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„Wir müssen dabei sein“

Interview mit Dr. Theodor Weimer, CEO der HypoVereinsbank

Der Bankenmarkt ist in Bewegung. Niedrigzinsumfeld, immer härtere regulatorische Vorgaben und nicht zuletzt die Konkurrenz durch agile Wettbewerber mit digitalen Geschäftsmodellen stellen etablierte Finanzdienstleister auf die Probe. Dr. Theodor Weimer, der Vorstandssprecher der HypoVereinsbank, über steigende Komplexität, neue Geschäftsfelder und das Potenzial der Blockchain.

Ein Beitrag aus dem Deloitte-Jahresbericht 2015/2016

Herr Dr. Weimer, Regulatoren nehmen immer stärkeren Einfluss auf die Geschäftsmodelle der Finanzinstitute. Wie stellt sich die HypoVereinsbank darauf ein?

Ja, es ist richtig – und man mag es bedauern, aber wir Banken müssen uns das selbst zuschreiben. Aufgrund der Finanzmarktkrise ist die ehemals wenig regulierte Bankenbranche inzwischen zu einer hoch regulierten Industrie geworden. Die Auswirkungen sind weitreichend; es beginnt beispielsweise bei der Höhe des geforderten Kapitals in unterschiedlichen Säulen, geht über zur Mikro-Regulierung von Ratingmodellen und endet – neben vielem anderen – beim Nachweis notwendiger Personalkapazitäten für MaRisk-Compliance. Dass Regulatoren auch in Geschäftsmodelle eingreifen, empfindet der unternehmerische Bankier als besonders einschneidend. Aber Klagen hilft nichts – Regulierung trifft alle und ist einzuhalten. Sich dagegen aufzulehnen, lenkt nur vom Tun ab. Wie stellen wir uns also auf die strikteren Vorschriften ein? Wir bewahren den Überblick, welche Vorgaben in Bezug auf ein bestimmtes Produkt oder einen Prozessschritt zu berücksichtigen sind, wir investieren in IT- und Managementsysteme und reduzieren Komplexität innerhalb der Organisation.  

Mit der EU-Auditreform ändern sich auch die Spielregeln für die Jahresabschlussprüfung von Unternehmen von öffentlichem Interesse. Was bedeutet das für die Banken?

Vor allem steigende Komplexität, da die Reform in den einzelnen EU-Staaten unterschiedlich umgesetzt wird. Für global agierende Banken bedeutet es, dass die Suche nach einem unabhängigen konzernweiten Wirtschaftsprüfer mit internationaler Marktpräsenz und Erfahrung nicht einfacher wird. Denn zum einen sind die verschiedenen Rotationszyklen innerhalb der EU zu berücksichtigen; zum anderen spielen die Einschränkungen bei der Erbringung von Nichtprüfungsleistungen eine wesentliche Rolle.

Ein Blick in die Zukunft der Finanzbranche: Mit welchen Produkten und Services überzeugen Banken im digitalen Zeitalter?

Die Digitalisierung bietet eine riesige Chance für uns Banken, unsere Produkt- und Servicepalette anzupassen und besser auf die Kundenbedürfnisse zuzuschneiden. Aus dem klassischen Produktverkauf wird in den nächsten Jahren ein dramatisch verbesserter Service für den Klienten, der einen echten Mehrwert darstellt. Die Digitalisierung wird vollkommen neue Produkte und Services erbringen. Die Bank der Zukunft wird auch zum Arbitrageur von Informationen, Preisen, Drittanbietern. Banken werden – gerade auch vor dem Hintergrund des Niedrigzinsumfeldes – neue Geschäftsfelder in banknahen Bereichen anbieten. In wenigen Jahren wird mobiles Bezahlen per Smartphone der Standard sein. Wir werden ins Bankgeschäft optimierende Preis-Plattformen eingebaut haben. Wir werden all die Vorteile einer digitalen Vermögensverwaltung nutzen. Wir werden Push-Nachrichten schätzen lernen, die uns mitteilen, welche Assetklassen und welche Titel die erfolgreichsten Anleger gerade kaufen oder verkaufen. Der Phantasie sind fast keine Grenzen gesetzt. 

„Die Bank der Zukunft wird zum Arbitrageur von Informationen, Preisen, Drittanbietern. Banken werden neue Geschäftsfelder in banknahen Bereichen anbieten.“

Dr. Theodor Weimer, Vorstandssprecher der HypoVereinsbank

Neue Wettbewerber aus Near- und Nonbanking mischen die Branche mit alternativen Geschäftsmodellen kräftig auf. Wie ist Ihre Antwort auf die FinTechs – Abgrenzung oder Kooperation?

