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Leader.Interview mit Dr. Wing-Hin Chung

Wir haben Dr. Wing-Hin Chung, Leiter der Abteilung für Investitionsförderung der Regierung der Sonderverwaltungsregion Hongkong in Berlin, zu Frauen in Führungspositionen befragt.

Sie haben lange in Hongkong gelebt und sind Experte für Unternehmensgründungen, internationalen Handel und makroökonomische Entwicklungen von Volkswirtschaften – welches Potenzial steckt im Wirtschafts- und Innovationsstandort Deutschland?

Noch viel, speziell im Mittelstand existieren viele Hidden Champions, die noch nicht in Asien aktiv sind, aber sehr innovative/hochwertige Produkte fertigen. Aufgrund des wachsenden Wohlstandes in Asien werden diese immer mehr nachgefragt, gerade in Medizin-, Abfall- und Umwelttechnik. Wenn deutsche Mittelständler den asiatischen Markt vernachlässigen, entstehen zusätzliche Wettbewerber, was es ihnen natürlich nicht einfacher macht. Lokale Nachfragekriterien müssen befriedigt werden, mit Produktions- sowie Forschungs- und Entwicklungsstandorten vor Ort kann man vom enormen Marktpotenzial profitieren.

 

Was zeichnet Hongkong als attraktiven Investitionsstandort aus?

Vor allem die Nähe zum Markt – wobei auch die Beschaffungsmärkte attraktiv sind – Unternehmen können hier stets auf neue kostengünstige Lieferanten stoßen. Des Weiteren die hohe Rechts- und Patentsicherheit: Geschäfte sowie Verträge können problemlos auf Englisch abgewickelt werden. Hongkong ist ein exzellenter, neutraler Investitionsstandort, der sich durch unternehmerische Freiheit, Kapitalverkehrsfreiheit und geringe Steuern auszeichnet. Die unabhängige Justiz sowie wenig politische Animositäten sind zudem Faktoren, die für diesen Schmelztiegel aus Ost und West im Herzen Asiens sprechen. Nicht zu vernachlässigen ist das hochqualifizierte und loyale Personal.

 

Hongkong ein „Paradies für Frauen“ – inwiefern und was kann Deutschland davon lernen?

Es ist einfach, Familie und Beruf unter einen Hut zu bekommen: Die exzellente Kinderbetreuung trägt dazu bei, dass sich Frauen auch auf ihre Karriere konzentrieren können. Allein in 2013 gab es 320.000 foreign domestic helpers, die Eltern bei der Haushaltsführung unterstützen. Hinzu kommt das Kindergartensystem mit seinem Gutscheinsystem, die frühkindliche Betreuung durch Nurseries, sowie die Möglichkeit Kinder in Kindergärten ihrer Wahl zu geben, all das macht es den Eltern von Anfang an leicht, Familie und Beruf erfolgreich abzudecken.

In Deutschland gestaltet sich schon meist die Suche nach einem Kindergartenplatz als schwierig. Ein weiterer Aspekt ist die große Unterstützung und der Rückhalt durch die Familie.

Frauen genießen durch den ehemaligen Kolonialstatus Hongkongs (Verschmelzung östlicher/westlicher Werte) ein sehr hohes Ansehen im Berufsleben. Aus Mädchenschulen entwickelten sich Eliteschulen und hochqualifizierte Frauen sind sehr gefragt. Die exzellente Ausbildung, das fehlende Rentensystem und niedrige Steuersätze motivieren Frauen zu arbeiten, Geld für das Alter zu sparen und eben nicht vom Partner finanziell abhängig zu sein. Diese Leistungsorientierung wird gesellschaftlich akzeptiert, und es ist selbstverständlich geschlechtsunabhängig einzustellen. In 2013/14 waren 53,7 Prozent Abiturientinnen, 1986 waren es noch 33 Prozent. Dieser enorme Sprung belegt die positive Entwicklung weiblicher High-Potentials – es wäre töricht, dieses Potenzial nicht zu nutzen. In Deutschland herrschen andere Wertesysteme. So manche Tabus sollten aber ohne eine Stigmatisierung gebrochen und offener vorgelebt werden. Berufstätige Frauen werden hierzulande leider oft nicht so bewundert und anerkannt wie anderswo. Ein Vorbild sind da wohl eher die skandinavischen Länder.

 

Wird die Frauenquote die Wettbewerbsfähigkeit Europas stärken und eine Veränderungen in Gesellschaft, Politik und Wirtschaft bewirken?

Vielleicht ist die Quote das richtige Instrument für Deutschland. Dennoch sollte das Leistungsprinzip gelten. Eine Frau sollte nicht nur mit Hilfe der Quote in eine Position rutschen, die sie ansonsten nicht bekommen hätte. Zudem muss das deutsche Steuersystem frauengerechter und einfacher gestaltet werden. Arbeitnehmer müssen mehr Netto vom Brutto haben – das würde viele motivieren mehr zu arbeiten. Deutschland kann nicht auf seine hochqualifizierten Frauen verzichten – dieses Potenzial nicht zu nutzen wäre fatal. Ich kenne in Deutschland promovierte Frauen, die keinen Job finden – dies gilt es zu ändern.

 

Kann die Initiative Leader.In einen Beitrag leisten, Female Leadership in Wirtschaft, Gesellschaft und Politik zu fördern?

Das Wichtigste ist die Vorbildfunktion, ob Wissenschaftlerinnen, Managerinnen oder Politikerinnen, egal. Hauptsache es gibt Frauen, die zeigen, dass sie es geschafft haben und damit andere motivieren. Deloitte kann ohne zu stigmatisieren an dieses Thema herangehen und Rollenvorbilder öffentlich featuren.