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Wie Open Banking die Finanzbranche transformiert

Disruption in der Finanzwelt - eine unaufhaltsame globale Bewegung  

Online-Banking, Direktbanken, Payment-Dienstleister à la Apple, Google & Co. sind nur inkrementelle Weiterentwicklungen in der Finanzdienstleistungsbranche. Wirklich disruptiv wird es mit Blick auf eine globale kundenzentrierte Bewegung, die sowohl durch Kunden, Technologie und Regulatoren forciert wird: Open Banking. Denn Open Banking bedeutet eine signifikante Veränderung mit dem Umgang der Assets wie Kundenzugang, (Transaktions-)Daten und Vertriebsschnittstellen. Der offene Zugang zu Kunden- und Transaktionsdaten für dritte Parteien läutet einen unaufhaltsamen, fundamentalen Umbruch ein, der etablierte Banking-Geschäftsmodelle potenziell vor dem Aus stehen lässt. Die Zukunft gehört also denen, die agil, kundenzentriert sowie datenbasiert handeln – und die es schaffen, Services und Produkte zu etablieren, die dem Kunden ein positives und umfassendes Erlebnis bieten. Lesen Sie, was Open Banking für die Finanzindustrie bedeutet und wie sich Marktteilnehmer strategisch positionieren können.

Challenge

Open Banking bedeutet, dass sich die geschlossene Finanzwelt unaufhaltsam und regulatorisch forciert hin zu einem offenen, kundenzentrierten Ecosystem entwickelt. Die Vision ist, dass Banken zu Plattformanbietern werden, die mehr als nur reine Finanzdienstleistungen abdecken.

Emanzipation des verwöhnten Kunden

Angeregt durch neue und spannende Kunden- und Nutzererlebnisse vor allem durch Technologieunternehmen wie AirBnB, Google, Instagram, Amazon, etc., stellen Kunden in allen Lebenssituationen gestiegene Anforderungen an ihre Dienstleister. Die Verfügbarkeit von neuen Technologien, Connectivity und Markttransparenz macht es ihnen so einfach wie nie, den Status quo in Frage zu stellen. Fintechs wie N26, Lending Club, Figo, Solaris-Bank und Clark fangen an, sich diesen Wandel zunutze zu machen und etablieren technologiebasierte Geschäftsmodelle, die das Kerngeschäft von Banken angreifen. Über die Öffnung der API Schnittstellen, wie es regulatorisch PSD2 ab 2019 fordert, kann der Kunde in seiner gewohnten Umgebung für Onlinebanking nun nahtlos und völlig bequem Produkte von Dritten auswählen. Das hat beinahe unendliche Implikationen für Ertragsquellen und Geschäftsmodelle, die für das Retail Banking von erheblicher Bedeutung sind. Ein Bespiel hierfür sind individualisierte Anlagepläne basierend auf künstlicher Intelligenz, wie es unter anderem Scalable Capital vormacht. Bis jetzt hat es diesen Playern vor allem an echten Transaktionsdaten realer Kunden gefehlt, um ihre Modelle und Algorithmen zu perfektionieren. Ein Fakt, der sich nun durch Open Banking ändert.

Zum ersten Mal werden Banken und Fintechs gezwungen, Omnichannel tatsächlich zu leben. Eine 360 Grad-Sicht auf den Kunden wird die Basis, um über

  • jeden denkbaren Access Point (z.B. Telefon, Smartphone, PC, VR, Speech Assistant, etc.) zu einem Kunden,
  • mit jeder Interaktion (z.B. Filiale, Chatbot, Social Media, (Video-) Call, etc.),
  • in jedem Lebensumfeld (z.B. Arbeit, Haushalt, Sport & Freizeit, Entertainment, etc.)
  • Services und Produkte zu platzieren (z.B. Versicherungen, Retail-Services, Gewährleistungen, etc.).

Für Banken wird es somit umso wichtiger, den Zugang zu ihren Kunden nicht zu verlieren und dem wachsenden Vertrauen in Drittanbieter, auch in Sachen Banking, etwas entgegen zu setzen.

