Posted: 26 Aug. 2022

Die neuen Realitäten der 2020er auf den Arbeits- und Konsummärkten

Die 2020er Jahre werden auf den Arbeits- und den Konsummärkten einschneidenden Wandel mit sich bringen. Demographische Trends werden dabei die wichtigsten Treiber des Wandels sein. Durch die im laufenden Jahrzehnt erstmals spürbare Alterung schrumpft die Zahl der Arbeitnehmer dramatisch, während spiegelbildlich die Zahl der älteren Konsumenten zunimmt. Dieser Trend ist nicht nur auf Deutschland und Europa beschränkt, sondern betrifft weite Teile der Welt, vor allem Asien und speziell China. Dadurch entstehen am Arbeitsmarkt neue Knappheiten und ein tiefgreifender Strukturwandel, die beide durch Automatisierung nur teilweise gemildert werden können. Auf den Konsumentenmärkten wird die Silver Economy ein entscheidender Wachstumstreiber und Generationen-spezifischer Konsum wird auf Branchen- und Unternehmensebene Gewinner und Verlierer hervorbringen.

Demographische Trends entfalten sich nur sehr langsam und langfristig, so dass sie leicht in Vergessenheit geraten. Wenn demographische Kipp-Punkte erreicht werden, sind die Auswirkungen dann allerdings sehr schnell spürbar. Neu im laufenden Jahrzehnt wird sein, dass die seit langer Zeit prognostizierten demographischen Entwicklungen und speziell die Alterung der Gesellschaft mit den damit verbundenen tiefgreifenden ökonomischen Auswirkungen unmittelbar auf den Arbeits- und Konsummärkten spürbar werden.

 

Arbeitsmärkte: Die neuen weltweiten Knappheiten

 

Die alternde Gesellschaft war bisher ein eher abstraktes Konzept für die fernere Zukunft. Diese beginnt allerdings jetzt. In Deutschland wird die erwerbsfähige Bevölkerung, also im Alter von 15 bis 64 Jahren, nach Szenarien des Statistischen Bundesamtes am Anfang der 2020er Jahre zwischen 50.000 und 200.000 pro Jahr schrumpfen. Am Ende des Jahrzehnts wird sie sich um 500.000 bis 600.000 Menschen pro Jahr verkleinern. Insgesamt stehen dann bis zu vier Millionen weniger Arbeitnehmer zur Verfügung. Der Grund ist klar: die nachwachsenden Generationen sind zahlenmäßig sehr viel kleiner und die geburtenstarken Jahrgänge gehen nach und nach in Rente. Im Vergleich zur Generation X, also den heute 43- bis 57-Jährigen zählt die jüngere Generation Z, also die heute 13- bis 27-Jährigen, über fünf Millionen weniger Mitglieder. Jüngere Arbeitnehmer werden damit zur Mangelware und ein neuer Generationenmix entsteht am Arbeitsmarkt.

 

Die internationale Dimension

 

Deutschland steht damit nicht allein da. In Europa sind vor allem Italien, Polen, Spanien und Griechenland mit einer ähnlich dramatischen Entwicklung und sehr viel weniger jüngeren Arbeitnehmern konfrontiert. Dies ist für Deutschland vor allem deshalb relevant, weil diese europäischen Länder zu den Hauptherkunftsstaaten für ausländische Arbeitnehmer in Deutschland gehören. Unter diesen Bedingungen dürfte es alles andere als einfach werden, die demographischen Trends durch Zuwanderung abzufedern oder gar auszugleichen.

Damit ist der aktuelle Arbeitskräftemangel kein temporäres Phänomen, sondern gibt einen Vorgeschmack auf die Arbeitsmarktsituation in den 2020er Jahren. Zu erwarten ist ein sehr harter Kampf um Talente, der auch weltweit einsetzen wird, denn der demographische Wandel wird zunehmend zu einem globalen Problem. In China sinkt die Zahl der Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter bereits jetzt; ein Prozess, der sich in den nächsten Jahren nur noch beschleunigen wird. In anderen asiatischen Ländern wie Südkorea, Thailand oder vor allem Japan läuft dieser Prozess schon länger. Die Ausnahmen von der Regel finden sich im laufenden Jahrzehnt vor allem in Indien und Afrika, wo die erwerbsfähige Bevölkerung weiterhin zunehmen wird. 

