Posted: 01 Jun. 2023 5 min Lesezeit

Welthandel und Handelsabkommen trotzen Deglobalisierung

Aufgrund der aktuellen geopolitischen Spannungen zwischen den USA und China, aber auch durch den Russland-Ukraine Krieg, hat das Schlagwort Deglobalisierung eine steile Karriere gemacht. Der Welthandel steht dabei im Mittelpunkt. Die Befürchtung ist, dass sich der Trend Richtung Protektionismus fortsetzt und voneinander entkoppelte Handelsblöcke entstehen.

Auch wenn es deutlich zu früh ist, diesen Trend abschließend zu bewerten, so gibt es doch Tendenzen, die ein komplexeres Bild zeichnen. Ein Blick auf die Handelszahlen 2022 zeigt, dass die Deglobalisierung zumindest bisher den Welthandel nicht umfangreich erreicht hat: So erzielte der gesamte Welthandel im Jahr 2022 mit Waren- und Dienstleistungsexporten im Wert von mehr als 32 Billionen Dollar einen neuen Rekord. Auch verzeichneten die USA und China im Jahr 2022 ein Rekordergebnis im bilateralen Handel.¹

Diese positive Entwicklung des Welthandels hat zahlreiche Gründe, etwa die gestiegene Nachfrage nach Waren und Dienstleistungen nach dem Ende der COVID-19-Pandemie, oder auch die Aufhebung der Lockdowns in China. Jedoch wird diese positive Entwicklung auch von einer ganzen Reihe von Initiativen im Bereich der Handelsliberalisierung begleitet, die als Gegentendenzen zur Deglobalisierung gesehen werden können und den Unternehmen neue Chancen bieten.

 

Handelsabkommen im Aufwind

 

So wurden in den letzten Jahren einige sehr bedeutende Handelsabkommen geschlossen, und weitere befinden sich in der Pipeline. Insgesamt wurde im Jahr 2022 ein neuer Höchststand von 356 aktiven globalen Handelsabkommen erreicht (Abbildung 1). Dies ist überraschend, nachdem global die Handels- und Investitionshemmnisse eigentlich deutlich zunehmen.

So stellt der Global Trade Alert der Universität St. Gallen eine Verfünffachung der politischen Handelshemmnisse seit der Finanzkrise fest.² Der Anstieg der Abkommen dürfte damit ein Trend sein, bei dem bilaterale Abkommen die Schwächen des multilateralen Handelssystems kompensieren, und sie deuten auch eine Regionalisierung des Handels an. Die wachsende Zahl von Handels- und Wirtschaftspartnerschaftsabkommen hat ein "Spinnennetz" geschaffen, das weltweit ganze Wirtschaftszonen miteinander vernetzt. 

EU steigert handelspolitische Aktivitäten

 

Insgesamt hat die EU Handelsabkommen mit 74 Staaten abgeschlossen. Auf diese Länder entfielen im Jahr 2021 rund 44 Prozent des EU-Außenhandels; mit den wichtigen Handelspartnern den USA, China und Indien bestehen aktuell keine Abkommen.³ Nach dem Scheitern von TTIP versucht die EU derzeit, die Verhandlungen mit den USA über eine Art Mini-TTIP voranzutreiben, um Markthindernisse für Windturbinen und andere umweltfreundliche Technologieprodukte zu verringern.⁴

Zu den wichtigen und vielversprechenden Handelsabkommen, insbesondere für Rohstoffe der grünen Technologien, gehört das EU-Mercosur-Abkommen mit den lateinamerikanischen Ländern, das die Beseitigung tarifärer und nichttarifärer Handelshemmnisse sowie gemeinsame Regeln für Investitionen vorsieht. Die Ratifizierung des Vertrages steht momentan noch aus, das Abkommen wurde aber bereits 2019 zu Ende verhandelt. Mit diesem Abkommen würde die zweitgrößte Handelszone der Welt entstehen.⁵

Gleichzeitig richtet die EU ihren Blick zunehmend nach Osten. Ein Abkommen mit Indien soll bereits bis Ende 2023 abgeschlossen werden.⁶ Es sieht die Beseitigung von Handelshemmnissen und die Öffnung der Märkte für Dienstleistungen vor. Darüber hinaus soll Investoren durch Investitionsschutz ein berechenbares Investitionsumfeld geboten werden. Aber auch die Zusammenarbeit mit den ostasiatischen ASEAN-Ländern gewinnt zunehmend an Bedeutung. So hat die EU beispielsweise bereits Verhandlungen mit Singapur und Vietnam abgeschlossen. Ein Abkommen mit Indonesien wird derzeit ausgehandelt. Verhandlungen mit den Philippinen, Thailand und Malaysia wurden ebenfalls eingeleitet, sind aber derzeit vorläufig ausgesetzt.

 

Neue Handelswelt in Ostasien

 

Ein Blick auf Abbildung 2 verdeutlicht, dass der globale Schwerpunkt der Handelsliberalisierung zurzeit in Ostasien liegt. Hier entstanden in den letzten Jahren Handelsabkommen, die große Teile des wirtschaftlich sehr dynamischen asiatisch-pazifischen Region erfassen. Insofern haben diese Abkommen das Potenzial, die handelspolitische Weltkarte sehr grundlegend zu verändern und neue Handelskorridore zu schaffen.

