Posted: 10 May 2021 5 Lesezeit

FSI Sector Briefing: Überraschender Optimismus unter den CFOs der europäischen Finanzbranche

Die seit nunmehr über einem Jahr andauernde Corona-Pandemie sorgt nach wie vor für große wirtschaftliche Unsicherheiten. Seither diskutieren Aufseher, Regulatoren und Praktiker immer wieder über die Gefahren der realwirtschaftlichen Folgen für die Finanzstabilität. Zwar erweist sich die Finanzbranche bislang als resilient - zudem ist davon auszugehen, dass sich die wirtschaftliche Lage in 2021 zunehmend verbessern dürfte. Dennoch bleiben die Unsicherheiten für den Finanzsektor zunächst groß. So betonte auch der Europäische Ausschuss für Systemrisiken (European Systemic Risk Board - ESRB) in seiner jüngsten Sitzung, dass die kurzfristigen Aussichten stark von der Dynamik der Pandemie und dem Erfolg der Impfkampagnen abhängen. Je länger die Krise also anhält, desto höher ist auch die Gefahr von zunehmenden Kreditausfällen. Zudem ist aktuell unklar, ob und in welchem Ausmaß eine Insolvenzwelle droht. Gleichzeitig wurde infolge der Pandemie das Szenario eines „lower for longer“-Zinsumfeldes immer wahrscheinlicher.

Wie sieht vor dem Hintergrund dieser Unsicherheiten das Stimmungsbild innerhalb der Industrie aus? Darüber gibt die aktuellste Ausgabe des Deloitte European CFO Survey Aufschluss. Im März 2021 wurden rund 1.600 Finanzverantwortliche aus 19 europäischen Ländern befragt, darunter 246 CFOs aus der Financial Services Industrie (FSI). Die Ergebnisse der Umfrage zeigen, wie die CFOs der Finanzbranche die Aussichten ihrer Unternehmen einschätzen, wie die Finanzvorstände die aktuellen Entwicklungen bewerten und was sie im Hinblick auf Umsatz und Profitabilität im Finanzsektor erwarten.

 

Optimismus in der Finanzindustrie auf Rekordhoch

 

Kurz gesagt: Europäische CFOs der Finanzindustrie sind trotz der bestehenden Unsicherheiten überraschend optimistisch und blicken äußerst zuversichtlich in die Zukunft. Von den rund 250 Befragten aus dem Bereich FSI gab knapp die Hälfte an, eine Verbesserung der Geschäftsaussichten zu erwarten. Gerade einmal 7% waren weniger zuversichtlich als noch im Quartal zuvor. Schon im Herbst 2020 waren die CFOs deutlich optimistischer als zu Beginn der Pandemie. Diese Einschätzung hat sich aber aktuell sogar noch einmal verbessert. Zwar ist der Optimismus in anderen Industrien teilweise noch ausgeprägter - im Industrievergleich liegt die Finanzbranche etwa im Mittelfeld - doch im Zeitverlauf ist dies ein selten zu beobachtendes Ausmaß an Optimismus innerhalb der Industrie (s. Abb. 1).

 

Abb. 1: Anteil europäischer CFOs der Finanzbranche, welche die finanziellen Aussichten ihres Unternehmens* im Vergleich zum Vorquartal optimistischer/weniger optimistisch einschätzen

 

Ein ganz ähnliches Bild zeigt sich mit Blick auf die Margen- und Umsatzerwartungen. Auch hier lässt sich Optimismus auf Rekordniveau beobachten, während die Stimmungslage im vorherigen Quartal noch deutlich eingetrübter war (s. Abb. 2). Besonders sticht der erwartete Anstieg der operativen Margen ins Auge. Im Herbst 2020 gingen noch 5% mehr Befragte von einer Verschlechterung als von einer Verbesserung der Margen aus. Im März 2021 hat sich das Blatt deutlich gewendet: Fast die Hälfte ist von einem Anstieg und nur noch 15% von einem Rückgang der Margen überzeugt.

 

Abb. 2: Wie werden sich Umsatz und operative Margen* in Ihrem Unternehmen in den nächsten 12 Monaten verändern?

 

CFOs sehen die Talsohle der Krise durchschritten

 

Mitten in der dritten Welle der COVID-19-Pandemie zeigt sich also ein rekordverdächtiger Optimismus innerhalb der Finanzbranche. Eine mögliche Erklärung dafür ist: Die CFOs erwarten, dass das Schlimmste überstanden ist und die Krise ein baldiges Ende findet.

Dies untermauern auch die Prognosen für den globalen Versicherungssektor, welche in der aktuellen Ausgabe des Deloitte Insurance Outlooks näher beschrieben werden. So stagnierten in 2020 die Prämien von Nicht-Lebensversicherern. Bei Lebensversicherern war es sogar ein Rückgang der Prämien um 6%. In Deutschland konnten die Versicherer laut Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) im Jahr 2020 ein leichtes Wachstum von gut 1% verzeichnen, welches jedoch deutlich unter dem Vorjahreswachstum zurück blieb. Für 2021 ist hingegen im Schnitt mit einem weltweiten Wachstum von rund 3% für die Versicherungsbranche zu rechnen. Auch für den deutschen Markt geht der GDV von einer leichten Verbesserung mit einem Beitragsanstieg von rund 2% aus. Zudem kann ein positiver Effekt der Krise ein nunmehr erhöhtes Bewusstsein für Risikoprävention sein. So könnte die Pandemie Anlass für die Schließung von Versicherungslücken - insbesondere im Bereich Krankenzusatzversicherung - sein. Insgesamt erweist sich die deutsche Versicherungsbranche in der Pandemie als sehr resilient. Auch die Rückversicherungsbranche scheint sich in 2021 von den hohen Schadenbelastungen des Vorjahres zu erholen.

