Posted: 10 Jun. 2020 3 min Lesezeit

COVID-19-Briefing: Konjunktur-Update – Economic News Index im Aufwind

Die Konjunktur in Deutschland gibt nach dem Ende des Lockdowns wieder Lebenszeichen von sich. Der neu entwickelte Economic News Index von Deloitte zeigt einen Aufschwung in der wirtschaftlichen Stimmung im Vergleich zu den Tiefstständen im April. Dies legt nahe, dass der unmittelbare Konjunktureinbruch gestoppt ist und sich die Wirtschaft stabilisiert. Gleichzeitig bleibt die Unsicherheit über die Tiefe des Konjunktureinbruchs zwar bestehen, aber die Prognosespanne wird kleiner.

 

Economic News Index verbessert sich im Mai

 

Der Economic News Index (ENI) ist ein textbasierter Indikator und misst die Stimmung, die sich aus der Analyse der Wirtschaftspresse und der Wirtschaftsnachrichten ergibt. Er screent dabei eine große Anzahl von Wirtschaftsnachrichten in den nationalen, regionalen und lokalen Medien. Positive und negative Tendenzen werden in getrennten Indizes erfasst und später verrechnet. Die Null-Linie ist der langfristige Durchschnitt. Im historischen Verlauf zeigte sich, dass der ENI den Trend der BIP-Entwicklung gut antizipieren konnte.¹

 

Abb. 1: Monatlicher Economic News Index

 

In der aktuellen Krise zeigt sich, dass der Fall des ENI im April äußerst tief war und die Kontraktion während der Finanzkrise 2008/2009 sehr deutlich übertroffen hat. Eine kurzfristigere Betrachtung zeigt, dass der Tiefpunkt Anfang April erreicht wurde. Seitdem verbessert sich die Stimmung in der Wirtschaftspresse schrittweise. Nach einem ersten Aufschwung stagnierte sie Mitte April bis Mitte Mai und befindet sich seit Ende Mai wieder im Aufwind. Dies ist ein Anzeichen dafür, dass sich die konjunkturelle Lage stabilisiert und die konjunkturelle Tiefpunkt hinter uns liegt. 

 

Abb. 2: Wöchentlicher Economic News Index (4-Wochendurchschnitt)

 

Die Lockerungen der Corona-Maßnahmen spielen bei diesem Trend die entscheidende Rolle. Die schrittweise Aufhebung der Beschränkungen für die Wirtschaft wie auch schon ihre Ankündigung löst fast notwendigerweise eine Gegenbewegung aus und führt dazu, dass sich die Wirtschaftsaussichten im Vergleich zum Lockdown bessern. Daneben gab es in letzter Zeit in internationaler Perspektive zumindest vom wichtigen chinesischen Markt – hier vor allem aus dem Automarkt – ebenfalls positive Nachrichten, was die Konsumnachfrage angeht.

Andere Stimmungsindikatoren bestätigen diesen Trend. Der Einkaufsmanagerindex hat sich von seinen historischen Tiefs erholt, ein ähnliches Bild zeigt der Ifo-Index für Mai. Bei beiden befragungsbasierten Indikatoren findet der Aufschwung ebenfalls in einem insgesamt noch stark rezessiven Gesamtbild statt. Trotz dieser positiven Signale sollte nicht übersehen werden, dass sich die in den Wirtschaftsnachrichten gemessene Stimmung noch im stark negativen Bereich und aktuell auf einem Niveau befindet, das mit der Stimmung während der Finanzkrise vor elf Jahren vergleichbar ist. 

 

Die aktuelle konjunkturelle Lage

 

Der Einbruch der Konjunktur im laufenden zweiten Quartal ist beispiellos tief. Die Schließung signifikanter Teile der Wirtschaft vor allem im Dienstleistungsbereich und die zurückgehende Produktion im industriellen Bereich durch unterbrochene Lieferketten haben die wirtschaftliche Aktivität einbrechen lassen. Erschwerend kommt hinzu, dass das Wachstum in den letzten Jahren vor allem von den Dienstleistungsbranchen und dem Konsum getragen wurde – also genau jenen Bereichen, die jetzt am schwersten getroffen wurde. 

