Perspektiven

Sinkendes Vertrauen und wenig Hoffnung

Die Schweizer Millennials haben ein gespaltenes Verhältnis zur Wirtschaft

Die jungen Menschen in der Schweiz vermissen bei den Unternehmen gesellschaftliche Verantwortung und Flexibilität. Nur ein Drittel ist der Ansicht, dass die Unternehmen ethisch korrekt handeln. Bjørnar Jensen, Managing Partner Consulting bei Deloitte Schweiz, stellt sich den kritischen Fragen zur Studie und erklärt, was die Unternehmen tun können.

Warum sind junge Menschen so kritisch gegenüber der Wirtschaft und den Unternehmen?

Die Generation der heute 20- bis 35-Jährigen hat klare und hohe Erwartungen an die Unternehmen. Diese sollen sich für die Gesellschaft einsetzen, nützliche Produkte entwickeln, spannende Arbeitsplätze schaffen und gleichzeitig auf die privaten Bedürfnisse der Angestellten Rücksicht nehmen. Die Millennials sind enttäuscht, weil in ihren Augen die Wirtschaft diese Erwartungen nicht erfüllt.

In der Schweiz fordern Millennials noch stärker als in anderen Ländern ethisches Verhalten und soziales Engagement. Warum?

Das hängt vermutlich mit dem Wohlstand zusammen. In der Schweiz ist der wirtschaftliche Druck kleiner; junge Menschen müssen nicht den erstbesten Job annehmen. Sie leisten sich hohe Ansprüche und haben sehr konkrete Vorstellungen von einem Arbeitgeber. Die unterschiedlichen Ergebnisse sind nicht auf das Verhalten der Unternehmen in der Schweiz zurückzuführen: Viele engagieren sich für die Gesellschaft und die Umwelt und tragen die Schweizer Werte in die Welt hinaus, auch wenn das nicht immer gleich gut gelingt.

Woher kommt die signifikante Verschlechterung der Werte in der Schweiz und im Ausland im Vergleich zum Vorjahr?

Diese Entwicklung ist besorgniserregend und wir als Wirtschaftsvertreter müssen das ernst nehmen. Ich könnte mir vorstellen, dass externe Ereignisse zu diesem Meinungsumschwung geführt haben und nicht in erster Linie das Verhalten der Unternehmen. Ich bin zuversichtlich, dass sich diese Einstellungen in Zukunft wieder verbessern werden. Letztes Jahr hat ein Unternehmer das Amt des einflussreichsten Politikers der Welt übernommen. Dessen Ansichten widersprechen den Ansichten vieler Millennials; man denke nur an Gleichstellung, Umweltschutz oder Offenheit. Auch die #metoo-Bewegung hat dem Image der Wirtschaft geschadet. In der Schweiz entstand an der Urne eine bisher ungewohnte Skepsis gegenüber der Wirtschaft: Das Stimmvolk hat die Unternehmenssteuerreform überraschend klar abgelehnt. Die Wirtschaft hat es nicht geschafft, die Menschen zu überzeugen.

Welche Rolle spielt dabei die Schweizer Unternehmenswelt?

Wir haben in den letzten Monaten gesehen, dass offenbar nicht alle Wirtschaftsführer in der Schweiz ihre Vorbildrolle genug ernst genommen haben. Fehlverhalten wird heute auch – zu Recht – stärker öffentlich kritisiert und diskutiert. Die regulatorischen Ansprüche sind gewachsen und der gesellschaftliche Druck auf die Wirtschaftsführer ist spürbar gestiegen. Diese Entwicklungen – gepaart mit den wachsenden Ansprüchen der Millennials an die Unternehmen – werden hoffentlich dazu führen, dass die Wirtschaftsführer wieder bessere Vorbilder werden. Dann steigt auch das Vertrauen in die Wirtschaft wieder an.

Spielen die jüngsten Vorfälle bei verschiedenen Schweizer Unternehmen aus dem Finanzbereich oder der Logistik eine Rolle für die negativen Einstellungen?

