Algorithmen

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Wieso Unternehmen ihre Algorithmen schützen müssen

Algorithmen sind mittlerweile zuhauf in unserem Alltag zu finden: Sie navigieren uns durch den Stau, bremsen im Notfall unser Auto automatisch mit ABS, schlagen uns passende Weihnachtsgeschenke vor und sorgen für deren rechtzeitige Lieferung, kontrollieren unsere Rechtschreibung oder suchen für uns den perfekten Partner. Warum und vor allem wie Unternehmen ihre Algorithmen schützen müssen, erklärt Dr. Katharina Scheja, Of-Counsel bei Deloitte Legal und spezialisiert auf die Beratung in komplexen Informationstechnologie-Projekten.

Das Interview führte Viola C. Didier, RES JURA Redaktionsbüro.

Frau Dr. Scheja, Algorithmen sind – vereinfacht gesagt – doch nur Abfolgen von Handlungsschritten. Was ist daran so wertvoll?

Dr. Scheja: „Ja, richtig – im Prinzip geht es nur um die Abfolgen von Handlungsschritten. Schon die Aschenputtel-Regel ‘die Guten ins Töpfchen, die Schlechten ins Kröpfchen‘ ist schließlich ein Algorithmus. Das berühmte Beispiel verdeutlicht auch, dass Algorithmen nicht unbedingt mit Computern und Big Data zu tun haben müssen, sondern wir alle im Alltagsleben ganz selbstverständlich Algorithmen einsetzen. Schon beim Schachspiel ist es aber bekanntlich nicht so einfach, Abfolgen von Handlungsschritten zu definieren, weil es Millionen von Alternativen für jeden Zug gibt. Das macht – zum Beispiel – die Entwicklung einer Schachspielsoftware, die aus einer Vielzahl von Algorithmen besteht, so anspruchsvoll. Die Lösung komplexer Aufgaben erfordert enorm komplexe Algorithmen, und diese zu erarbeiten, ist nicht nur wahnsinnig zeitaufwändig, sondern gelingt nur mit Kreativität und intelligenten Lösungsansätzen. Daher sind solche komplexen Algorithmen entsprechend wertvoll. Denken Sie nur an Algorithmic Trading: je besser ein Algorithmus in der Lage ist, die Aktienwertentwicklung zu berechnen, desto wertvoller ist er offensichtlich – jedenfalls solange ihn nicht jeder hat.“

Algorithmen umfassen damit alles und sind quasi das Lebenselixier der digitalen Revolution – wieso ist deren Schutz dann so problematisch?

Dr. Scheja: „Nun – bloße Abfolgen von Handlungsschritten sind eben nur schwer unter Schutz zu stellen. Die Ergebnisse von Algorithmen, etwa ein bestimmtes Softwareprogramm, wird ja auch (urheberrechtlich) geschützt. Ansonsten schützt das Urheberrecht Schöpfungen und das Patentrecht technische Erfindungen – und unter beides fallen Algorithmen nicht.“

Aber wie können Unternehmen effektiv die für sie oder von ihnen entwickelten Algorithmen schützen?

Dr. Scheja: „Schon bisher half nur – Geheimhaltung. Da Patent- und Urheberrecht nicht zu Verfügung stehen, war und ist es wichtig, Algorithmen geheim zu halten und durch entsprechende Zugangs- und Austauschbarrieren sowie durch vertragliche Regelungen zu schützen. Wenn allerdings die Geheimhaltung durchbrochen wurde, war es bislang nicht leicht, rechtlich gegen den Eingriff und die weitere Verwendung vorzugehen. Diese Schutzlücke hat der EU-Gesetzgeber mit der Geheimnisschutz-Richtlinie geschlossen und mit Wirkung für das gesamte Gebiet der Europäischen Union einen Rechtsrahmen geschaffen. Das ist ein enormer Fortschritt.“

Ist der Schutz von Algorithmen aber nicht auch durch interne Maßnahmen – beispielsweise gegenüber Mitarbeitern und Dienstleistern – notwendig?

Dr. Scheja: „Richtig – der Gesetzgeber hat beides verknüpft: mehr interner Aufwand ist erforderlich, dafür gibt es mehr Rechte des Inhabers von Algorithmen. Es müssen Geheimhaltungsregeln intern gesetzt und umgesetzt werden, die Mitarbeiterverträge müssen daraufhin angepasst werden sowie alle Verträge mit Kunden und Lieferanten. Das ist schon eine Menge Aufwand. Aber es lohnt sich, denn nun gibt es rechtliche Mittel, dieses wertvolle Know-how zu schützen – und zwar international: für die gesamte EU wie auch für die USA, wo fast gleichlautende Gesetze zur gleichen Zeit erlassen wurden.“

Wäre es fahrlässig, den Schutz, den die Geschäftsgeheimnis-RL und in Kürze das Geschäftsgeheimnisgesetz bieten, nicht zu nutzen? Was könnte im schlimmsten Fall passieren?

Dr. Scheja: „Mit den Worten des französischen Diplomaten de Talleyrand-Périgord: „Es wäre schlimmer als ein Verbrechen, nämlich ein Fehler“, den unzweifelhaft erforderlichen Aufwand zu scheuen und so die neuen rechtlichen Möglichkeiten zu verschenken. Im schlimmsten Fall könnte ein Unternehmen den Marktzugang verlieren oder seine Marktposition verlieren, gar Insolvenz anmelden, weil wertvolle Algorithmen an Konkurrenten gelangt sind. Solche Fälle hat es schon zuhauf gegeben, ohne dass es viel an juristischen Mitteln gegeben hätte; doch die sind jetzt da und man muss sie nutzen, um seine Wettbewerbsvorteile zu schützen und Marktpositionen aufzubauen oder zu verteidigen!“

Ihr Rat als Expertin: Was ist zu tun, wenn Algorithmen von anderen unberechtigt benutzt oder kopiert werden?

Dr. Scheja: „Keine unbedachten Schnellschüsse, wie etwa den vermeintlichen Verletzer vorwarnen! Mein Rat: Sofort einen fachkundigen Anwalt aufsuchen und bedacht und professionell vorgehen.“

Vielen Dank für das Interview!

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