 

Automatisierung wird Trend nicht umkehren

 

Die zunehmende Automatisierung wird den Trend der knappen Arbeitskräfte zwar abmildern, aber nicht stoppen oder gar umkehren können. Das liegt an einem zweiten Effekt des demographischen Wandels auf den Arbeitsmarkt. In einer alternden Gesellschaft steigt die Nachfrage nach personalintensiven Dienstleistungen enorm, vor allem im medizinischen Sektor. Auch wenn nach Deloitte-Berechnungen ein Drittel der Arbeitszeit über alle Berufe hinweg durch Technologie ersetzt werden kann, steigt die Nachfrage nach Arbeitskräften in Deutschland trotzdem, bis 2035 um netto 1,3 Millionen. Insgesamt kommt es zu einem erheblichen Strukturwandel und zu großen Verschiebungen zwischen Sektoren und Berufsgruppen, mit medizinischen und technologienahen Berufen als Gewinner und Berufen mit überwiegender Routinetätigkeit als Verlierer. Insgesamt dürfte es zu keinem Rückgang der Nachfrage nach (menschlichen) Arbeitskräften kommen, ganz im Gegenteil.

Neben den direkten Effekten können die Umbrüche auf den Arbeitsmärkten auch Konsequenzen auf die Inflationsentwicklung haben. Das geringere Angebot an Arbeitskräften dürfte die Löhne steigen lassen und könnte dann in der Folge verstärkende Auswirkungen auf die Inflation haben. In dieser Interpretation könnte die derzeitige Inflationsentwicklung wegen der Corona-Krise, Lieferkettenproblemen und explodierenden Energiepreisen zwar temporär sein, aber sie könnte durch die Alterung der Gesellschaft nahtlos auf ein höheres Level übergehen. 

 

Die Entstehung der globalen Silver Economy

 

Spiegelbildlich zum Rückgang der erwerbstätigen Bevölkerung steigt die Zahl der Älteren weltweit, mit weitreichenden Folgen für die Konsummärkte. Bis 2030 dürfte die Zahl der über 60-Jährigen circa 400 Millionen steigen. Dieser Zuwachs bedeutet, dass eine neue Konsumentengruppe entsteht, die um ein Fünftel größer ist als die Bevölkerungszahl der USA. In Deutschland wird die Gruppe der über 65-Jährigen nach Berechnungen des Statistischen Bundesamtes bis 2030 um ungefähr 3,5 Millionen Personen wachsen.

Zum Zuwachs der schieren Zahl der älteren Konsumenten kommt noch, dass Kaufkraft und Vermögen sehr stark bei den Älteren konzentriert ist. Diese hatten schließlich mehr Zeit, um Einkommen zu erzielen, Vermögen aufzubauen, von dem Immobilienboom der letzten Dekade zu profitieren und zu erben. All das treibt ihre Konsumausgaben immens. Schätzungen von Standard Chartered zeigen, dass sich die Konsumausgaben der älteren Verbraucher in den G7-Volkswirtschaften zwischen 2015 und 2030 verdoppeln. Ein wichtiger Schwerpunkt der Silver Economy wird China werden. In China leben heute schon über 130 Millionen Senioren, ziemlich genau doppelt so viele wie die Gesamtbevölkerung des Vereinigten Königreiches. Nicht nur ihre Zahl, sondern auch die Konsumausgaben der chinesischen Senioren werden im Laufe des Jahrzehnts explodieren und sich auf 2,8 Billionen US-Dollar versiebenfachen.¹

Insgesamt gibt es damit in den 2020er Jahren einen ziemlich verlässlichen Wachstumsmarkt. Die Silver Economy wird das Wachstum auf den Konsumentenmärkten entscheidend treiben und das nicht nur in den Industrieländern, sondern auch in China und anderen asiatischen Märkten. Die allgemeine demographische Dynamik und die Kaufkraft sind auf der Seite der Älteren. 

 

Die Generationen-Ökonomie

 

Manche Profiteure dieses Wandels sind dabei offensichtlich, andere weniger. In erster Linie wird das Gesundheitswesen dazugehören. Im Vergleich zu den unter 25-Jährigen geben Angehörige der Altersgruppe über 65 in den USA mehr als das Vierfache ihres sowieso schon deutlich höheren Einkommens für Gesundheit aus. Die Pflege und medizinische Produkte werden dadurch starken Aufwind erleben. Ebenso helfen die Konsummuster der älteren Generation anderen Branchen wie Einrichtung und Immobilieninstandhaltung, Luxus-Güter und Premium-Automobile. Wohl am deutlichsten zeigt der Haustier-Markt die aktuelle Konsumverschiebung: Ältere Konsumenten stecken ihr Budget für Unterhaltung eher in Haustiere als in Clubs und Kinobesuche, was die Zahl der Haustiere wie auch die Ausgaben dafür stark steigen lässt. Inzwischen sind spezialisierte Investmentfonds entstanden, die exklusiv in globale Aktien aus dem Bereich Tierwohl und Tiergesundheit investieren.

