Posted: 02 Jul. 2021 5 min Lesezeit

Economic Trend Briefing: Konsum boomt, aber droht Inflation?

Die Erholung der deutschen wie auch der europäischen Wirtschaft ist derzeit in vollem Gange. Mit dem Ende der Corona-Restriktionen und dem Sinkflug der Infektionen steigt die uwirtschaftliche Stimmung von einem ohnehin schon hohen Niveau noch einmal deutlich. Der wohl wichtigste Frühindikator, der Einkaufsmanager Index, liegt für die Eurozone auf dem höchsten Niveau seit 15 Jahren; das Wachstum beschleunigte sich hier den dritten Monat in Folge. In Deutschland hat der Einkaufsmanagerindex den höchsten Stand seit zehn Jahren erreicht. Im Vergleich zu den Monaten vorher ist es auch nicht mehr allein die Industrie, die für den guten Ausblick verantwortlich ist. Der Dienstleistungssektor kommt nach dem Ende der Beschränkungen zunehmend in Fahrt und erreicht ebenfalls Rekordwerte.

Somit deutet sich an, was seit Anfang des Jahres erwartet, aber durch die neuen Wellen der Pandemie unterbrochen wurde: ein kräftiger Aufschwung in Deutschland und in der Eurozone, anfänglich von den Exporten, aber zunehmend auch vom privaten Konsum getrieben. Die anfängliche Befürchtung, dass die Konsumenten durch die Pandemie vorsichtiger geworden seien, scheint sich nach den neuesten Daten aus Ländern, in denen die Impfkampagne weiter fortgeschritten ist, nicht zu bewahrheiten. In den USA hat der private Konsum ab einer Impfquote von 30 Prozent zweifach Geimpften rasant zugelegt.¹  Deutschland hat diese Marke Mitte Juni 2021 hinter sich gelassen. 

 

Inflationsängste und Risiken im Aufwind

 

So gesehen ist der wirtschaftliche Ausblick so positiv wie lange nicht mehr und die Situation sehr viel besser als während der Corona-Wellen erwartet wurde. Die Kehrseite ist, dass gleichzeitig die Inflationsängste zunehmen. Die Inflation schien seit den 1980er Jahren besiegt. Ihr Comeback wurde nach der Finanzkrise wegen der extrem lockeren Geldpolitik oft vorhergesagt, trat aber nie ein. Vor allem in Europa war das letzte Jahrzehnt geldpolitisch sehr viel mehr von einem Kampf gegen die Deflation geprägt.

Der aktuelle Anlass für steigende Inflationsrisiken ist die Kombination aus potenziell stark steigender Nachfrage auf Seiten der Konsumenten und Schwierigkeiten auf der Angebotsseite. Auf der einen Seite haben Konsumenten während der Lockdowns aufgrund der großen Unsicherheit ihr Geld zusammengehalten und konnten wegen der Geschäftsschließungen ihr Geld auch nicht in gewohntem Maße ausgeben. Auf der anderen Seite sorgten Maßnahmen wie das Kurzarbeitergeld und Konjunkturprogramme dafür, dass die Arbeitslosigkeit niedrig und gesamtwirtschaftlich die verfügbaren Einkommen stabil gehalten werden konnten.

In der Folge sind die Ersparnisse enorm gestiegen. Die Extra-Ersparnisse der Konsumenten sind beträchtlich. 2020 haben die Konsumenten in Europa nach Berechnungen von Deloitte Research insgesamt 480 Milliarden Euro mehr gespart als im Jahr 2019. In Deutschland alleine sind es 114 Milliarden Euro und in den USA 1,6 Billion USD. Diese Ersparnisse, die jetzt nach dem Ende der Lockdowns ausgegeben werden können, treffen auf ein Angebot, das unter den Krisenfolgen leidet. In den besonders betroffenen Dienstleistungssektoren wie Hotels oder Restaurants werden nicht alle Betriebe wiedereröffnen. Hinzu kommen preissteigernde Faktoren auf der Angebotsseite: Knappheit und steigende Preise beherrschen wichtige Input-Faktoren wie Rohstoffe oder auch Computer-Chips. Damit trifft eine steigende Nachfrage, die in den USA mit gigantischen staatlichen Investitions-Programmen noch weiter angeschoben wird, auf ein sinkendes Angebot. Laut Lehrbuch sollte dies zu steigenden Preisen führen.

