Analysen

Brexit Fokus: Risikomanagement

Das "Risikoszenario Brexit" – und wie Unternehmen es managen

Der Brexit schafft als politischer Prozess ungewöhnlich große Unsicherheiten für deutsche Unternehmen. Der Deloitte Brexit Blog diskutiert sinnvolle Ansätze im Risikomanagement.

Verunsichert – der Brexit konfrontiert deutsche Unternehmen mit einem nie dagewesenen Risikoszenario

Risiken und ihr Management sind das tägliche Brot unternehmerischen Handelns. Eine höhere Rendite bedeutet in der Regel auch ein höheres Wagnis. Doch mit dem angekündigten Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union ergibt sich für deutsche Unternehmen eine ganz neue Risikosituation, in der auf keinerlei historische Erfahrungen zurückgegriffen werden kann. 

Für die Rückabwicklung einer so engen handelspolitischen Verflechtung, wie sie in der Union herrscht, gibt es weltweit bislang keinen Präzedenzfall. Nicht zuletzt aufgrund der laufenden Verhandlungen und der unklaren zukünftigen Beziehungen zwischen dem Vereinigten Königreich und der Europäischen Union ist nach wie vor völlig unklar, worauf sich Unternehmen in der Zukunft einstellen müssen. 

Der Zeitplan für den Brexit ist extrem ehrgeizig

Obendrein soll die geplante Trennung in einem geradezu atemberaubenden Schnelldurchlauf geschehen. Der Zeitrahmen des Brexits ist ungleich ehrgeiziger, als man das vom Verhandeln und Ratifizieren üblicher Handelsabkommen kennt.

Zu ersten Reaktionen ist es auf den Märkten und in den Unternehmen Europas auch längst gekommen. So ist der Kurs des Britischen Pfunds unmittelbar nach dem Referendum vom 23. Juni 2016 deutlich gefallen. Inzwischen haben aber auch verschiedene Firmen konkrete Maßnahmen angekündigt oder gar umgesetzt. Etwa in den besonders scharf betroffenen Branchen Luftfahrt und Finanzindustrie. Hier findet teilweise schon heute eine Verlagerung bestimmter Unternehmensbereiche mit Arbeitsplätzen und Investitionen aus Großbritannien in die verbleibenden 27 EU-Staaten statt.

Welche Brexit-Risiken gibt es für Unternehmen?

Politische Risiken sind für Unternehmen meist landesbezogen isoliert analysierbar. Der Brexit entzündet dagegen eine fast unübersehbare Bandbreite von Problemherden. Mit dem Ausscheiden der fünftgrößten Volkswirtschaft der Welt aus der EU entsteht Verunsicherung über eine mögliche Einführung von Zöllen, divergierende Regulierungen, logistisch-operative Störungen der Lieferketten, juristische Verwerfungen im Vertragswesen und Schwierigkeiten in vielen weiteren Bereichen, sowohl solche direkter als auch indirekter Art.

Was für Auswirkungen hat das alles auf die britische, europäische und deutsche Wirtschaft? Welche Effekte betreffen das eigene Unternehmen? Wenn Entscheidungsträger die Risiken verstehen und entschärfen wollen, müssen sie sich notgedrungen auch auf die ureigene Logik politischer und diplomatischer Systeme einlassen.

Es herrscht viel Unklarheit – wie lange noch?

Besonders problematisch am Ablauf des Brexits ist dabei die ungewöhnlich potenzierte Unsicherheit. Es besteht nicht nur Unklarheit über die zukünftig geltenden Regeln im Umgang mit Deutschlands wichtigstem europäischem Exportmarkt. Es besteht auch eine fundamentale Unklarheit darüber, wie lange dieser unsichere Zustand andauern wird. 

Eine Einhaltung des geplanten Zeitrahmens gilt als eher unwahrscheinlich. Keineswegs ist ausgemacht, dass neue Handelsverträge bis zum (bislang unbestimmten) Ende der (möglichen, da bislang noch nicht verbindlich ausgestalteten) Übergangsphase unterschriftsreif zwischen dem zuständigen britischen Minister David Davis und dem EU-Verhandlungsführer Michel Barnier auf dem Tisch liegen. Geschweige denn schon bis zum nominellen Austritt im März 2019.

Vielleicht misslingen die Verhandlungen ja auch komplett. Gut möglich ist dann ebenso ein harter Brexit ohne neues Handelsabkommen und eine Fortführung von Handelsbeziehungen unter den weit ungünstigeren Bedingungen der WTO. 

