Posted: 25 Nov. 2022 7 Lesezeit

TMT Sector Briefing: Europäische CFOs schalten in den Krisenmodus

Die Geschäftsaussichten innerhalb der europäischen Technologie-, Medien- und Telekommunikationsbranche haben sich weiter eingetrübt. Besonders Investitionsausgaben stellen TMT-Unternehmen derzeit überdurchschnittlich häufig auf den Prüfstand. Das zeigen die Ergebnisse der Herbstausgabe des Deloitte CFO-Survey, für den 1.151 Finanzverantwortliche1 europäischer Unternehmen befragt wurden, davon 93 aus der TMT-Industrie. 

Schon im Frühjahr drückten der Ukraine-Krieg und seine geopolitischen und wirtschaftlichen Folgen die Stimmung innerhalb der Technologie-, Medien- und Telekommunikationsbranche. Ein halbes Jahr später haben sich viele Krisenfaktoren weiter verstetigt und verstärkt: Der andauernde Krieg in der Ukraine und die in der Folge explodierenden Energiepreise, eine hohe Inflation, die wirtschaftliche Schwäche in China und den USA sowie die Kehrtwende in der Geldpolitik bilden eine Gemengelage, die den CFOs wenig Grund zur Zuversicht bietet. 

 

TMT-Stimmung sinkt parallel zur Gesamtwirtschaft

Folglich bewerten 53 Prozent der TMT-Finanzverantwortlichen die aktuelle Situation verglichen mit der Lage vor drei Monaten pessimistischer, während nur 13 Prozent mehr Grund für Optimismus sehen. Abbildung 1 illustriert die jeweiligen Nettosalden („optimistisch“ minus „pessimistisch“) im Verlauf der vergangenen sechs Jahre. Hier zeigt sich auch: Mit ihrer Einschätzung der gegenwärtigen Geschäftsaussichten bewegen sich die CFOs aus der Technologie-, Medien- und Telekommunikationsindustrie zuletzt fast genau auf dem branchenübergreifenden Durchschnitt. 

Abb. 1: Wie beurteilen Sie die Geschäftsaussichten für Ihr Unternehmen* im Vergleich zu vor drei Monaten?

Investitionen werden zurückgefahren

Auch beim Blick nach vorn zeigen sich zunehmend Sorgenfalten in den Gesichtern der Finanzverantwortlichen. Bei der Frage, wie sich wesentliche Unternehmenskennzahlen in den kommenden zwölf Monaten entwickeln werden, steigt der Anteil derer, die bei Umsatz, Marge, Investitionen und Mitarbeiterzahl von einem Rückgang ausgehen (s. Abb. 2). Trotz dieser deutlich eingetrübten Erwartungen sind die Einschätzungen noch nicht dramatisch. Denn bei Marge und Mitarbeiterzahl erwarten nach wie vor die Mehrheit der CFOs für ihr Unternehmen im nächsten Jahr einen Anstieg. Auch hinsichtlich der Umsatzentwicklung sind die Einschätzungen der CFOs insgesamt positiv. Jedoch muss hier die Inflation als (nominaler) Umsatztreiber unbedingt berücksichtigt werden. Lediglich bei den Investitionsausgaben überwiegt der Anteil jener, die mit Kürzungen rechnen. Während nur noch 13 Prozent einen CAPEX-Anstieg ihres Unternehmens erwarten, prognostizieren 31 Prozent einen Rückgang. Nach dem Meinungsbild der CFOs dürften also besonders die Investitionsplanungen von TMT-Unternehmen von der aktuellen Krisensituation beeinflusst werden. 

Abb. 2: Wie beurteilen Sie die Aussichten für Ihr Unternehmen in den nächsten 12 Monaten (Nettosaldo*)?

TMT-Unternehmen überdurchschnittlich resilient – Ausnahme CAPEX

Wie sehen TMT-CFOs die künftige Branchenentwicklung im Vergleich zu ihren Kollegen aus den anderen Industrien? Auch hier hilft der Blick auf die wesentlichen Kennzahlen. Dabei wird deutlich, dass bei Umsatz, operativer Marge und Mitarbeiterzahl die Finanzverantwortlichen aus der Technologie-, Medien- und Telekommunikationsbranche ihre Unternehmen als überdurchschnittlich resilient einschätzen. So ist TMT neben Aerospace & Defense die einzige Industrie mit einem weiterhin leicht positiven Nettosaldo beim Margenausblick (s. Abb. 3). Dagegen fällt die erwartete Investitionszurückhaltung der TMT-Unternehmen auch beim Branchenvergleich deutlich ins Auge. Dem bereits dargestellten, deutlich negativen Nettosaldo der Technologie-, Medien- und Telekommunikationsindustrie steht im Branchendurchschnitt die Erwartung annähernd gleichbleibender Investitionsvolumina entgegen.

Abb. 3: Wie beurteilen Sie die Aussichten für Ihr Unternehmen in den nächsten 12 Monaten (Nettosaldo*)?

Risikofaktor Inflation

Die aktuell hohe Inflation ist aus Sicht der TMT-Finanzverantwortlichen kein kurzfristiges Problem. Dies unterstreichen die Rückmeldungen im Rahmen der Studie. Für das Jahr 2023 rechnen die CFOs im Schnitt mit einer Inflationsrate von sechs Prozent, für 2024 erwarten sie einen Rückgang auf vier Prozent. Vor diesem Hintergrund ist es wenig verwunderlich, dass Unternehmen mit gezielten Maßnahmen auf die steigenden Preise reagieren. Abbildung 4 zeigt, welche strategischen Schritte die CFOs in diesem Kontext priorisieren und welche Schwerpunkte speziell in der TMT-Industrie gesetzt werden.

