Posted: 24 May 2022

Wer teilt, gewinnt: Data Sharing für die Autobranche mit Catena-X

Pandemie, Chip-Krise, und die Auswirkungen des Krieges in der Ukraine: Die Störungen für Industrieunternehmen reißen einfach nicht ab. Auch und gerade die Lieferketten des Automotive-Sektors stehen unter Druck. Ganz abgesehen von den langfristigen Herausforderungen und Automotive-Trends, denen sich die Branche im Rahmen der Mobilitätswende oder mit Blick auf Nachhaltigkeit stellen muss. In diesem disruptiven Umfeld sind neue Ansätze dringend gefragt. Eine zukunftsweisende Antwort liefert Catena-X, eine innovative digitale Kollaborations- und Datenplattform für die automobile Wertschöpfungskette („catena“: lat. „Kette“). Die Idee: Durch den organisationsübergreifenden Austausch von Informationen potenzieren Unternehmen den Nutzen von Daten, dem „neuen Öl“ der digital geprägten Ökonomie. 

28 namhafte Partner haben sich 2021 unter Beteiligung des Bundeswirtschaftsministeriums zu dieser Data-Sharing-Allianz zusammengeschlossen, darunter deutsche und europäische OEMs, Zulieferer und globale Technologiepartner. Und es sollen noch viele weitere hinzukommen. Ein faszinierendes Projekt auf der Höhe der Zeit: Immerhin handelt es sich bei Data Sharing laut der aktuellen Deloitte Tech Trend Studie 2022 um einen zentralen Technologie-Trend, der die kommenden Jahre prägen wird.

Innovative Lösungen und neue Geschäftsmodelle

Catena-X bietet ein nutzerfreundliches System für durchgängige Datenketten mit einheitlichen Standards, dezentralem Betriebssystem und normierten APIs. Catena-X ist an das bestehende ERP anschlussfähig, aber auch via Portal zugänglich. Data Sharing „as-a-Service“ mit niedriger Einstiegsschwelle macht das Modell somit auch für KMU attraktiv. Auch sie können nun auf dieser Grundlage neue datenbasierte Geschäftsmodelle aufsetzen, etwa durch eine Vergütung für das Teilen von Daten mit bestimmten Parametern, die dann für die Entwicklung von neuen Anwendungen genutzt werden. 

Es geht aber um mehr als „nur“ um Geld. „Der wichtigste Grund für Unternehmen, sich Catena-X anzuschließen, ist die Lösung komplexer Business-Probleme durch Data Sharing. Die Monetarisierung der Daten ist nicht unsere Priorität“, erklärt Oliver Ganser, Vorstandsvorsitzender von Catena-X e.V., in der Tech Trend Studie. Was natürlich nicht bedeutet, dass eine solche datengetriebene Problemlösung für die Teilnehmer keine finanziellen Vorteile generieren wird.

Datenteilen als Katalysator 

Der große Vorteil von Data Sharing: Es werden innovative Lösungen realisierbar, die ein Unternehmen für sich allein aufgrund der begrenzten Datenlage nicht hätte entwickeln können. Denn nun können über die Unternehmensgrenzen hinaus im Ökosystem der Partner tiefergehende datenbasierte Erkenntnisse aus der Lieferkette erzielt werden. Außerdem wird durch Data Sharing oft überhaupt erst die kritische Masse an Daten erreicht, die für viele digitale Use Cases notwendig ist. Das standardisierte Daten-Ökosystem steigert dabei die Skalierbarkeit der Lösungen. Das Data Sharing-Modell funktioniert allerdings nur, wenn alle Teilnehmer dabei ihre eigenen Interessen gewahrt wissen. Hierbei geht es um mehr als die – offensichtlich unerlässliche – Cyber-Sicherheit der Datenplattform. Vor allem muss darüber hinaus auch die individuelle Datenhoheit erhalten bleiben. Wettbewerbern sollen schließlich keine Geschäftsgeheimnisse offenbart werden. 

Vertrauen durch Technik

Vertrauen und Kontrolle sind für einen derartigen kooperativen Ansatz also die Grundvoraussetzung. Catena-X schafft die Vertrauensbasis durch einheitliche Security- und Compliance-Standards für alle. Teilnehmer können außerdem frei entscheiden, welche Daten sie wie umfangreich und für welche Zwecke teilen. Avancierte „Privacy Preserving“-Methoden können dies auf der technischen Ebene garantieren, wobei die Entwicklung auf diesem Feld noch im Fluss ist. Wichtig ist der Vertrauensaspekt besonders im Hinblick auf die kulturellen Eigenheiten der oft mittelständisch geprägten Zuliefer-Branche. Viele Unternehmen aus diesem Bereich weisen nach wie vor eine gewisse Zurückhaltung beim Offenlegen eigener Daten auf. 

