Posted: 01 Feb. 2022

Welche Makro-Trends prägen die 2020er Jahre?

Ob nach der Corona-Krise die Goldenen 20er Jahre des 21. Jahrhunderts anbrechen, ist möglich, aber ungewiss. Der Krieg in der Ukraine direkt nach der Corona-Pandemie und mögliche geopolitische Veränderungen machen hier erstmal wenig Hoffnung. Wie sich das Jahrzehnt wirtschaftlich entwickelt, wird neben der Geopolitik aber auch entscheidend davon abhängen, wie Unternehmen und Politik auf die Schlüsseltrends des Jahrzehnts reagieren. Bei allen Unsicherheiten und schwarzen Schwänen, die uns in der laufenden Dekade erwarten, gibt es einige entscheidende ökonomische Trends, die schwer umkehrbar und gleichzeitig absehbar sind, weil sie von strukturellen Faktoren angetrieben werden

Diese ökonomischen Trends - in erster Linie die nächste Entwicklungsstufe der digitalen Ökonomie und der demographische Wandel - setzen den Rahmen und die Leitplanken für die kommenden Entwicklungen. Sie können Aufschlüsse darüber geben, was die Wirtschaft bestimmen und wie sie sich verändern wird. Vor allem der Wandel in den wirtschaftlichen Strukturen und den Arbeits- und Konsummärkten wird für Unternehmen entscheidend sein.

Das Verständnis dieser Trends ist kein Luxus für Unternehmenslenker. Die ökonomischen Trends im Unternehmensumfeld prägen die Chancen und Risiken für Unternehmen und Industrien. Die Harvard-Managementprofessoren Mayo und Nohria haben für jedes Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts die Erfolgsfaktoren der jeweils erfolgreichsten Unternehmen sowie Veränderungen im Unternehmensumfeld analysiert. Ein Kernergebnis ist, dass sich der unternehmerische Erfolg nicht mit Persönlichkeitsmerkmalen oder der Genialität der Unternehmenslenker erklären lässt. Die „contextual intelligence“ von Unternehmenslenkern und Unternehmern, also das Verständnis und die Aufmerksamkeit für die Makro-Faktoren, war zentraler Bestandteil dieser Erfolgsgeschichten. Wie sich Unternehmen in den Wandel im demographischen, technologischen, politischen und sozialen Umfeld einfügten und die Chancen erkannten, war entscheidend.

Psychologische Fallstricke

Und dennoch erhalten die langfristigen ökonomischen Trends nicht die Aufmerksamkeit im Unternehmensalltag, die ihnen eigentlich zukommen müsste. Die relativ junge akademische Disziplin der Verhaltensökonomie, die sich mit psychologischen Verzerrungen von Entscheidungen beschäftigt, führt dazu mehrere Gründe ins Feld. Erstens genießen sehr kurzfristige Trends und Herausforderungen höhere Priorität als langfristige, die sehr viel weniger in den Medien, im Tagesgeschäft und damit im Bewusstsein vorkommen. Aktualität schlägt Relevanz.

Zweitens wird die Gegenwart psychologisch sehr viel höher gewichtet wird als die Zukunft, was zu Lasten langfristiger Pläne und Trends geht. Drittens beschäftigen sich Menschen lieber mit dem Vertrauten als mit dem komplizierten Wandel; damit verbunden ist noch die Tendenz, dass der Mensch zu vielen Wahlmöglichkeiten und Optionen lieber gar keine Entscheidung trifft. Im Endergebnis führen diese psychologischen Fallstricke dazu, dass langfristige Trends es schwer haben, trotz ihrer zentralen Bedeutung in Entscheidungen integriert zu werden und im Bewusstsein präsent zu sein. Dadurch dominieren die tagesaktuellen Themen und am Ende führen Entscheidungen nicht zu den Ergebnissen, die man sich erwartet.

Für Führungskräfte bedeutet dies, dass ihre Entscheidungen potenziell verbessert werden können. Das Verständnis, warum die Makro-Trends nicht genügend berücksichtigt werden ist der erste und wichtigste Schritt dabei, sie zu überwinden. Eine bewusste Einbeziehung der Trends in die strategischen Entscheidungen und die langfristige Planung von Unternehmen ist der zweite.

 

Was sind nun aber die Treiber des Wandels? 

Die nächste digitale Ökonomie

Der offensichtlichste Treiber ist der fortschreitende Wandel durch digitale Technologien. Sie haben in den letzten Jahren den Strukturwandel in der Wirtschaft vorangetrieben und werden dies weiterhin tun. Technologische Revolutionen in der Wirtschaft beruhen auf neuen Querschnitttechnologien, die branchenübergreifend in vielen Anwendungsfeldern eingesetzt werden und Grundlage für weitere Innovationen und Produktivitätssteigerungen sind. Die wirtschaftliche Bedeutung von Querschnittstechnologien wie der Dampfmaschine oder der Elektrizität liegt darin, dass sie einerseits die Struktur der Wirtschaft ändern und andererseits neue Wachstumszyklen einläuten können. An Kandidaten für neue digitale Innovationen in den 2020er Jahren herrscht kein Mangel. Der prominenteste ist sicherlich die künstliche Intelligenz mit ihrem Potenzial neue Querschnittstechnologie zu werden. Aber auch die Robotik, getrieben wiederum von künstlicher Intelligenz, macht enorme Fortschritte, genauso wie der 3-D-Druck, das Internet der Dinge, autonomes Fahren oder Quantum Computing. 

