Posted: 16 Oct. 2022

Tech Nachhaltigkeitsstrategie:    Die zentrale Rolle des CIO

Es besteht kein Zweifel: Nachhaltigkeit ist eines der drängendsten Themen der Gegenwart. Dabei sticht angesichts des Klimawandels und der damit verbundenen Risiken unter den ESG-Dimensionen (Environment, Social, Governance) das „E“ ganz besonders hervor. Natürlich auch für die Wirtschaft. Regulatoren, Investoren und nicht zuletzt Kunden verlangen heutzutage zunehmend klimafreundliche Prozesse und Produkte von den Unternehmen. Verbraucher sind sich weitgehend einig darin, dass Marken eine klare Verantwortung für Nachhaltigkeit haben. Doch was die konkrete Umsetzung angeht, besteht immer noch viel Potenzial. 

Besonders vielversprechend ist die Verknüpfung des Nachhaltigkeitsthemas mit dem anderen großen Mega-Trend unserer Zeit, der Digitalisierung. Neue datengetriebene Ansätze können das Nachhaltigkeitsprofil von Unternehmen massiv verbessern – und somit kommt vor allem CIOs eine zentrale Rolle bei der Sustainability-Transformation zu. Technologie-Leiter haben jetzt die Chance, Nachhaltigkeit in zwei Dimensionen voranzutreiben: Green IT und IT for Green. Einerseits verringern sie dabei in der Dimension Green IT den CO2-Fußabdruck der technologischen Infrastruktur, etwa durch ein Absenken des Energieverbrauchs der IT (Hardware, Software, Rechenzentren etc.). Die Digitalisierung sollte nachhaltig, ressourcenschonend und effizient umgesetzt werden. Es wird prognostiziert, dass der Anteil von Informations- und Kommunikationstechnologie an den globalen Treibhausgas-Emissionen von 1,5 Prozent im Jahr 2007 auf fast 14 Prozent im Jahr 2040 ansteigen wird

Der Handlungsbedarf im IT-Bereich liegt also auf der Hand. Andererseits sorgen CIOs in der zweiten Dimension IT for Green aber auch dafür, dass innovative digitale Lösungen für mehr Nachhaltigkeit im ganzen Unternehmen und entlang der Wertschöpfungskette implementiert werden. Datengetriebene Projekte, eine nachhaltige Tech-Strategie und verbesserte Transparenz stellen hierbei die wichtigsten Aspekte dar. Der Energieverbrauch des Unternehmens wird durch IT-gestützte Nachhaltigkeitsprojekte gesenkt, IT-Systeme und -Tools ermöglichen eine nachhaltige Prozessoptimierung. CIOs müssen sich in diesem Kontext insbesondere auch in den Bereichen Data Analytics sowie Data Sourcing engagieren, denn sowohl Green IT als auch IT for Green erfordern eine verlässliche Datenbasis.

 

Daten und Insights schaffen die Grundlage

Ohne präzise Informationen lässt sich das Nachhaltigkeitsthema nicht steuern. Nötig sind hierfür Real-Time-Daten zu CO2-Fußabdruck, Lieferkette und zum Finanzeffekt nachhaltiger Aktivitäten, wie etwa Umsätze aus neuen grünen Geschäftsmodellen oder Kostenvorteile durch sparsamere Technologie. Aus der Sicht vieler Führungskräfte bestehen auf diesem Gebiet aktuell aber noch kritische Hürden. Eine Herausforderung für CIOs liegt etwa darin, dass die Erhebung, Dokumentation und Analyse der Daten aus den einzelnen Bereichen oft die anspruchsvolle Zusammenführung aus sehr unterschiedlichen Quellen und Systemen voraussetzt. Außerdem müssen vielfach erst noch stringente Ansätze für die interne Kontrolle dieser Informationen etabliert werden. Denn in vielen Unternehmen liegen sie heute lediglich für Finanzinformationen und das Risikomanagement vor. Wenn CIOs das Management von Nachhaltigkeitsdaten mit den existierenden Kontrollsystemen abstimmen, hat das darüber hinaus auch regulatorische Vorteile. Neue Vorgaben etwa zur Offenlegung von Nachhaltigkeitsinformationen werden so proaktiv antizipiert. 

 

Technologische Potenziale für die Sustainability-Transformation

Eine integrierte Plattform für das Nachhaltigkeits-Reporting ist vor diesem Hintergrund ein besonders probates Mittel. Durch Automatisierung werden Datensammlung, Analytics und Berichte zu Nachhaltigkeitsthemen dabei noch einmal wesentlich beschleunigt und in der Qualität verbessert. Eine Vereinheitlichung der Reporting-Standards ermöglicht, dass nicht-finanzielle Informationen besser kommuniziert werden. Blockchain-basierte Ansätze helfen beim Nachhaltigkeits-Tracking in der Lieferkette, datengetriebene Methoden wie Predictive Analytics unterstützen zusammen mit Enterprise-Anwendungen die Kreislaufwirtschaft und reduzieren den CO2-Fußabdruck. 

Für möglichst aussagekräftige Daten sollten auch „Carbon Proxies“ wie Elektrizität ausgewertet werden, die präziser sind als manche existierenden Messmethoden und bessere Vergleichbarkeit erlauben. Wichtig ist eine enge Kooperation mit den Business-Einheiten, wobei sich die Schwerpunkte je nach Branche unterscheiden. Bei Konsumgüter-Herstellern liegen beispielsweise Chancen im zirkulären Wirtschaften und in der globalen Transportlogistik. Die Agrarindustrie kann Satellitendaten und IoT-Geräte für eine nachhaltige Optimierung der Produktion einsetzen. Lebensmittelhändler reduzieren durch digitale Tools ihr Abfallaufkommen. Im Finanzsektor können papierbasierte Prozesse digitalisiert werden, während Online-Banking-Services den Klimabeitrag durch Filialen minimieren. Ähnliche Umweltvorteile eröffnet die Telemedizin im Gesundheitssektor. 

