Blockchain

Article

Blockchain – digitaler Hype oder Game Changer?

Eine Kette mit Potenzial 

Der Blockchain wird nicht weniger nachgesagt, als dass sie auf lange Sicht die Basis für jede Transaktion von Vermögenswerten sein wird und die Wirtschaft grundlegend verändert – ähnlich wie das Internet. Was steckt hinter dieser Technologie, wo liegen die Chancen und welche Hürden müssen noch genommen werden?

Ein Beitrag aus dem Deloitte-Jahresbericht 2016/2017

2008 ging ein Raunen durch die IT-Welt: In einem anonym veröffentlichten Dokument tauchte erstmals die Idee einer Kryptowährung auf. Ein Jahr später wurde die entsprechende Open-Source-Software veröffentlicht. Die Rede ist von Bitcoin, der ersten digitalen Währung. Ihre Grundlage bildet die Blockchain-Technologie. Zu diesem Zeitpunkt konnte außerhalb von Expertenkreisen kaum einer abschätzen, welche Auswirkungen diese neue Technologie mit sich bringen würde.

Mittlerweile ist klar, dass die Blockchain das Potenzial hat, eine vollkommen neue Basis für alle wirtschaftlichen Infrastrukturen zu schaffen. Die Blockchain eignet sich für jede denkbare Übertragung von eindeutig identifizierbaren Vermögenswerten und deren Dokumentation.
 

Technologie mit transformativem Potenzial

„Im Prinzip ist die Blockchain ein digitales Transaktionsregister, das Vorgänge zwischen zwei Parteien nahezu in Echtzeit und dauerhaft dokumentiert. Die Einträge werden kodiert miteinander verkettet und anschließend als Gesamt­datenpaket verschlüsselt. So sind die Daten rückwirkend unveränderlich und damit manipulationssicher“, erklärt Dr. Dirk Siegel, Leiter des Deloitte Blockchain Institute.

Anders als gewöhnliche Datenbanken ist die Blockchain dezentral verwaltet. Die Transaktionen liegen nicht auf einem einzelnen Server, sondern sind mit vollständigen identischen Kopien bzw. einem digitalen Fingerabdruck im Netzwerk verteilt. Das hat massive Auswirkungen auf bestehende Strukturen und Institutionen: Bisher fungieren Grundbuchämter, Börsen, Finanzinstitute und Staaten als Vermittler zwischen Transaktionsparteien. Doch die frei zugängliche Basistechnologie kann ihre Position als externe Zwischeninstanz künftig überflüssig machen.
 

„Die Daten in der Block­­chain sind rück­wirkend unver­änderlich und damit manipu­la­tions­sicher."

Dr. Dirk Siegel, Leiter Deloitte Blockchain Institute

Digitales Allorundwerkzeug für viele Wirtschaftszweige

Aus der Blockchain ergibt sich ein enormes Nutzungspotenzial, unterschied­lichste Anwendungsmöglichkeiten sind denkbar. Alle haben gemeinsam, dass sie Prozesse vereinfachen, automatisieren und verlässlicher machen. In der Wirtschaftsprüfung wird die Blockchain den Trend zur Reduzierung von Routinetätigkeiten verstärken. Das schafft bei Mitarbeitern Kapazitäten für anspruchsvollere Tätigkeiten, etwa das Bewerten von Risiken.

Doch die Blockchain sorgt nicht nur in einzelnen Berufsständen für Umbrüche. Da es sich um eine Grundlagentechnologie handelt, wird die davon ausgehende Transformation nahezu alle Branchen betreffen – vor allem jene, in denen Wertschöpfungsketten wegen vieler Zwischeninstanzen auf Vertrauen basieren.

 

Finanzdienstleister: Strukturbruch zuvorkommen

Besonders das Geschäft der Finanzdienstleister wird sich durch die Blockchain grundlegend verändern. Ihnen ist bewusst, dass die Technologie ihre Rolle als Intermediär bedroht. Künftig kann beispielsweise der Wertpapierhandel direkt zwischen den einzelnen Parteien erfolgen. Im internationalen Geldverkehr verringern sich die Transaktions­ge­büh­ren, Verträge werden in Echtzeit geschlossen und Forderungen automatisch mit vertrauenswürdigen Datenquellen und kodierten Geschäftsregeln verarbeitet.

Daher entwickeln Finanzdienstleister bereits eigene Anwendungen für die Blockchain und nehmen so eine Vorreiterrolle ein. In manchen Bereichen müssen jedoch erst die Grundlagen geschaffen bzw. geändert werden. Zum Beispiel verbietet aktuell das Wertpapiergesetz eine digitale Lösung für den Wertpapierhandel, die jedoch technisch durchaus möglich ist. Gerade bei Finanz­trans­aktionen sieht Siegel einen klaren Nutzen für die Blockchain: „Wir gehen davon aus, dass die Finanzinstitute ihren Kunden Zugang zu der Technologie verschaffen werden. Diese können dann selbst Blockchain-Register nutzen, etwa beim Wertpapier-, Vermögens- oder Immobilienhandel.“ Hier hat die Transformation bereits begonnen.

