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Konjunktur-Einschätzungen im verarbeitenden Gewerbe Frühjahr 2022

„Die Erwartungen zeigen klar nach unten“

Die aktuelle Deloitte CFO-Umfrage prognostiziert harte Zeiten für produzierende Unternehmen, speziell in Deutschland. Was nun zu tun ist, klärt ein Interview mit Florian Ploner, Partner und Sector Lead Industrial Products & Construction bei Deloitte.

Herr Ploner, Sie sprechen von einer sehr herausfordernden Zeit in der Fertigungsindustrie. Wie kommen Sie darauf, wo doch vor Kurzem noch alle mit einem Aufschwung gerechnet hatten? 

Florian Ploner: Die wirtschaftlichen Aussichten in Deutschland und Europa haben sich seit Ausbruch des Kriegs in der Ukraine merklich eingetrübt. Ganz besonders betroffen sind produzierende Unternehmen. Wir müssen inzwischen davon ausgehen, dass die für das Frühjahr erwartete Erholung nicht eintritt, sondern ganz Europa in eine stagnative bis rezessive Phase gerät, die im herstellenden Gewerbe am ausgeprägtesten ist. Das zeigen die Ergebnisse des aktuellen CFO Survey Frühjahr 2022, eine halbjährliche Deloitte-Befragung von Finanzvorständen deutscher Großunternehmen, die ein guter Frühwarn-Indikator ist. Demnach sind die Finanzvorstände, insbesondere der produzierenden Unternehmen, heute wieder so in Sorge wie zu Beginn der Corona-Krise und befürchten für die nächste Zeit sinkende Umsätze sowie schrumpfende Margen. 

Warum wirkt sich der Krieg in der Ukraine dermaßen gravierend auf Europas Wirtschaft aus? 

Florian Ploner: Es ist nicht der Ukraine-Krieg alleine, der die Stimmung bei den produzierenden Unternehmen so stark trübt. Der Krieg verstärkt den globalen Inflationstrend, indem er Energie- und Rohstoffpreise verteuert. Zudem ist er Sinnbild der erhöhten geopolitischen Risiken. Und außerdem trägt er erheblich zu den bereits bestehenden weltweiten Lieferengpässen bei. In Deutschland wird klar, wie abhängig das Land vom russischen Gas ist – und dass uns der Lieferstopp teuer zu stehen kommen wird. Brownouts im Winter 2022/23 sind nicht ausgeschlossen! 

Aber auch Corona ist noch nicht vorbei und die weltweiten Lieferketten werden sich wohl erst im Laufe des Jahres 2024 völlig erholen – wenn nichts dazwischenkommt. Von Februar bis April 2022 hat sich die Zahl der vor China wartenden Containerschiffe auf mehr als 500 verdoppelt – das sind rund 20 Prozent aller weltweit fahrenden Containerschiffe, die da auf Reede liegen. Rund ein Viertel der arbeitenden Bevölkerung in China war in den vergangenen Monaten von Lockdowns betroffen. Das heißt: Es mangelt weiterhin weltweit an Vor- und Zwischenprodukten aller Art. 

Ein wichtiges Mangelthema betrifft nach wie vor Mikrochips. Sie wurden bereits Ende 2019 knapp, wegen des zunehmenden Minings von Kryptowährungen und wegen Hamsterkäufen in China. Dann folgten die Corona-Krise, ein Sturm in Texas, ein Brand in Japan, und schließlich der Lockdown in Xian, Chinas Silicon Valley. Zahlreiche deutsche Fertigungsunternehmen haben die Höfe voll mit Waschmaschinen und anderen Waren, aus denen sie die Chips für ihre höherwertigen Produkte ausgebaut haben. Das nicht nur keine Dauerlösung, es bindet auch Kapital, das die Unternehmen jetzt wieder dringend brauchen. Denn jetzt geht es erstmal in den Down-Cycle.

Sie meinen also, das produzierende Gewerbe in Europa steht vor einer handfesten Krise?

Florian Ploner: Noch sind die Auftragsbücher voll und das Bewusstsein, dass plötzlich eine herausfordernde Zeit vor uns liegen könnte, sickert erst langsam durch. Aber die Erwartungen, insbesondere die der europäischen und deutschen Fertigungsunternehmen, zeigen klar nach unten. Bei der Einschätzung der Wirtschaftsentwicklung für die nächsten drei Monate zeigen die deutschen herstellenden Unternehmen die weltweit tiefsten Werte. Ebenso tief, wie zum Ausbruch von Corona im Frühjahr 2020. Das ist schon vergleichbar mit Krisen-Erwartung. 

Was sind denn konkret die Aussichten für das produzierende Gewerbe in Deutschland? 

Florian Ploner: Inlands- und Auslandsnachfrage schwächen sich deutlich ab, gleichzeitig steigen die Preise für Rohstoffe und Energie erheblich – konkret erwarten die für den CFO Survey befragten Finanzvorstände von Fertigungsunternehmen in Summe einen Umsatzrückgang von 24 Prozent und einen Margenrückgang von 35 Prozent. Auch in anderen Branchen herrscht ein pessimistischer Ausblick vor, aber nicht in diesem Maß. 

Was sollten produzierende Unternehmen Ihrer Ansicht nach jetzt tun?

