LSHC: Sektoren-Serie

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Wie der Arztbesuch in Zukunft aussieht

Ein Interview mit Dr. Sebastian Krolop, Partner und Industry Lead für Life Sciences und Health Care bei Deloitte.

Erst Arzt, dann Consultant: Sebastian Krolop, Partner und Industry Lead für Life Sciences und Health Care, gibt einen Ausblick auf einige wichtige Trends der Gesundheits-Industrie. Er fordert mehr Möglichkeiten für Patienten, bei ihrer Therapie mitzureden – und prophezeit den Siegeszug von Big Data im Gesundheitswesen.

Wie lange wird es noch dauern, bis meine Füllung beim Zahnarzt einfach aus dem 3-D-Drucker kommt?

Diese Möglichkeit gibt es schon, in Zahnlaboren wird sie auch häufig eingesetzt – aber eben selten bei Zahnärzten selbst. In der Gesundheitsbranche dauert es, bis sich technische Innovationen durchsetzen.
 

Wie weit ist denn die Branche auf ihrem Weg in die Zukunft?

Vergleicht man sie mit Zweigen wie der Telekommunikation oder dem Handel, liegt sie weit zurück. In Deutschland ist das zu großen Teilen auch der Organisation geschuldet: Hier regelt der Staat nicht alle Aspekte des Gesundheitssystems, sondern setzt auf die sogenannte Selbstverwaltung. Da reden Krankenhäuser, Krankenkassen, Apotheker und viele weitere mit. Das verlangsamt Entscheidungen – wie an der elektronischen Gesundheitskarte oder der elektronischen Patientenakte abzulesen ist.
 

Wie verändert die Digitalisierung die Health-Care-Branche?

Vor allem, indem sie dem Arzt Daten zur Verfügung stellen kann, die seine Arbeit enorm verbessern können. Ein erfahrener Arzt hat in seiner bisherigen Karriere vielleicht 10.000 Patienten getroffen – aber was wäre möglich, wenn ihm Falldaten von Millionen Menschen zur Verfügung stehen? Eine künstliche Intelligenz kann Symptome mit Statistiken abgleichen und Auffälligkeiten erkennen, die der Arzt vielleicht übersehen hätte. Noch treffsicherer kann sie werden, wenn zum Datensatz etwa Erbkrankheiten aus der Familiengeschichte des Patienten gehören.
 

Das klingt nach einem Datenschutz-Albtraum.

Der Datenschutz muss immer gewährleistet sein. Davon bin ich ein absoluter Verfechter. Es gibt Länder, in denen das etwas lockerer gesehen wird als in Deutschland. Aber das kann nicht die Lösung sein, um den Weg zur Digitalisierung zu beschleunigen.
 

Wie könnte künftig der Gang zum Arzt aussehen?

Vergleichen wir es mit der heutigen Situation: Man fährt zum Arzt in die Stadt, sitzt da vielleicht ein paar Stunden im Wartezimmer, dann muss man mit dem Rezept noch zur Apotheke gehen. Wenn man dann später zu Hause ist, ist man richtig krank. Ein mögliches Szenario der Zukunft ist, dass die Menschen einen Arzt per Videochat erreichen und das Medikament per Drohne kommt.
 

Das ist extrem futuristisch gedacht.

Tech-Unternehmen wie Amazon oder Uber machen es vor: Die Interaktion mit dem Kunden findet online statt, bei neuen Lieferwegen gibt es zumindest vielversprechende Experimente. Davon kann auch die Health-Branche profitieren.
 

Viele Ärzte betonen aber, wie wichtig der Kontakt zwischen Arzt und Patient ist.

Es gibt viele Standardfälle, in denen er überschätzt wird. Der Arzt muss nicht bei jeder Grippe die Hand auflegen. Früher waren Termine per Videoschaltung in der Ärzteschaft verpönt, aber der Widerstand bröckelt langsam. Unter der Grasnarbe tut sich einiges.
 

Deloitte hat kürzlich den „Global Health Care and Global Life Sciences Outlook“ veröffentlicht. Darin ist auch von Effizienzsteigerung im Gesundheitswesen die Rede. Bedeutet dies, dass sich immer mehr Patienten von immer weniger Pflegepersonal versorgen lassen?

Effizienz heißt, dasselbe mit geringerem Einsatz zu erreichen. Nun ist es so, dass Ärzte und Pfleger viel mit Dingen beschäftigt sind, die den Patienten nicht helfen. Das ist Schreibkram, das ist die Suche nach der Patientenakte. Es gibt Studien, laut denen Ärzte zwei Drittel ihrer Zeit nicht mit Patienten verbringen. Da ist noch einiges zu tun. Meinen Klienten sage ich: Einen Marktvorteil schaffst du dir dadurch, dass du besser bist – und nicht damit, beim Personal auf Verschleiß zu fahren.
 

Sebastian Krolop ist Mitautor des renommierten Krankenhaus Rating Reports, der jährlich erscheint und die Krankenhauslandschaft in Deutschland beleuchtet. Unter dem Titel „Krankenhaus Rating Report 2018: Personal – Krankenhäuser zwischen Wunsch und Wirklichkeit“ wird dieser am 07. Juni 2018 im Rahmen des Hauptstadtkongresses Medizin und Gesundheit vorgestellt. Mehr dazu in Kürze auf der Deloitte Website.

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