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Digitale Wettbewerbs­fähigkeit

Digital-Talente analog gewinnen

Jungen Akademikern allein einen guten Job anzubieten, reicht künftig nicht mehr, um sie an sich zu binden. Was beim „Drumherum“ stimmen muss, damit Talente und Unternehmen am Ende zufrieden sind.

Von Dr. Alexander Börsch, Leiter Research

Hochqualifizierte Fachkräfte und junge Akademiker, seien es Naturwissenschaftler, Designer oder Informatiker, sind für Unternehmen Wachstums- und Innovationstreiber. Sie helfen dabei, leistungsstarke Technik mit intuitivem Design zu kombinieren. Bei der Suche nach einem neuen Arbeitgeber interessieren sie sich aber nicht nur für ein hübsches Büro und nette Kollegen. Ganz entscheidend ist auch die Stadt, in der die Firma angesiedelt ist.

Um diese Fachkräfte anzuziehen und ihr volles Potenzial abzurufen, braucht es ein Umfeld, das offen für neue Ideen ist und Kreativität fördert. Gefragt sind lebendige Ökosysteme, in denen Wissen zwischen Experten, Hochschulen und Unternehmen geteilt und weiterentwickelt wird. Nicht von ungefähr sind Unternehmen wie Facebook, PayPal oder Google im Silicon Valley entstanden, das ein unwiderstehlicher Magnet für kluge Köpfe im Internetbereich geworden ist, die dort zusammenarbeiten und Ideen austauschen können. Doch es muss nicht immer das Silicon Valley sein. Der Grund? Unterschiedliche Unternehmen brauchen unterschiedliche Ökosysteme, Talente und Kooperationspartner. General Electric gab erst vor einem Monat bekannt, seine Headquarters aus der Peripherie nicht ins Silicon Valley, sondern nach Boston zu verlegen – gerade wegen Bostons innovativen Ökosystems im Bereich Internet of Things und der hohen FuE-Aktivität in Massachusetts.

Einige deutsche Städte haben ein solch engmaschiges Ökosystem. München, Berlin und Hamburg sind im Bereich der Digitalisierung die wettbewerbsfähigsten Städte der Bundesrepublik. Sie versammeln viele (IKT-)Unternehmen, Hochschulen, Forschungseinrichtungen und Start-ups auf ihrem Stadtgebiet. Alle Beteiligten profitieren fortlaufend von dieser geografischen Nähe zueinander.

Das mag paradox klingen: Das Tempo der Digitalisierung macht die räumliche Nähe von Talenten und einem dynamischen Firmenumfeld beinahe zwingend, obwohl Kommunikationstechnologien nie besser Distanzen überbrücken konnten. Der informelle Austausch ist das Entscheidende. Was hilft schließlich ein Videochat mit Kollegen, wenn die zündende Idee von einem Gründer kommt, den man in der Mittagspause treffen könnte?

Neue Technik- oder Nutzungstrends erfordern häufig Fähigkeiten, die sich Unternehmen über die herkömmlichen Recruiting-Kanäle – Eigenentwicklung, Hochschulen, Ausbildung, Stellenanzeigen – gar nicht mehr schnell genug verschaffen können. Vor wenigen Jahren hätten Autobauer zum Beispiel noch nicht daran gedacht, einmal unter die App-Programmierer gehen zu müssen, um ein Auto für Käufer attraktiver zu machen. In solchen Situationen sind dann Start-ups gefragt. Und die entstehen nur dort, wo sich Gründer mit ihrer Geschäftsidee wohlfühlen, wo sie die richtigen Talente finden, wo sie Perspektiven sehen, wo die Lebensqualität und die Infrastruktur stimmen. Den Rahmen dafür kann eine Stadt schaffen und sich zu einem starken Digitalstandort entwickeln – fast nur mit analogen Mitteln.