Geschlossene vs. offene Ecosysteme

In einem geschlossenen System ist vor allem die Datenverfügbarkeit auf eigene Kundenbeziehungen beschränkt. Dies implizierte ein streng monolithisches Geschäftsmodell, das Kundenbedürfnisse meist nur aus der eigenen, begrenzten Sicht befriedigen kann. Als Ergebnis sind typische Finanzprodukte oft nur aus der Sicht der Bank designed und nicht aus der Sicht des Kunden.

Ein offenes Finanz-Ecosystem zeichnet sich durch bidirektionalen Datenzugriff aus, der es ermöglicht, Produkte und Services zu entwickeln, die ein tatsächliches Kundenproblem lösen. Diese werden auf Basis der Daten entworfen, die eine holistische Sicht auf den Kunden bieten. Treffen unlimitiert verfügbare Daten, die der eigenen Bank plus die der Wettbewerber, jetzt also auf agile und kundenzentrierte Player, ist mit einem exponentiellen Wachstum neuer Geschäftsmodelle und Marktteilnehmer zu rechnen. Gerade durch aufkommende technologische Entwicklungen wie API, AI und Data Analytics werden diese Geschäftsmodelle unterstützt – traditionelle Banken jedoch sind in ihrer Entwicklung hier noch weit hinter dem Standard zurück.

Strategische Neuausrichtung für Open Banking

Banken müssen sich die substanzielle Frage stellen, welche Rolle sie in dieser Neuverteilung der Finanzbranche spielen und welche Geschäftsmodelle sie in Zukunft verfolgen wollen. PSD2 zwingt Banken, ihre Daten – die Erlaubnis des Kunden vorausgesetzt – an Drittanbieter weiterzugeben. Kluge Marktteilnehmer ergreifen daher jetzt die Initiative und stellen die strategischen Weichen für den Transformationsprozess vorausschauend. Dafür können Szenarien beschrieben werden, die in der Vision Open-Banking und Plattform-Banking relevant sind und unterschiedliche Ausprägungsgrade berücksichtigen. Sie geben in Abhängigkeit von der eigenen Positionierung am Markt, der Marke und dem Kundenstamm Orientierung für ein Strategie-Zielbild.

Generell muss sich eine Bank zwischen vier Szenarien entscheiden: Comply, Defend, Utilize, Capitalize (siehe Schaubild unten). Damit definiert sie, welche Maßnahmen für ihre Transformation notwendig sind und wie viel Budget allokiert werden muss. Der Grad der Transformation (Business, IT, Way of Working, Rollenprofile, etc.) und die Anforderungen an das nötige Budget steigen dabei von inkrementeller bis transformatorischer Strategie an (im Schaubild von links nach rechts).

Open Banking Timeline
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Und was nun?

Unabhängig von der gewählten Strategie gibt es drei zentrale Bereiche, die im Kontext von Open Banking sofort angegangen werden müssen. Entsprechend der gewünschten Spielrichtung werden diese Bereiche individuell schwächer oder stärker ausgebaut.

  • Die Rolle von Data, Data Analytics und Data Science
  • Aufbau von kunden- und produktorientierten, agilen Organisationen
  • Transformation der traditionellen IT hin zu einem Technologieunternehmen
  • Management der Cyber-Risiken und IT-Compliance-Anforderungen

Diese Bereiche sind die kritischen Erfolgsfaktoren für die Implementierung jeder zukunftsorientieren Strategie.

#Data, Data Analytics und Data Science

Der zielgerichtete Umgang mit Daten ist die Basis für technologiebasierte Geschäftsmodelle. In einem ersten Schritt muss eine solide Umgebung geschaffen werden, in der Daten ausgeleitet, sicher gespeichert und performant prozessiert werden können. Eine saubere Datenqualität ist DER zentrale Erfolgsfaktor. Danach wird mit etablierten Data Analytics Methoden Transparenz über den Status quo geschaffen. Hieraus ergibt sich bestenfalls schon eine Liste mit Potenzialen und Initiativen, die angegangen werden können. Darüber hinaus dient Data Analytics auch als späteres Reporting-Instrument. Erst wenn diese Voraussetzungen geschaffen sind, kann mit der Königsdisziplin Data Science begonnen werden.

Diese Herangehensweise ist aus technologischer oder methodischer Sicht keine große Herausforderung. Vielmehr ist hier eine Veränderung im Mindset der Unternehmen und Mitarbeiter notwendig, da datenbasierte Entscheidungen oft gegen etablierte und traditionsreiche Entscheidungsmuster antreten müssen.

