbeitenden vornehmen. Investitionen in neue Technologien und Geschäftsbereiche der Zukunft helfen unseren Kunden, die für sie relevanten Technologien zu erkennen und zu implementieren und damit wettbewerbsfähig zu bleiben.

Zudem möchte ich auch weiterhin in unsere Mitarbeitenden investieren. Wir wollen eine grosse Vielfalt an Mitarbeitenden und sicherstellen, dass sie gut zusammenarbeiten und sich wohl fühlen, das ist mir sehr wichtig. Wir werden «Diversity & Inclusion» durch gezielte Initiativen zur weiteren Erhöhung des Frauenanteils an den Führungskräften noch verstärken. Wir sind stolz auf unsere internationale Kultur, unsere ethnische Vielfalt und unsere Aufgeschlossenheit gegenüber allen sexuellen Orientierungen. Vor diesem Hintergrund werden wir sicherlich in der Lage sein, unser Geschäft weiter auszubauen, unser nachhaltiges Wachstum aufrechtzuerhalten und unsere Unternehmenskultur weiter zu entwickeln.

Welche Führungsgrundsätze sind für Sie relevant?

Eine Führungskraft sollte meines Erachtens neugierig, teamorientiert und mutig sein. Das Gleiche erwarte ich von meinen Mitarbeitenden. Ich möchte zudem bestehende Strukturen infrage stellen und neue Ideen einbringen. Es dürfen und sollten Fehler gemacht werden, es ist jedoch wichtig, die Verantwortung dafür zu übernehmen. Eine transparente Kommunikation ist für mich unerlässlich: Unsere Mitarbeitenden können schwierige Themen verstehen und schätzen eine offene Kommunikation. Unser Unternehmen verfügt über einen grossen Wissenspool und ich möchte alle Mitarbeitenden dabei unterstützen, ihre Talente bei uns zu entwickeln. Zudem lege ich Wert auf flache Hierarchien und ich möchte meine Mitarbeitenden befähigen, ihre Ziele zu erreichen und ihre Ambitionen zu verwirklichen.

Unternehmenskultur und Gleichberechtigung

Gibt es so etwas wie eine Deloitte-Kultur? Worin besteht der Unterschied gegenüber anderen Prüfungs- und Beratungsunternehmen?

Meines Erachtens unterscheiden wir uns deutlich von den übrigen «Big Four»-Gesellschaften. Deloitte ist unternehmerischer, dynamischer und technologisch besser bewandert. Ausserdem übernehmen unsere Mitarbeitenden grössere Verantwortung. Wir schaffen eine Arbeitsumgebung, in der unsere Mitarbeitenden das Gefühl haben, dass sie sich selbst entfalten können und ihre Persönlichkeit sowie ihre einzigartigen Ideen und Perspektiven geschätzt werden. Wir sind eine Schweizer Gesellschaft mit stark ausgeprägter Internationalität und konzentrieren uns auf grosse und mittlere Unternehmen.

Welchen Stellenwert haben die Vielfalt und eine gute Zusammenarbeit bei Deloitte Schweiz?

Vielfalt und Inklusion sind strategische Prioritäten für mein Führungsteam. Ohne die Gedankenvielfalt und den Einfallsreichtum unserer Mitarbeitenden sind wir nicht in der Lage, die komplexesten Probleme unserer Kunden zu lösen. Innovation beruht auf der Vielfalt von Gedanken und Ansichten, die zu leistungsstarken Lösungen führen. Durch die Integration können die Vorteile der Vielfalt genutzt werden. Dabei geht es um viel mehr, als «lediglich» den Anteil der Frauen in Führungspositionen zu erhöhen, obwohl dies eindeutig ein wichtiger Schwerpunkt für mich ist. Es geht darum, sicherzustellen, dass alle – unabhängig von Geschlecht, Generation, Hintergrund, Religion, Fähigkeit, sexueller Orientierung oder ethnischer Zugehörigkeit – ihre besten Eigenschaften an den Tag legen können. Ausserdem soll eine Unternehmenskultur geschaffen werden, in der wir das richtige Führungsverhalten schätzen und belohnen, damit all unsere Mitarbeitenden erfolgreich sein können.

Welche Massnahmen haben Sie zur Förderung der Karriere von Frauen ergriffen und welche Ziele haben Sie in dieser Hinsicht gesetzt?

Ich bin fest überzeugt, dass es bei der Integration um die Schaffung einer Arbeitsumgebung geht, in der alle erfolgreich sein können und dies gefördert wird. Ein Beispiel dafür ist die Implementierung der Standards für die Rekrutierung und Beförderung. Wir verfügen zudem über Programme, um bestimmte Gruppen zu befähigen. So gibt es beispielsweise ein Förderprogramm für unsere weiblichen Führungskräfte und Mentoring-Programme für Frauen, aber auch unsere sehr geschätzte «Leadership Journey» für unsere talentierten weiblichen Mitarbeitenden mit hohem Potenzial.

Seit 2017 haben wir den Anteil der Frauen auf Führungsebene um 6 Prozentpunkte auf 26% erhöht. Frauen machen also mehr als ein Drittel (36%) des Führungsteams von Deloitte und 39% der Belegschaft aus.

Zudem kann es sehr herausfordernd sein kann, Elternschaft und Karriere in Ausgleich zu bringen. Wir unterstützen daher unsere männlichen und weiblichen Mitarbeitenden vor und nach der Geburt eines Kindes mit grosszügigen Massnahmen. Wir fördern aber auch Frauen ausserhalb von Deloitte. Vor knapp zwei Jahren haben wir die Initiative «Women in Cyber» lanciert, um für mehr Geschlechtergerechtigkeit im Bereich Cybersicherheit zu sorgen. Seither begeistern wir immer mehr junge Frauen dafür, sich in diesem Berufsfeld zu engagieren.