Bei der Überwindung solcher Hürden hilft der Umstand, dass durch Catena-X der Prozess der Vertrauensbildung selbst viel effizienter wird. Unternehmen müssen nun nicht mehr Vertrauensbeziehungen zu jedem einzelnen Partner im Liefernetzwerk aufbauen, sondern nur noch zur gemeinsamen Plattform. Den Rahmen für Catena-X liefert GAIA-X, ein Projekt zum Aufbau eines einheitlichen europäischen Dateninfrastruktur-Ökosystems mit entsprechender regulatorischer Einbettung. Tatsächlich handelt es sich bei Catena-X um eine der ersten konkreten Umsetzungen von GAIA-X – eine Industrie-Initiative mit Pionier-Charakter, die sich für die Teilnehmer bereits jetzt auszahlt.

Anwendungen mit Zukunft

Erste Praxis-Erfolge des Zusammenschlusses konnten nämlich schon erzielt werden. Beispielsweise in der Lieferkette: Ein Automobilhersteller identifizierte ein Qualitätsproblem, das potenziell zehntausende Fahrzeuge hätte betreffen können. In der Vergangenheit hätte dies einen sehr umfangreichen Rückruf bedeutet, der hohe Kosten und Auseinandersetzungen mit Zulieferern über Vertragsstrafen usw. nach sich zieht. Durch den Datenaustausch mit den Partnerunternehmen konnte der Kreis der möglicherweise betroffenen Fahrzeuge jedoch sehr stark eingegrenzt werden. Im Ergebnis sank das Volumen des nötigen Rückrufs um massive 80 Prozent. Ein Resultat, das für sich spricht – aber nur eine von unzähligen denkbaren Anwendungen des Datennetzwerks. Geeignet ist Catena-X auch für neue Ansätze im Bereich Nachhaltigkeit. Die Zirkularität in der Wertschöpfung etwa kann durch Data Sharing wesentlich optimiert werden. Dasselbe gilt für die soziale Dimension der Supply Chain, z.B. bei der effektiven Rückverfolgung im Kontext der Vorgaben des Lieferkettensorgfaltspflichtengesetzes. Zu den weiteren geplanten Use Cases gehören Zukunftsthemen wie Partnerdaten, Digital Twins oder Echtzeitsteuerung.

Digitale Transformation für die Autobranche

Mit Catena-X zieht die Branche die Konsequenzen aus den Verwerfungen der jüngsten Vergangenheit und schafft einen Rahmen für die Lösung der großen Zukunftsherausforderungen. OEMs und Zulieferer, Entwicklungs-, Finanz-, Logistik- und Vertriebspartner ziehen an einem Strang, eröffnen neue Potenziale, partizipieren an einem Kulturwandel hin zu einer Daten-orientierten Startup-Mentalität. Die garantierten Standards von Catena-X machen dabei die Sorge über einen vermeintlichen Kontrollverlust obsolet. Und je mehr Akteure mitmachen und je mehr Daten geteilt werden, desto besser für alle, schließlich steigt mit der Zahl der Beteiligten der positive Plattformeffekt exponentiell.

Global Tech Trends 2022

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Ansprechpartner

Andreas Klein

Andreas Klein

Partner | Technology Strategy & Transformation

Andreas Klein ist Partner im Bereich Technology Strategy & Transformation und verantwortet dort das Market Offering Technology Strategy, Vision & Architecture sowie das CIO-Programm. Er verfügt über langjährige Erfahrung in der Managementberatung und arbeitet für Vorstände und CIOs an der Entwicklung von IT-/Digital-Strategien, IT-Betriebsmodellen und Sourcing-Konzepten sowie an der Entwicklung und Durchführung zugehöriger komplexer Transformationsprogramme. Er berät seine Kunden zu diesen Themen branchenübergreifend (z.B. in den Sektoren Banken und Versicherungen, produzierendes Gewerbe/ Automobilbranche, Transportwesen sowie Technologie, Medien und Telekommunikation).

Jochen Fauser

Jochen Fauser

Offering Lead Technology Strategy & Transformation

Jochen Fauser ist Partner im Bereich Consulting mit mehr als 20 Jahren Erfahrung in der IT Management-Beratung. Dabei liegen seine Branchenschwerpunkte auf Industrial Products, Financial Services und im Public Sector. Er leitet das Offering Technology Strategy & Transformation und berät seine Kunden in den Bereichen Digital Transformation, IT Strategy, Enterprise Service Management, Cloud, IT Governance, Enterprise Architecture, IT Sourcing und IT M&A.