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Aktuelle Umfrage zum Brexit: Wie gut sind die deutschen Unternehmen vorbereitet?

Fast alle der befragten Firmen fürchten negative Brexit-Folgen

Der jüngste politische Showdown hat vor allem eines gezeigt: Wann und unter welchen Be-dingungen das Vereinigte Königreich die EU verlassen wird, weiß derzeit niemand. Doch wie planen die deutschen Unternehmen angesichts dieser Unsicherheit? Die aktuelle Umfrage von Deloitte und dem Bundesverband der deutschen Industrie aus dem Februar 2019 zeigt, wie sich Großunternehmen hierzulande auf den Brexit einstellen.

Wir brauchen Klarheit über die eigentlichen Absichten des Vereinigten Königsreichs und die endgültigen Zusagen der britischen Regierung.

Diese Aussage von EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker spricht wohl den meisten Unternehmenschefs aus der Seele. Denn auch wenige Tage vor dem ursprünglich avisierten Termin für das Ausscheiden des Vereinigten Königreichs aus der Europäischen Union gibt es keine Klarheit, wie dieser Schritt vollzogen werden soll. Von einem harten Brexit „ohne Deal“ bis hin zur Verschiebung des Austritts auf unbestimmte Zeit scheinen fast alle Optionen möglich.

 

Brexit-Chaos: Unternehmen sind kaum überrascht

Entsprechend unterschiedlich sind auch die Erwartungen deutscher Großunternehmen, die wirtschaftliche Beziehungen mit dem Vereinigten Königreich pflegen. Eine aktuelle Umfrage zum Brexit von Deloitte und dem Bundesverband der deutschen Industrie aus dem Februar 2019 belegt: Von den 256 befragten Unternehmen geht nur gut ein Viertel davon aus, dass das Austrittsabkommen zwischen der EU und dem Vereinigten Königreich tatsächlich bis zum 30. März zustande kommt. Zwar hat wohl niemand damit gerechnet, dass Parlamentspräsident John Bercow die geplante (dritte) Abstimmung im Unterhaus kurzfristig absagen könnte, jedoch sprach vieles dafür, dass Theresa May für ihren Deal mit der EU auch im nächsten Anlauf keine Mehrheit finden würde.

36 Prozent der Befragten der Umfrage gaben daher an, für einen harten Brexit zu planen, jedes vierte Unternehmen ging schon im Februar davon aus, dass die Frist für den Austritt verlängert wird.

 

Die Zukunft der EU: Zwischen Wunsch und Wirklichkeit

Der europäische Binnenmarkt ist den Unternehmen enorm wichtig. Im Hinblick auf die Verhandlungen mit UK würden die Befragten einige Zugeständnisse machen, um ihn zu bewahren. 41 Prozent der Unternehmen würden Abstriche bei der Personenfreizügigkeit hinnehmen. Allerdings gibt es auch eine vergleichsweise starke Fraktion (34 Prozent), sich für einen vollständigen Ausschluss des Vereinigten Königreichs aus dem Binnenmarkt ausspricht, wenn man dort die vier Grundfreiheiten des freien Personen-, Waren-, Dienstleis-tungs- und Kapitalverkehrs nicht mehr akzeptieren sollte.

Der Brexit scheint den Wunsch nach mehr europäischer Integration zu befördern. Mit Blick auf die verbleibenden EU-Staaten sind die Erwartungen unterschiedlich: 39 Prozent der Befragten wünschen sich mehr Kompetenzen für die EU, wie zum Beispiel in Form eines Eurozonen-Finanzministers, 35 Prozent sprechen sich zumindest in ausgewählten Politikbereichen für mehr Europa aus. Weniger Europa wünschen sich 13 Prozent, die Beibehaltung des Status quo elf Prozent.

 

Banger Blick nach vorne: Welche Folgen hat der Brexit?

Die tatsächlichen Erwartungen haben mit den Wunschvorstellungen allerdings nur wenig gemein. Nahezu jedes der befragten Unternehmen fürchtet, dass der Brexit negative Folgen haben wird. Mehr als die Hälfte (51 Prozent) erwarten weniger Handel mit dem Vereinigten Königreich, gut ein Drittel (35 Prozent) befürchtet einen verschärften Standortwettbewerb oder gar das Auseinanderbrechen der EU als Folge des Brexit.

Immerhin: Was die die Folgen für den Standort Deutschland angeht, macht sich inzwischen ein gewisser Optimismus breit. Sahen im Juni 2018 gerade einmal 35 Prozent der Befragten Chancen durch höhere Direktinvestitionen, sind es inzwischen 50 Prozent. 53 Prozent der Befragten erwarten eine Stärkung Deutschlands als Finanzplatz.

Dennoch überwiegen die Sorgen vor den Risiken des Brexits. Besonders dramatische Konsequenzen erwarten die Befragten im Fall eines ungeordneten EU-Austritts. Fast die Hälfte fürchtet in diesem Szenario hohe oder gar sehr hohe Schäden. Schon heute sind negative Auswirkungen zu spüren, sei es aufgrund der Wechselkursschwankungen, weil die Verantwortlichen Investitionen verschieben, Lagerkapazitäten ausbauen oder weil Aufträge wegbrechen.

 

Aufs Schlimmste vorbereitet? Die Brexit-Planungen deutscher Unternehmen

Um im Fall eines harten Brexits das Schlimmste zu verhindern, haben nur 37 Prozent der Befragten eine spezielle Brexit-Taskforce eingesetzt. 58 Prozent der Unternehmen analysieren die Auswirkungen des Brexits nur punktuell in einzelnen Bereichen, wie dem Steuerrecht, aber nicht umfassend.

Einen Notfallplan für den Fall eines harten Brexits hat auch nur die Hälfte der Unternehmen. Die durchgeführten und geplanten Maßnahmen variieren je nach Branche: Sie reichen von der Verlagerung von Produktionsstätten bis zum Austausch britischer Dienstleister oder Zulieferer. Auch Jobs in Deutschland wären vom harten Brexit betroffen: Jedes vierte Unternehmen würde Stellen streichen – insbesondere in der die Auto-, Konsumgüter- und Bankenindustrie.