Audit Analytics

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Ist die Auto­ma­tisierung der Anfang vom Ende?

Digitale Technologien haben das Zeug dazu, ganze Berufszweige überflüssig zu machen. Wirtschaftsprüfern wird dieses Schicksal erspart bleiben, wenn sie ihre Personalpolitik rechtzeitig überdenken und anpassen.

von Christoph Schenk

Es ist ein ungeschriebenes Gesetz: Was automatisiert werden kann, wird automatisiert werden. Seitdem Maschinen Tätigkeiten von Menschen übernehmen können, haben sie früher oder später immer ihren Platz eingenommen. In der Industrie 4.0 setzt sich dieser Gedanke mit digitalen Mitteln fort. Algorithmen wachen mit zunehmender Leistungsfähigkeit über immer komplexere Prozesse, für deren Steuerung noch vor wenigen Jahren Menschen nötig waren. Dieser Trend macht auch vor der Wirtschaftsprüferbranche nicht halt.

Mit neuen, intelligenten Prüfprogrammen haben wir heute bereits einen viel besseren Einblick in die Geschäftsroutinen als noch vor wenigen Jahren: Viele Unternehmensprozesse lassen sich bei Bedarf lückenlos digital nachvollziehen. In der „alten Welt“ glich die Suche nach auffälligen Standardtransaktionen häufig der Suche nach der sprichwörtlichen Nadel im Heuhaufen. In der „neuen Welt“ greifen wir per Softwareschnittstelle auf das IT-System unserer Mandanten zu und überprüfen Geschäftsvorfälle und Buchungen systematisch auf Auffälligkeiten. Nie zuvor verhalf uns die Technik zu besseren Prüfergebnissen, denn so haben unsere Prüfer mehr Zeit für qualitative Checks, Analysen und strategische Themenstellungen.

Tom Davenport, Professor für IT & Management an der Harvard Business School, beschreibt die aktuelle Entwicklung als den Beginn von „Audit Analytics“. Das Ende von Prüfungshandlungen, die auf dem sorgfältigen und gewissenhaften Vorgehen des Prüfers beruhen, oder solchen, die manuell und Excel-basierte Abstimmungen vorsehen. Die Profession eines Wirtschaftsprüfers wird sich wandeln in einen Beruf, der geprägt ist von einem tiefen IT-analytischen Verständnis, der Überwachung von Systemen, automatisierten Prozessen und Kontrollen.

Dementsprechend muss der Prüfernachwuchs auch andere Qualifikationen mitbringen als bisher: Wir brauchen Menschen, die ein hohes Maß an Abstraktionsfähigkeit besitzen und nicht nur zahlenaffin sind. Prüfer von morgen müssen zugleich analytisch und kreativ denken können. Solche Mitarbeiter findet man nicht alleine unter Wirtschaftswissenschaftlern und Diplom-Mathematikern. Es kommen auch ganz andere Disziplinen in Betracht, die sich Zusammenhänge und Probleme anders erschließen als „Zahlen“-Menschen.

Und hier deutet sich die eigentliche Herausforderung an, mit der uns die Digitalisierung konfrontiert: Nicht allein die Technik steckt die Grenzen des Machbaren ab, sondern die Menschen, die mit ihr arbeiten. Wir bei Deloitte verfolgen einen Prüfungsansatz, der die aktuellsten technischen Errungenschaften überall dort nutzt, wo sie unsere Arbeit wirklich erleichtert, und immer dann einen Prüfer aus Fleisch und Blut entscheiden lässt, wo sein Wissen und seine Intuition mehr wert sind als jede Automatisierung. Gewiss: Sein Beruf mag sich durch Big Data und Co. verändern. Bei so vielen Informationen wird er aber vielleicht mehr gebraucht denn je.

Lesen Sie das aktuelle Handelsblatt-Interview mit Christoph Schenk zur Revolutionierung der Wirtschaftsprüfung durch die Digitalisierung.

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