 

Inflation – die Daten

 

Und in der Tat lassen sich aktuell Preissteigerungen beobachten. Im April 2021 stieg die Inflationsrate in den USA auf 4,2 Prozent, im Mai auf fünf Prozent. In Deutschland lag sie laut statistischem Bundesamt im Mai bei 2,5 und im Juni bei 2,3 Prozent und damit seit langer Zeit wieder über dem Zielwert der Europäischen Zentralbank von knapp unter zwei Prozent. In der Eurozone lag sie genau bei zwei Prozent im Mai, für Juni rechnet Eurostat mit 1,9 Prozent. So gesehen ist unstreitig, dass der Inflationsdruck steigt, wenn auch teilweise wegen temporärer Faktoren. Vor allem die Energiepreise sind in Deutschland gestiegen und lagen im Juni 2021 um 9,4 Prozent höher als ein Jahr davor. Dazu kommen noch Sondereffekte wie die Rücknahme der Mehrwertsteuersenkung. Die Position der Zentralbanken und vieler Ökonomen ist, dass wir in diesem Jahr eine höhere Inflation sehen werden, dass dies aber nur ein vorübergehendes Phänomen sein wird. Auf Basis dieser Interpretation bleibt auch die generelle Geldpolitik in Europa erst einmal weiterhin sehr expansiv, und die im März angekündigte Ausweitung der PEPP-Anleihen-Kaufprogramme wird beibehalten.

Die gängigen Indikatoren zeigen tatsächlich, dass die Angst vor strukturell steigender Inflation an den Finanzmärkten und Unternehmen noch nicht sehr ausgeprägt ist. Die Renditen zehnjähriger Staatsanleihen sind seit März sogar leicht gesunken. Die von der EZB befragten Prognostiker erwarten für 2021 einen Inflationswert knapp unter dem Inflationsziel und auch auf Sicht von zwei und fünf Jahren Werte von deutlich unter zwei Prozent. Eine ähnliche Einschätzung zeigen die Finanzvorstände deutscher und europäischer Unternehmen: Der Deloitte CFO Survey hat gezeigt, dass eine große Mehrheit von über zwei Dritteln der befragten deutschen Finanzvorstände auf Sicht von 12 Monaten eine Inflation von um die zwei Prozent erwartet, nur 16 Prozent erwarten eine deutlich höhere Inflation.

 

 

Der längerfristige Ausblick

 

Damit ist deutlich, dass Märkte und Unternehmen trotz der extrem lockeren Geldpolitik und des durchaus steigenden Inflationsdrucks mittelfristig kein höheres Inflationsniveau erwarten. Allerdings gibt es langfristig durchaus Trends, die eine höhere Inflation begünstigen können. Diese haben vor allem mit demographischen Trends und der künftigen Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt zu tun. Deutschland und Europa altert in den kommenden Jahren rapide, nach Schätzungen des statistischen Bundesamtes dürfte die Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter in Deutschland (zwischen 20 und 65 Jahren) um fünf Millionen schrumpfen, in der gesamten EU um ungefähr 40 Millionen.

Daraus folgt, dass die Arbeitsmärkte noch einmal sehr viel enger werden dürften, während gleichzeitig eine alternde Gesellschaft sehr viel mehr personalintensive Dienstleistungen nachfragt, vor allem im Bereich Gesundheit. Das geringere Angebot an Arbeitskräften dürfte erst die Löhne und könnte in der Folge dann die Inflation steigen lassen, wie die Ökonomen Charles Goodhart und Manoj Pradhan jüngst in ihrem Buch „The Great Demographic Reversal“ argumentierten. In dieser Interpretation mag zwar die Inflation im Zuge der Corona-Krise temporär sein, könnte aber durch die Alterung der Gesellschaft nahtlos auf ein höheres Level übergehen.

Diese Interpretation ist erst einmal nur ein Szenario, das nicht zwangsläufig eintreten muss. Es ist beispielsweise auch vorstellbar, dass ältere Gesellschaften generell weniger konsumieren, so dass die Nachfrage und damit die Preise sinken und das geldpolitische Problem weiterhin eher Deflation sein könnte. Ein höheres Level an Inflation ist aber ein durchaus plausibles Szenario, das nahelegt, Inflation nicht mehr nur als historische Erscheinung zu betrachten, sondern als eine mögliche Entwicklung ernst zu nehmen.

 

¹ VISA Business and Economic Insights 2021. Vaccinations unlock a potential spending boom. Juni.

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Dr. Alexander Börsch

Dr. Alexander Börsch

Chefökonom & Director Research

Dr. Alexander Börsch ist Chefökonom und Leiter Research Deloitte Deutschland. Sein Fokus liegt auf der Analyse ökonomischer Trends und ihren Auswirkungen auf Unternehmen und Unternehmensumfeld. Er ist Autor zahlreicher Publikationen zu den Themen Wachstum und Konjunktur, Brexit, digitale Ökonomie sowie Wettbewerbsfähigkeit von Unternehmen, Städten und Ländern.