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Brexit Fokus: Brexit Survey

Es wird langsam ernst: Deutsche Unternehmen bereiten sich jetzt mit konkreten Schritten auf den Brexit vor

Die Zeit rast: Über zwei Jahre sind seit dem Brexit-Votum im Juni 2016 verstrichen. Nur neun Monate bleiben bis zum formellen Austrittsdatum Ende März 2019. Und trotzdem ist immer noch keine Einigung über das zukünftige Verhältnis von UK und EU absehbar. Es herrscht erhebliche politische Unruhe. Die Verunsicherung der Wirtschaft nimmt weiter zu. Zuletzt hatten sogar namhafte Unternehmen öffentlich vor den Folgen eines harten Brexits gewarnt. Die neue Deloitte Brexit Survey bestätigt diese Besorgnis: Eine überwiegende Mehrheit der darin befragten 239 deutschen Großunternehmen rechnet mit hohen oder sehr hohen Schäden für ihre Firma durch den Austritt Großbritanniens aus der EU.

Die Survey zeigt aber auch: Die Unternehmen bleiben angesichts der Unsicherheiten keineswegs tatenlos. Immer mehr ergreifen nun Maßnahmen zur Vorbereitung auf einen drohenden harten Brexit. Auch wenn der Brexit formal noch gar nicht stattgefunden hat: Das unternehmerische Handeln beeinflusst er schon jetzt.

Die Vorsicht ist natürlich völlig angebracht. Bei den Verhandlungen der beiden Seiten und beim internen Ringen in der britischen Regierung werden zwar durchaus immer wieder Ergebnisse erzielt. Doch die erweisen sich oft als fragil und temporär. Dass Großbritannien und EU den Verhandlungs-Fahrplan für 2018 mit einer erfolgreichen Einigung einhalten werden, bezweifeln daher auch fast 50% der für die Survey befragten Unternehmen. Und nur ein gutes Drittel rechnet mit einer gleichwertigen Fortschreibung des reibungslosen Ist-Zustands für die Handelsbeziehungen im endgültigen Ergebnis.

Kein Wunder, dass nun immer mehr Ressourcen für die umfassende Analyse der akuten Betroffenheit und der möglichen zukünftigen Effekte eingesetzt werden. Im Unterschied zur Survey 2017 haben sich inzwischen 72% (statt 59%) „intensiv“ mit dem Brexit beschäftigt, überwiegend in punktuellen Analysen. 21% haben darüber hinaus eine dezidierte Task Force aufgestellt, 14% bedienen sich externer Beratung. Thematisiert werden dabei die schon jetzt auftretenden Probleme wie eine erschwerte Planung, die Zurückstellung von Investitionsentscheidungen und eine Belastung durch erhöhte Wechselkursschwankungen seit dem Referendum. Dazu kommen befürchtete zukünftige Risiken wie die Einschränkung der Mobilität von Mitarbeitern, die Exportschwächung durch Zölle und Handelshemmnisse, aber auch Negativeffekte bei der Finanzierung, sollte der Finanzplatz London geschwächt werden. Doch auch Chancen werden analysiert, so etwa das Potenzial durch Geschäftsverlagerung in die EU, vorteilhafteres Outsourcing nach UK und Bezug günstigerer Vorleistungen von dort. Zudem wird eine verringerte Konkurrenz durch britische Unternehmen im Binnenmarkt als möglicher Pluspunkt gesehen.

Welche konkreten Maßnahmen ergeben sich aus diesen Analysen? Knapp die Hälfte der befragten Firmen überprüft derzeit Investitionen in Großbritannien. 33% haben inzwischen schon Investitionen in UK gestoppt, in der Automobilindustrie sind es sogar 47%. Mit einem Umbau der Lieferkette hat fast die Hälfte begonnen. Noch stärker reagiert hier die verarbeitende Industrie: 57% dieser Firmen haben präventiv ihre Supply Chain angepasst. Veränderungen bei Organisation und beim Standort von Mitarbeitern kommen hinzu. Sollte es hart auf hart kommen, sind sich die meisten Unternehmen einig: 58% würden als Konsequenz einen größeren Fokus auf andere Märkte als UK legen, wenn ein harter Brexit mit Zöllen und eingeschränkter Mitarbeitermobilität Wirklichkeit wird.

Die Schlagzeilen sind zwar derzeit nicht besonders ermutigend. Doch auch wenn unterm Strich für deutsche Unternehmen die Brexit-Risiken überwiegen: Wer jetzt die Ärmel hochkrempelt, wird diese Probleme lösen. Die Ergebnisse der Survey können daher als Weckruf für jene 11% der befragten Unternehmen verstanden werden, die sich laut eigener Aussage auch zum heutigen Tag noch „gar nicht“ organisatorisch auf den Brexit vorbereiten. Und natürlich als Mahnung zur Einigkeit und Eile an die Politik.

Es gibt jedenfalls keinen Grund, die Flinte ins Korn zu werfen. Zudem der Brexit auch noch andere Effekte mit sich bringen könnte als die erwähnten Handelsrisiken und -chancen. Dazu gehört eine Stärkung der Einigkeit der verbleibenden 27 EU-Staaten. Darauf nämlich setzen laut Survey viele deutsche Firmen jetzt ganz besonders. Immerhin 44% der befragten Unternehmen unterstützen die Verhandlungsposition der EU ohne Abstriche, was die geforderte Weitergeltung etwa der Freizügigkeit für Personen betrifft. Und stolze zwei Drittel wünschen sich für die Zukunft eine Vertiefung der EU-Zusammenarbeit zu bestimmten Themen oder sogar eine stärkere Integration und Zentralisierung. Zumindest bei den befragten Unternehmen also ist der europäische Spirit weiterhin intakt. Trotz aller berechtigten Sorgen: Der Brexit könnte letzten Endes auch sein Gutes haben.

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