Posted: 01 Feb. 2022

Jenseits der gläsernen Decke: Frauen in Führungsgremien

Die Hälfte der Menschheit ist weiblich. Doch in den Boards, Aufsichtsräten und Vorständen der Welt beträgt der Frauenanteil nur ein Fünftel – oder genauer gesagt 19,7 Prozent, wie die globale Deloitte-Studie „Women in the boardroom“ belegt. Ein gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Missstand, der oft mit dem Bild von der gläsernen Decke umschrieben wurde: Eine auf den ersten Blick unsichtbare, aber wirksame Barriere bremst den gleichberechtigten Aufstieg hochqualifizierter Frauen in die höchsten Führungsebenen. Zwar haben Unternehmen und Regulatoren in den letzten Jahren stetig daran gearbeitet, diese Barriere durchlässiger zu machen – es gibt echten Fortschritt. Dennoch vollzieht sich dieser nach wie vor zu langsam. So würde es bei der aktuellen Zuwachsrate des Frauenanteils bis 2041 dauern, in Aufsichtsräten und Vorständen Parität zwischen Frauen und Männern zu erreichen. Immerhin hat sich diese Zeitspanne gegenüber 2019 deutlich verkürzt. Damals war das projizierte Datum noch 2052. 

 

Willkommen im Boardroom

 

Wie sieht die Lage in der deutschen Wirtschaft aus? Global betrachtet, eigentlich ganz ordentlich. Die Studie nennt detaillierte Zahlen für 72 Länder aus allen Weltregionen und erlaubt somit aufschlussreiche Vergleiche. Deutschland liegt mit 28,9 Prozent Frauenanteil in Führungsgremien international auf Rang 12, deutlich über dem Durchschnitt und z.B. vor den USA (23,9 Prozent). Wobei man anmerken muss, dass in den globalen Schnitt auch Regionen einfließen, wo Frauen aus kulturell-traditionellen Gründen grundsätzlich weniger repräsentiert sind – etwa in Japan (8,2 Prozent) oder in Katar (1,2 Prozent), dem Schlusslicht der Studie. Daher verspricht der Blick auf ähnliche Nachbarn ein realistischeres Bild, und gegenüber dem EU-Schnitt von 30,7 Prozent sind Deutschlands 28,9 Prozent allenfalls Mittelmaß. Um so mehr im Vergleich mit dem weltweiten Spitzenreiter Frankreich (43,2 Prozent). Und es gibt einen weiteren Wermutstropfen: Bei den CEOs hinkt Deutschland mit 3,8 Prozent Frauenanteil klar hinterher – sowohl gegenüber der EU (6,7 Prozent) als auch gegenüber dem globalen Schnitt (5,0 Prozent). Insgesamt steigt der Frauenanteil aber auch in Deutschland kontinuierlich an. Unter CFOs war zuletzt ein besonders erfreulicher Zuwachs zu verzeichnen: Der Anteil verdoppelte sich seit dem letzten Report von 6 auf 12,3 Prozent. 

 

Quoten sind gut, aber sie sind nicht alles

 

Einen wesentlichen Beitrag zum Fortschritt in Deutschland brachte die Gesetzgebung von 2015 mit einer Quote von 30 Prozent für Aufsichtsräte großer Unternehmen. 2021 wurde nachgelegt: Das "Zweite Führungspositionengesetz"  bringt u.a. ein Mindestbeteiligungsgebot für Vorstände. Dazu kommen weitere Faktoren wie der 2019 novellierte Deutsche Corporate Governance Kodex mit seinen „comply or explain“-Vorgaben. Das alles lässt erwarten, dass sich die Situation hierzulande in Zukunft weiter verbessert. Dass Quoten für Führungsgremien grundsätzlich effektiv sind, daran besteht kein Zweifel. Das zeigt wiederum der „Klassenprimus“ Frankreich, wo seit 2017 eine gesetzliche Quote von 40 Prozent greift (ab einer bestimmten Unternehmensgröße), die ganz klar Wirkung zeigt. 

Andererseits müssen Maßnahmen zur Erhöhung des Frauenanteils auch zum landesspezifischen Kontext passen. Irene Dorner, u.a. Board Chair beim britischen Hausbauer Taylor Wimpey plc, erklärt in einem Interview der Studie: „Im Vereinigten Königreich gibt es seit Jahren einen kulturellen Widerstand gegen Quoten.“ Was dort aber funktioniere, sei „naming and shaming“, also letztlich die Herstellung von Transparenz etwa durch Reporting. Immerhin erreicht das Vereinigte Königreich mit 30,1 Prozent einen besseren Wert als Deutschland und kommt weltweit auf Platz 9. Dorner verweist auf einen weiteren Erfolgsfaktor, ohne den Quoten allein wenig nützen: Auch auf tieferen Ebenen des Managements muss der Frauenanteil erhöht werden. Sonst fehlt der nötige Pool zur Rekrutierung des weiblichen Spitzenpersonals. 

