Posted: 11 Jun. 2021 5 min Lesezeit

Economic Trend Briefing: Wie wird sich der Konsum nach den Lockerungen erholen?

Die Konsumenten spielen in diesem Jahr eine zentrale Rolle für den Wirtschaftsausblick. Nachdem die Corona-Beschränkungen den Konsum seit Ende letzten Jahres stark gebremst haben, ist eine der Kernfragen, die über die Stärke des Konjunkturaufschwungs entscheidet wird, wie schnell sich der Verbrauch erholt. Schließlich hat der private Konsum mit knapp über 50 Prozent den größten Anteil am deutschen Bruttoinlandsprodukt, dessen Wachstum in den Jahren vor der Corona-Krise fast ausschließlich von privaten Verbrauchsausgaben abhing. Nach normalen Rezessionen, die schnell vorübergehen, normalisiert sich das Konsumentenverhalten relativ zügig. Schwerere Rezessionen prägen die Psyche und das Kaufverhalten hingegen langfristig; die schweren Wirtschaftskrisen in den 1920er Jahre sind hierfür Beispiele.  

Es ist einerseits denkbar, dass es zu einem ausgewachsenen Konsumboom kommt, weil die Verbraucher nach dem Lockdown großen Nachholbedarf haben. Andererseits ist aber auch nicht auszuschließen, dass sie vorsichtiger als vor der Corona-Pandemie sind, Kontakte vermeiden und ihr Geld zusammenhalten. Um besser einschätzen zu können, in welche Richtung wir uns bewegen, lohnt sich ein Blick auf die Entwicklungen auf dem Arbeitsmarkt, dessen Verfassung die Konsumlaune und Verbraucherausgaben entscheidend beeinflusst, aber auch auf die Erfahrungen anderer Länder, bei denen die Öffnungen früher begannen. 

 

Lage und Aussichten auf dem Arbeitsmarkt

 

Die Arbeitslosenquote in Deutschland ging seit 2005 kontinuierlich zurück, selbst die Finanzkrise verursachte nur eine kurze und recht milde Steigerung. Während die Arbeitslosenquote 2005 bei fast 12 Prozent stand, hat sie sich mit fünf Prozent bis 2019 mehr als halbiert. Der deutsche Arbeitsmarkt ging in die Corona-Krise also in äußerst guter Verfassung. Im Mai 2021 stand die Arbeitslosenquote bei 5,9 Prozent; ein leichter Anstieg, aber im Nachkriegsvergleich immer noch ein rekordverdächtig niedriges Niveau.

Ein großer Teil dieses angesichts der Tiefe der Krise erstaunlichen Trends geht auf das Konto der Kurzarbeit. Auf dem Höhepunkt der ersten Welle im April 2020 waren über 6 Millionen Arbeitnehmer in Kurzarbeit, aktuell steht die Zahl bei 2,3 Millionen. Durch das Instrument der Kurzarbeit konnten die Arbeitsplätze gesichert, aber auch das Einkommen und damit der private Konsum stabilisiert werden. Dieses Ergebnis erreichten andere Ländern auf andere Art und Weise: Auch in den USA steht die Arbeitslosenquote bei knapp unter sechs Prozent, nachdem sie zwischenzeitlich auf fast 15 Prozent gestiegen war. Der Unterschied ist, dass in den USA direkt das Einkommen über staatliche Zuwendungen gesichert wurde, während Jobs erstmal verloren gingen, aber im jetzigen Aufschwung schnell wiederaufgebaut werden.

Ein Nebeneffekt dieser Einkommenssicherung, aber auch der fehlenden Konsummöglichkeiten während des Lockdowns und einer rezesssionsbedingt geringen Ausgabenneigung, war gesamtwirtschaftlich der Aufbau hoher Ersparnisse. Diese lagen 2020 in Deutschland nach Deloitte-Schätzungen um 130 Milliarden über denen des Vorjahres, der entsprechende Wert für die Eurozone beträgt 470 Milliarden. Von daher sitzen die Konsumenten auf beträchtlichen Summen, die nach dem Ende des Lockdowns grundsätzlich in den Konsum fließen könnten.