Das heißt aber umgekehrt nicht, dass alle Unternehmen und Sektoren, die demographischen Gegenwind haben, zwangsläufig auf dem absteigenden Ast sind. Es kommt darauf an, wie sie sich auf die neue Konsumentenwelt einstellen. Die Fahrradbranche ist hierfür ein gutes Beispiel. Eigentlich ist Alterung und damit kleinere jüngere Generationen ein Problem für Fahrradhersteller; mit zunehmendem Alter nimmt die Fahrradbegeisterung eher ab und die Zahl der Verkäufe sollte sinken.  Allerdings kann dies durch neue Produkte für die ältere Zielgruppe aufgefangen oder sogar überkompensiert werden. In den letzten Jahren entstand durch E-Bikes ein völlig neues Segment, die Zahl der verkauften E-bikes in Deutschland hat sich seit 2015 verdreifacht, wobei sie deutlich teurer als normale Fahrräder sind. Das demographische Profil der Käufer zeigt das Potenzial der Silver Economy. Mit Abstand am häufigsten werden E-Bikes von der Altersgruppe 65-69 gekauft, gefolgt von den 70-79 jährigen und den 55-64 jährigen.

Generell sind die Möglichkeiten für Innovationen im Hinblick auf die Bedürfnisse älterer Konsumenten riesig. Sie reichen von digitalen Plattformen, die Mitglieder der 50+ Generation über ihre Interessen und Hobbies verknüpfen bis zu Angeboten für gesundheitliche Probleme, wie beispielsweise beginnende Demenz durch Übungen und Lernen zu lindern. Innovationen in diesem Bereich können aber auch digitale Plattformen für Pflegedienstleistungen oder spezielle Mobile-Banking Plattformen sein, die neben Banking verschiedene Dienstleistungen für ältere Konsumenten - wie Versicherungen, Gesundheitsdienstleistungen, Reiseangebote - zusammenführen.

Insgesamt werden durch diese Trends Konsum und Arbeitsmärkte im laufenden Jahrzehnt einen tiefgreifenden Wandel erleben. Die demographischen Trends und ihre Auswirkungen dürfen von daher nicht mehr als Hintergrundfaktoren behandelt werden. Sie gehören ganz vorne auf die Agenda von Politik und Unternehmen genauso wie von Investoren und werden über die Wachstumschancen und die Wettbewerbsfähigkeit von Unternehmen entscheiden.

 

 

 

¹  Standard Chartered: Ageing – Passing the Baton to Asia, https://av.sc.com/corp-en/content/docs/2017-02-15-Ageing-report-1.pdf, 2017.

Teil 1: Welche Makro-Trends prägen die 2020er Jahre?

Für CFOs als Gestalter der Transformation ist es bei aller Bereitschaft zum Wandel entscheidend, den Spagat zwischen zukunftsweisender Vision und operativem Pragmatismus zu schaffen. Erfahren Sie hier mehr.

Teil 2: Die neue globale Dienstleistungsökonomie in der Post-Corona Wirtschaft

Lesen Sie in diesem Executive & Board Briefing, wie sich die globale Dienstleistungsökonomie in der Post-Corona Wirtschaft verändert hat.

Ausblicke auf die 7 entscheidenden ökonomischen Trends des Jahrzehnts

Das vorliegende Executive Briefing basiert auf dem Buch „Die Post-Corona-Wirtschaft – Ausblicke auf die 7 entscheidenden ökonomischen Trends des Jahrzehnts“ von Dr. Alexander Börsch, Chefökonom & Leiter Research bei Deloitte Deutschland.

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Dr. Alexander Börsch

Dr. Alexander Börsch

Chefökonom & Director Research

Dr. Alexander Börsch ist Chefökonom und Leiter Research Deloitte Deutschland. Sein Fokus liegt auf der Analyse ökonomischer Trends und ihren Auswirkungen auf Unternehmen und Unternehmensumfeld. Er ist Autor zahlreicher Publikationen zu den Themen Wachstum und Konjunktur, Brexit, digitale Ökonomie sowie Wettbewerbsfähigkeit von Unternehmen, Städten und Ländern.