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Sustainable Investing:

Wertschöpfung im Kontext nachhaltiger Unternehmensführung

Interview mit Dinah A. Koehler zu nachhaltigen Investments

Dinah Koehler (ScD) führt bei Deloitte Research-Studien zur Nachhaltigkeit durch. Sie hat in Umweltwissenschaften und Risikomanagement an der Harvard School of Public Health promoviert und im öffentlichen und privaten Sektor sowie in der Wissenschaft gearbeitet.

In unserer Marktwirtschaft wird etwas, was einen inhärenten Wert hat – wie beispielsweise ein gesundes und produktives Ökosystem oder ein stabiles Klima – so behandelt, als wäre es ein freies Gut. So sind ökologische und soziale Aspekte in den seltensten Fällen im Preis der Güter und Dienstleistungen, die ver- und gekauft werden, berücksichtigt.

In den letzten Jahrzehnten entwickelte die Wissenschaft – auch in Zusammenarbeit mit der Praxis – immer bessere Indikatoren, um die Auswirkungen der industriellen Aktivität auf die menschliche Gesundheit und die Umwelt zu bewerten, und macht es dadurch auch möglich, diese Auswirkungen mit einem Geldbetrag zu beziffern. Je höher dieser wird, desto weniger ist oft der Kunde bereit, für die Ausgleichskosten aufzukommen, die für Gesundheit und Wohlbefinden aufgebracht werden müssten.

Warum ist ein Fokus auf Nachhaltigkeit für Anleger überhaupt wichtig?

Für Anleger besteht die Herausforderung jetzt darin, vorherzusehen, wann die Gesellschaft nicht mehr bereit ist, diese Kosten zu tragen. Eine veränderte Einstellung oder Bewertung der Unternehmensprozesse durch Kunden und Stakeholder kann sich auf verschiedene Weise ausdrücken – durch Proteste, Boykott, öffentliche Demontage oder in Medienberichten.

Hier wird ein Unternehmen auch immer häufiger an den Pranger gestellt, wenn irgendwo in seiner Wertschöpfungskette ein soziales oder ökologisches Problem auftritt. Je länger ein Unternehmen ein solches Problem ignoriert, umso größer ist der potenzielle Schaden für seine Reputation – und in der Folge für seine Stellung im Markt und seine Finanzkraft. Für Anleger ist dies ein Negativrisiko, das die Aktienkurse belastet. Abzuschätzen, welche Auswirkungen Handlungen des Unternehmens auf ökologische, ökonomische und soziale Aspekte haben und zu welchen potenziellen Risiken es kommen kann, wird bei der Bewertung eines Unternehmens immer wichtiger.

Wie wirkt sich das auf das Anlageverhalten aus?

Prinzipiell ja, Unternehmen müssen jedoch bereit sein, über den Tellerrand hinaus zu denken und sich von eingefahrenen Denkmustern zu lösen. Ein Großteil der Erkenntnisse kommt nicht aus traditionellen Geschäftsanalysen oder aus dem, was man aus den Standardlehrplänen der Wirtschaftsfakultäten lernen kann. Vielmehr handelt es sich hier um eine interdisziplinäre Herausforderung, für die es Personen mit unterschiedlichem Ausbildungshintergrund braucht, um die ökologischen und sozialen Faktoren ganzheitlicher zu bewerten.

Aktuell findet vieles sowohl auf der Prozess- als auch auf der operativen Ebene noch in Silos statt. Die integrierte Berichterstattung, wie sie vom Integrated Reporting Council entwickelt wird, zielt genau darauf ab, die Trennung zwischen den Unternehmensbereichen von Finanzen bis HR zu beseitigen und sie zu einer integrierten Denkweise zu bewegen.

Ist der Wert von externen ökologischen und sozialen Effekten für Unternehmen messbar?

Wissenschaftler an der Wharton School haben die finanziellen Auswirkungen von Stakeholder-Beziehungen im Goldbergbau untersucht und Belege für die Wertschöpfung gefunden. Bergbaugesellschaften mit stabilen Stakeholder-Beziehungen, in denen ein offener Austausch gepflegt wurde, erzielten eine höhere finanzielle Bewertung, da sie das Risiko kostspieliger Verzögerungen und anderer Störungen in der Mine reduzierten. Bei anderen Minen sieht es hingegen so aus: geringere Wahrscheinlichkeit einer planmäßigen Goldförderung, höhere Abschläge, niedrigere Bewertung und risikoreichere Anlage.

Die Wissenschaftler kamen zu dem Schluss, dass die Qualität des Stakeholder-Engagements den Unterschied zwischen einem Unternehmen mit hohem Wert und einem mit niedrigerer Bewertung erklärt, sofern alle anderen Voraussetzungen gleich sind.

Können Sie ein Beispiel für die Wertschöpfung im Kontext nachhaltiger Unternehmensführung nennen?

Die Berichterstattung über ökologische und soziale Aspekte ist eine freiwillige und nicht standardisierte Disziplin, die sich in der Entwicklung befindet. Die Informationen, die Unternehmen an ihre Anleger weitergeben, sind noch sehr uneinheitlich. Das eröffnet aber andererseits auch die Möglichkeit, sich durch eine transparente und umfassende Kommunikation vom Wettbewerb zu differenzieren.

In der heutigen Welt der sozialen Medien ist es für Unternehmen schwierig bis unmöglich, Informationen über ihre ökologischen und sozialen Auswirkungen geheim zu halten, wenn diese einmal nicht den vorgegebenen Gesetzen oder gesellschaftlich akzeptierten Normen entsprechen. Wenn die Öffentlichkeit davon erfährt und traditionelle und moderne Medien die Informationen verbreiten, werden Meinungen gebildet.

Diese Dynamik untermauert die Argumente von Anlegern, die der Entwicklung ökologischer und sozialer Aspekte inzwischen größere Aufmerksamkeit schenken. Ganz egal wie groß oder klein die Auswirkungen auf die kurzfristigen Cashflows sind, beispielsweise durch Kundenboykotte oder Strafzahlungen – Reputation und Markenname nehmen meist deutlichen Schaden.

Auf das Thema Berichterstattung geschaut – welchen Mehrwert haben Anleger durch die transparente Darstellung auch nicht-finanzieller Kennzahlen?

Ein integrierter Report, der nur ein Ergebnis dieses Prozesses ist, könnte einem Unternehmen dabei helfen, die Anleger besser über die Fähigkeit des Unternehmens zu informieren, kurz-, mittel- und langfristig Wert zu schaffen. Durch die explizite Herausstellung der Beziehungen zwischen klassischer Unternehmensleistung und den Aktivitäten im Kontext von Ökologie und Sozialem kann ein integrierter Bericht das Verständnis der Anleger für das Wertschöpfungspotenzial eines Unternehmens verbessern.

Was könnte eine integrierte Berichterstattung in diesem Fall den Anlegern über Unternehmen sagen?

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