Posted: 19 May 2021 4 Lesezeit

Consumer Sector Briefing: Die Zukunft des Handels

Der Einzelhandel befindet sich im Umbruch. Technologischer Fortschritt, neue Konsumentenbedürfnissen und wirtschaftliche Faktoren werden den Handel in den nächsten Jahren verändern. Viele dieser Trends und Entwicklungen waren bereits im Gange, wurden aber durch die COVID-19-Krise noch einmal beschleunigt. Dabei sprechen wir im aktuellen Consumer Sector Briefing nicht von umherfliegenden Paketdrohnen und Robotern, die das Regal im Supermarkt auffüllen. Vielmehr richten wir den Blick auf die unmittelbare Zukunft. Denn schon heute ist klar: In den nächsten Jahren wird der Handel digitaler, regionaler und nachhaltiger.

 

Vertriebswege werden digitaler und direkter

 

Das letzte Jahr war außergewöhnlich und hat sich als Transformationstreiber für den Handel erwiesen. Damit Konsumenten auch während der Shutdowns von zu Hause aus einkaufen konnten, mussten in Windeseile die Onlinekapazitäten und die Logistik ausgebaut und eine ausgereifte Omnichannel-Strategie entwickelt werden. Zahlreiche Einzelhändler verfügten zu diesem Zeitpunkt jedoch noch nicht über einen Onlineshop, geschweige denn einen Digital-First-Ansatz. 

Doch Not macht bekanntlich erfinderisch. Viele kleinere Einzelhändler nutzen Social Media Plattformen wie Instagram oder TikTok, um ihre Waren zu präsentieren und direkt an Konsumenten zu verkaufen. Dieser Social Commerce hat durch die Lockdowns einen regelrechten Schub erhalten. Eine spezielle Form davon, die sich in Asien bereits großer Beliebtheit erfreut und nun in die westliche Welt überschwappt, ist Livestream-Shopping. Es handelt sich um eine Art Teleshopping für die junge Generation, die Entertainment mit Produktinformationen und Shopping vereint. Oftmals können die im Stream gezeigten Produkte direkt gekauft werden, ohne dass Nutzer dazu die App-Umgebung verlassen müssen.

Dieser Trend ist besonders für nicht-standardisierte Produkte wie Bekleidung oder Beauty geeignet, die Verbraucher am liebsten im Geschäft selbst ansehen und ausprobieren möchten. In den kommenden Jahren ist zu erwarten, dass immer mehr Händler mit innovativen, digitalen Shoppingformen experimentieren. 

 

„Innerhalb eines Jahres hat der deutsche Einzelhandel einen Wandel vollzogen, der ohne Pandemie fünf Jahre gedauert hätte.“
Egbert Wege
Partner | Portfolio Lead Customer & Marketing

 

Einkaufen wird bequemer und sicherer

 

Zwei Dinge, auf die Konsumenten seit dem Ausbruch der Corona-Pandemie besonders großen Wert legen, sind Convenience und der Schutz der eigenen Gesundheit. 

Laut dem Deloitte Global Consumer Pulse Survey fühlt sich aktuell weniger als die Hälfte der Deutschen beim stationären Einkauf vor gesundheitlichen Gefahren geschützt. Fast ein Viertel der Verbraucher nutzt Click-&-Collect sogar explizit, um die Zeit im Geschäft und das Ansteckungsrisiko in geschlossenen Räumen zu minimieren.1 Dieses gesteigerte Hygienebewusstsein der Konsumenten wird nicht schlagartig mit der Öffnung des Einzelhandels und dem Ende der Pandemie verschwinden. Aus diesem Grund sollten Händler auch langfristig verstärkt auf kontaktloses Bezahlen, Self-Scanning-Lösungen und stationäre Self-Checkout Systeme setzen. 

 

 

Abb. 1: Sicherheitsempfinden in Deutschland

 

Der Schutz der eigenen Gesundheit führt außerdem zu einer höheren Ausgabebereitschaft für Convenience. So zahlen zurzeit 38 Prozent der deutschen Verbraucher gerne einen Aufpreis, um alltägliche Produkte oder Lebensmittel über Abo-Modelle oder Lieferdienste in einem regelmäßigen Turnus zu erhalten. Im internationalen Vergleich ist diese Zahlungsbereitschaft höher als in anderen EU-Ländern, aber bisher geringer als in China, den USA und Großbritannien. Doch einmal an den bequemen Service gewöhnt, werden deutsche Konsumenten voraussichtlich auch nach der Pandemie dabeibleiben. Demnach sind in Zukunft zahlreiche neue Convenience-Geschäftsmodelle absehbar.