Verantwortung für Gesellschaft und Umwelt

Sind Quoten Ihrer Auffassung nach eine gute Massnahme zur Förderung von Frauen?

In Bezug auf Quoten bin ich etwas gespalten. Einerseits wünschte ich, dass Quoten nicht erforderlich wären: Die Vielfalt ist eine klare geschäftliche Notwendigkeit und Unternehmen sollten die Frauenförderung wirklich vorantreiben. Die Realität ist jedoch, dass sich die Gesellschaft nicht schnell genug verändert. Daher würden Quoten sicher zur Beschleunigung des Prozesses beitragen. Ich setze auf eine Kombination aus klaren Zielen, für deren Erreichung die Mitarbeitenden zur Verantwortung gezogen werden, und die Verankerung dieser Ziele in einer neuen Kultur, um ein Unternehmen mit integrativem Ansatz zu schaffen. Dies hat sich in unserem Geschäftskontext als erfolgreich erwiesen.

Wie interagiert Deloitte mit der Gesellschaft und was gibt das Unternehmen an seine externen Anspruchsgruppen zurück?

Wir setzen uns dafür ein, gesellschaftliche Veränderungen voranzutreiben und die ökologische Nachhaltigkeit weltweit und in der Schweiz zu fördern. Etwas an die Gesellschaft zurückzugeben, ist ein wichtiger Aspekt unseres Unternehmenszwecks. Im Rahmen einer innovativen Form der Zusammenarbeit mit Regierungen, gemeinnützigen Organisationen und der Zivilgesellschaft entwerfen und liefern wir Lösungen, die zu einer nachhaltigen und erfolgreichen Zukunft für alle beitragen.

Ich betrachte Deloitte als ein verantwortungsvolles Mitglied der Schweizer Geschäftswelt. Wir sind in vielen Verbänden aktiv und veröffentlichen regelmässig Studien zur Wirtschaftslage in der Schweiz. Zum Beispiel haben wir vor Kurzem eine Studie mit Empfehlungen veröffentlicht, wie die Regierung und Unternehmen dem drohenden Arbeitskräftemangel begegnen können. Zudem haben wir Schweizer Verwaltungsratsmitglieder aufgefordert, nicht vor den ethischen Herausforderungen im Zusammenhang mit der Digitalisierung zurückzuschrecken, da der Verwaltungsrat das beste Forum ist, solche Fragen zu stellen und zu klären.

Im Rahmen unseres Programms zur Verbesserung der Beschäftigungsfähigkeit von Flüchtlingen wollen wir dieses Ziel durch die Beschleunigung von Geschäftsprozessen, Mentoring, Sponsoring, Integrationsveranstaltungen und die Zusammenarbeit mit anderen Unternehmen erreichen. Die Initiative beruht auf der Zusammenarbeit mit lokalen Nichtregierungsorganisationen (NGOs) und wurde letztes Jahr erfolgreich in Zürich und Genf lanciert. Wir konnten das Projekt im Dezember 2019 am Globalen Flüchtlingsforum der Vereinten Nationen in Genf vorstellen.

Wie sollten Unternehmen zur Bewältigung des Klimawandels beitragen?

Es ist mir völlig klar, dass der Klimawandel erhebliche Auswirkungen auf alle Geschäftsaktivitäten und unser Leben hat. Die Ergebnisse unserer CFO-Umfrage sind für mich daher überraschend. Sie zeigen, dass CFOs Massnahmen zur Bekämpfung des Klimawandels noch nicht als eine Priorität ansehen. Sie sind angeblich mit noch dringenderen Herausforderungen konfrontiert, die eine Bedrohungen für ihr Unternehmen darstellen. Unternehmen haben in diesem Bereich aber bereits Schritte unternommen, zum Beispiel zur Verbesserung der Energieeffizienz. Dies ist jedoch erst der erste Schritt – der Klimawandel wird noch direktere Auswirkungen auf die Finanzlage und Strategien der Unternehmen haben.

Bei Deloitte wollen wir die durch Geschäftsreisen der Mitarbeitenden verursachten Emissionen bis 2025 jährlich um 10% reduzieren. Ausserdem haben wir eine gemeinsame Initiative mit dem englischen Verband der Wirtschaftsprüfer (ICAEW) lanciert. Sie soll dazu beitragen, dass Unternehmen, Finanzexperten und Abschlussadressaten mehr über die Bekämpfung des Klimawandels erfahren.

In der Schweiz müssen Unternehmen die Initiative ergreifen und ihre Berichterstattung verbessern, um auf ihre durch den Klimawandel entstehenden finanziellen und nichtfinanziellen Risiken und Chancen angemessen einzugehen. Die Anspruchsgruppen fordern zunehmend mehr Transparenz. In der Schweiz sind zügige und koordinierte Massnahmen auf der Grundlage internationaler Standards erforderlich.

Nehmen die Unternehmen in der Schweiz ihre gesellschaftliche Verantwortung wahr?

Bei vier von fünf Verwaltungsräten ist das Thema zumindest in der Unternehmensstrategie verankert. Aber zwei von fünf scheinen nicht über genügend Ressourcen und Fachwissen zu verfügen, um das Thema erfolgreich umzusetzen. Der swissVR Monitor mit Antworten von 429 Verwaltungsrätinnen und Verwaltungsräten. zeigt, dass nur gut die Hälfte der Unternehmen die für sie bedeutenden Themenfelder abgesteckt hat. Mitarbeitende sind bei der Wahrnehmung gesellschaftlicher Verantwortung klar im Fokus, gefolgt von den Kunden und mit einigem Abstand von Natur und Umwelt.

Fanden Sie diese Seite hilfreich?