Posted: 07 Jun. 2022 10 Lesezeit

TMT Sector Briefing: Stimmungsumschwung und Unsicherheit, aber keine tiefen Sorgenfalten bei europäischen CFOs

Der Ukraine-Krieg und globale Lieferkettenprobleme trüben die Geschäftsaussichten für Unternehmen aus der Technologie-, Medien- und Telekommunikationsbranche (TMT). Dies zeigen die Rückmeldungen europäischer Finanzvorstände, die für den aktuellen Deloitte CFO Survey befragt wurden. Insgesamt 1.260 von ihnen haben im Frühjahr 2022 die konjunkturellen Aussichten für ihre Unternehmen eingeschätzt, davon 95 CFOs aus der europäischen TMT-Industrie. Der Stimmungsumschwung bei Technologie-, Medien- und Telekommunikationsunternehmen fällt aber weniger stark aus als in vielen anderen Branchen.

Mit dem Ukraine-Krieg, zunehmenden Inflationserwartungen sowie höheren Energie- und Frachtkosten verschlechterten sich zuletzt die Rahmenbedingungen auch für TMT-Unternehmen. Hinzu kommen der anhaltende Chipmangel sowie unterbrochene Lieferketten durch COVID-bedingte Abriegelungen von Millionenstädten in China. Vor dem Hintergrund dieser Gemengelage überrascht es kaum, dass 40 Prozent der befragten TMT-Finanzvorstände die aktuellen Geschäftsaussichten weniger günstig einschätzen als noch vor drei Monaten. 37 Prozent der CFOs betrachten die Lage als unverändert, während 22 Prozent die Situation im Frühjahr 2022 sogar optimistischer einschätzen.

 

Stimmungseinbruch weniger ausgeprägt als zu Beginn der COVID-Pandemie

Wie hat sich die Bewertung der Geschäftsaussichten im Zeitverlauf entwickelt? Abbildung 1 zeigt den Nettosaldo zwischen dem Prozentsatz der weniger optimistisch Befragten und dem der optimistischen Antworten. Bemerkenswert ist hierbei der Vergleich mit der Situation unmittelbar nach Ausbruch der Corona-Pandemie im Frühjahr 2020: Tatsächlich ist der aktuelle Stimmungsabschwung noch einmal deutlich ausgeprägter als zu Beginn der COVID-19-Krise. Seinerzeit war allerdings das Ausgangsniveau sehr viel niedriger, wodurch die Geschäftsaussichten heute insgesamt noch über den damaligen Einschätzungen liegen. Mit dieser Bewertung der aktuellen Situation stehen die TMT-CFOs nicht allein da. Ihre Rückmeldungen decken sich überwiegend mit dem branchenübergreifenden Stimmungsbild.

Abb. 1: Wie beurteilen Sie die Geschäftsaussichten für Ihr Unternehmen* im Vergleich zu vor drei Monaten?

 

Aussichten getrübt, aber nicht frei von Zuversicht

Auch der längerfristige Blick auf wesentliche Unternehmenskennzahlen verdeutlicht die eingetrübten Aussichten (s. Abb. 2). Die europäischen TMT-Finanzverantwortlichen erwarten innerhalb des kommenden Jahres eine deutlich weniger positive Entwicklung der KPIs als noch im Herbst 2021. Dies zeigen die jeweiligen Nettosalden („optimistisch“ minus „weniger optimistisch“) in der halbjährlichen Rückschau. Dabei ist zu beachten, dass TMT-CFOs die Perspektiven für ihre Unternehmen mit Blick auf alle Kennzahlen weiterhin positiv einschätzen. Der sehr optimistische Ausblick vor sechs Monaten ist jedoch Vergangenheit.

Abb. 2: Wie beurteilen Sie die Aussichten für Ihr Unternehmen in den nächsten 12 Monaten (Nettosaldo*)?

 

Die genaue Betrachtung der einzelnen Kennzahlen verdeutlicht: Den größten Einfluss der aktuellen Krisensituation sehen die Finanzvorstände im Bereich der operativen Margen. Hier rechnen 38 Prozent der CFOs nach wie vor mit einem Anstieg, 33 Prozent halten einen Rückgang der operativen Marge innerhalb des nächsten Jahres für wahrscheinlich. Im Herbst lag der Nettosaldo noch um stolze 38 Prozentpunkte höher (43 vs. 5 Prozent). Weniger stark werden nach Einschätzung der Finanzverantwortlichen die Umsätze ihrer Unternehmen leiden. Hier liegt der Rückgang des Nettosaldo bei 19 Prozent. Als deutlich stabiler werden die Aussichten für CAPEX und Mitarbeiterzahl bewertet. Der Rückgang der Nettosalden liegen hier bei gerade einmal 8 bzw. 3 Prozent.

 

Positivere Aussichten als in vielen anderen Branchen

Doch wo steht die Technologie-, Medien- und Telekommunikationsindustrie in der aktuellen Krisensituation im Vergleich zu anderen Branchen? Auch hier hilft der Blick auf die Einschätzungen der CFOs zu Umsatz, Marge, CAPEX und Mitarbeiterzahl. Stellt man die Erwartungen der TMT-Finanzverantwortlichen den branchenübergreifenden Durchschnittswerten gegenüber, so ergibt sich ein im Branchenvergleich deutlich weniger negatives Stimmungsbild. Abbildung 3 illustriert, dass der Nettosaldo („weniger optimistisch“ minus „optimistisch“) für alle vier der betrachteten Finanzkennzahlen bei Technologie-, Medien- und Telekommunikationsunternehmen positiver ausfällt als der Mittelwert der anderen Industrien. Besonders bei der Erwartung an die Entwicklung der Mitarbeiterzahlen liegt TMT mit an der Spitze. Hier zeigt sich, dass der Digitalisierungsschub durch COVID-19 weiterhin nachwirkt. Im Rahmen der Pandemie angeschobene Projekte werden absehbar fortgeführt, die Nachfrage nach qualifizierten Spezialisten insbesondere von IT-Service-Unternehmen bleibt weiterhin hoch.

