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FinTechs: ein neuer Treiber in der Immobilienwirtschaft

FinTechs setzen sich in der Immobilienwirtschaft immer stärker durch und werden von etablierten Unternehmen zunehmend als Gefahr wahrgenommen. Dabei besteht für diese die Chance, durch verschiedene Arten der Kooperation die weitreichenden Potenziale neuer Technologien zu heben.


Eine umfassende Analyse der Daten von Venture Scanner (VS) zeigt, dass die Zahl der Immobilien-FinTechs weltweit sehr stark zugenommen hat, und zwar von 176 zum Ende des Jahres 2008 auf 1.318 per September 2017. Geografisch liegen die USA bei der Zahl der FinTechs klar in Führung, gefolgt von Indien und Deutschland. Im Betrachtungszeitraum nahmen die Gesamtinvestitionen in Immobilien-Fin Techs von 2,4 auf 33,7 Mrd. US-$ rasant zu, im Wesentlichen geprägt von Venture Capital und Private-Equity. 

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Vermehrt werden Start-ups von etablierten Immobiliengesellschaften als kritisch angesehen, da sie oft innovative Lösungen und eine größere Nutzerfreundlichkeit bei vergleichsweise niedrigeren Kosten und einem schnelleren Tempo bieten. Traditionelle Unternehmen können jedoch auch FinTechs nutzen, um ihre operative Effizienz zu steigern, zusätzlichen Nutzen für Mieter zu schaffen oder ihr bestehendes Geschäft zu diversifizieren um neue Einnahmequellen zu erschließen. Da die Immobilienwirtschaft typischerweise neue Technologien erst zu einem relativ späten Zeitpunkt übernehmen, besteht für sie zudem die Gelegenheit, jenseits ihrer aktuellen Ressourcen Marktführerschaft in relevanten Segmenten anzustreben. Dazu können sie verschiedene Ansätze für die Erschließung des FinTech-Sektors in Betracht ziehen:

Kooperation mit Corporate Accelerators: Accelerators ermöglichen es, relevante Ideen und Lösungen frühzeitig zu verfolgen. Dies kann ein wirksamer und relativ kostengünstiger Weg zur Verwendung der von den Start-ups entwickelten neuen Ideen sein. Ein Beispiel ist das Start-up-Accelerator-Programm „UR Link“ des europäische Immobilienkonzerns Unibail-Rodamco, in dessen Rahmen Finanzierungs-, Coaching- und Mentoring-Leistungen für Start-ups angeboten werden, mit dem Ziel die zukünftige Digitalisierungskompetenz innerhalb der Gruppe nachhaltig zu steigern.

Nutzung der Dienstleistungen von FinTechs: Immobilienunternehmen können FinTech-Plattformen für verschiedenste Dienstleistungen nutzen, unter anderem in Verbindung mit Vermietung, Erwerb und Veräußerung sowie der Immobilienfinanzierung. Beispielsweise erbringt Assess+RE cloudbasierte Dienstleistungen zur detaillierten Wertermittlung und Finanzanalyse.

Investitionen: Für Unternehmen mit einer realistischen Vorstellung des Start-up-Business, der notwendigen Finanzkraft und einer entsprechenden Risikobereitschaft kann eine Investition in FinTechs mit starken Wertversprechen interessant sein. Dabei kann durch die Bereitstellung von Know-how, existierenden Geschäftsbeziehungen und durch eine direkte Kundenbeziehung zum Start-up eine Win-win-Situation geschaffen werden. So hat im Jahr 2016 eine Gruppe von Besitzern großer Shopping-Center in das Start-up Deliv investiert, das Käufern Lieferungen der dort erworbenen Waren am selben Tag bietet.

Strategischer Erwerb: Bei geeigneten finanziellen Möglichkeiten und genauer Kenntnis des Geschäftsmodells kommen strategische Übernahmen zur aktiven Unternehmensentwicklung in Frage. So hat JLL im Dezember 2015 Corrigo Incorporated übernommen, einen Anbieter von cloudbasierten Facility-Management-Lösungen. Die Daten von Venture Scanner zeigen eine anhaltende Dynamik im Transaktionsmarkt für Immobilien-FinTechs mit einem Anstieg der Deals von zwei im Jahr 2012 auf 35 im Jahr 2016 und 19 in den ersten drei Quartalen 2017.

FinTechs werden die Immobilienwirtschaft der Zukunft sicherlich maßgeblich mitprägen:

  • Risiko oder Chance: Welche Einstellung herrscht gegenüber FinTechs? Muss diese eventuell neu bewertet werden?
  • Überprüfung der aktuellen Unternehmensstrategie der Zusammenarbeit mit FinTechs: Werden vertragliche Kooperationen, Investitionen oder Übernahmen präferiert? kommen Kombinationen dieser Ansätze in Betracht? Liegen abgestufte Vorgehensweisen für solche verschiedenen Modelle vor?
  • Maßnahmen zur Beteiligung an FinTechs: Kann mit der Dynamik von FinTechs Schritt gehalten werden – vom Vertragsabschluss über Machbarkeitsstudien und Pilotprojekte bis hin zur Darstellung von Ergebnissen? Was sind die Langfristziele mit in Frage kommenden FinTechs?

Betrachten sollte man FinTechs also auch als Chance, die aktuelle Unternehmensstrategie zur Zusammenarbeit mit FinTechs zu prüfen und geeignete Maßnahmen zu ergreifen, um deren Potenziale zu heben, z. B. durch direkte Beteiligung oder strategischen Erwerb.

 

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