Demographische Trends

Der zweite zentrale Treiber des Wandels in den 2020er Jahren werden demographische Trends sein. Die Alterung der Gesellschaft und die Verschiebungen zwischen den Generationen waren schon seit langem absehbar, jetzt werden sie von einem abstrakten Zukunftsszenario zur Realität mit sehr spürbaren Effekten. So wird Deutschland mit einem Rückgang des Arbeitskräftepotenzials von gut vier Millionen und damit knapp zehn Prozent konfrontiert. Die Altersstruktur wird sich aber nicht nur auf dem alten Kontinent fundamental verändern. Die Geschwindigkeit der Alterung ist in Asien am höchsten, nicht zuletzt China altert äußerst rasant. Die Zahl der über 65-jährigen in der Volksrepublik nimmt in den 2020ern um über 100 Millionen Menschen zu. Demographische Trends umfassen aber mehr: Es geht genauso um die Verhältnisse zwischen Generationen sowie deren unterschiedliche Bedürfnisse, Werte und Konsumgewohnheiten. Oft vernachlässigt wird auch die geographische Dimension, die darüber entscheidet, wo bestimmte Alters- und Berufsgruppen leben wollen und was dies für Städte und Volkswirtschaften bedeutet.

Global verschiebt sich in den 2020er Jahren damit das erste Mal in der Geschichte der Menschheit der Schwerpunkt vieler Gesellschaften von den Jüngeren zu den Älteren. Dies wird eine unabsehbare Vielzahl von sozialen, kulturellen und politischen Folgen haben. In wirtschaftlicher Hinsicht sind die Auswirkungen in zwei Bereichen zentral. Zum einen sind dies Verschiebungen auf der Nachfrageseite, also welche Produkte und Dienstleistungen in einer älteren Gesellschaft gefragt sein werden. Zum anderen sind es die Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt, dem weniger und deutlich ältere Arbeitskräfte zur Verfügung stehen werden.

Die Nachhaltigkeits-Transformation

Neben diesen zwei strukturellen Treibern wirkt natürlich auch die Politik auf Wirtschaft und Unternehmen ein. Die meisten politischen Strömungen für die 2020er sind nicht abzusehen und damit keine Trends, sondern Unsicherheiten. Ein politisch getriebener Trend ist allerdings durchaus abzusehen. Die Transformation der Wirtschaft in Richtung Nachhaltigkeit wird das Jahrzehnt stark beeinflussen und die Rahmenbedingungen, aber auch die Wirtschaft selbst umgestalten. Dies vor allem deshalb, weil Nachhaltigkeit am Anfang des Jahrzehnts zunehmend in ganz unterschiedlichen Teilbereichen der Wirtschaft politisch verankert oder von Unternehmen aktiv vorangetrieben wird, die Spannbreite reicht von nachhaltiger Geldanlage bis zur zirkulären Wirtschaft. Gleichzeitig hat die Corona-Krise diese Verankerung durch den Fokus der enormen staatlichen Konjunkturprogramme generell beschleunigt und das gesellschaftliche Bewusstsein für Nachhaltigkeit hat eher zu- als abgenommen.  

 

Die Dimensionen des Wandels

Damit ergeben sich drei Dimensionen des Wandels in den 2020er Jahren, die absehbar sind. 

1 | Struktureller Wandel

Die erste Kategorie ist der Strukturwandel in der Wirtschaft, angetrieben vom technologischen Fortschritt. Dieser Strukturwandel läutet die Entstehung einer neuen digitalen Dienstleistungsökonomie ein – der bei weitem größte Sektor aller entwickelter Volkswirtschaften und der Motor der Beschäftigung. Die Veränderung dürfte großer sein als in der Industrie, weil letztere bereits hoch technisiert ist, der Dienstleistungssektor in vielen Feldern aber noch nicht. Digitale Technologien ändern die Art, wie Innovationen bei Dienstleistungen funktionieren, ebenso wie sie erbracht werden können und wie Geschäftsmodelle im Dienstleistungssektor aussehen. Im Ergebnis steht eine neue Symbiose des Dienstleistungssektors mit der Industrie und ein großes Potenzial für Produktivitätssprünge.

Dieser Wandel prägt eine neue Phase der Globalisierung. Der klassische Handel mit Gütern stagniert seit Jahren, der neue Wachstumsmotor sind die digitalen Dienstleistungen und der Austausch von Daten und Ideen. Die neue Handelbarkeit von digitalen Dienstleistungen lässt ganz neue Wachstumssegmente innerhalb der Globalisierung entstehen; Streaming-Dienste, Software-as-a-Service und geistige Eigentumsrechte sind Beispiele.