Florian Ploner: Erstens sollte man sich JETZT wappnen. Das heißt: Liquidität sichern, Working Capital verringern, Ausgaben auf den Prüfstand stellen, dabei aber strategische Investitionen weiter mit Priorität vorantreiben. Produzierende Unternehmen kennen das und können das, wenn auch in unterschiedlicher Ausprägung. Letztlich ist gutes Management in Krisenzeiten der Schlüssel, um langfristig Marktanteile hinzuzugewinnen. Entscheidend ist, schnell und mit Augenmaß zu reagieren, dann rollierend nachzukorrigieren, um am Ende als erster aus den Startlöchern zu kommen. 

Also konkret: Niemand weiß, wie lange diese herausfordernden Zeiten noch andauern werden. Die Entwicklung muss daher fortlaufend beobachtet werden, um auf Veränderungen reagieren zu können. Sonst kann das Marktanteile kosten.

Zweitens muss aus meiner Sicht das Leitbild nach wie vor „ESG“ heißen, also nachhaltiges Handeln.  Bisher haben die Unternehmen das sehr stark durch die Brille „sozial richtig Handeln“ und „Compliance mit den staatlichen Regelungen“ gesehen. Aber nachhaltig ist eben auch: Energie und knappe Rohstoffe sparen, lokale Lieferketten aufbauen, digitalisieren, wiederverwenden und recyceln. Richtig verstanden ist ESG auch ein Instrument, das hilft, besser durch diese herausfordernden Zeiten zu kommen. 

Lassen Sie mich ein Beispiel aus dem Maschinenbau geben. Im Maschinenbau verschieben sich die Margen seit langem immer mehr in Richtung Aftermarket und Service. Viele Unternehmen erzielen die Hälfte Ihrer Gewinne im Service. Zudem gewinnt Service angesichts der Konjunkturschwäche an Bedeutung – weil viele Maschinen-Kunden ihre alten Maschinen mit erhöhtem Wartungsaufwand weiterlaufen lassen, statt Neumaschinen zu ordern, können die Einnahmen aus dem Service helfen, das Unternehmen zu stützen. 

Im Maschinenbau liegt die Zukunft sehr stark in digitalen Services, die auf spezifischem Prozess- und Kundenwissen aufbauen. Damit lässt sich Service gleichzeitig besser, umweltfreundlicher und kostengünstiger erbringen – das gilt auch und gerade in wirtschaftlich herausfordernden Situationen. Jetzt ist deshalb die Zeit, um digitale Services zu pushen. Digitale Services rücken den Kunden ins Zentrum des Denkens und Handelns: Wie kann ihm geholfen werden, aber auch: Für was will und kann er zahlen? Das steigert den Umsatz UND fördert das Denken vom Kunden her – und das wiederum hilft Maschinenbauern, auch in Zukunft kundennah zu bleiben.    

Was ist denn der langfristige Ausblick für das herstellende Gewerbe? 

Florian Ploner: Langfristig sehen die Finanzvorstände durch den Ukraine-Krieg eine stärkere Lokalisierung der Wertschöpfungs- und Lieferketten eingeleitet, hervorgerufen vor allem durch eine verstärkte internationale Blockbildung und einen erschwerten Welthandel. Die zwangsläufig beschleunigte Energiewende wird in ganz Europa zu mehr Autonomie führen, insgesamt droht aber der Klimaschutz in den Hintergrund gedrängt zu werden. 

Unter den befragten Finanzvorständen von Fertigungsunternehmen gaben 65 Prozent an, ihre Lager aufgestockt zu haben, 61 Prozent haben ihre Lieferanten diversifiziert. Mit der Lokalisierung der Lieferketten aber haben die Unternehmen noch nicht richtig begonnen. 

Welche konkreten Maßnahmen würden Sie produzierenden Unternehmen jetzt empfehlen?

Florian Ploner: Wie vorhin angedeutet, geht es zunächst um klassische Vorsichts-Maßnahmen: Finanzierung sichern, Lager ausdünnen, unkritische Investitionen und Programme vertagen. Ein geschulter Blick auf die Supply Chain zeigt eigentlich regelmäßig zehn bis fünfzehn Prozent an Einsparpotenzialen. Zudem muss auch immer auf der Umsatzseite gehandelt werden – wie oben bereits gesagt, empfehle ich Investitionen in Nachhaltigkeit und digitale Tools, speziell wenn sie dem Kunden Mehrwert liefern und die Sales- und Service-Teams entlasten. Hier gibt es inzwischen zahlreiche Beispiele, denen nachzueifern sich lohnt. Zudem ist jetzt eine gute Zeit, eine lokale Supply Chain aufzubauen. Davon sprechen die Unternehmen seit Beginn der Corona-Krise, aber so richtig angefangen hat noch kaum jemand.

Und auch das habe ich oben bereits gesagt: Zeiten wie diese zeichnen sich grundsätzlich dadurch aus, dass keiner weiß, wie lange sie andauern und wie tief das kommende Tal ist. Es gilt einerseits, entschieden zu handeln und nicht zu lang zu zögern – aber es gilt auch, nicht überzureagieren und rechtzeitig wieder auf Wachstumskurs zu gehen. Auf diese Art haben erfolgreiche Fertigungsunternehmen schon viele Krisen überwunden.

„CFO Survey Frühjahr 2022 Sektorauswertung Verarbeitendes Gewerbe“

Laden Sie hier die vollständige „CFO Survey Frühjahr 2022 Sektorauswertung Verarbeitendes Gewerbe“ herunter und erfahren Sie alle Ergebnisse der Befragung im Detail.

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