Posted: 07 Jul. 2023 5 min Lesezeit

Konjunktureller Ausblick Mitte 2023: Stagnation mit negativem Vorzeichen

Ende 2022 wirkten die Konjunkturprognosen äußerst düster. Die Energiekrise, hohe Inflation und der Krieg in der Ukraine verbanden sich zu einem toxischen Cocktail. Die Erwartung war jedoch, dass sich in erst der zweiten Hälfte 2023 die Lage zum Besseren wenden würde, wenn die Inflation zurückgeht und der Winter überstanden ist. Glücklicherweise kam es nicht so schlimm wie erwartet, auch wenn die deutsche Wirtschaft seit Ende 2022 geschrumpft ist: im vierten Quartal 2022 um 0,5 Prozent (Q4), im ersten Quartal dieses Jahres um 0,3 Prozent.¹

Doch wie wird sich die Wirtschaft im Jahr 2023 weiterentwickeln? In der aktualisierten Prognose von Deloitte Research stagniert Deutschland im Basisszenarios und sinkt leicht um 0,1 Prozent. Positiv zu Buche schlagen hier vor allem die leicht steigende Auslandsnachfrage in Europa, der stabile Arbeitsmarkt, welcher den Konsum stützt, und der leichte Rückgang der Energiepreise, von dem die Industrie profitiert. Allerdings sind in Abhängigkeit von diesen Faktoren auch andere Szenarien denkbar, die sich zwischen einer größeren Schrumpfung und leichtem Wachstum bewegen.

 

Hohe Inflation, niedriges Konsumklima, aber stabiler Arbeitsmarkt

 

Die Inflation ist nach wie vor das bestimmende wirtschaftliche Thema. Von Mai bis Juni war die Gesamtinflation in 18 der 20 Länder der Eurozone rückläufig. Nur in Deutschland und Kroatien sieg sie in diesem Zeitraum an. Aber das Level bleibt hoch und unterscheidet sich sehr stark zwischen den Ländern der Eurozone. In Deutschland lag die Gesamtinflation im Juni bei 6,8 Prozent, in Spanien dagegen lediglich bei 1,6 Prozent.² Dies stellt eine große Herausforderung für die Zinspolitik der EZB dar, die eine einheitliche Geldpolitik verfolgen muss. Aktuell steht Anfang Juli 2023 der europäische Leitzins auf 4,0 Prozent³, und die Tendenz zeigt weiter nach oben.⁴

Auf der Verbraucherseite bleibt die Stimmung der Konsumenten in Deutschland laut GFK-Konsumklimaindex ebenfalls auf einem geringen Stand. Es werden zwar steigende Löhne erwartet, was die Anschaffungsneigung leicht erhöht, aber die Konjunkturerwartungen dämpfen die Verbraucherstimmung.⁵ Positiv zu vermerken ist, dass sich der Arbeitsmarkt weiterhin als äußerst robust erweist und damit die Wirtschaft stabilisiert. Allerdings nimmt hier die Dynamik etwas ab, im Juni wurde das schwächste Beschäftigungswachstum seit März 2021 verzeichnet.⁶

 

Dynamische Dienstleistungen, schwächelnde Industrie

 

Diese Kombination aus hoher Inflation und der Verschärfung der finanziellen Bedingungen durch die gestiegenen Zinsen drückt eindeutig auf die Geschäftserwartungen der deutschen Unternehmen. Die Auftragsbücher, die nach dem Ende der Corona-Pandemie gut gefüllt waren, sind inzwischen dünner geworden, die Zahl der Neuaufträge ist rückläufig. Dadurch haben sich im verarbeitenden Gewerbe die Konjunkturaussichten seit Januar 2023 kontinuierlich verschlechtert. Im Juni gingen die Erwartungen, die durch den Einkaufsmanagerindex (PMI) gemessen werden, gegenüber dem Vormonat um sechs Prozent zurück, der Index erreichte mit 40,6 den niedrigsten Stand seit dem Ende der Corona-Pandemie.⁷

Abbildung 1: PMI-Entwicklung für Dienstleistungen und das verarbeitende Gewerbe (Quelle: Tradingeconomics, 2023)

Im Gegensatz zum verarbeitenden Gewerbe hat sich die Stimmung im Dienstleistungssektor seit Herbst 2022 stetig verbessert, wie die Abbildung 1 zeigt. Allerdings hat sich auch hier das Stimmungsbild im Juni 2023 deutlich verschlechtert. Dies liegt zum einen daran, dass der Dienstleistungssektor in Deutschland eng mit dem verarbeitenden Gewerbe verbunden ist und von der Entwicklung des verarbeitenden Gewerbes abhängt, wie z. B. dem IT-Sektor, der durch Aufträge eng mit der Automobilindustrie verflochten ist. Zum anderen spielen auch hier höhere Preise und Zinsen eine große Rolle, da sie die Nachfrage dämpfen und damit auch die Auftragsbestände schrumpfen lassen.⁸

 

Der konjunkturelle Ausblick: Treibende Faktoren

 

Der derzeitige Konjunkturzyklus ist weit von einem normalen Verlauf entfernt. Die Nachwirkungen der Corona-Pandemie und die Energiekrise haben ebenso ihre Spuren hinterlassen wie der Krieg in der Ukraine. Dazu kommen strukturelle Faktoren wie der demographische Wandel, der zur Arbeitskräfteknappheit beiträgt. Diese Überschneidung verschiedener Faktoren erhöht die Unsicherheit. Es sind drei Szenarien denkbar, die sich vor allem hinsichtlich der Entwicklung von wirtschaftlichen Impulsen aus dem Ausland sowie der Preisentwicklung, insbesondere der Energiepreise, unterscheiden.