Diese Verschiebungen berühren auch die Wettbewerbsfähigkeit von Standorten. Die digitale Wettbewerbsfähigkeit von Ländern wird zu einem entscheidenden Faktor für Wohlstand und Produktivität. Internationale Vergleiche sehen Deutschland hier allerdings aktuell nur im Mittelfeld. Die Innovationslandschaft ändert sich durch digitale Technologien ebenso wie die führenden Firmen. Ob es gelingt, den digitalen Fortschritt, der momentan stark bei wenigen Superstar-Firmen konzentriert ist, breiter über die Unternehmenslandschaft zu streuen, wird über die Produktivitätsentwicklung der gesamten Wirtschaft in der nächsten Dekade entscheiden.

Der Standortwettbewerb findet aber nicht nur zwischen Ländern statt, digitale Innovation ballt sich global wie national extrem in wenigen Städten und Ökosystemen, wie dem Silicon Valley, aber nicht nur dort. Auch in Deutschland ist die digitale Innovationsfähigkeit sehr konzentriert. Diese Tech-Hubs , die Talente, Unternehmen und internationale Digitalinvestitionen magnetisch anziehen, werden sich in der nächsten digitalen Ökonomie zunehmend spezialisieren und es dürften neue Zentren für neue Technologien entstehen.

 

2 | Wandel der Märkte 

Ebenso ändern sich die Bedingungen auf den Arbeits- und Konsumentenmärkten. Auf den Arbeitsmärkten treffen in den 2020er Jahren mehrere Entwicklungen aufeinander: neue Arbeitsformen, neue Möglichkeiten der Automatisierung, ein neuer Generationen-Mix am Arbeitsplatz sowie weniger und ältere Arbeitnehmer. Ebenso beeinflusst der demographische Wandel die Nachfrage nach Berufen. Im Ergebnis wandelt sich die Arbeitswelt fundamental. Es ist dabei nicht zu erwarten, dass uns die Arbeit ausgeht; menschliche Arbeit hat nach wie vor große Wettbewerbsvorteile gegenüber ihrer technologischen Konkurrenz. Es ändern sich allerdings die entscheidenden Fähigkeiten, die auf dem Arbeitsmarkt nachgefragt sind, und die Berufe werden durch diese Trends sehr unterschiedliche Zukunftsaussichten haben. 

Auch auf den Konsumentenmärkten werden demographische Verschiebungen auftreten. Ältere Konsumenten werden zum Gravitationszentrum des Konsums in den meisten Teilen der Welt, wodurch sich die Struktur der Nachfrage ändert. Die sogenannte Silver Economy wird ein explosives Wachstum an den Tag legen. Gleichzeitig setzt sich der Aufstieg der asiatischen Konsumentenmärkte fort, ebenso wie der Trend zur Urbanisierung. Die Urbansierung steht trotz Corona-Pandemie vor allem in den Emerging Markets vor einer neuen Phase, was nicht zuletzt im rasanten Wachstum der Mega-Cities zeigt.

3 | Wandel der Politik

Im politischen und gesellschaftlichen Bereich haben sich am Anfang des Jahrzehnts die gesellschaftlichen und politischen Erwartungen an Unternehmen bezüglich Nachhaltigkeit und Transparenz substanziell geändert, ebenso wie die der Investoren und Finanzmärkte. In der Folge wird die Transformation in Richtung Nachhaltigkeit politisch verankert. Im Ergebnis werden die Unternehmen gläserner und transparenter, nicht-finanzielle Performance-Indikatoren werden wichtiger, ebenso wie die Interessen von neuen Stakeholder-Gruppen.

 

Wie dieser Wandel in den einzelnen Bereichen genauer aussieht und welche Folgen er für das wirtschaftliche Umfeld und für Unternehmen hat, wird in kommenden Ausgaben der Deloitte Executive & Board Briefings analysiert.

Die neue globale Dienstleistungsökonomie in der Post-Corona Wirtschaft

Lesen Sie in diesem Executive & Board Briefing, wie sich die globale Dienstleistungsökonomie in der Post-Corona Wirtschaft verändert hat.

Ausblicke auf die 7 entscheidenden ökonomischen Trends des Jahrzehnts

Das vorliegende Executive Briefing basiert auf dem Buch „Die Post-Corona-Wirtschaft – Ausblicke auf die 7 entscheidenden ökonomischen Trends des Jahrzehnts“ von Dr. Alexander Börsch, Chefökonom & Leiter Research bei Deloitte Deutschland.

Ansprechpartner

Dr. Alexander Börsch

Dr. Alexander Börsch

Chefökonom & Director Research

Dr. Alexander Börsch ist Chefökonom und Leiter Research Deloitte Deutschland. Sein Fokus liegt auf der Analyse ökonomischer Trends und ihren Auswirkungen auf Unternehmen und Unternehmensumfeld. Er ist Autor zahlreicher Publikationen zu den Themen Wachstum und Konjunktur, Brexit, digitale Ökonomie sowie Wettbewerbsfähigkeit von Unternehmen, Städten und Ländern.