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Deloitte Tech Trends 2022 

Innovationen mit Potenzial: Von neuen Dimensionen der Datenökonomie bis zur operativen Digitalisierung

Die Digitalisierung eröffnet eine gewaltige Bandbreite an technologischen Möglichkeiten für die Gesellschaft und die Wirtschaft. Der Deloitte Tech Trends 2022 Report zeigt auf, welche davon voraussichtlich in den kommenden 18 bis 24 Monaten die Marktreife erreichen und konkrete Chancen für deutsche Unternehmen generieren. Besonders vielversprechende Trends für 2022 sind innovative Modelle für das Teilen von Daten über Unternehmensgrenzen hinweg sowie die Ausdehnung der IT auf die physische Welt der Produktion.

Zug um Zug verwandelt die Digitalisierung unser Leben, zahleiche Unternehmen stecken mitten in der digitalen Transformation, und die COVID-19-Pandemie hat dieser Entwicklung noch zusätzlichen Schub verliehen. Dabei sind im Hintergrund seit Jahren übergreifende Makro-Trends wirksam, die immer wieder neue Innovationen anstoßen. Schon zum dreizehnten Mal in Folge arbeiten die Experten von Deloitte nun in ihrem jährlichen Trend-Report heraus, wo sich aktuelle Durchbrüche und attraktive Anwendungen abzeichnen – entlang der „macro technology forces“: Business of Technology, Cyber & Trust, Core Modernization, Digital Experience, Data Analytics & Artificial Intelligence und Cloud & Distributed Platforms. Wie in vorigen Ausgaben werden die ausführlichen Beiträge von Fachautoren mit detaillierten Fallstudien und aufschlussreichen Statements von Führungskräften ergänzt. Im folgenden Überblick des aktuellen Reports liegt der Schwerpunkt auf den beiden Trends, die für Deutschland besonders relevant sind: Data-Sharing und Digitalisierung der physischen Welt. 

Data-Sharing leicht gemacht

Im Rahmen der Digitalisierung ermöglichen datenbasierte Ansätze innovative Geschäftsmodelle. Je umfangreicher die Datengrundlage dafür ist, desto präziser können beispielsweise neue Produkte und Services auf die Kunden ausgerichtet und Prozesse aller Art effizienter gestaltet werden. Zugleich stößt die neue Datenökonomie aber schnell auf Hindernisse, wenn Geschäftsgeheimnisse oder datenschutzrechtlich sensible Informationen berührt sind. Dies gilt umso mehr, wenn der Austausch in einem Ökosystem stattfindet und Daten über die Unternehmensgrenzen hinweg geteilt werden. Genau hier steht nun ein entscheidender Fortschritt an: Das Teilen von Daten bei gleichzeitigem Datenschutz mithilfe sicherer Data-Sharing-Funktionalitäten, die dabei helfen, die eigenen Datenbestände kommerziell zu nutzen und externe Daten zu integrieren

Ermöglicht wird dieser Ansatz durch neue Methoden der Verschlüsselung wie Fully Homomorphic Encrytion (FHE). Solche „Privacy-Preserving“ Technologien erlauben es den Teilnehmern, beim Data-Sharing geschützte Daten – etwa von Kunden oder Partnern – zu verarbeiten, ohne sie zuvor zu dekodieren. Dadurch können beispielsweise Konkurrenten aus derselben Branche zu einem bestimmten Thema zusammenarbeiten und hierzu ihre Daten miteinander teilen, ohne befürchten zu müssen, dass der Wettbewerber darüberhinausgehende, unerwünschte Einblicke erlangt. Die viel breitere Datengrundlage erlaubt dabei einzelnen Unternehmen weiterführende Analysen, die ansonsten im Alleingang zu aufwendig wären. Der Ansatz ermöglicht außerdem neue Partnerschaften und datenbasierte Geschäftsmodelle. 

Dank effizienter externer Data-Sharing-as-a-Service-Lösungen sind dafür keine kostspieligen Investitionen in eigene Hardware-Infrastruktur oder in die Programmierung von API-Schnittstellen nötig. Allerdings ist es in der Umsetzung wichtig, die Risk- und Security-Strukturen der beteiligten Unternehmen anzupassen. Auch regulatorische Anforderungen müssen im Vorfeld geklärt werden. Zudem sind bisweilen auch psychologische oder kulturelle Hürden zu überwinden. Gerade in Traditions- und Familienunternehmen bestehen manchmal gewisse Widerstände gegen die mit dem Data-Sharing verbundene Öffnung nach außen.