Wir gehen insgesamt von einer Kontraktion von 13 Prozent im zweiten Quartal aus, dem größten Einbruch in der Geschichte der Bundesrepublik. Bereits im ersten Quartal ist das BIP um 2,2 Prozent zurückgegangen. Die Anfang Mai erfolgten ersten Lockerungen haben das Wirtschaftsleben schrittweise wieder in Gang gesetzt. Dies dürfte allerdings im Weiteren kein einfacher Prozess werden, und viele Risiken für die Konjunktur bleiben bestehen. Dazu gehören eine zweite Welle an Infektionen, ausbleibende Auslandsnachfrage oder auch zurückhaltende Konsumenten. Dazu kommt noch, dass der Konsum auf ungewohnte Beschränkungen trifft, weil einige konsumnahe Dienstleistungsbranchen wie Unterhaltung oder Tourismus noch nicht wieder voll funktionsfähig sind.

Allerdings wurden die einschneidenden wirtschaftlichen Konsequenzen des Lockdowns durch wirtschaftspolitische Überbrückungsmaßnahmen gemildert. Die ersten Maßnahmenpakete – Stichworte: Garantien und Kredite sowie Kurzarbeitergeld – waren dazu gedacht, Unternehmen und Arbeitnehmern über die unmittelbare Krise zu helfen. Das Anfang Juni beschlossene Konjunkturpaket hat dagegen das Ziel, die Konjunktur wieder in Gang zu setzen und durch Konsum zu stimulieren. 

 

Der konjunkturelle Ausblick

 

Durch diese Überbrückungen kann davon ausgegangen werden, dass die bleibenden Schäden erst einmal begrenzt sind, auch wenn das sicher nicht für alle Wirtschaftsbereiche gilt. Das Institut für Weltwirtschaft in Kiel hat im März betont, dass für einen V-förmigen Verlauf der Konjunktur nach dem tiefen Einbruch eine Lockerung der Corona-bedingten Maßnahmen ab Mai nötig ist, gefolgt von einem schrittweisen Wiederhochfahren der Produktion. Mehr als zwei Monate später kann man feststellen, dass in dieser Hinsicht die Voraussetzungen für den Weg in Richtung V-Szenario gegeben sind. Deloitte Deutschland erwartet deshalb im dritten Quartal ein Wachstum von 7 Prozent und im vierten Quartal von 6 Prozent. Dies bedeutet für das Gesamtjahr aufgrund des Einbruchs im ersten Halbjahr immer noch einen BIP-Rückgang von 7,4 Prozent.

Die Konjunkturprognosen weisen derzeit zwar noch eine beachtliche Spannweite auf, diese ist aber im Vergleich zu den Vormonaten schon deutlich geschrumpft. Im März – in der Phase der höchsten Unsicherheit über den Verlauf der Epidemie und die Wirksamkeit der Gegenmaßnahmen –  nahm der Sachverständigenrat in seinem optimistischen Szenario eine Kontraktion von -2,9 Prozent an, das ifo-Institut ging in seinem pessimistischen Szenario von über -20 Prozent aus. 

Die im Mai veröffentlichten Prognosen bewegen sich in einer Spanne zwischen um die -6 Prozent und -10 Prozent. Öffentliche Institutionen wie EU-Kommission, Bundesregierung und Bundesbank liegen in ihren Prognosen eng beisammen und erwarten einen Rückgang der Wirtschaftsleistung zwischen 6,3 und 6,8 Prozent. Damit gehen fast alle Prognosen von einem stärkeren Konjunktureinbruch als in der Finanzkrise (-5,7% in 2009) aus.

Die zaghafte Aufhellung der wirtschaftlichen Stimmung, die der ENI und andere Frühindikatoren zeigen, ist in dieser Perspektive der erste Schritt zu einer Trendwende, die auf Wachstum im zweiten Halbjahr hoffen lässt. Allerdings lässt sich auch dadurch ein historischer Rückgang der Wirtschaftsleistung für das Gesamtjahr nicht verhindern.

 

¹ Zur Methodik des ENI und der Prognosequalität siehe Covid-19-Briefing vom 19.5.2020: https://www2.deloitte.com/de/de/blog/covid-19-briefings/2020/covid-19-briefing-economic-news-index.html 

Ihr Ansprechpartner

Dr. Alexander Börsch

Dr. Alexander Börsch

Chefökonom & Director Research

Dr. Alexander Börsch ist Chefökonom und Leiter Research Deloitte Deutschland. Sein Fokus liegt auf der Analyse ökonomischer Trends und ihren Auswirkungen auf Unternehmen und Unternehmensumfeld. Er ist Autor zahlreicher Publikationen zu den Themen Wachstum und Konjunktur, Brexit, digitale Ökonomie sowie Wettbewerbsfähigkeit von Unternehmen, Städten und Ländern.