Article

Der Distressed M&A-Markt 2019: Wie Phoenix aus der Asche

Rückschau 13. Deutsche Distressed-Assets-Konferenz

Die Teilnehmer der 13. Distressed-Assets-Konferenz waren sich einig: Die Restrukturierungs-Welle hat Deutschland erreicht. Auf dem Branchentreffen für Käufer und Verkäufer von Distressed Assets teilte Dr. Thomas Sittel, M&A-Experte und Deloitte Partner, seine Prognosen für den Distressed M&A-Markt 2019.

Dr. Sittel hat die Auswirkungen der konjunkturellen Rahmenbedingungen sowie des Finanzierungsumfelds auf den M&A-Markt und die Bewertungsniveaus untersucht und Implikationen für die Verkäufer und Käufer von Distressed Assets abgeleitet.

 

Konjunkturelles Umfeld: Industrie als die Achillesferse der deutschen Wirtschaft

Schon Ende 2018 sind dunkle Wolken am deutschen Konjunkturhimmel aufgezogen. So war das Bruttoinlandsprodukt im 2. Halbjahr 2018 bereits negativ. Dabei war die Verlangsamung des Welthandels der Hauptgrund für die Rezession im verarbeitenden Gewerbe; hinzu kamen vorübergehende Produktionsprobleme in der Automobil- und Chemieindustrie. Die Automobilindustrie ist davon aktuell in besonderem Maße betroffen, da sie sowohl den WLTP-induzierten Einbruch aus der zweiten Jahreshälfte 2018 wie auch eine deutlich abgeschwächte globale Nachfrage bewältigen muss. So verwundert es nicht, dass in einer Blitz-Umfrage unter den Konferenz-Teilnehmern 70 Prozent in der Automobilbranche die meisten Restrukturierungen erwarten.

Fels in der konjunkturellen Brandung ist aktuell noch die robuste Binnenkonjunktur, insbesondere in Bezug auf Bauinvestitionen, privaten Konsum und Staatsinvestitionen. Vor diesem Hintergrund schrauben die Auguren ihre Wirtschaftsprognosen zwar aktuell von Monat zu Monat nach unten. Von einer drohenden Rezession mag jedoch noch keiner sprechen.

 

Finanzierungsumfeld: Kreditvergabe hat den Höhepunkt überschritten

Gleichzeitig ist das aktuelle Finanzierungsumfeld in Deutschland im Großen und Ganzen noch als positiv einzustufen. Allerdings zeigen sich auch hier seit dem 2. Halbjahr 2018 deutliche Bremsspuren. So hat die Kreditvergabe seither eine rapide Verlangsamung erfahren und Banken erwarten – anders als noch vor einigen Monaten – ein vorsichtigeres Verhalten und wieder höhere Risikomargen bei Neuengagements.
Auf der anderen Seite wird weiterhin mit hohem Leverage und laxen Kreditbedingungen finanziert. Wenn die operative Performance des Kreditnehmers schwächelt, erschwert der sehr hohe Anteil an Convenant-lite Strukturen den Kreditgebern das „Eingreifen“

Dadurch wird das „Auftauchen“ von Distressed Assets im Markt verzögert. So verwundert es nicht, dass die Risikoportfolien der Banken weiterhin auf historisch niedrigem Stand sind – NPL-Quoten der deutschen Banken von 1 bis 2% sind die Norm. Auf der anderen Seite beobachtet der Research-Provider Debtwire in seiner „Watchlist“ seit dem ersten Quartal 2019 einen deutlichen Anstieg kritischer Anleihen und Kredite. Diese Liste ist meist ein guter Frühindikator für künftige Entwicklungen.

M&A-Markt: Das Transaktionsumfeld hat sich eingetrübt – Bewertungen noch stabil

Verunsicherung ist Gift für den sensiblen (gesunden) M&A-Markt. Dies hat sich einmal mehr im 2. Halbjahr 2018 gezeigt, als die dargestellten konjunkturellen und wirtschaftlichen Risiken in den Fokus der Öffentlichkeit rückten. So ist die Anzahl der europäischen Transaktionen im 4. Quartal 2018 um knapp 21% gegenüber Vorjahr zurückgegangen. Im 1. Quartal 2019 hat sich die Anzahl sogar mehr als halbiert.

Die Bewertungen haben bislang jedoch nur wenig auf die Verunsicherungen am Markt reagiert und sind historisch immer noch verhältnismäßig hoch:

Ein anderes Bild erhält man jedoch, wenn man die Sub-Sektoren der einzelnen Branchen betrachtet: So ist auffällig, dass hier die Bewertungsniveaus zum Teil deutlich auseinanderdriften. Bestes Beispiel hierfür ist die Automobilindustrie, in der Investoren stark nach der Zukunftsfähigkeit von Technologien unterscheiden. Die Bewertungslevels von Unternehmen mit Produkten, die stark vom Verbrennungsmotor abhängig sind, haben sich in den letzten Jahren deutlich nach unten bewegt.

 

Verkäufer- und Käuferlandschaft: Signifikanter Anstieg der Distressed Transaktionen

Auslöser für einen Anstieg von Distressed Assets Transaktion werden nicht nur die aktuellen konjunkturellen und wirtschaftlichen Entwicklungen sein, sondern auch Veränderungen in der Verkäuferlandschaft.

Bei den Strategen führt ein deutlich gestiegenes Kostenbewusstsein dazu, dass unprofitable oder nicht zum Kerngeschäft gehörende Tochtergesellschaften oder Geschäftsbereiche auf den Prüfstand gestellt werden. Nicht selten ist ein Verkauf das Mittel der Wahl.

Auf der Kreditgeberseite lässt sich folgendes beobachten: Aufgrund von Personalanpassungen in den Restrukturierungsteams der Banken wird eine individuelle Bearbeitung von Risiko-Engagements immer seltener. Dies führt einerseits zu einem gestiegenen Verkauf von Krediten, andererseits entsteht teilweise ein „Macht-Vakuum“ auf der Kreditgeberseite, welches seit einiger Zeit vor allem durch die Kreditversicherer ausgefüllt wird. Die zunehmende Bedeutung von „Alternative Lenders“ mit ganz unterschiedlichen Interessen wird das Konfliktpotential in Restrukturierungssituationen erhöhen, so dass ein Verkauf in vielen Fällen die einzig verbleibende Option sein wird.

Der Markt dürfte auch 2019 ein Verkäufermarkt bleiben, auch wenn die Verunsicherungen am Markt nicht an den Investoren vorbeigegangen sind und bereits heute eine selektivere Target-Auswahl zu beobachten ist. Denn es ist immer noch zu viel Geld im Markt: So verfügen Finanzinvestoren über so viel „trockenes Pulver“ wie noch nie (1,2 Billionen US-Dollar) und die Finanzierungsbedingungen sind, wie oben dargestellt, weiterhin günstig. Doch auch die Bilanzen von Strategen sind im historischen Vergleich mit sehr viel „Cash“ ausgestattet und die Suche nach „disruptiven“ Zukäufen hält weiterhin an.

Fazit

Der Distressed M&A-Markt wird 2019/20 ein deutliches Revival erleben. Die anhaltende konjunkturelle Abkühlung wird zu einer starken Zunahme an Distressed-Targets führen. Die Anzahl der Distressed M&A Transaktionen wird im Gleichlauf ansteigen, insbesondere solange das Finanzierungsumfeld noch intakt ist.