Digitale Transformation im Mittelstand

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Digitale Transformation und neue Geschäftsmodelle für den Mittelstand

Nikolay Kolev und Lars O. Lüke von Deloitte Digital im Interview zum Thema Digitalisierung und Mittelstand

Der deutsche Mittelstand ist höchst heterogen, entsprechend ist auch der Stand der Digitalisierung sehr unterschiedlich – auf der einen Seite gibt es sehr wandlungsfähige Unternehmen, die bereits sehr viele Prozesse umgestellt haben, auf der anderen Seite solche, bei denen das Bestandsgeschäft auf klassische Weise noch so gut läuft, dass sie kaum Digitalisierungsdruck verspüren. Wie nehmen Sie diese Schere wahr?

Nikolay Kolev: „Diese Schere gibt es. Und es gibt sie aus einem einfachen Grund: Die digitale Transformation ist ein vielschichtiger und dynamischer Prozess. Er betrifft das gesamte Unternehmen. Man muss die Herausforderung des digitalen Wandels auf verschiedenen Ebenen betrachten, wenn man ihn kontrolliert vollziehen möchte. Wir raten, in drei Abschnitten über den digitalen Wandel nachzudenken: Beginnend mit einer Analyse der Digitalisierungsmöglichkeiten des Kerngeschäfts, folgend von einer Betrachtung der möglichen benachbarten inkrementellen Businessoptionen und abschließend der Weg hin zu disruptiven Geschäftsmodellen.“


Welche Faktoren tragen dazu bei, dass Unternehmen dem Wandel gegenüber aufgeschlossen sind?

Lars O. Lüke: „Unternehmen müssen für einen tiefen Bewusstseinswandel und die radikale Änderung der Denkrichtung offen sein. Bei aller Digitalisierung bleibt daher der wesentliche Faktor immer noch der Mensch. Und eine wichtige Rolle spielt hier das Top-Management. Es muss die Basis für ein gemeinsames Verständnis von Ambition, Ziel, Vorgehensweise und nicht zuletzt vom Wertbeitrag der digitalen Transformation schaffen. Der Vorstand und das Leadership-Team müssen aufgeschlossen sein.“

Nikolay Kolev: „Ein weiterer Faktor, um sich dem digitalen Wandel zu öffnen, ist die eigene Asset Base und das klare Bewusstsein dafür, was man da eigentlich hat. Nur so lässt sich ein Ziel- und Leitbild in konkrete Projekte und strategische Schritte übersetzen. Erst dann kann man neue Geschäftsmodelle erschließen. Die exponentielle technologische Entwicklung bei gleichzeitiger Kostensenkung erlaubt kein sequenzielles Vorgehen – das war früher sicherlich anders.“

 

Was verhindert oder erschwert Digitalisierung?

Lars O. Lüke: „Ganz einfach: fehlendes Tempo. Für viele ist es eine Herausforderung, schneller zu werden. Es sind gewohnte Strukturen, die eine höhere Geschwindigkeit kaum möglich machen. Bremser sind hier meist die Bewahrer und Bedenkenträger. Sie halten am Status quo fest und halten innovative Entwicklungen auf. Den meisten Unternehmen geht es damit aktuell ja auch noch gut bis sehr gut. Es funktioniert ja irgendwie. Doch gerade jetzt ist es höchste Zeit, sich den genannten Herausforderungen zu stellen. Sonst kommen andere, die schneller, besser und erfolgreicher sein werden.“

Nikolay Kolev: „Dazu kommt mangelnde Risikobereitschaft. Darin besteht übrigens der wesentliche Unterschied zwischen Start-ups und etablierten Unternehmen. Die ersteren beginnen bei Null und haben eine große Risikobereitschaft. Die probieren aus, sind schneller, aber eben auch schneller wieder weg, wenn sich das Ganze doch nicht als wirtschaftlich tragfähig herausstellt. Für den klassischen, etablierten Mittelstand ist das ein oft nicht hinnehmbares Risiko. Aber mit Blick auf die Hebelwirkung ihrer bestehenden Assets haben sie einen entscheidenden Vorteil. Diese beiden Welten miteinander zu verbinden und zusammenzubringen, setzt ungeahnte Potenziale und Kräfte frei. Darum hilft es auch, externe Experten hinzuzuziehen und geschützte Räume zu schaffen, in denen man frei neue digitale Geschäftsmodelle entwickeln kann. Und so abgedroschen es klingen mag: Scheitern ist weiterhin erlaubt. Allerdings nicht als Selbstzweck.“

 

Mit welchen Themen wollen Sie den Mittelstand ansprechen?

Nikolay Kolev: „Es muss eine „End-to-end“-Transformation stattfinden. Dazu gehört die Zusammenführung von Strategie und Umsetzung. Zusätzlich sind Themen wie Kultur, Organisation, neue Fähigkeiten und Innovationsgeschwindigkeit relevant und müssen gleichzeitig und ganzheitlich angegangen werden. Wenn es um die Digitalisierung des Kerngeschäfts versus Erschließung neuer Geschäftsmodelle geht, geht es nicht um ein ‚Entweder-oder‘, sondern immer um ein ‚Sowohl-als-auch‘. Nur mit digitalisiertem Kerngeschäft können neue Geschäftsmodelle entstehen.“

Zu den Personen:

Nikolay Kolev ist Teil des Deloitte Consulting Management Teams, Lead Partner für Digitale Transformation und Managing Director von Deloitte Digital. Seine Schwerpunkte liegen in den Bereichen Digital Strategy, Business Building und Venturing. Nikolay verfügt über langjährige Erfahrung im Consulting sowie strategischer und operativer Unternehmensführung. Vor seiner Tätigkeit bei Deloitte Digital war er Global Vice President bei Skrill, einer der führenden Online Payment Plattformen (ehemals Moneybookers).

Lars O. Lüke verfügt über mehr als 20 Jahre Berufserfahrung als Gründer und Digitalberater für Mittelständler und Großkonzerne. Nachdem er zunächst mehrere Start-ups gründete, wechselte er 2012 zu dgroup, einem Unternehmen der Accenture Gruppe, wo er als Director Business Development tätig war. Zwischen 2016 und 2018 war Lüke für etventure als Principal tätig, die im Jahr 2017 von EY übernommen wurden. Bei Deloitte Digital konzentriert sich Lüke auf die Digitalisierung des Mittelstands und den Aufbau digitaler Geschäftsmodelle.