Abb. 3: Wie beurteilen Sie die Aussichten für Ihr Unternehmen in den nächsten 12 Monaten (Nettosaldo*)?

 

Hardware besonders betroffen

Wie ist der aktuelle Stimmungsabschwung bei den TMT-Unternehmen aus einer Marktperspektive zu bewerten? In der Tat sind für die Branchenkonjunktur innerhalb kürzester Zeit diverse Brandherde entflammt, die sich mitunter gegenseitig anfachen. Neben geopolitischen Unsicherheiten und erheblichen Preissteigerungen als übergreifende Risikofaktoren haben zuletzt auch branchenspezifische Herausforderungen an Bedeutung gewonnen. Insbesondere die weiterhin bestehenden Engpässe bei Halbleitern und als Folge der chinesischen Null-COVID-Strategie geschlossene Fabriken belasten das Marktumfeld.

Allerdings sind nicht alle TMT-Segmente in gleichem Maße betroffen. Bei Telekommunikationsdiensten und Medien sind die oben genannten Effekte weitaus weniger spürbar als im Hardware-Bereich. Hier begrenzen auch in den nächsten Monaten fehlende Bauteile die Verfügbarkeit von Elektronikprodukten. In der Folge werden Kaufentscheidungen aufgeschoben – was gerade im Bereich Consumer Technology, der stark von regelmäßigem Geräteaustausch lebt, deutliche Auswirkungen auf die Umsatzseite haben wird. Eher indirekt betroffen sind IT-Services. Hier werden vereinzelt Kunden aus Branchen, die stärker unter der aktuellen Krisensituation leiden, Aufträge und Projekte aufschieben oder überdenken.

 

Chipmangel noch länger ein Thema

Wann ist bei den branchenspezifischen Faktoren der aktuellen Krise Besserung zu erwarten? Auch wenn sich der weitere Verlauf der Corona-Pandemie schwerlich prognostizieren lässt, so dürfte das Ende von Fabrikschließungen in China absehbar sein. Anders stellt sich die Situation bei Halbleitern dar. Noch zu Beginn dieses Jahres gingen Analysten davon aus, dass sich Angebot und Nachfrage bis Anfang 2023 wieder im Gleichgewicht befinden werden. Inzwischen schätzen Deloitte-Experten, dass der Chipmangel bis 2024 andauert. Bei einzelnen Halbleiter-Typen könnten die Engpässe sogar im schlechtesten Fall bis 2025 bestehen. Daran ändert auch die Errichtung neuer Produktionsstätten zunächst wenig, denn bis zu deren Fertigstellung vergehen zum Teil noch Jahre.

Die Unsicherheiten für die Technologie-, Medien- und Telekommunikationsbranche sind aktuell vielschichtig, der weitere Verlauf vieler Faktoren lässt sich allenfalls vage abschätzen. Neben den dargestellten branchenspezifischen Faktoren spielt die weitere Entwicklung des Krieges in der Ukraine eine Schlüsselrolle. Dessen Verlauf lässt sich heute jedoch ebenso wenig prognostizieren wie der Fortgang der Corona-Pandemie. TMT-CFOs müssen ihre Unternehmen noch einige Zeit durch unsicheres Fahrwasser steuern.

 

Download

Hier können Sie sich den Blogbeitrag als PDF herunterladen:

Weitere Beiträge der Sector Briefings

Die Deloitte Sector Briefings analysieren Themen, die die Branchen bewegen, um kurzfristig und agil auf aktuelle Markentwicklungen und Branchenthemen reagieren zu können.

Ihre Ansprechpartner

Dr. Andreas Gentner

Dr. Andreas Gentner

Ind. Lead Technology, Media & Telecommunications

Dr. Andreas Gentner leitet europaweit den Industriebereich Technology, Media und Telecommunications (TMT). Er berät seine Kunden bei der Planung und Durchführung von Transformationsprojekten sowie bei der Operationalisierung ihrer Unternehmensstrategien. Zu Dr. Gentners Kunden zählen dabei sowohl internationale TMT-Konzerne als auch große Mittelstandsunternehmen. Dr. Gentner ist Autor zahlreicher TMT-Veröffentlichungen und Sprecher bei Industrieveranstaltungen im In- und Ausland.

Ralf Esser

Ralf Esser

Leiter | TMT Insights Deutschland

Ralf Esser leitet bei Deloitte das deutsche Sektor-Research-Team und ist darüber hinaus verantwortlich für Industry Insights im Bereich Technologie, Medien und Telekommunikation. Er verfügt über mehr als 20 Jahre Erfahrung als Analyst in der TMT-Industrie. Ralf Esser ist Autor und Co-Autor zahlreicher Studien, Fachartikel und Buchbeiträge und tritt regelmäßig als Referent bei Fachveranstaltungen und Konferenzen auf. Der aktuelle Schwerpunkt seiner Tätigkeit liegt in den Bereichen Digital Consumer, 5G sowie Digital Media. Ralf Esser studierte Volkswirtschaftslehre an der Universität zu Köln.