 

Abb. 2: Zahlungsbereitschaft für Convenience

 

Stationäre Geschäfte werden kleiner und rücken näher an den Kunden

 

Immer größer und größer – diese Zeiten sind passé. Seit Anfang der Zweitausender-Jahre wächst die Verkaufsfläche des deutschen Einzelhandels kaum noch.2  Zwar zählt Deutschland immer noch zu den Ländern mit der höchsten Geschäftsquadratmeteranzahl pro Einwohner in Europa, doch der Druck auf die Flächenproduktivität (Umsatz dividiert durch die Verkaufsfläche) steigt. Gründe dafür sind neben der steigenden Konkurrenz durch das Onlinegeschäft auch die hohen Kosten für Mieten, Ladenausstattung und Personal. Laut HDE gaben im Jahr 2020 lediglich 10 Prozent der deutschen Einzelhändler an, dass Flächenwachstum zu ihren Top-Themen gehört. Fünf Jahre zuvor hatten das Thema noch 18 Prozent auf der Agenda stehen. Es zeichnet sich also ein Trend zu kleineren Geschäften ab, der durch die COVID-19-Krise noch verstärkt werden dürfte. 

Gleichzeitig ist durch die Pandemie der Radius, in dem wir uns bewegen, deutlich kleiner geworden. Durch die Möglichkeit zum Homeoffice erstreckt er sich in vielen Fällen vom eigenen Zuhause bis zum Supermarkt um die Ecke. Das Fahrzeug wird dagegen momentan oft stehen gelassen und möglicherweise auch langfristig seltener genutzt, wie der Deloitte Global Consumer Pulse Survey zeigt. Anstatt große Ladenflächen in Industriegebieten anzumieten, sollten Händler demnach wieder verstärkt die Nähe zum Kunden suchen. Geeignete Standorte lassen sich durch die Analyse unterschiedlicher Standortfaktoren, wie etwa die Erreichbarkeit durch öffentliche Verkehrsmittel oder die Kaufkraft eines Stadtteils, bestimmen.

Kleinere Geschäfte in zentralen Lagen werden ein relevanter Teil der Omnichannel-Strategie sein. Ihre Rolle wird sich jedoch ändern. Zukünftig können stationäre Läden zum Marketing-Hub und Teil der E-Commerce Lieferkette werden, indem sie entweder als Fulfillment Center oder Showroom für Produkte dienen.3

 

Der Handel wird verantwortungsbewusster und nachhaltiger

 

Während der Finanzkrise verzichteten viele Konsumenten auf teure Ökoprodukte.4 Nicht jedoch während der COVID-19-Krise. Das Bewusstsein für Nachhaltigkeit und ethischen Konsum beeinflusst auch während der Krise die Kaufentscheidung der Verbraucher und wird aufgrund der steigenden ökologischen und sozialen Herausforderungen in den nächsten Jahren immer relevanter. Bereits heute sind ethische Kriterien ein fester Bestandteil der Kaufüberlegungen. Konsumenten erwarten von Unternehmen, dass Sie sich für gesellschaftliche Problemstellungen einsetzen und zu einem positiven Wandel beitragen. Ganz nach dem Motto „My wallet is my vote.“ 5 Aus diesem Grund sind in Zukunft verantwortungsvollere und transparentere Lieferketten sowie klimaneutrale Versandoptionen absehbar.

 

Gestärkt in die Zukunft

 

Für die nächsten Jahre steht deutschen Einzelhändlern eine weitreichende Transformation bevor. Die oben genannten Trends werden zahlreiche Veränderungen und Herausforderungen mit sich bringen. Doch die Zeichen stehen gut: Während der COVID-19-Krise haben Händler gelernt, auf unvorhergesehene Geschehnisse und neue Kundenbedürfnisse agil zu reagieren. Mit innovativen Lösungen und neuen Geschäftsmodellen können und werden sie die Zukunft positiv gestalten.

 

1 Deloitte: Global Consumer Pulse Survey, Mai 2021

2 HDE: Zahlenspiegel 2020, Flächenentwicklung in Deutschland 1989 – 2019

3 Deloitte Digital, Deloitte Catalyst: Future Retail Tech, 2020

4 Havard Business Manager: Die Verbraucher von morgen, 2009

5 Edelman Trust Barometer – Global Report, 2020

 

Ansprechpartner/in Research:

Anna Elin Seidel

Associate Manager | Trend & Consumer Research

aseidel@deloitte.de

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Karsten Hollasch

Karsten Hollasch

Partner | Leiter Consumer Business

Karsten Hollasch ist als Partner in dem Bereich Transaction Services in Düsseldorf tätig. Er verfügt über Erfahrung bei nationalen und internationalen Due Diligence Projekten und ist für Corporate sowie Private Equity Mandate verantwortlich. Zusätzlich ist er Leiter des Industriesegments Consumer Business bei Deloitte Deutschland.

Egbert Wege

Egbert Wege

Portfolio Lead Customer & Marketing

Egbert Wege leitet als verantwortlicher Partner unserer Offering Portfolio Customer & Marketing und den Bereich Retail. Sein Beratungsschwerpunkt liegt auf den Themen der digitalen Transformation, Plattformökonomie, Business Building, Innovation, Multichannel Retailing, Marketing-Effizienz, Kundenbindung und Branding. Seine Handelserfahrungen an der Konsumentenschnittstelle bringt er auch in die Branchen Finanzdienstleistungen, Travel und Pharma ein. Egbert ist seit 1999 in der Beratung tätig. Zwischen 2005 und 2011 arbeitete er sechs Jahre lang für ein führendes internationales Versandhaus u. a. als Geschäftsführer.