Die Blockchain zeichnet sich durch hohe Praktikabilität aus – der Auto­ma­ti­sie­rung sei Dank. Verkaufs- und Weiterverkaufsvorgänge werden verlässlich abgebildet. Und weil die Transaktionen mit einem Zeitstempel versehen sind, lassen sich so alle Arten von Dokumentenaufbewahrungspflichten erfüllen.
 

Energieversorger: Übersicht über komplexe Stromflüsse

Die Energiebranche steht seit einigen Jahren vor diversen neuen Heraus­forde­rungen, eine davon ist die Ökostromeinspeisung. Die Blockchain kann den Abrechnungsaufwand für Versorger erheblich erleichtern: „Wer speist ein, wer bezieht wann Strom? All das wird abgerechnet“, sagt Dirk Siegel. „Da kommen bisherige Systeme an ihre Grenzen. Viele Energieversorger suchen nach einer Lösung, die diese Daten auf einer Plattform integriert und dabei sowohl sicher als auch handhabbar ist. Und da kommt die Blockchain ins Spiel.“

Auch ist denkbar, dass Verbraucher auf Basis der Blockchain in Zukunft den mit einer eigenen Solaranlage produzierten Strom selbst vertreiben oder Lade­sta­ti­onen für Elektroautos im Internet vermieten. Die Dokumentation und Abrech­nung der dabei anfallenden immensen Datenberge sind nur technologisch zu bewältigen und erfordern ein praktikables und sicheres Verfahren, wie es die Blockchain bietet.
 

Automobilhersteller: System für Zukunftsfragen

Bei den Automobilherstellern ist der große Use-Case die Shared Mobility. Besonders in urbanen Räumen wird das Mobilitätssystem in Zeiten von Sharing Economy und vernetzten Autos künftig vollkommen anders aussehen. Nutzer kombinieren dann für ihre Wege nahtlos Carsharing-Angebote, autonome Taxis, öffentliche E-Bikes und das ÖPNV-Angebot. „Eigentlich sollte Shared Mobility hersteller- und verkehrssystemübergreifend funktionieren“, so Siegel. „Doch dafür brauchen wir zunächst ein gemeinsames Register, in dem alle Wettbe­werber interagieren können. Noch existieren entsprechende Konzepte nur inner­halb einzelner Ökosysteme, sind aber nicht allgemein verfügbar. So schafft man keinen Mehrwert für den Kunden.“ Dieses gemeinsame Register könnte die Blockchain sein.

Eine gemeinsame Blockchain würde zugleich weitere Fragen der Anbieter von Sharing-Modellen lösen, etwa das Identitätsmanagement bei der Risiko­ab­wä­gung bei etlichen Versicherungsfragen rund um Sharing-Systeme und -Modelle.
 

Auf dem Weg zum Durchbruch

Noch aber ist das Potenzial der Blockchain nicht ansatzweise ausgeschöpft – ihr Stand ist vergleichbar mit dem des Internets in den frühen 1990er-Jahren. Auf dem Weg zum Durchbruch der Technologie liegen noch einige Heraus­forde­rungen: Vor allem technische, strukturelle und regulatorische Hürden müssen überwunden werden.

Mit Ausnahme des Phänomens Bitcoin ist die Blockchain-Technologie bisher in Deutschland noch nicht bei den Endkunden sichtbar geworden. Das kann sich erst ändern, wenn das Konzept langfristig nachweislich sicher funktioniert und in einen entsprechenden regulatorischen Rahmen eingebunden ist – national wie international. So sind etwa in Sachen Datenschutz noch viele Fragen zu klären. Aktuell ist es Finanzinstituten untersagt, Daten an ihnen unbekannte Dritte zu geben. Bei der Blockchain ist dies aber unumgänglich. Auch andere zentrale Datenschutzansätze wie das „Recht auf Vergessen“ vertragen sich nicht ohne Weiteres mit den Charakteristika der Technologie.

Darüber hinaus müssen Unternehmen ihre Strukturen und Prozesse auf den Wandel einstellen. Sinkende Transaktionskosten werden zu mehr Handel und verbesserten Erlösmodellen führen. Entscheidend ist es da, frühzeitig Einsatz­möglichkeiten der Blockchain zu prüfen und die notwendigen Kapazitäten und Fähigkeiten aufzubauen. Zweifellos wird es noch Zeit brauchen, bis diese Technologie ihre volle Wirkung entfaltet. Dann allerdings werden die Ände­rungen vergleichbar mit der Erfindung der Druckerpresse, der Dampfmaschine und des Internets sein.