Das Thema Digitalisierung und die Etablierung einer Vielzahl von FinTechs sehen wir als unternehmerische Chance für uns. Wenn wir die Digitalisierung nicht nutzen, um uns wo nötig auch selbst zu kannibalisieren, dann werden es andere tun. Zudem stellen wir fest, dass der oft beschriebene Gegensatz zwischen FinTechs und Banken in der Realität nicht so groß ist. FinTechs wollen Geschäftsmodelle etablieren und ja – sie denken radikal neu und vom Kunden her. Aber sie wissen auch, dass sie fast immer Banken als Kooperationspartner brauchen. Wir könnten jede Woche in interessante FinTechs investieren. Denn als Bank sind wir bei FinTechs gleich in mehreren Funktionen gern gesehen: Wir haben eine Brand, wir genießen Vertrauen. Wir haben eine breite Kundenbasis. Wir können Regulierung, auch wenn es aufwendig ist. Wir verstehen die Produkte, Finanz- und Kapitalmärkte; wir haben ein gutes Verständnis von Liquidität, Funding und Risikomanagement. Wir wissen, wie Finanzierung funktioniert und wie nicht. Und wir sind eben auch attraktive Investoren. Insofern, wie sagen die Amerikaner so schön: „Cooperation is the name of the game.“

Die Blockchain soll Finanzgeschäfte revolutionieren. Wie gehen Sie mit dieser Technologie um?

Die Blockchain-Technologie ist in der Tat eine „potenziell disruptive“ digitale Innovation. Wir haben uns als UniCredit Gruppe frühzeitig mit dem Thema befasst und sind beispielsweise eine der führenden Institutionen im R3-Konsortium. Es ist unglaublich, wie breit das Anwendungsgebiet bereits jetzt schon ist. Es gibt faktisch kaum noch einen Geschäftsbereich im Banking, bei dem nicht daran gearbeitet wird, über Blockchain-Ansätze das Geschäftsmodell zu revolutionieren. Wir reden heute eben nicht mehr nur noch von einem Nutzen für das Trade-Finance-Geschäft. Die Blockchain-Technologie wird in den Handelsbereichen breite Anwendung finden. Sie könnte sogar die gesamte Finanzarchitektur radikal ändern. Auch beim Thema Blockchain also meine Kurzantwort: Man muss dabei sein. Auch wenn die Bäume nicht überall und schon gar nicht kurz- und mittelfristig in den Himmel wachsen werden.

Für Banken ist Vertrauen die wichtigste Voraussetzung für den Unternehmenserfolg. Wie lässt sich das Vertrauen im Zeitalter von Big Data nachhaltig sichern?

Wer mit Geld und Vermögen „handelt“ – der muss vertrauenswürdig sein. Als Person und als Institution. Wir Banken haben leider etwas Vertrauen verspielt – aber weniger, als uns die Medien glauben machen. Es ist nach wie vor beeindruckend zu sehen, wie stabil unsere Kundenbeziehungen sind und welch positives Feedback Klienten unseren Mitarbeitern für ihr Engagement geben. Ich sehe keinen Widerspruch darin, dass wir durch Big-Data-Anwendungen Gefahr laufen, Vertrauen zu verlieren. Im Gegenteil: Der Kunde will von uns Professionalisierung – er will einen Premiumservice. Ich sehe das Vertrauens­problem der Banken als reelle Gefahr – ausgelöst durch die Finanzmarktkrise, durch unzählige Rechtsstreitigkeiten, durch intransparente Produkte, durch die Gier Einzelner. Beim Thema Big Data bin ich vergleichs­weise entspannt. Klar ist, dass wir einem sehr strengen Datenschutz und einem ebenso strengen Bankgeheimnis unterliegen. Man muss sich doch eher die Frage stellen, ob das nicht eine Wettbewerbs­verzerrung zu manchen Anbietern in den USA darstellt – zu manchem Anbieter im Non- und Nearbanking-Bereich, der in unserem Business wildert.

Herr Dr. Weimer, vielen Dank für das Interview.

 

Die Fragen stellte Professor Carl-Friedrich Leuschner, Lead Client Service Partner der HypoVereinsbank bei Deloitte.

Das Unternehmen

Die HypoVereinsbank (HVB) zählt zu den größten Finanzinstituten in Deutschland: 2015 betrug die Bilanzsumme 299 Mrd. Euro. Ihren Kunden bietet die HVB Produkte und Finanzdienstleistungen in den Geschäftsbereichen Commercial Banking und Corporate & Investment Banking.

Die HVB ist Teil der UniCredit Gruppe und verantwortet für den Konzern neben dem Deutschlandgeschäft auch das internationale Investment Banking. Deloitte ist seit 2013 weltweit der Abschlussprüfer der UniCredit Gruppe.