Posted: 18 Jun. 2020 3 min Lesezeit

COVID-19-Briefing: Rezession und Aufschwung aus der Sektor-Perspektive

Der Aufschwung nach der Corona-Krise und der Rezession wird sehr sektorspezifisch verlaufen. Die Konjunkturabhängigkeit von Sektoren unterscheidet sich generell stark. Dadurch ist die Betroffenheit der Sektoren durch die aktuelle Rezession sehr unterschiedlich, ebenso wie deren Erholung im Aufschwung.

Um die allgemeine Konjunkturabhängigkeit und die derzeitige Betroffenheit wichtiger Sektoren in Deutschland abschätzen zu können, hat Deloitte Research analysiert, wie stark sich die Sektorenumsätze seit dem Jahr 2000 im Einklang mit der Konjunktur bewegt haben und wie sie sich in und nach der großen Rezession 2008/2009 verhalten haben. Die Ergebnisse dieser Regressionen wurden um die Auswirkungen der aktuellen Restriktionen ergänzt und mit dem aktuellen Konjunkturausblick kombiniert.

Dabei gehen wir von einem Rückgang des BIP 2020 in Deutschland um 7,4 Prozent aus und rechnen mit einem Anziehen der Wirtschaft im dritten Quartal nach einem historisch schlechten zweiten Quartal, in dem die Wirtschaft um ungefähr 13 Prozent einbrechen dürfte. Aktuell zeigen Frühindikatoren wie der ifo-Index, der Einkaufsmanagerindex oder auch der auf Wirtschaftsnachrichten basierende Deloitte Economic News Index alle eine Besserung der Stimmung, wenn auch noch auf einem sehr tiefen Level.

 

Konjunkturabhängigkeit und sektorale Betroffenheit

 

Der Rückgang der Umsätze in den deutschen Sektoren im zweiten Quartal ist in einigen Fällen extrem stark. Besonders leiden wird die Autoindustrie. Ihre Umsätze im zweiten Quartal dürften um gut 60 Prozent zurückgehen. Zusammen mit dem Gastgewerbe (Rückgang von 44 Prozent) ist die Autoindustrie damit am stärksten betroffen. Generell geht in Rezessionen die Nachfrage nach langlebigen und teuren Konsumgüter wie Autos am stärksten zurück. In der Corona-Rezession kommen noch die Werkschließungen der Autohersteller hinzu und die Tatsache, dass der Autoabsatz weltweit eingebrochen ist, in der EU beispielsweise um 76 Prozent im April 2020. Die Autoproduktion in Deutschland brach gar um 97 Prozent ein.

Andere Branchen müssen ebenfalls starke Verluste verkraften, aber nicht in demselben Ausmaß. Der Maschinenbau dürfte ein Viertel seiner Umsätze im zweiten Quartal 2020 einbüßen, die Elektroindustrie leidet in ähnlicher Größenordnung, während die Verluste bei IT-Dienstleistungen (-15 Prozent) deutlich geringer sind. Es gibt aber auch Branchen, die lediglich mit einem ganz leichten Minus das zweite Quartal 2020 überstehen dürften. Dazu zählen vor allem die Bauindustrie und die Telekommunikationsbranche. Die laufenden Projekte in der Bauindustrie und die nach wie vor hohe Nachfrage machen sie relativ unempfindlich gegenüber der Konjunktur, während die Telekommunikationsindustrie von dem Digitalisierungsschub durch die Corona-Krise profitiert.

Wenn sich die derzeitigen Prognosen bewahrheiten und der Zusammenhang zwischen Konjunktur und Sektor-Umsätzen sich so entwickelt wie in den letzten 20 Jahren, kann die Autoindustrie ihre Verluste auf das Jahr gesehen deutlich reduzieren, muss aber dennoch mit einem Einbruch von einem Viertel ihrer Umsätze rechnen. Auch das Gastgewerbe kann die Verluste mindern, aber nicht im selben Ausmaß wie die Autoindustrie. Aufs Jahr gesehen dürften auch die Elektroindustrie, der Maschinenbau und die Chemieindustrie ihre Verluste begrenzen, auch wenn der Umsatzrückgang wohl immer noch um die 10 Prozent betragen wird. In der Telekommunikationsbranche und im Baugewerbe ist zu erwarten, dass sich das leichte Minus des zweiten Quartals auch im Gesamtjahr 2020 fortsetzt.

