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Brexit stellt die Automobilhersteller vor große Herausforderungen

Harter Brexit könnte Autoverkäufe in UK um 20% sinken lassen

Für die deutschen Automobilhersteller ist das Vereinigte Königreich ein äußerst wichtiger Markt – und der Brexit hat für diesen weitreichende Folgen.

Die aktuelle Deloitte-Studie „Bremsklotz Brexit – Wie ein harter Brexit die deutsche Automobilindustrie ausbremst“ aus der Studienreihe Brexit Briefings zeigt, welche Folgen WTO-Zölle und eine anhaltende Schwächung des britischen Pfunds auf den britischen Automarkt haben. Demnach müssen Hersteller im Brexit-Jahr in UK mit einem Absatzrückgang von 550.000 Autos und Umsatzeinbußen von ca. 12,4 Mrd. Euro (-18%) rechnen. Am stärksten sind hiervon deutsche und andere europäische Produktionsstandorte betroffen.

Wenn Automobilhersteller die steigenden Kosten eins-zu-eins an die Verbraucher weitergeben, gehen die Absatzzahlen und somit die Umsätze entsprechend zurück. Daher muss die Branche Gegenmaßnahmen insbesondere auf der Kostenseite, aber auch auf der Umsatzseite, wie beispielsweise in Form von intelligenten und flexiblen Pricing-Strategien, entwickeln. Außerdem werden eine Optimierung der Lieferketten und eine Verlagerung der Produktionsstandorte durch einige Hersteller als auch Zulieferer in Erwägung gezogen.
Dr. Thomas Schiller, Partner/Leiter Automotive bei Deloitte
 

Bedeutung des UK-Markts für deutsche Automobilhersteller

Das Vereinigte Königreich ist mit ca. 3 Millionen Neuzulassungen 2016 der zweitgrößte europäische Markt für PKW und leichte Nutzfahrzeuge. Davon ist jede dritte Neuzulassung ein Import aus Deutschland. Vor allem deutsche Fabrikate der Hersteller BMW, Daimler und Volkswagen, aber auch Autos der deutschen Standorte von Ford und Opel (Vauxhall) sind beliebt. Insgesamt gehen rund 20 Prozent aller deutschen Automobilexporte ins Vereinigte Königreich, das der wichtigste Auslandsmarkt für den Produktionsstandort Deutschland ist.

Steigende Kosten durch Zölle und Währungsschwankungen

Der Brexit könnte die Situation für sämtliche Autobauer auf dem UK-Markt verändern, da zeitweise oder dauerhaft für den Handel die Zollvereinbarungen der Welthandelsorganisation (WTO) gelten. Das wären rund 10 Prozent Abgaben für Automobile und ca. 4,5 Prozent für Fahrzeugteile. Diese Zölle und eine Abwertung des britischen Pfunds führen zu einem Kostenanstieg von durchschnittlich 15 Prozent im Vergleich zu einem No-Brexit-Szenario. In Deutschland oder in der EU hergestellte Autos wären sogar 21 Prozent teurer, UK-Produktionen nur rund 3 Prozent.
 

Preisanstieg und die Folgen

Selbst wenn die OEMs ihre höheren Kosten nicht komplett an die Verbraucher weitergeben, müssen Konsumenten wohl tiefer für einen Neuwagen in die Tasche greifen. Durchschnittlich sind Automobile im Vereinigten Königreich 2019 dann durchschnittlich 3.700 Euro (+15%) teurer, in Deutschland produzierte Autos sogar 5.600 Euro (+21%).
 

EU-Automobilhersteller als Verlierer

Auf Grundlage eines von Deloitte erstellten Modells zur Berechnung des Autoabsatzes zeigt sich, welche Produktionsstandorte bei entsprechenden Preisentwicklungen Absatzverluste oder sogar -gewinne in UK verzeichnen. Insgesamt ist im Falle eines harten Brexit mit einem Rückgang der Neuzulassungen um 20 Prozent zu rechnen. Dabei gibt es jedoch Gewinner und Verlierer. Während deutsche und EU-Hersteller die stärksten Absatzverlierer sind (-650.000 Autos), gewinnen UK-Produzenten und solche aus Nicht-EU-Ländern (+100.000 Autos) kurzfristig sogar Absatzanteile. Doch auch sie müssen mittel- und langfristig mit steigenden Produktionskosten rechnen, da sie ihre Fahrzeugteile teilweise aus anderen EU-Ländern importieren und Zölle anfallen. Das könnte bei japanischen Herstellern besonders stark ins Gewicht fallen, da sie bislang in UK hauptsächlich Fahrzeuge für die EU produzieren.
 

Der Absatzeinbruch von 20 Prozent für EU-Hersteller, den unser Modell vorhersagt, entspricht der Situation während der Finanzkrise 2009.
Dr. Alexander Börsch, Chefökonom bei Deloitte