 

Die Cloud als Nachhaltigkeits-Paradigma 

Tech-Initiativen für nachhaltige Business-Prozesse sind ein äußerst wirksamer Hebel. Aber natürlich sollten CIOs auch vor ihrer eigenen Haustür kehren, also im Sinne von Green IT den Klimabeitrag der eingesetzten Technologie selbst reduzieren. Dabei hat der Übergang zu Cloud-basierten Anwendungen neben Vorteilen wie Prozessoptimierung und Kostenreduktion auch ein enormes Nachhaltigkeits-Potenzial. Ohne Cloud-Anwendungen, also bei weiterer Verwendung von lokalen Legacy Data Centers „on premises“, würde der Anteil von Rechenzentren am weltweiten Elektrizitätsverbrauch im Jahr 2030 voraussichtlich 20 Prozent betragen. Mit einer umfassenden Migration in die Cloud beläuft er sich demgegenüber 2030 nur auf 8 Prozent – eine erhebliche Reduktion. Auf das einzelne Unternehmen bezogen, kann die Cloud-Migration eine Energieeinsparung von 80 Prozent bewirken. Aber auch On-Premises-Infrastruktur bietet Einsparpotenziale, etwa im Bereich Kühlung. Grundsätzlich sollten Nachhaltigkeits-Aspekte zukünftig in alle Technologie-Entscheidungsprozess einfließen. Und komplementär dazu sollten CIOs alles daransetzen, die neuen Technologien in Partnerschaft mit den anderen Top-Executives als strategischen Hebel für unternehmensweite Nachhaltigkeit einzusetzen.

 

Über den Tellerrand hinaus

Doch die Initiative der CIOs darf nicht an den Unternehmensgrenzen halt machen. Für eine erfolgreiche Sustainability-Transformation ist eine Berücksichtigung der Lieferkette unerlässlich. Denn der größte Anteil des Klimabeitrags von Unternehmen entfällt auf Scope-3-Emissionen, also auf solche, die außerhalb des unmittelbaren Zugriffs der Organisation liegen. Damit wird die Auswahl des Cloud-Providers zu einem Nachhaltigkeitsthema. Es sind solche Anbieter zu bevorzugen, die eine klimafreundliche Energieversorgung garantieren. Aber auch andere externe Partner und Zulieferer sollten zu definierten Nachhaltigkeitskriterien verpflichtet werden. Laut dem Deloitte CxO-Report ist das erfreulicherweise schon bei 46 Prozent der Unternehmen der Fall. CIOs können auch innerhalb der Branche Kooperationen mit Wettbewerbern mit Blick auf das Lieferketten-Management anstoßen. So sorgen sie für einheitlichere Standards, schaffen Transparenz und erhöhen die Vergleichbarkeit – zum Nutzen aller Beteiligten. 

 

Der Zeitpunkt zum Handeln ist gekommen

Verringerung des Klimabeitrags der eigenen Tech-Infrastruktur einerseits, Konzeption technologischer Nachhaltigkeitsinitiativen im Business andererseits: Durch ihr doppeltes Handlungspotenzial spielen CIOs eine zentrale Rolle für die Nachhaltigkeit der Organisation. Um die Transformation zügig voranzubringen, können CIOs mit folgenden Fragen starten:

  • Wie gelangt das Unternehmen an eine möglichst präzise Einschätzung des CO2-Fußabdrucks? 
  • Welche Tools helfen der Organisation beim Handel mit Klima-Zertifikaten? 
  • Wie können CIOs Datenerhebung und Transparenz optimieren?
  • Wie können CIOs durch Kooperation mit C-Level-Kollegen den Nachhaltigkeitsfokus des Unternehmens schärfen? 
  • Wie können CIOs die Mitarbeiter über den Klimabeitrag eingesetzter Technologien aufklären und einen Wandel im Verhalten erzielen?
  • Mit welchen Technologien können CIOs mögliche Nachhaltigkeits-Ansätze auf ihre Effizienz hin bewerten?
  • Welche Formen der Zusammenarbeit mit Zulieferern und anderen Partnern bieten sich an, um die Nachhaltigkeit in der Lieferkette zu erhöhen?

 

Wenn CIOs diese Fragen für ihre Organisation beantworten, haben sie schon einen großen Schritt auf dem Weg zu mehr Nachhaltigkeit zurückgelegt. Von Digitalisierung über Reporting bis zur Infrastruktur: Für CIOs gilt es jetzt, alle Technologie-Investitionen durch die strategische Brille der Nachhaltigkeitsziele des Unternehmens zu betrachten. So werden CIOs zu echten Sustainability-Champions und bringen die Transformations-Agenda entscheidend voran.

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Ihr Ansprechpartner

Andreas Klein

Andreas Klein

Partner | Technology Strategy & Transformation

Andreas Klein ist Partner im Bereich Technology Strategy & Transformation und verantwortet dort das Market Offering Technology Strategy, Vision & Architecture sowie das CIO-Programm. Er verfügt über langjährige Erfahrung in der Managementberatung und arbeitet für Vorstände und CIOs an der Entwicklung von IT-/Digital-Strategien, IT-Betriebsmodellen und Sourcing-Konzepten sowie an der Entwicklung und Durchführung zugehöriger komplexer Transformationsprogramme. Er berät seine Kunden zu diesen Themen branchenübergreifend (z.B. in den Sektoren Banken und Versicherungen, produzierendes Gewerbe/ Automobilbranche, Transportwesen sowie Technologie, Medien und Telekommunikation).