Für den Bankensektor könnte der Grund für den steigenden Optimismus darin liegen, dass das Ergebnis bereits in 2020 von der verstärkten Risikovorsorge belastet war. Der diesjährigen Ausgabe des Deloitte Banking and Capital Markets Outlooks ist zu entnehmen, dass die 100 größten europäischen Kreditinstitute bis zum dritten Quartal 2020 bereits 89,4 Milliarden US-Dollar Wertberichtigungen für Kreditrisiken gebildet haben. Wird die Risikovorsorge in dem Umfang letztlich nicht gebraucht, kann die Auflösung in 2021 sogar einen positiven Effekt auf das Ergebnis haben. Gleichzeitig profitiert der Sektor derzeit auch vom Börsenboom und dem florierenden Handelsgeschäft. Ein Wachstum im Provisionsgeschäft und die zunehmende Verbreitung von negativen Zinsen auch im Retail-Bereich könnten die abgeschmolzenen Zinsmargen der Banken zumindest in Teilen kompensieren.

 

COVID-19 als Katalysator der Transformation

 

Auch wenn der Optimismus über die künftigen Geschäftsaussichten zunehmend steigt, werden die Pandemie-Folgen auch langfristig das Geschäftsmodell der Finanzunternehmen in verschiedenen Dimensionen verändern. Insgesamt hat ein Großteil der Finanzunternehmen mit einer bemerkenswerten Effektivität auf die Pandemie reagiert. In kürzester Zeit haben sie die vollständige Umstellung auf virtuelles Arbeiten und somit gänzlich neue Betriebsabläufe umgesetzt. Dennoch sind die Auswirkungen der Krise auf die Finanzbranche weitreichend. Zentrale Herausforderungen werden neben der Sicherstellung der Profitabilität, der Steigerung der Effizienz sowie der Weiterentwicklung des Risikomanagements vor allem auch die Anpassung an ein verändertes Kundenverhalten und die damit einhergehende Beschleunigung der Digitalisierung im Finanzumfeld sein.

Eine weltweite Umfrage unter Versicherungsunternehmen brachte hervor, dass fast 80% im Zuge der COVID-19-Pandemie Defizite in ihren Transformations- und Digitalisierungsplänen festgestellt haben. Unter europäischen Teilnehmern war der Anteil der Versicherer, welche die Erweiterung und Verbesserung der Digitalisierung planen oder sogar bereits umsetzen, mit 96% besonders hoch. In einer vergleichbaren Umfrage unter Kreditinstituten zeigte sich, dass die Beschleunigung der digitalen Transformation sowie die Verbesserung der Informationssysteme ebenfalls zu den zentralen operativen Prioritäten der Banken gehören.

 

Abb. 3: In welcher Phase der COVID-19-Krise befindet sich Ihr Unternehmen?

 

Die zielgerichtete Umsetzung der Transformation wird ein entscheidender Faktor für den zukünftigen Erfolg der Unternehmen im Finanzsektor sein. Diejenigen FinTechs und InsurTechs, die auch in der Krise ihr Geschäft erhalten konnten, werden die Branche als Innovatoren weitertreiben. Vor diesem Hintergrund wird die Etablierung und kontinuierliche Förderung einer Innovationskultur ein wesentliches Differenzierungsmerkmal für das Jahr 2021 und darüber hinaus sein. Als zentrale Themen werden hier seitens der Unternehmen vor allem neue Arbeitsmodelle und Office-Konzepte, ESG-Anforderungen sowie die Transformation von Finanzarchitekturen in die Cloud genannt.

 

Ansprechpartnerin Research: 

Dr. Corinna Woyand

Associate Manager | Financial Services Research

cwoyand@deloitte.de

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Ihre Ansprechpartner

Dr. Kurt Mitzner

Dr. Kurt Mitzner

Partner | FS Industry Lead & Sector Lead Insurance

Dr. Kurt Mitzner leads the Financial Services Industry in Germany and also the insurance sector across all businesses in Germany. He focuses on the insurance / reinsurance industry where he advises clients on business strategy, financial transformation, M&A and operational excellence.  A banker and lawyer by education he has worked more than ten years for insurance companies (local and international). He has also spent almost ten years working in banks, six of them as an investment banker at a large global bank where he co-led the Financial Institutions team. Before joining Deloitte Dr. Kurt Mitzner was a partner at another Big Four firm for six years and held the position of insurance markets leader. Kurt's professional experience covers a large number of strategic and transformational projects in the financial industry, comprising M&A, PMI, business transformation and restructuring.