Unter den neuen Privacy-Preserving-Technologien als Basis für diesen Trend ist Fully Homomorphic Encrytion (FHE) besonders prominent. Es bilden sich derzeit aber auch noch etliche weitere vielversprechende Ansätze heraus. Beim Konzept der Differential Privacy wird beispielsweise den zu teilenden Datensätzen Rauschen hinzugefügt, also willkürliche, verfremdende Stördaten (Noise), um ein Entschlüsseln zu verhindern. Eine andere Option ist die sogenannte funktionale Verschlüsselung, bei der ausgewählte Nutzer lediglich den Schlüssel für jeweils eng eingegrenzte Teilbereiche der geschützten Datensätze erhalten. Federated Analysis wiederum ermöglicht das Teilen von Analyseergebnissen zwischen Partnern ohne ein gleichzeitiges Teilen der Datengrundlage. Eine ähnliche Idee steckt hinter Zero-Knowledge Proofs (ZKP): Durch dieses kryptographische Verfahren können Teilnehmer ihre Kenntnis eines Werts nachweisen, ohne diesen selbst inhaltlich offenbaren zu müssen. Beim Modell der Secure Multiparty Computation wird die Datenanalyse von vorneherein auf mehrere Parteien verteilt, wodurch keine der Einzelparteien Zugriff auf den gesamten Daten-Input hat.

Im Tech Trends Report 2022 werden verschieden Praxisbeispiele für Ansätze dieser neuen Formen des Data-Sharings vorgestellt. Der große US-Pharmaeinzelhändler CVS nutzte so etwa im Rahmen der Covid-19-Impfkampagne externe Daten von Impfstoffherstellern und Bundesbehörden für eine dynamische Prognose von Angebot und Nachfrage von Vakzinen, und zwar mit präziser regionaler Granularität. Das stellte einen wertvollen Beitrag zum Impfprogramm dar, weil es die Verfügbarkeit optimierte. Dieser Ansatz soll nun auch auf andere Bereiche übertragen werden. Ein anderes Beispiel ist die Tätigkeit der staatlichen US-Forschungsagentur DARPA. Sie verfolgt Programme zur Entwicklung spezialisierter Hardware u.a. für FHE, um bestimmte noch bestehende Leistungsprobleme bei dieser Technologie zu lösen. Hier stehen insbesondere Anwendungen für Sicherheitsdienste im Fokus.

Besonders interessant aus deutscher Sicht ist das Netzwerk Catena-X, mit dem die europäische Automobilindustrie den erheblichen Herausforderungen für ihren Sektor begegnet, wie etwa Lieferketten-Störungen durch die Pandemie. Catena-X schafft ein Ökosystem für den sicheren Datenaustausch zwischen Partnern aus der Branche entlang der gesamten Wertschöpfungskette, wobei die Teilnehmer selbst individuelle Kriterien bestimmen können und die Datenhoheit behalten. In der Praxis hat sich das schon beim Thema Qualität bewährt. So konnte ein Automobilhersteller durch eine Daten-Kooperation mit Zulieferern das Volumen eines Rückrufs um 80 Prozent senken, weil die betroffenen Fahrzeuge genau identifiziert werden konnten. Viele weitere Use Cases für Catena-X sind geplant, etwa in den Bereichen Nachhaltigkeit, Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz oder Kreislaufwirtschaft. 

Die Digitalisierung der physischen Welt

Während heutzutage die virtuellen Welten immer realer werden, wird die physische Welt immer digitaler. Durch winzige Sensoren, günstige Prozessoren und leistungsfähigere Kommunikationsstandards explodiert das Internet of Things (IoT) geradezu und wird von immer mehr Geräten bevölkert. Konsumenten in aller Welt schaffen smarte Devices an. Im Rahmen von Industrie 4.0 vernetzen Unternehmen Maschinen, Produkte und Materialien. Die digitalen Gesundheitsanwendungen der Zukunft greifen auf große Mengen von Echtzeitdaten zurück. Zudem dringt die Digitalisierung auch in Bereiche vor, die bislang als „dumm“ gelten konnten. So lässt sich Infrastruktur aller Art digital nachrüsten – beispielsweise ein simples Leitungsrohr durch vernetzte Sensoren. 

