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Brexit Fokus: Zölle und Supply Chains

Nichts zu verzollen? Von wegen – eine ganze Menge: Drohende neue Zölle nach dem Brexit betreffen nicht nur den Handel, sondern ebenso die hochgradig integrierten grenzüberschreitenden Lieferketten in der EU.

Jahrzehntelang sorgte die Globalisierung für stetig sinkende Handelshemmnisse. Und nun befindet sie sich plötzlich im Rückwärtsgang. Handelskonflikte und Protektionismus stehen wieder auf der Agenda. In Europa ist es vor allem der bevorstehende Austritt Großbritanniens aus der EU, dessen unklarer Ausgang für Unruhe sorgt.

Zölle sind dabei eines der großen Probleme, die ein – durchaus wahrscheinlicher – harter Brexit für die Wirtschaft verursachen könnte. Die Abgaben würden die direkten Lieferungen zwischen dem Vereinigten Königreich und der EU belasten. Darüber hinaus bereiten sie den europäischen Unternehmen aber auch noch andere Kopfschmerzen. Denn die verschicken Waren ja nicht nur zum Endverbleib in andere Länder.

Insbesondere die verarbeitende Industrie hat heute fein justierte innereuropäische Lieferketten aufgebaut. Die Just-in-time-Logistik im modernen Manufacturing macht an Grenzen aber nicht halt. Der Brexit droht ihr nun einen Knüppel zwischen die Beine zu werfen. Zölle wirken zugleich als Kosten- und als Zeitfaktor: Sie verteuern Vorleistungen und behindern durch umständliche Grenzkontrollen die Logistik.
 

Deutsche Großkonzerne verdienen jeden zehnten Euro im UK

Die Wichtigkeit von Großbritannien für die deutsche Wirtschaft ist allgemein bekannt. Jeden zehnten Euro verdienen die hiesigen Großkonzerne dort. Auch zwischen anderen EU- und Drittländern bestehen enge Verflechtungen mit dem Standort UK, häufig in Form von lokalen Produktionsstätten und Zulieferern. Die Automobilindustrie, aber etwa auch der Flugzeugbau werden immer wieder als Beispiele genannt.

Es ist bemerkenswert, wie oft und wie weit bestimmte Bauteile im Laufe der Herstellung eines Endprodukts quer durch den Binnenmarkt „reisen“, vom gern zitierten Schalthebel eines Autos bis hin zum Flugzeugrumpf. Die Bedeutung eines reibungslosen Grenzverkehrs von Materialien und Vorleistungen für die integrierte europäische Produktion kann kaum überschätzt werden. Umgekehrt ist die Problematik neuer Hürden unmittelbar offensichtlich.
 

Steigende Kosten für Zölle

Als erster Punkt fällt dabei die direkte Kostenfrage ins Auge. Denn das so erfolgreiche Über-die-Grenzen-Produktionsmodell würde sich kaum noch rechnen, wenn bei jedem einzelnen Grenzübertritt zukünftig etwa nach dem Tarif der Welthandelsorganisation Zoll fällig würde – zum Beispiel in Höhe von 4,5% für Autoteile.

Doch die Abgaben wären nur der Anfang der Problemliste. Der veränderte Zollstatus hat schließlich auch viele rechtliche Konsequenzen und führt zu entsprechendem administrativen Aufwand, den die Unternehmen bezahlen müssen. Zollanmeldungen wollen vorgenommen werden, die Einhaltung komplexer Regelungen wird notwendig. Dazu gehören auch die außenwirtschaftsrechtlichen Folgen eines Austritts Großbritanniens aus der EU. Verschärfte Investitionskontrollen für Drittländer könnten relevant werden. Ebenso die umfangreichen Verbote und Genehmigungspflichten sowohl Deutschlands als auch der EU. Darüber hinaus wird auch ein zu erwartendes neues britisches Exportkontrollrecht die Lage für Ausfuhren aus UK noch zusätzlich komplizieren.
 

Zeit = Geld

Die nötigen Grenzkontrollen verursachen wahrscheinlich außerdem für Exporteure und Logistiker teure und unberechenbare Verzögerungen, die die Just-in-time-Lieferung unmöglich erscheinen lassen. Denn die existierenden Verkehrswege sind nur für einen Warentransit ohne intensive Kontrollen und komplexe Einfuhrverfahren ausgelegt. Sie werden mit der Abwicklung unter neuen Zollregeln ziemlich sicher überlastet.

An den Ausgängen des für den Transitverkehr so wichtigen Tunnels zwischen Calais und Dover könnte es bei kleinsten Verzögerungen zu enormen Staus kommen – und damit zu explodierenden Standkosten. Geschätzt wird beispielsweise, lediglich zwei Minuten zusätzliche Wartezeit in Dover würden dann schon zu Rückstauungen von bis zu 30 km führen. Und auch alternative Hafenkapazitäten sind begrenzt. Lokale Gegebenheiten wie mangelnde Parkflächen behindern vielerorts eine Expansion der Infrastruktur. Und natürlich finden Baumaßnahmen für neue Anlagen auch deswegen nicht statt, weil die genaue Ausprägung der zu erwartenden rechtlichen Grenzsituation ja noch gar nicht bekannt ist.

Vor dem offiziellen Austritt zu Ende März 2019 dürfte sich an der Lage nicht großartig ändern. Auch die oft erwähnte „smarte“ Grenztechnologie ist zwar im Prinzip sehr vielversprechend, aber noch nicht konkret einsatzbereit.

Fazit

Eine knifflige Thematik, die da auf deutsche Unternehmen zukommt, sofern sie Wertschöpfungsketten über den Ärmelkanal aufgebaut haben. Welche Möglichkeiten haben sie zur Problemlösung? Unter Umständen kann es zur Vermeidung von Engpässen sinnvoll sein, schon jetzt den Aufbau von Lagerkapazität in UK in den Blick zu nehmen, inklusive der dafür notwendigen Genehmigungen. Darüber hinaus müssen sich betroffene Firmen fragen, ob sie die Lieferströme umlenken oder sich neue Lieferanten finden könnten. Ist vielleicht eine Anpassung der Kalkulation in Sachen Marge oder Preis denkbar? Muss es schlimmstenfalls zu Einschnitten in der Produktion kommen? Wie auch immer solche Überlegungen ausfallen: Wichtig ist, dass sie nun schleunigst stattfinden.