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Analysen

Brexit Fokus: Folgen für deutsche Autozulieferer

Der Brexit hat erhebliche Auswirkungen auf Deutschlands Autozulieferer. Der Deloitte Brexit Blog erläutert direkte und indirekte Risiken.

Brexit ohne Ende: Kein Mensch weiß, wie die schwierigen Verhandlungen über das Ausscheiden Großbritanniens aus der EU enden werden. Klar ist aber, dass ein mögliches Scheitern der Gespräche über ein neues Handelsabkommen eine ganz direkte Gefahr für die deutsche Exportindustrie darstellt. Ein harter Brexit verschlechtert schlagartig die Bedingungen. WTO-Zölle und eine Abwertung des Pfunds verteuern deutsche Ausfuhren. Deutlich darstellen lässt sich das etwa bei den Autobauern.

Doch das ist nur die Spitze des Eisbergs. Die wirtschaftliche Verbindung zwischen Großbritannien und Deutschland besteht aus viel mehr als dem direkten Austausch von Waren und Dienstleistungen. Auch die indirekten Effekte eines harten Brexit sind erheblich. Das liegt an der zentralen Bedeutung grenzüberschreitender Lieferketten für die moderne Produktion. Eben die drohen von einem harten Brexit ebenfalls empfindlich gestört zu werden. Besonders davon betroffen wären deutsche Autozulieferer, wie eine neue Studie von Deloitte herausarbeitet.

Bedeutung der Zulieferbetriebe der Automobilindustrie

Die Zulieferer sind ja nicht irgendeine Nebenbranche. Auch wenn im Rampenlicht der Autowelt die prestigeträchtigen großen Marken stehen: Das Rückgrat der Produktion bildet im modernen Automobilbau längst diese technologiestarke, global vernetzte Industrie. Zulieferer erzielen heute bis zu 80 Prozent der Wertschöpfung in der Autoproduktion. Wenn etwa in Großbritannien ein neuer Wagen vom Band rollt, setzt sich das Produkt unter dem Blechkleid aus Einzelteilen verschiedenster Hersteller zusammen. 

Die Marke mag britisch oder japanisch sein. Aber Kurbelwelle, Zündkerze oder Reifenluftdrucksystem stammen in vielen Fällen von deutschen Unternehmen. 18 Prozent aller in Großbritannien verbauten Autoteile sind aus deutscher Herstellung. Und nicht nur das. Vor der Endmontage war das Fahrzeug selbst schon ein eifriger europäischer Grenzgänger. X-mal werden Bestandteile eines Autos heutzutage in der Produktion von Land zu Land hin und her verschickt, veredelt, verbaut und weitergereicht. Moderne Just-in-time-Logistik und digitales Supply Chain Management machen es möglich. 

Genau diese ausgefeilte internationale Choreographie der Einspritzdüsen und Bremsanlagen wird durch einen harten Brexit aufs Schärfste bedroht. Ein Ausscheiden Großbritanniens aus Binnenmarkt und Zollunion ohne Handelsabkommen trifft deutsche Autozulieferer dabei gleich an mehreren Fronten. Denn die internationale Verflechtung der Branche ist überaus komplex. Deutsche Teile werden zunächst unmittelbar an britische Autobauer verkauft. Es handelt sich dabei immerhin um den wichtigsten EU-Exportmarkt. Doch selbstverständlich stecken deutsche Teile auch in deutschen Exportfahrzeugen für den UK-Markt.

Das Ende der Freizügigkeit - zumindest für Autoteile

Eine verwirrende Lage. Offensichtlich ist dabei: Durch einen harten Brexit droht der europäischen ‚Freizügigkeit‘ für Autoteile ein jäher Aussetzer. Und zwar längst nicht nur, weil die Nachfrage nach deutschen Exportfahrzeugen auf dem britischen Automarkt unter dem Szenario des harten Brexit einbricht.

Auf die direkte Steigerung der Kosten durch Zölle und Währungsproblematik müssen noch weitere indirekte Posten aufgeschlagen werden. Statt „just in time“ ist langes Warten der Teile in den Lkw-Schlangen an der Grenze angesagt. Zusätzliche Lager und Lagerbestände werden notwendig. Die bürokratische Abwicklung der Zollabfertigung verursacht enorme Kosten: In Schätzungen werden 500 Millionen Euro für die gesamte deutsche Industrie genannt.

Darüber hinaus können Änderungen etwa bei der Bestimmung von Herkunftsländern durch eine neue Zuordnung der Teile und ihres Ursprungs ganze Supply Chain Konzepte durcheinanderbringen. Denn durch eine Aberkennung des „local content“ Status für in Großbritannien hergestellte Komponenten nach dem Austritt verändert sich auch die Bewertung von Fahrzeugen aus britischer Herstellung, was etwa Freihandelsabkommen mit Drittländern angeht.

Zu diesen kurzfristigen Problemen kommen weitere mittel- und langfristige Aspekte, die für deutsche Zulieferer strategische Bedeutung haben. So z. B. die Perspektive einer regulatorischen Divergenz. Produktstandards werden sich vermutlich auseinander entwickeln. Das führt zu neuen Kosten in der Produktion, bei Zulassungs- und Patentverfahren.

Auswirkungen für die Autozulieferer

Dank der aktuellen Deloitte-Studie lassen sich die konkreten Folgen für die Zulieferer mit Zahlen verdeutlichen, knapp 4 Milliarden Euro, was etwa 5 Prozent des Gesamtumsatzes stehen im Falle des harten Brexits auf dem Spiel. So geraten 14.000 deutsche Arbeitsplätze der Branche in Gefahr.

Der Brexit kommt den deutschen Autozulieferern spürbar in die Quere. Daher sollten sie sich für diese nahende Herausforderung und die eskalierenden Risikoszenarien so bald wie möglich vorbereiten. Manche Komplikationen der Lieferketten lassen sich vielleicht antizipieren.

Eine kluge Standortpolitik kann die Auswirkungen der Zölle dämpfen. Steht eine verstärkte lokale Produktion vor Ort in Großbritannien zur Debatte? Oder soll der Blick entgegengesetzt lieber auf ganz andere Regionen gelenkt werden, die neues Wachstumspotenzial bieten könnten? Je früher deutsche Unternehmen solche strategischen Entscheidungen angehen, desto besser werden sie die Unsicherheiten eines drohenden harten Brexit meistern.

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