Diesen Trend fasst der Report unter der Überschrift „The tech stack goes physical“ zusammen. Die Entwicklung zeichnet sich zwar schon länger ab, erreicht nun aber eine neue qualitative Stufe. Entscheidend sind hier vor allem die Folgen für die IT-Funktion. Wenn IT und operative Technologie (OT) sich gegenseitig auf immer symbiotischere Weise verflechten, geht das für den CIO mit gänzlich neuen Anforderungen und Verantwortungen einher. Der IT-Bereich muss seine Expertise dabei auf die dingliche Welt ausdehnen – auf Maschinen und Produkte, auf Fertigung und Logistik. Neue operative Kriterien wie Uptime, Redundanz, Security und Safety sind zu berücksichtigen, zudem bedarf es neuer Governance-Ansätze. Innovative Ansätze im Service Management der OT-Anwendungen werden nun ebenso möglich wie die Entwicklung zusätzlicher Geschäftsmodelle, vom Datenhandel bis zur flexiblen Bereitstellung von OT-Leistungen im Sinne von „Equipment-as-a-service“. Durch den Trend der IT/OT-Verflechtung verändert sich die Rolle des CIO im Unternehmen und erfährt eine Aufwertung.  

Die gewandelte Rolle der IT impliziert aber auch eine Erweiterung der Denkweise. Beispielsweise ist das aus der Software-Entwicklung bekannte agile Paradigma des „fail fast“ wenig zielführend, wenn es um Kunden-bezogene Services oder kritische Prozesse in Bereichen wie etwa Healthcare geht. Das Management von vernetzten industriellen Geräten und der anfallenden Daten stellt ebenfalls neue Herausforderungen, wozu auch Aspekte der Datenerfassung und -speicherung gehören. Hier bietet ein hoher Automatisierungsgrad durch innovative Ansätze eine zukunftsweisende Antwort.

Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die optimale Nutzung von Grundlagentechnologien für diesen Trend. Hierzu gehört Wireless Networking, wobei Technologien wie 5G und Wi-Fi 6 besonders vielversprechend sind, da sie hohe Durchsatzraten bei niedriger Latenz sichern. Wenn die Leistungsfähigkeit der Cloud in bestimmten Anwendungskontexten an ihre Grenzen kommt, bietet Edge Computing eine mögliche Lösung. „Distributed compute“ bedeutet, dass Rechenkapazitäten z.B. für Echtzeit-Analysen in lokaler Nähe zu den Datenquellen eingerichtet werden. In diesem Bereich sind laut Schätzung des Konsortiums Linux Foundation zwischen 2019 und 2028 globale Ausgaben von bis zu 800 Milliarden US-Dollar zu erwarten. 

Nicht zuletzt sollten CIOs in diesem Zusammenhang auf die personelle Aufstellung der Funktion und auf die Verfügbarkeit nötiger Skills achten. Fachkräfte für Data Science, künstliche Intelligenz (KI) und Machine Learning (ML) sind ebenso nötig wie eine Anpassung der Organisationsstruktur an die neuen Anforderungen.

Auch für diesen Trend stellt der neue Tech Trends 2022 Report detaillierte Fallbeispiele aus der Praxis vor. So investiert die US-Fluggesellschaft Southwest Airlines schon länger in IoT-Ansätze, etwa zur Optimierung des Umlaufs (Turnaround) von Flugzeugen im Betrieb. Nun wird IoT-Technologie auch für die ML-gestützte Verbesserung der Kundenerfahrung eingesetzt. Die Erfassung von Kundenbewegungen am Flughafen ermöglicht so beispielsweise eine genauere Einschätzung von Wartezeiten bei der Security-Abfertigung. Ein weiteres Beispiel liefert der US-Versorger Southern California Edison, der erfolgreich die Drohnen-gestützte Inspektion von Infrastruktur eingeführt hat. Für eine noch leistungsfähigere Auswertung der enormen Mengen an Bilddaten werden aktuell KI-basierte Modelle entwickelt.