Einbruch der Umsätze in 2020 im Vergleich zum Vorjahr in %

 

Die Konjunkturabhängigkeit von Sektoren

 

Für die Entwicklung über das laufende Jahr hinaus ist ähnlich wie beim Einbruch die generelle Konjunkturabhängigkeit entscheidend. Manche Sektoren entwickeln sich relativ unabhängig von der Konjunktur, etwa weil sie unverzichtbare Güter und Dienstleistungen bereitstellen, andere reagieren sehr sensibel auf Konjunkturschwankungen, wie langlebige und teure Gebrauchsgüter. Die Nachfrage nach letzteren hängt sehr stark vom gegenwärtigen und vor allem vom erwarteten Einkommen ab. Besonders der Konsum von langlebigen und teuren Gütern sinkt naturgemäß in der Rezession, wenn Unsicherheit über die weitere wirtschaftliche Entwicklung und Sorgen um den Arbeitsplatz dominieren. Dafür wachsen diese Sektoren dann überproportional, wenn die Konjunktur wieder anspringt. 

Im folgenden Diagramm ist die Konjunkturabhängigkeit als Elastizität dargestellt. Ein Wert von 1 auf der horizontalen Achse bedeutet, dass der Branchenumsatz um ein Prozent wächst, wenn das Bruttoinlandsprodukt um 1 Prozent wächst. Sektoren mit Werten kleiner als 1 entwickeln sich deshalb relativ unabhängig von der Konjunktur, Sektoren mit Werten über 1 hängen überproportional an der Konjunktur. Die Umsätze in der Autoindustrie wachsen demzufolge mehr als doppelt so schnell wie die Konjunktur, fallen aber auch dementsprechend mehr. 

Konjunkturabhängigkeit ausgewählter Branchen

 

Es zeigt sich, dass die industriellen Sektoren wie Auto, Maschinenbau, Chemie überproportional an der Konjunkturentwicklung hängen, während eher dienstleistungsorientierte Sektoren wie Telekommunikation, Baugewerbe oder auch das Gastgewerbe nicht so stark von der Konjunktur beeinflusst sind. IT-Services weisen eine besonders hohe Konjunkturabhängigkeit auf, sind aber insofern ein Sonderfall, als ihr Wachstum durch die Digitalisierung über die letzten 20 Jahre auch besonders dynamisch war. 

Das Anziehen der Konjunktur sollte aus diesem Grund vor allem den industriellen Sektoren Aufwind geben. Der Zusammenhang zwischen Konjunktur und der Sektor-Entwicklung hängt allerdings in der aktuellen Krise von einigen unbekannten Faktoren ab, die es in der Vergangenheit so nicht gab. Dazu gehören Herausforderungen in der Produktion durch Social Distancing-Regeln, Unsicherheit über die Wirtschaftsentwicklung in wichtigen Märkten wie den USA und China sowie reduzierte Kapazitäten. In dieser Hinsicht kann die Entwicklung in der Vergangenheit und der Finanzkrise eher eine Richtschnur für die künftige Entwicklung in Aufschwung sein denn eine exakte Vorhersage.

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Dr. Alexander Börsch

Dr. Alexander Börsch

Chefökonom & Director Research

Dr. Alexander Börsch ist Chefökonom und Leiter Research Deloitte Deutschland. Sein Fokus liegt auf der Analyse ökonomischer Trends und ihren Auswirkungen auf Unternehmen und Unternehmensumfeld. Er ist Autor zahlreicher Publikationen zu den Themen Wachstum und Konjunktur, Brexit, digitale Ökonomie sowie Wettbewerbsfähigkeit von Unternehmen, Städten und Ländern.