Allerdings hängt die Entwicklung des Konsums nicht nur von der aktuellen finanziellen Situation der Haushalte und der Arbeitsmarktsituation ab, sondern auch von ihren Einkommenserwartungen für die Zukunft. Besonders nach Rezessionen müssen schlechtere Einkommenserwartungen für die Zukunft überwunden werden. Aber auch die Zukunftsaussichten des Arbeitsmarktes sind durchaus positiv. Aktuell gibt es bereits Engpässe bei bestimmten Berufsgruppen, und auch mittel- und langfristig ist der Fachkräftemangel ein zentrales Thema für Unternehmen. Laut dem aktuellen Deloitte CFO Survey ist der Fachkräftemangel bereits wieder eines der Top-3-Risiken für Unternehmen. Von Seiten des Arbeitsmarktes steht einem Konsumboom nach dem Ende der Beschränkungen wenig entgegen. 

 

Die Konsumentwicklung in USA und UK

 

Bei der Impfgeschwindigkeit erwiesen sich die USA und das Vereinigte Königreich unter den größeren Ländern als die schnellsten: Anfang April war in den USA bereits knapp ein Drittel der Bevölkerung und im Vereinigten Königreich war fast die Hälfte mindestens mit der ersten Dosis geimpft (aktuell 51 und 60 Prozent), während zum selben Zeitpunkt in Deutschland und der Europäischen Union 12 Prozent geimpft waren.¹ Entsprechend setzten in beiden Ländern die Öffnungsschritte sehr viel früher als in Europa und Deutschland ein, in UK ab dem 12. April.

Beide Länder konnten nach dem erfolgreichen Start der Impfkampagne einen steilen Anstieg des Verbrauchervertrauens verzeichnen. Bereits ab Ende Februar begann es sich von den Tiefständen Anfang des Jahres zu erholen, die ähnlich tief wie in der ersten Welle waren. Aktuell befinden sich die USA und das Vereinigte Königreich beim Verbrauchervertrauen schon wieder über dem langfristigen Durchschnitt. In Großbritannien ging die Verbesserung des Verbrauchervertrauens mit einer starken Erholung der Einzelhandelsumsätze einher. Diese stiegen im April 2021 im Vergleich zum Vormonat um über 9,2 Prozent, die Verbraucherausgaben lagen bereits wieder um 1,6 Prozent höher als im Februar 2020.  Ein ähnliches Bild zeigt sich in den USA, wo die Einzelhandelsumsätze im März um 10,7 Prozent gestiegen sind, getrieben vor allem von Kleidung und Sportartikeln. 

 

Der Ausblick für Konsumausgaben in Deutschland

 

In Deutschland stagniert das Konsumklima aktuell im negativen Bereich, auch wenn eine ganz leichte Aufwärtstendenz erkennbar ist. Es ist von daher aktuell auch nach dem Beginn der Lockerungen noch kein grundlegender Stimmungsumschwung erkennbar. Dies dürfte nicht zuletzt mit dem eher schleppenden Fortschritt der Impfkampagne zu tun haben. Es deutet bei den in USA und UK beobachteten Entwicklungen wenig darauf hin, dass die Konsumenten nachhaltig verunsichert sind und es zu einem niedrigeren Konsumniveau kommen wird.

Die günstige Arbeitsmarktsituation und die guten Aussichten des Arbeitsmarktes, verbunden mit den hohen Ersparnissen der Verbraucher, lassen vermuten, dass der Konsum mit den fortschreitenden Lockerungen und dem Fortschritt der Impfkampagne anziehen wird. Ab dem dritten Quartal dieses Jahrs ist deshalb mit einem beschleunigten Konsumwachstum zu rechnen, das die Konjunktur in Deutschland stützen wird.

 

¹  Our World in Data. Covid-19 Data Explorer, Zugriff am 10.6.2021. 

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Dr. Alexander Börsch

Dr. Alexander Börsch

Chefökonom & Director Research

Dr. Alexander Börsch ist Chefökonom und Leiter Research Deloitte Deutschland. Sein Fokus liegt auf der Analyse ökonomischer Trends und ihren Auswirkungen auf Unternehmen und Unternehmensumfeld. Er ist Autor zahlreicher Publikationen zu den Themen Wachstum und Konjunktur, Brexit, digitale Ökonomie sowie Wettbewerbsfähigkeit von Unternehmen, Städten und Ländern.