  • Im Basisszenario „Bumpy Landing“, gehen wir davon aus, dass insbesondere die Auslandsnachfrage dank der positiven Entwicklung in Europa die deutsche Wirtschaft weiter stützt. Auch der Arbeitsmarkt bleibt trotz der jüngsten Schwäche des Beschäftigungswachstums stabil und stützt damit die private Nachfrage. Das Basisszenario geht weiter davon aus, dass die Unternehmen trotz hoher Zinsen weiter investieren werden, um ihre Anpassungsfähigkeit und Widerstandsfähigkeit zu erhöhen – insbesondere aufgrund der zunehmenden geopolitischen Risiken.  Darüber hinaus stützen die anlaufenden Lieferketten und fallende Energiepreise die Industrie, können aber nicht vollends die schlechten Erwartungen durch die mangelnde Nachfrage wettmachen. Für das Jahr 2023 bedeutet dies in Zahlen ausgedrückt einen Rückgang des BIP um 0,1 Prozent.
  • Im Szenario „Hard Landing“ spitzt sich die derzeitige Wirtschaftslage weiter zu: Die Unternehmen werden aufgrund der leeren Auftragsbücher vorsichtiger bei der Einstellung neuer Mitarbeiter, und die Reallöhne halten nicht mit der Inflation Schritt, was den Konsum weiter unter Druck setzt. Um der Inflation entgegenzuwirken, wird der Leitzins weiter angehoben. Diese unerwartet hohen Zinsschritte erschweren die Finanzierungssituation der Unternehmen. In Verbindung mit der schwachen Nachfrage verschieben die Unternehmen ihre geplanten Investitionen. Das verhaltene globale Wachstum lässt die Nachfrage aus anderen europäischen Ländern, den USA und China weiter sinken. Diese Entwicklungen würden dazu führen, dass die Wirtschaft am Ende des Jahres um 0,4 Prozent schrumpft und in eine Rezession abrutscht.
  • Im Fall eines „Soft-Landing“-Szenarios entwickelt sich die deutsche Wirtschaft positiver, wobei in diesem Fall ein Anstieg der Auslandsnachfrage die hauptsächliche Triebkraft wäre. Insbesondere durch die ersten Zinssenkungen in den USA kommt es zu einer Erholung, was die internationale Nachfrage anfeuert. Auch in China lassen die Unsicherheiten nach und der Konsum zieht an, was vor allem den deutschen Exporten zugutekommt. Auch sind in diesem Szenario der sanften Landung die sinkenden Preise eine weitere treibende Kraft. In diesem Kontext sind die Energiepreise rückläufig und werden über den Winter niedrig bleiben. Darüber hinaus könnten die Unternehmen aufgrund der früher als erwarteten Zinssenkungen expansiven Geschäftsstrategien den Vorzug geben. Das Wachstum würde in diesem Fall im Jahr 2023 um 0,4 Prozent zunehmen.
Abbildung 2: Konjunktur Prognosen für 2023 & 2024 (Quelle: Deloitte Research, 2023)

Um die wirtschaftliche Lage weiter einzuordnen, lohnt sich ein Blick auf die europäischen Nachbarn. Vor allem die anderen großen europäischen Länder wie Frankreich, Spanien, Italien – sowie auch das Vereinigte Königreich – befinden sich in einer besseren wirtschaftlichen Situation und verzeichnen ein positives, wenn auch leichtes Wachstum. Damit ist Deutschland das zweite Jahr in Folge Schlusslicht beim Wachstum in der Eurozone. Die Nachwirkungen der Corona-Krise spielen hier nur noch eine untergeordnete Rolle, die meisten europäischen Länder sind im Laufe des Jahres 2022 auf dem Niveau von vor Corona angekommen.

Es besteht jedoch der sanfte Hoffnungsschimmer, dass Deutschland auch aufgrund des starken europäischen Exportfokus vom neuaufgekommenen Wachstum der europäischen Nachbarländer profitiert und mitgezogen wird. Dies spiegelt sich auch im längerfristigen Wirtschaftsausblick wider. Im Jahr 2024 ist davon auszugehen, dass sich die deutsche Wirtschaft leicht erholt und das Wirtschaftswachstum mit 1,4 Prozent wieder höher sein wird. Die Kombination aus strukturellen Herausforderungen wie Demographie oder Energiewende und vielen aktuellen Unsicherheiten wird weiterhin das Wachstum prägen.

 

Ansprechpartner Research:

Dr. Timo Walter

Associate Manager | Economics

twalter@deloitte.de

 

¹ Statistisches Bundesamt (2023), „Bruttoinlandsprodukt“, abgerufen am 05. Juni 2023

² Eurostat (2023), „Euroindikatoren - Inflation“, abgerufen am 04. Juni 2023

³ EZB (2023), „Key ECB interest rates”, abgerufen am 05. Juni 2023

⁴ Präsident der Deutschen Bundesbank Joachim Nagel (2023), „Inflation hartnäckiger, als viele dachten“, abgerufen am 05. Juni 2023

⁵ GFK (2023), „GFK-Konsumklima-Index“, abgerufen am 03. Juni 2023 

⁶ Trading Economics (2023), „Manufacturing-PMI”, abgerufen am 03. Juni 2023

⁷ Trading Economics (2023), „Manufacturing-PMI”, abgerufen am 03. Juni 2023

⁸ Trading Economics (2023), „Services-PMI”, abgerufen am 03. Juni 2023

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Dr. Alexander Börsch

Dr. Alexander Börsch

Chefökonom & Director Research

Alexander Boersch is chief economist and a director (research) at Deloitte Germany. In his research, he focuses on European and German economics, the development of the digital economy as well as on demographic and globalization trends.