Was müssen Unternehmen tun?

Doch bei aller Unsicherheit und (fehlenden) Dynamik des Verhandlungsprozesses müssen Unternehmen das Risiko Brexit adressieren. Die gute Nachricht dabei: Bei der doppelten Unsicherheit des Ausgangs der Verhandlungen handelt es sich trotz aller Problemschärfe nur vordergründig um ein „Unknown Unknown“, um hier die zweischneidige Begrifflichkeit des früheren US-Verteidigungsministers Donald Rumsfeld zu gebrauchen.

Denn immerhin ist das Problem identifiziert. Es handelt sich somit eigentlich nur noch um ein „Known Unknown Unknown“. Und mit einem erkannten Risiko können auch die klassischen Werkzeuge des Risikomanagements Anwendung finden. Diese sollten Unternehmen jetzt, sofern noch nicht geschehen, schleunigst in die Hand nehmen. Natürlich angepasst an und erweitert auf die spezifisch politische Natur der Unsicherheit. 

Bewährte Risikomanagement-Tools helfen auch beim Brexit

Die bewährten Tools des Risikomanagements greifen grundsätzlich auch im Umgang mit dem Brexit. Der typische organisatorische Ablauf ist bekannt und eingespielt. Ein Unternehmen identifiziert zunächst ein Risiko. Dessen Tragweite wird dann bewertet und in den Kontext anderer Risiken eingeordnet. Denkbare Chancen in den modellierten Szenarien werden ebenso erkundet. 

Es folgt die Ausarbeitung passender Maßnahmen zur Verhinderung oder Entschärfung. Das Risiko wird in der Hierarchie des Unternehmens verortet. Ist es womöglich ein Thema für die Ebene des Vorstands? Welche Akteure werden als Risk Owner benannt, um Verantwortlichkeiten klar und nachvollziehbar abzustecken?

Ganz wichtig ist auch der Aufbau von Strukturen zur Überprüfung der Umsetzung. Und natürlich von Mechanismen zur kontinuierlichen Überwachung der fortlaufenden Entwicklung des Risikoszenarios. Gerade hier liegt ja der springende Punkt des Themas „Brexit“: Als politisches Risiko fällt es aus dem Rahmen des Üblichen.

Die Risikoüberwachung muss sich deswegen auch am politischen Fahrplan der Verhandlungen orientieren. Im Rhythmus der Gipfeltreffen steht so etwa Ende März wieder ein Treffen des Europäischen Rats an, bei dem die EU den Stand der Verhandlungen bewerten wird. 

Ein weiteres wichtiges Datum ist der Oktober 2018: Bis zu diesem Zeitpunkt müssen laut Barnier die Verhandlungen über den Austrittsvertrag beendet sein, um eine rechtzeitige Ratifizierung vor dem faktischen Austritt im März 2019 zu ermöglichen. Doch neben dieser offiziellen Planung muss die Risikoüberwachung auch die politischen Entwicklungen, insbesondere in Großbritannien, aber auch in der Europäischen Union, im Blick behalten.

Wie können Unternehmen fundierte Prognosen zum Brexit erarbeiten?

Die genaue Beschaffenheit der Verhandlungspositionen ist schließlich bis auf weiteres ein „work in progress“. Aus der Agenda und dem Hintergrund der verschiedenen Akteure lassen sich oft wertvolle Schlussfolgerungen ziehen im Hinblick auf Trends, Tendenzen und Wahrscheinlichkeiten. Auch Personalentscheidungen sind eventuell von Bedeutung. Die öffentliche Meinung kann sich ändern und eine neue Entwicklung andeuten, was aktuelle Umfragen zu einer interessanten Quelle macht.

Nicht zuletzt sind natürlich die Bewegungen auf dem Finanzmarkt aufschlussreich. Anders als bei unverbindlichen Prognosen von Wirtschaftswissenschaftlern oder Meinungsforschern wird hier immerhin die Einschätzung der Beteiligten verbindlich durch die Preisfindung etwa für die britische Währung ausgedrückt, in die auch Erwartungen in Bezug auf den Brexit eingepreist sind.

Robustes Risikomanagement mit einer zusätzlichen politischen Aufmerksamkeit, die auf die besonderen Umstände des Szenarios gerichtet ist: Wenn sich deutsche Unternehmen so aufstellen, gelingt ihnen die Vorbereitung auf den bevorstehenden Brexit.

Fanden Sie diese Information hilfreich?