Unsere Umfrage wurde im Dezember und Januar durchgeführt, daher wird der konkrete Einfluss dieser Ereignisse auf die Umfrageergebnisse gering sein. Millennials sehen Fälle von fehlender Geschäftsethik aber besonders kritisch. Solches Fehlverhalten kann das Vertrauen in die Wirtschaft schwächen und führt bei vielen Jugendlichen zu Zynismus. Soweit ich das aktuell beurteilen kann, wird mögliches Fehlverhalten aber seriös aufgearbeitet und die Verantwortlichen werden auch zur Verantwortung gezogen. Zudem anerkennen immer mehr Verantwortliche in der Wirtschaft: Um langfristig erfolgreich zu sein, muss jedes Unternehmen nicht nur die finanziellen Ziele erfüllen, sondern auch aufzeigen, dass es einen positiven Beitrag für Gesellschaft und Umwelt leistet.

Inwiefern sind die Ergebnisse der Studie ein Problem für Schweizer Unternehmen? Droht ein verschärfter Kampf um junge Angestellte?

Die Arbeitslosenzahlen sind in der Schweiz seit Jahren sehr tief und sinken weiter. Die Wirtschaft wächst weltweit. Die Rahmenbedingungen für die Rekrutierung von jungen Talenten werden also anspruchsvoller. Unternehmen müssen sich anstrengen und den jungen Menschen spannende Aufgaben, ein vielfältiges und modernes Umfeld und flexible Arbeitszeiten anbieten. Für Unternehmen, die wegen Verfehlungen in den Schlagzeilen stehen, wird die Rekrutierung von jungen Nachwuchskräften schwieriger. Unternehmen fördern aber gleichzeitig auch bewusst ältere Arbeitnehmende. Zudem kommen mehr Freelancer zum Einsatz oder Unternehmen greifen auf Crowdsourcing oder andere digitale Tools zurück. Damit können Unternehmen schnell relevante Skills gewinnen ohne zuerst viel Zeit mit Personalsuche und Recruiting zu verschwenden.

Sind die Ansprüche der Millennials an Unternehmen zu hoch oder gar unrealistisch? Werden sie in Zukunft eher als Freelancer arbeiten oder eigene Unternehmen gründen?

Die hohen Ansprüche der Millennials sind eine Realität, dies zeigt unsere Umfrage bereits seit Jahren. Die Wirtschaft muss damit umgehen. Unsere globale Umfrage zeigt, dass die jüngeren Befragten unter 25 Jahren in den westlichen Ländern noch pessimistischer eingestellt sind. Trotzdem gehe ich nicht davon aus, dass sich die kommende Generation von der Wirtschaft abwenden wird. Allerdings sind freiberufliche und flexible Engagements (Gig Economy) für die jungen Menschen in der Schweiz eine relevante Alternative zu einer Anstellung bei einem grossen Unternehmen geworden. Gemäss unserer Umfrage können sich 45 Prozent der Befragten in der Schweiz vorstellen, so zu arbeiten. Diese Arbeitsverhältnisse bieten zwar weniger Sicherheit, dafür viel mehr Freiheit. Beim Unternehmertum hat die Schweiz einen grossen Rückstand, wie eine andere Studie von Deloitte gezeigt hat. Zur Stärkung des Jungunternehmertums braucht es deshalb neben Massnahmen zur Verbesserung der regulatorischen und steuerlichen Rahmenbedingungen auch eine verstärkte Sensibilisierung des Schweizer Bildungssystems. Die Vermittlung von unternehmerischem und ökonomischem Denken muss mit betriebswirtschaftlichen und digitalen Grundkenntnissen verknüpft werden und bereits früh in der Schul- und Berufsausbildung vermittelt werden.

Wie wichtig sind für Unternehmen überhaupt die Bedürfnisse der Millennials? Wie sind diese mit den Ansprüchen älterer Generationen zu vereinbaren? Kann es da zu Konflikten kommen?

Die Millennials sind sehr wichtig, da sie bald den grössten Teil der Werktätigen bilden. Mit einem Generationenkonflikt rechne ich aber nicht. Die Bedürfnisse der Millennials lassen sich meist gut mit denjenigen der älteren Mitarbeitenden vereinbaren, wenn man diesen gleichzeitig mehr Sicherheit und Stabilität garantiert. Es gibt aber noch einiges zu tun: Eine Befragung von HR-Verantwortlichen in der Schweiz durch Deloitte hat ergeben, dass fast drei Viertel (71%) der Befragten der Integration von älteren Arbeitnehmenden grosse Bedeutung zuschreiben. Allerdings geben weniger als ein Drittel (31%) an, dass sie dazu bereit sind.

Schweizer Millennials sind besonders kritisch

Anteil Millennials, die folgenden Aussagen zum Verhalten von Unternehmen zustimmen

Fanden Sie diese Seite hilfreich?