Innovationen bei Cloud und Cyber

Data-Sharing und IT/OT-Verflechtung sind zwei Technologie-Trends, die auf dem deutschen Markt einen besonders hohen Stellenwert einnehmen . Doch auch die weiteren Themenschwerpunkte des Reports werden für Unternehmen hierzulande große Relevanz haben. Hier ist zunächst der Trend zu einer Spezialisierung von Cloud-Dienstleistungen auf bestimmte Branchenanforderungen zu nennen („Cloud goes vertical“). Hyperscaler und SaaS-Anbieter arbeiten vermehrt an modularen, industriespezifischen Lösungen. Geschäftsprozesse verwandeln sich dadurch zunehmend in strategische Güter, die Unternehmen von Dienstleistern beziehen, statt sie eigenständig aufzubauen. Sie können so Potenziale für die verstärkte Fokussierung auf ihre Strategie und die Differenzierung im Wettbewerb freisetzen – also auf jenen kleinen, aber ausschlaggebenden Teil ihrer Prozesse, in dem sie sich von der Konkurrenz absetzen.

Erhebliche Bedeutung hat außerdem der Trend „Cyber AI: Real defense“. Die gestiegene Vernetzung, die wachsenden Datenmengen und Faktoren wie Remote Working potenzieren zusammen mit der steigenden Zahl digitaler Geschäftsmodelle die Angriffsmöglichkeiten und Schadenspotenziale der Cyberkriminalität. Dieser neuen Qualität der Cyber-Bedrohung können Unternehmen nur mit dynamischen, KI-basierten Abwehrmethoden gerecht werden. Der Risiko-orientierte Einsatz von Ressourcen ermöglicht eine bessere Detektion von Anomalien quasi in Echtzeit. 

Blockchain & Co: Die weiteren Top-Trends

Spannend an den Tech Trends 2022 ist, dass es sich zwar meist um schon bekannte Paradigmen handelt, dass diese nun aber eben aktuell konkrete Gestalt in neuen Einsatzgebieten annehmen. Dazu gehören auch Business-Anwendungen für Distributed Ledger Technologien (DLT) und Blockchain , die jenseits der medienwirksamen Kryptowährungs-Thematik auch in Unternehmen außerhalb der Finanzbranche Einzug halten („Blockchain: Ready for business“). Während DLT-Plattformen die Produktivität in der Industrie steigern, erarbeiten agile Start-ups kreative neue Use Cases und Geschäftsmodelle. Nicht-öffentliche, permissionierte Blockchains sichern dabei die Vertrauensbasis für teilnehmende Partnerunternehmen. 

Einen weiteren Trend beschreibt der Report unter der Überschrift „IT, disrupt thyself: Automation at scale“. CIOs finden aktuell neue Wege, um IT durch weitreichende Automatisierung effizienter zu betreiben. Dabei nehmen sie sich ein Vorbild an den Ansätzen der Cloud-Anbieter und übertragen diese auf die eigene Funktion. Repetitive manuelle Prozesse entfallen, und Self-Service-Lösungen, Standardisierung sowie fortgeschrittenes Engineering senken den Aufwand. 

Ein eigenes Trend-Kapitel widmet der Report schließlich einem Ausblick auf Technologien, die aktuell erst in der Frühphase ihrer Entwicklung stehen und noch nicht marktreif sind („Field notes from the future“). Was heute futuristisch anmutet, könnte in der Zukunft allerdings ganze Bereiche revolutionieren. Qubits-basiertes Quantum Computing hat beispielsweise das Potenzial, in speziellen Anwendungsfällen die Leistungsfähigkeit konventioneller Chips um ganze Größenordnungen zu übertreffen. Aber auch in den Bereichen sichere Kommunikation und Sensoren-Technologie wird zu transformativen Quantum Computing Use Cases geforscht. Ein weiterer Ansatz ist Exponential Intelligence, also die Weiterentwicklung von KI hin zu einem Verständnis menschlicher Emotionen und Absichten. Als weiteren Zukunftstrend beleuchtet der Report Ambient Computing, d.h. die Loslösung digitaler Interfaces von Monitoren und ihre Ausdehnung auf die komplette physische Umgebung in Form von omnipräsenten intelligenten Assistenten. 
Eine wichtige Botschaft des aktuellen Reports lautet: Für Unternehmen ist es beim Umgang mit Tech Trends ein entscheidender Erfolgsfaktor, die richtige Balance zu finden zwischen der pragmatischen Umsetzung von aktuellen technologischen Möglichkeiten und der mutigen Erkundung von Zukunftstrends.

Laden Sie hier die Deloitte Tech Trends 2022 herunter und lesen Sie den ausführlichen englischsprachigen Report mit allen Trendartikeln, Fallbeispielen, Insider-Statements und praktischen Hinweisen für die Umsetzung in den unterschiedlichen Funktionen.

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