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Die Zukunft beginnt jetzt

Deutschlands Wirtschaft wächst auch in unruhigen Zeiten. Der Wohlstand von morgen ist jedoch gefährdet, wenn wir uns auf den Erfolgen von heute ausruhen. Vor allem in zwei Bereichen würden sich Investitionen langfristig auszahlen.

Von Dr. Alexander Börsch, Leiter Research

Es gibt die bequemen Wahrheiten über den Zustand der deutschen Wirtschaft, und es gibt die unbequemen. In unserer Studien-Reihe „Datenland Deutschland“ beleuchten wir nach der digitalen Wettbewerbsfähigkeit deutscher Städte nun die digitale Konkurrenzfähigkeit Deutschlands auf internationalem Parkett.

Die bequeme Wahrheit vorab: Die allgemeine Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft ist hoch. In den einschlägigen Rankings belegt Deutschland vordere, wenn nicht gar Spitzenplätze. Unter der Oberfläche gibt es allerdings auch Schatten. Die digitale Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands ist höchstens mittelmäßig, ein Trend, der sich ohne Gegenmaßnahmen nach und nach über die gesamtwirtschaftliche Entwicklung legen könnte. Man findet diese unbequemen Wahrheiten im Bereich der digitalen Wettbewerbsfähigkeit unseren Daten zufolge vor allem beim Gründungswillen der Deutschen und bei den Unternehmensausgaben für digitale Technologien.

Dass die Digitalisierung Unternehmen seit den 1980ern effizientere Arbeitsabläufe beschert hat, ist kein Geheimnis. Während Investitionen in stets leistungsfähigere Hard- und Software über die vergangenen Jahre für Zugewinne bei der Produktivität sorgten, kamen in jüngster Vergangenheit weitere Variablen hinzu: Breitband-Internet und mobile Endgeräte ermöglichten vielfach die Reorganisation ganzer Geschäftsprozesse und die Entstehung neuer Geschäftsmodelle. Betriebe müssen künftig mit einer Beschleunigung dieser Entwicklung rechnen, ihre Strukturen verändern und sich einem veränderten Wettbewerb stellen – oder rückläufige Umsätze und schlimmeres in Kauf nehmen.

Nehmen wir als Beispiel die deutsche Autoindustrie: Schafften es Autobauer hierzulande nicht, bei autonom fahrenden Fahrzeugen erfolgreich zu sein, wären die wirtschaftlichen Folgen enorm. Die Konzerne sind somit zu hohen Forschungsausgaben in digitale Innovationen gezwungen, wenn sie fortbestehen und ihren technologischen Vorsprung behalten wollen. Wer kann diese Innovationen treiben? Auf diese Frage gibt es in der gesamtwirtschaftlichen Betrachtung der „Datenland Deutschland“-Studie zwei Antworten:

Zum einen brauchen digitale Innovationen kluge Köpfe. Hier ist Deutschland beim Bestand künftiger digitaler Talente, dazu zählen vor allem MINT-Studenten sowie die Qualität der Forschung und Ausbildung bestens aufgestellt. In etablierten Branchen haben diese klugen Köpfe leicht, einen Job zu finden. Gleichzeitig wächst der Bedarf an Datenwissenschaftlern, die es in Deutschland eher selten gibt. Diese Lücke muss sich künftig in der Hochschulbildung niederschlagen. Fachkräfte aus dem Ausland abzuwerben, wo es solche Studiengänge bereits gibt, ist kein Modell, das dauerhaft erfolgreich ist.

Neue Technologien sind andererseits auch das Spielfeld von Start-ups. Wir beobachten neue Innovationsmuster, die dazu führen, dass digitale Innovationen eher in neugegründeten als in etablierten Großunternehmen stattfinden. In diesem Bereich zeigt Deutschland eine außerordentlich schwache Performance. In allen Bereichen, die die Bereitschaft messen, selber unternehmerisch tätig zu werden, belegt Deutschland im OECD-Vergleich Plätze im hinteren Mittelfeld oder liegt ganz hinten. Dies betrifft sowohl eigene unternehmerische Absichten, die wahrgenommenen Chancen des Unternehmertums, als auch die Wahrnehmung des Unternehmertums als Karriereoption.

Eine Option, die risikoaverse Einstellung der Deutschen zu relativieren, ist, Studenten rechtzeitig die Tools zu vermitteln, die sie als Unternehmer später gut gebrauchen können. Zudem gilt es, sehr früh so viele Berührungspunkte mit dem Unternehmertum zu schaffen wie möglich.

Nur wenn das Vertrauen auf die eigenen Fähigkeiten als Unternehmer wächst – und mit ihr die Zahl der Unternehmensgründungen – wird es gelingen, im internationalen Vergleich in diesem Bereich Plätze gutzumachen. Dasselbe gilt für Investitionen in die Digitalisierung und die Förderung künftiger Digitaltalente: Gemeinsam sorgen diese Faktoren für eine erhöhte Produktivität, die der Standort Deutschland angesichts des rückläufigen Produktivitätstrends dringend braucht. Sie kann den gesellschaftlichen Wohlstand dauerhaft sichern und mehren. Der Zeitpunkt zum Handeln ist jetzt. Die Digitalisierung wartet nicht.