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Leader.Interview mit Silvana Koch-Mehrin

Wir haben Silvana Koch-Mehrin, CEO und Founder von WIP, zu Leader.In und Frauen in Führung befragt.

Women in Parliaments Global Forum (WIP) ist ein weltweites Netzwerk für weibliche Abgeordnete in Parlamenten. Ziel ist es, dabei den Gender Gap abzubauen und Frauen stärker in der globalen Gesellschaft zu integrieren.

Sie haben die globale Initiative „Women in Parliaments“ ins Leben gerufen – welche Ziele verfolgen Sie damit?

Women in Parliaments Global Forum“, kurz: WIP, ist das weltweite Netzwerk weiblicher Abgeordneter. Derzeit sind etwa 20 Prozent aller Abgeordneten Frauen, insgesamt circa 9000. Bei WIP tauschen sich Frauen parteiübergreifend über Best-Practice-Beispiele in ihrem Arbeitsbereich aus und inspirieren sich gegenseitig – egal aus welchem politischen Lager, die gemeinsame Überzeugung dass wir gleichberechtigte Teilhabe in politscher Führung brauchen, eint sie.

 

Warum wird die Frauenquote die Wettbewerbsfähigkeit Europas stärken und eine Veränderungen in Gesellschaft, Politik und Wirtschaft herrufen?

Ich bin eigentlich kein Freund von Quoten – ihre Ergebnisse überzeugen mich aber. In der Politik, wie in der Wirtschaft, gibt es viele offene und verdeckte Kriterien für Entscheidungen. Qualifikation ist nur ein Argument unter vielen. Hochqualifizierte Frauen sind ausreichend vorhanden, nur werden sie zu oft nicht berücksichtigt. Viele entscheiden sich dann auch wegen der „gläsernen Decke“ gegen eine Karriere. Mit der Quote wird es mehr Wettbewerb geben, dem Frauen sich dann stellen werden, weil er fair ist. Wir haben in Deutschland den Anspruch, die besten Talente zu fördern. Eine angemessene Beteiligung von Frauen in Führungspositionen muss daher selbstverständlich sein.

 

Wie stellen Sie sich politisches Engagement bei der Förderung von Frauen in Wirtschaft, Gesellschaft und Politik vor?

Unabhängig von der Frauenquote muss mehr auf die veränderte Rolle von Männern eingegangen werden – speziell bei der Vereinbarkeit von Familie und Beruf. In Island beispielsweise ist Vaterschaftsurlaub obligatorisch. Coachings und Zusatzqualifikationen für Frauen sind prima, coaching für Männer überfällig.

 

Warum sind in deutschen Chefetagen ein Großteil der Führungskräfte Männer?

Unsere Arbeitskultur ist dadurch charakterisiert, dass permanente Verfügbarkeit vorausgesetzt wird. Für viele Männer ist das kein problematisches Thema, da sie ihre Verantwortung oft ausschließlich auf den Job konzentrieren; die Verantwortung für die Familienarbeit hat dann die Ehefrau. Es liegt auch an traditionellen und historischen Aspekten. Außerdem an den Old-Boys-Networks, die immer noch dicht halten.

 

Sie sind Mutter von drei Kindern und viel unterwegs – Wie sieht es mit der Vereinbarkeit von Familie und Beruf bei Ihnen aus?

Je nach Tagesform. Die eigene Haltung, und sich vom Perfektionismus verabschieden, das ist für mich zentral. Mein Mann und ich stimmen unsere Terminkalender wöchentlich ab. Die Aufgaben – Kinder zur Schule bringen, Einkäufe usw – versuchen wir dabei 50/50 aufzuteilen. In Belgien gibt es zum Glück ausschließlich Ganztagsschulen, was es uns leichter macht. 

 

Werden in Deutschland noch immer veraltete Rollenmuster von Männern und Frauen gelebt?

Jobunsicherheit, Mobilität und schnell wechselnde Arbeitsverhältnisse sind wirtschaftliche Faktoren, die zwangsläufig zu anderen Denkweisen führen. Nach wie vor allerdings assoziiert die Mehrheit mit dem Begriff „Top-Manager" Männer 50+. Das gilt es zu ändern. Es gibt immer mehr hervorragende Chefinnen. Zudem müssen Begriffe wie „Rabenmutter“ verschwinden und Männer als tragende Säule im Familienleben wahrgenommen werden. Es gibt noch einiges zu tun!

 

Was machen Frauen anders als Männer?

Ganz allgemein – Frauen stellen mehr Fragen und wollen umfassendere Information bevor sie entscheiden. Der Prozess kann länger dauern – ist dann aber ausgewogen und resultiert oft in besseren Ergebnissen. Hinzu kommt, dass Frauen oft empathischer sind, gerade bei Teamarbeit eine wichtige Eigenschaft. 

 

Welchen Tipp geben Sie ambitionierten Frauen auf den Weg ins Top-Management?

Frauen sollten das machen, was sie wirklich möchten, und sich nicht klein machen lassen. Dann sind sie erfolgreich.

 

Inwiefern leistet die Initiative Leader.In einen Beitrag, Female Leadership in Wirtschaft, Gesellschaft und Politik zu fördern?

Die Initiative ist hervorragend, da sie Frauen und Männer vernetzt. Beim Thema Female Leadership sind Frauen zu oft unter sich. Es ist wichtig, einflussreiche bzw. erfolgreiche Männer für das Thema zu gewinnen – gerade sie können viel verändern. Leader.In lässt eine andere Art von Diskussionen zu. Jeder kann vom anderen etwas lernen.