Abb. 4: Welche der folgenden Strategien sind für Ihr Unternehmen wichtig, um mit den steigenden Preisen umzugehen?

Hierbei wird deutlich: Wie auch in den anderen Industrien sehen die europäischen TMT-Finanzverantwortlichen durchaus unterschiedliche Ansatzpunkte zum Abfedern der aktuellen Preissteigerungen. Aber in Technologie-, Medien- und Telekommunikationsunternehmen werden mitunter eigene Schwerpunkte gesetzt. An erster Stelle und deutlich häufiger als im Branchendurchschnitt wird eine Fokussierung auf besonders margenstarke Produkte oder Märkte genannt. Auch stärker differenzierte Angebote sowie optimierte Cashflows bewerten die TMT-CFOs in der aktuellen Situation als relevante Instrumente. Dagegen kommen Preiserhöhungen und gezielte Investitionen zur Kostensenkung für sie seltener in Frage als für ihre Kollegen aus den anderen Industrien. Dies gilt auch für Maßnahmen zur Reduktion des Energieverbrauchs, die in der stärker dienstleistungsorientierten TMT-Branche weniger essenziell sind als für Unternehmen mit hohem Produktionsanteil. Die Rückmeldungen der CFOs zeigen allerdings auch: Für einen großen Anteil der TMT-Finanzverantwortlichen sind im Umgang mit steigenden Preisen selbst solche Strategien enorm wichtig, deren Stellenwert in anderen Industrien noch höher eingeschätzt werden.

 

Fazit: Fokus auf Optimierung 

Die Herbstausgabe des CFO-Survey 2022 verdeutlicht: Die schlechten Aussichten aus dem Frühjahr sind mittlerweile bei den Unternehmen der europäischen Technologie-, Medien- und Telekommunikationsbranche angekommen. Mittlerweile führt nun das Zusammenspiel neuer und bestehender Risiken zu einer weiteren Eintrübung der Stimmung. Die CFOs schalten zunehmend in den Krisenmodus. Dennoch erwarten sie keine dramatischen Einbrüche bei den wesentlichen Kennzahlen. Weiterhin prognostiziert die Mehrzahl der CFOs für die nächsten zwölf Monate stabile oder sogar steigende Umsätze, Margen und Mitarbeiterzahlen.

 

Dennoch müssen TMT-Unternehmen in der aktuell unsicheren Gemengelage ihre Strategien den veränderten Realitäten anpassen. Doch sollte dies wohlüberlegt und dosiert erfolgen. Dies reflektieren auch die Rückmeldungen der 93 befragten TMT-Finanzvorstände. Sie priorisieren eindeutig die Optimierung bestehender Prozesse und Angebote gegenüber radikaleren Schritten. Bezeichnenderweise steht die Senkung von Personalkosten ganz hinten auf der Prioritätenliste – was vor dem Hintergrund des Fachkräftemangels in vielen europäischen Ländern mehr als nachvollziehbar ist. Stattdessen stellen TMT-Unternehmen aktuell Investitionen überdurchschnittlich stark auf den Prüfstand. Dabei dürften die Investitionen seltener grundsätzlich, sondern in erster Linie hinsichtlich des Investitionszeitpunktes hinterfragt werden. Denn trotz deutlicher Stimmungseintrübung sehen die europäischen TMT-CFOs ihre Unternehmen bei Umsatz und Profitabilität weiterhin gut aufgestellt.

[1] Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird auf die gleichzeitige Verwendung der Sprachformen männlich, weiblich und divers (m/w/d) verzichtet. Sämtliche Personenbezeichnungen gelten gleichermaßen für alle Geschlechter.

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Dr. Andreas Gentner

Dr. Andreas Gentner

Ind. Lead Technology, Media & Telecommunications

Dr. Andreas Gentner leitet europaweit den Industriebereich Technology, Media und Telecommunications (TMT). Er berät seine Kunden bei der Planung und Durchführung von Transformationsprojekten sowie bei der Operationalisierung ihrer Unternehmensstrategien. Zu Dr. Gentners Kunden zählen dabei sowohl internationale TMT-Konzerne als auch große Mittelstandsunternehmen. Dr. Gentner ist Autor zahlreicher TMT-Veröffentlichungen und Sprecher bei Industrieveranstaltungen im In- und Ausland.

Ralf Esser

Ralf Esser

Leiter Sector Insights & Studies

Ralf Esser leitet bei Deloitte das deutsche Sektor-Research-Team und ist darüber hinaus verantwortlich für Industry Insights im Bereich Technologie, Medien und Telekommunikation. Er verfügt über mehr als 20 Jahre Erfahrung als Analyst in der TMT-Industrie. Ralf Esser ist Autor und Co-Autor zahlreicher Studien, Fachartikel und Buchbeiträge und tritt regelmäßig als Referent bei Fachveranstaltungen und Konferenzen auf. Der aktuelle Schwerpunkt seiner Tätigkeit liegt in den Bereichen Digital Consumer, 5G sowie Digital Media. Ralf Esser studierte Volkswirtschaftslehre an der Universität zu Köln.