Dabei sind zwei große Wirtschaftsabkommen bereits entstanden, ein Drittes ist in Verhandlungen: Seit 2018 ist das Comprehensive and Progressive Agreement for Trans-Pacific Partnership (CPTPP) und seit 2022 ist das Regional Comprehensive Economic Partnership (RCEP) in Kraft. Über das Indo-Pacific Economic Framework (IPEF) wird derzeit noch verhandelt. Würden die drei Wirtschaftsabkommen zusammengelegt, so würden sie 4,3 Milliarden Menschen und 60 Prozent des weltweiten BIP umfassen.

Neue Abkommen mit unterschiedlichem Umfang

 

Jedoch unterscheiden sich diese Abkommen neben den verschiedenen Mitgliedsstaaten in ihrem Umfang und ihren inhaltlichen Eckpunkten (Abbildung 3). Als Nachfolger des Trans-Pacific Partnership (TPP) stellt das CPTPP das umfassendste Wirtschaftsabkommen dar. Es beinhaltet neben der klassischen Senkung von Zöllen auch die Anpassung von Standards und Regularien. Dazu gehören u.a. einheitliche Arbeits- und Umweltstandards sowie durchsetzbare Vorschriften für Investitionen oder digitalen Handel. Unternehmen profitieren vor allem von einem höheren Schutz bei Investitionen, Innovationen und Urheberrechte, aber auch von einheitlichen Regelungen im Datenverkehr oder im Dienstleistungsbereich.⁷

Da das TPP ursprünglich auf amerikanische Initiative hin entwickelt wurde, wurde das RCEP von China als Quasi-Gegenstück angestoßen.⁸ Es umfasst in erster Linie die Senkung der Zölle und konnte so die Länder in das Abkommen einbeziehen, die z.B. die höheren handelspolitischen Anforderungen des CPTPP nicht erfüllen konnten bzw. wollten. Jedoch ergab eine vergleichende Analyse, dass 30 Prozent des RCEP-Textes dem CPTPP ähnlich sind.⁹

Um sich nach dem TPP-Ausstieg wieder stärker in der Region einzubringen, wurde von amerikanischer Seite das IPEF initiiert. Das IPEF versteht sich wiederum nicht als traditionales Handelsabkommen, sondern als modernes Wirtschaftsabkommen der nächsten Generation.¹⁰ Anders als CPTPP oder RCEP sieht das IPEF keine klassische Liberalisierung wie durch Zollsenkungen vor, dadurch kommt es zu keiner direkten Öffnung des asiatischen Marktes für US-Unternehmen.

Das Abkommen beinhaltet hauptsächlich regulatorische Anpassungen.  Der Fokus liegt dabei auf der internationalen Vernetzung bei der Digitalisierung, der Stärkung der Widerstandsfähigkeit der Lieferketten, sowie auf der intensiveren Zusammenarbeit bei der Dekarbonisierung und umweltfreundlichen Energie. Die Wirkung der Abkommen geht dabei teilweise über Asien hinaus. So ist das Vereinigte Königreich zum Comprehensive and Progressive Agreement for Trans-Pacific Partnership (CPTPP) Ende März 2023 beigetreten. 

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass dieses sich immer weiter ausbreitende Netz neuer Handelsinitiativen die Möglichkeit bietet, die wirtschaftliche Zusammenarbeit auch bei geopolitischen Spannungen zumindest regional auszubauen. Insbesondere eröffnen die neuen Handelsinitiativen den Unternehmen neue Möglichkeit, der Zunahme des Protektionismus durch Ausweichen in neue Märkte zu begegnen, die sich durch die Abkommen stärker öffnen. 

 

Ansprechpartner Research:

Dr. Timo Walter

Associate Manager | Economics

twalter@deloitte.de

 

 

¹ Hierbei belief sich der Gesamtwert des US-Warenhandels (Import und Export) mit China auf 690 Milliarden US-Dollar. US Census (2023), “Trade in Goods with China”, abgerufen am 31. Mai 2023

² Global Trade Alert (2023), “Number of new interventions implemented each year”, abgerufen am 31. Mai 2023

³ Björn Finke & Claus Hulverscheidt (2023), “Das Schmuddelkind ist zurück”, abgerufen am 01. Mai 2023

⁴ Moritz Koch, Annett Meiritz, Julian Olk (2023), “EU schlägt grünes Mini-TTIP vor – doch die USA zögern”, abgerufen am 01. Mai 2023

⁵ Deutscher Bundestag (2023), “EU-Mercosur-Handels­abkommen überwiegend positiv bewertet”, abgerufen am 02. Mai 2023

⁶ BDI (2022), “Wirtschaftsabkommen zwischen der EU und Indien: Ein neuer Anlauf”, abgerufen am 31. Mai 2023

⁷ GTAI (2023), “Unternehmen profitieren von Freihandelsabkommen”, abgerufen am 31. Mai 2023

⁸ GTAI (2021), “Asien setzt auf Freihandel”, abgerufen am 31. Mai 2023

⁹ Congressional Research Service (2022), “Regional Comprehensive Economic Partnership”, abgerufen am 03. Mai 2023

¹⁰ PIIE (2022), “What is the Indo-Pacific Economic Framework and will it work?”, abgerufen am 03. Mai 2023

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Dr. Alexander Börsch

Dr. Alexander Börsch

Chefökonom & Director Research

Alexander Boersch is chief economist and a director (research) at Deloitte Germany. In his research, he focuses on European and German economics, the development of the digital economy as well as on demographic and globalization trends.