Perspektiven

Audit: Einschneidende Reformvorschläge aus Grossbritannien

Neue Anforderungen an Prüfer und Verwaltungsrat

Der Brydon-Report schlägt unter anderem eine breitere Informationspflicht, mehr Pflichten zur Aufdeckung von Betrug und umfassende Transparenzvorschriften vor. Die britische Revisionsaufsicht treibt die operative Trennung der grossen Wirtschaftsprüfer voran und heizt damit die Diskussion um den Audit der Zukunft weiter an.

Autoren: Alessandro Miolo, Managing Partner Audit & Assurance; Chris Krämer, Partner Audit & Assurance

Die aufsehenerregenden Zusammenbrüche der Warenhauskette BHS und des Baukonzerns Carillion im Jahr 2018 nahm die britische Regierung zum Anlass, drei unabhängige Untersuchungen zum aktuellen Zustand des Audit-Marktes in Auftrag zu geben. Mit dem kurz vor Weihnachten 2019 erschienenen, von Sir Donald Brydon, dem früheren Verwaltungsratspräsidenten der Londoner Börse, verfassten Bericht liegen nun auch die Ergebnisse der dritten Untersuchungen vor.

Zuvor waren im Dezember 2018 mit der Kingman-Review und einem von der britischen Wettbewerbsaufsicht (Competition and Markets Authority, CMA) im April 2019 herausgegebene Report bereits die beiden anderen Untersuchungen veröffentlicht worden. Diese behandelten die Aufsicht über die britischen Revisionsgesellschaften und die Wettbewerbssituation des britischen Revisionsmarkts und schlagen teilweise tiefgreifende Anpassungen und Eingriffe in den Revisionsmarkt vor, so unter anderem die Schaffung einer neuen Aufsichtsbehörde, die Einführung sogenannter Joint-Audits sowie eine operative Trennung der Big4 in unabhängig voneinander operierende Teile. Das Revisionsgeschäft sollte dadurch unabhängiger von den Beratungsdienstleistungen geführt werden.

Der im Dezember 2019 veröffentlichte Brydon-Bericht hatte die Abschlussprüfung als solche zum Gegenstand. Mit insgesamt 64 Verbesserungsvorschlägen zur Steigerung von Qualität und Effektivität fordert Brydon nichts anderes als eine konsequente Neuausrichtung der Revision. Der Bericht bezieht sich zwar ausschliesslich auf Grossbritannien, in Anbetracht der global agierenden Unternehmen und deren Revisionsgesellschaften sowie weltweit standardisierter Prüfungsstandards darf jedoch davon ausgegangen werden, dass eine Ist-Analyse der Abschlussprüfung in anderen Teilen der Welt nicht wesentlich anders ausfallen würde und daher der Bericht auch ausserhalb von Grossbritannien mit Interesse studiert wird.

Der von Brydon neu umschriebene Zweck der Abschlussprüfung erscheint als grundsätzlich unbestritten: Die Abschlussprüfung soll konsequent auf die Bedürfnisse ihrer Ansprechpersonen, insbesondere der Investoren, zugeschnitten sein und dabei helfen, Vertrauen in die Unternehmung, deren Verwaltungsrat und die Berichterstattung selbst aufzubauen und zu erhalten. Die Finanzberichterstattung sieht Brydon dabei lediglich als einen Teil der zu prüfenden Informationen. Die vorgeschlagenen Massnahmen und Anpassungen betreffen einerseits die Prüfungsunternehmen, andererseits aber auch die zu prüfenden Unternehmen bzw. deren Verwaltungsräte, und können als tiefgreifend bezeichnet werden. Unter anderen beinhalten diese die folgenden Punkte:

  • Erweiterte Berichterstattung betreffend Unternehmensfortführung (Going Concern)
    Brydon hält fest, dass es meistens Frühwarnsignale gibt, bevor ein Unternehmen in Schieflage gerät. Diese können einerseits externer Natur sein wie ein starker Abfall des Aktienkurses oder eine anhaltende negative Medienberichterstattung oder andererseits interner Natur wie ein fallendes Kredit-Rating oder die Verletzung von Kreditvereinbarungen (Covenants). Ein Prüfer berücksichtigt diese Signale bereits heute bei der Ausgestaltung seiner Prüfstrategie und nimmt diese Bereiche dann genauer unter die Lupe. Geht es nach Brydon, hat der Prüfer das Vorliegen solcher Signale und seine diesbezüglichen Prüfungshandlungen zukünftig auch an die Aktionäre und damit bei kotierten Unternehmen auch an die Öffentlichkeit zu rapportieren.
  • Aufdeckung von Betrug als Bestandteil des Audits
    Brydon erachtet das seiner Auffassung nach komplexe Verhältnis zwischen Betrug und den damit verbundenen Pflichten des Auditors als einen der Hauptgründe für die Lücke zwischen den Erwartungen der Öffentlichkeit an die Prüfung und dem regulatorisch festgelegten Umfang der Prüfung (Expectation Gap). Daher schlägt er eine Anpassung des entsprechenden Prüfungsstandards (ISA 240) vor. Dort soll zukünftig klar festgehalten werden, dass es in der Verantwortung des Prüfers liege, die Revision so zu gestalten, dass wesentliche Betrugsfälle aufgedeckt werden. Ausserdem sollen die Wirtschaftsprüfer umfassender und regelmässiger als bisher in Forensik und dem Erkennen von Betrug geschult werden.
    Gleichzeitig fordert der Bericht vom Verwaltungsrat der geprüften Unternehmen eine neue, jährliche Berichterstattung über die vom Unternehmen getroffenen Massnahmen zur Verhinderung und Entdeckung von Fraud. Die darin gemachten Aussagen sind durch die Revisionsstelle zu prüfen. Über die diesbezügliche Vorgehensweise sowie zusätzliche Prüfungshandlungen zur Entdeckung von Fraud hat der Prüfer dann wiederum in seinem Bericht Angaben zu machen.
  • Erhöhte Transparenz.
    Der Brydon-Bericht empfiehlt, dass die Revisionshonorare direkt aus der Erfolgsrechnung der geprüften Unternehmung ersichtlich sein müssen, statt diese wie bis anhin nur im Anhang offenzulegen. Brydon setzt sich auch dafür ein, dass die Revisionshonorare nicht Bestandteil des für die Management-Entlöhnung relevanten Ergebnisses sein dürfen. Darüber hinaus soll der Revisionsbericht um eine Angabe der für den Audit aufgewendeten Stunden pro Mitarbeiterstufe ergänzt werden.
    Unternehmen, die neben den aus dem gewählten Rechnungslegungsstandard direkt resultierenden Ergebnissen weitere Kennzahlen (sogenannte Alternative Performance Measures) an die Aktionäre kommunizieren oder für die Berechnung der Management-Entlöhnung benutzen, sollen diese ebenfalls prüfen lassen müssen.
    Ausserdem fordert der Bericht eine klare Trennung innerhalb der Revisionsunternehmen zwischen den Prüfungsteams einerseits und einem Team, dass für die Verhandlung der Revisionshonorare verantwortlich ist, andererseits. Darüber hinaus sollen die Revisionsunternehmen verpflichtet werden, ihre Gewinnmargen aus der Prüfungstätigkeit sowie die Einkommen der verantwortlichen Prüfpartner inklusive deren Berechnungsgrundlage offenzulegen.

Unbestritten unter den Revisionsunternehmen, Prüfkunden und Aufsichtsbehörden ist, dass Anpassungen der Abschlussprüfung unumgänglich sind, um auch in Zukunft Relevanz, Qualität und Effektivität der Revision sicherzustellen. Es wird erwartet, dass die britische Regierung über die nächsten Monate die in den drei Berichten gemachten Empfehlungen analysieren und Empfehlungen aussprechen wird. Gleichzeitig treibt aber die britische Revisionsaufsicht die Reformpläne bereits aktiver voran. Im Fokus steht dabei die Erhöhung der Unabhängigkeit des Auditgeschäfts – unter anderem durch die Schaffung eigener, unabhängiger Verwaltungsräte für das Revisionsgeschäft und eine Verbesserung der finanziellen Transparenz zwischen Revisions- und anderen Tätigkeiten. Welche zusätzlichen Massnahmen zu ergreifen sind, um die Abschlussprüfung für die Zukunft fit zu machen, wird im laufenden Jahr zu diskutieren sein – in Grossbritannien aber auch im Rest der Welt.

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