Ebenfalls muss beachtet werden, dass Quoten in Unternehmen unterhalb der Mindestgrößen nichts bewirken. Hier kommt es stattdessen auf einen umfassenden Kulturwandel an, wie die Expertin Laura Whitcombe im Deloitte-Report im Hinblick auf Deutschland anmerkt. Sie arbeitet als Global Campaign Coordinator für die Organisation 30% Club, einem Verband für die Erhöhung der Frauenquote, der an der neuen Deloitte-Studie beteiligt ist. Gerade für den deutschen Mittelstand sind solche Initiativen diesseits regulatorischer Vorgaben wichtig. Es ist deshalb eine gute Neuigkeit, dass der 30% Club eine Zweigstelle in Deutschland plant, um dabei zu unterstützen. Die genannten Umstände ändern jedoch nichts daran, dass Quoten ein wertvoller Baustein für die Erhöhung des Frauenanteils in Führungsgremien bleiben. 

Eine häufige Kritik kann die Studie jedenfalls entkräften – dass Quoten nämlich zu einer Zunahme von Mehrfachmandaten führten. Einige Länder, in denen schon länger eine Quote existiert, weisen vielmehr genau im Gegenteil einen vergleichsweise niedrigen „stretch factor“-Wert bei weiblichen Board-Mitgliedern auf, also bei jener Metrik, mit der die Studienautoren Mehrfachmandate beziffern. Dazu gehören etwa Frankreich und Norwegen.

 

Diversität zahlt sich aus

 

Wie sollte es nun also weitergehen? Letztlich kommt es darauf an, sich zu vergegenwärtigen, dass die Erhöhung des Frauenanteils insbesondere auch den Unternehmen selbst nützt. Für Stakeholder wie etwa Investoren stellt das Thema im Rahmen von „Diversity, Equity, and Inclusion“ (DE&I) und der ESG-Ziele heute ein wichtiges Kriterium dar. Vor allem aber ist längst bewiesen, dass ein hoher Frauenanteil in Führungsgremien mit einer signifikant besseren finanziellen Performance korreliert. Weitere Anstrengungen sind also alles andere als eine moralische Pflichtübung, sondern allein schon ein Gebot der wirtschaftlichen Vernunft. Ob per Quote oder anders: Es gibt viele Wege, die zum Ziel führen. Die Hauptsache ist, dass die Reise jetzt entschlossen fortgesetzt wird. 

Studie "Women in the boardroom"

Hier können Sie sich die globale Studie "Women in the boardroom" herunterladen:

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Dr. Arno Probst

Dr. Arno Probst

Lead Center für Corporate Governance

Dr. Arno Probst ist Partner im Bereich Audit & Assurance, Leiter des Center für Corporate Governance und Regionalleiter Nord für den Mittelstand. Er verfügt über langjährige Berufserfahrung in Prüfung und Beratung insbesondere von größeren, international agierenden Familienunternehmen, auch mit Kapitalmarktorientierung (M-Dax, Tec-Dax, S-Dax etc.). Seine Schwerpunkte liegen zudem im Bereich der Corporate Governance und Compliance Beratung, maßgeblich in den Branchen Handel & Konsumgüter, Medien, Gesundheitswirtschaft, Technische Dienstleistungen, Medizintechnik, Real Estate, Public Services. Herr Dr. Probst publiziert regelmäßig zu Corporate Governance Themen und ist Lehrbeauftragter der Leuphana Universität in Lüneburg und Referent beim Handelsblatt und der ESMT. Er ist Mitglied des Fachbeirats der „Aufsichtsräte Mittelstand in Deutschland (ArMiD) e.V.“, Frankfurt, und war bis 2017 Vorsitzender des Arbeitskreises „Corporate Governance & Gesellschaftsrecht“ im IDW. Er ist Mit-Herausgeber des Rechnungslegungs-Kommentars Merkt/Probst/Fink, erschienen bei Schäffer-Poeschel 2017.

Annika Deutsch

Annika Deutsch

Partnerin | Audit & Assurance

Annika Deutsch ist Partnerin im Bereich Audit & Assurance von Deloitte Deutschland. Sie ist Wirtschaftsprüferin und Steuerberaterin und verfügt über fast 20 Jahre Erfahrung in Prüfung und Beratung von börsennotierten Unternehmen und großen internationalen Unternehmensgruppen. Dabei ist sie insbesondere für Unternehmen aus den Bereichen Manufacturing, Consumer Products und Real Estate tätig. Durch ihre langjährige Tätigkeit als Abschlussprüferin bei verschiedenen Unternehmen aus DAX, MDAX und SDAX ist sie mit Themen der Corporate Governance bestens vertraut. Weitere fachliche Schwerpunkte liegen in der Rechnungslegung nach IFRS und HGB, Enforcement-Verfahren und Nachhaltigkeitsberichterstattung sowie Begleitung von Kapitalmarktmaßnahmen.