#Aufbau von kunden- und produktorientierten agilen Organisationen

Träger für die oben genannte Veränderung im Mindset sind kunden- und produktorientierte Organisationen, die meist nach dem Vorbild etablierter Technologieunternehmen, wie beispielsweise Spotify, gebaut sind. Diese Organisationen zeichnen sich durch eine 100%ige Kundenorientierung aus und handeln nie basierend auf internen Gegebenheiten oder Prozessen. Darüber hinaus dienen diese Organisationen auch als „Magnet“ für digitale Talente und neue Berufsprofile wie User Experience- & User Research Designer, Product Owner, Developer, Scrum Master oder Data Scientists. Das Rekrutieren und vor allem Halten dieser Talente ist entscheidend für den Erfolg in einem offenen Ecosystem.

#Transformation der traditionellen IT hin zu einem Technologieunternehmen

Am signifikantesten ist der Eingriff in die traditionellen IT-Organisationen. Zum einen sind sie essenzieller Treiber der oben beschriebenen agilen Organisationstransformation und zum anderen sind sie das Betriebssystem für zukünftige Strategien. Die traditionelle IT transformiert sich also vom internen Dienstleister mit langsamem Herzschlag zum Alleinstellungsmerkmal einer Bank mit hoher Veränderungs- und Skalierungskraft. Neben den Anpassungen der Architektur, Cloud Strategie und Arbeitsmethoden sind es also wieder die transformativen Herausforderungen, die hier über Erfolg und Misserfolg entscheiden.

#Cyber-Risiken und IT-Compliance-Anforderungen

Offene Plattformen mit diversen Zugriffsmodellen, der intensive Datenaustausch mit Geschäftspartnern und die Bereitstellung von API Schnittstellen für Drittanbieter verbreitern die Fläche für Angriffe aus dem Cyber-Raum. Im Rahmen der Architekturplanung müssen bereits beim Design entsprechende Sicherheitsmechanismen, wie Verschlüsselung, intensives Angriffs-Monitoring und Threat-Detection oder dynamisches Zugriffsmanagement eingeplant und umgesetzt werden. Die Herausforderungen zur Einhaltung der regulatorischen Anforderungen bleibt erhalten, wird jedoch durch die intensive Standardisierung und Harmonisierung der IT-Plattform besser bewältigt.

 

Ausblick in die Zukunft: Plattform

Um die Chance, die Open Banking bietet, zu nutzen, muss eine Bank die Auswirkungen der Bewegung auf mehrere Dimensionen berücksichtigen: Diese sind im Wesentlichen Implikationen auf Strategie, Technologie und Umgang mit Daten, Compliance und der Aufbau eines Partner Ecosystems. Ziel sollte es sein, eine Plattform zu erschaffen, die für Drittanbieter geöffnet ist und Kunden eine holistische, konsistente User Experience bietet, die alles berücksichtigt, um diese Ende-zu-Ende völlig zufrieden zu stellen. Denkbar sind hierbei die Anbindung von Telekommunikationsunternehmen, Unternehmen der Versorgungswirtschaft, IoT Devices, Einzelhändlern, Banken & Versicherungen sowie Fintechs und Regierungsorganen.

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Schon heute werden unter anderem durch PSD2 Services wie Multibanking, Bonitäts- & Legitimationsprüfung angeboten. Auch die Anbindung und automatisierte Übertragung von Daten an Steuerberater oder der Zugriff auf Mehrwertdienste über Vergleichsportale sind heute schon Realität.
Für Services und Produkte „Beyond Banking“ sind die Optionen unlimitiert, heute jedoch noch Zukunftsmusik.

Alle oben beschriebenen Schritte stellen lediglich Zwischenschritte dar, da eine derartige Plattform ohne die notwendigen Vorkehrungen und organisatorischen Wandel innerhalb einer Bank nicht initiiert und gebaut werden kann.

 

Neue Wege gehen: Deloitte unterstützt bei der Entwicklung und Umsetzung Ihrer Open Banking & Digital Transformation Strategie

Open Banking – ein Thema das die Bankenbranche wachrüttelt und zum Umdenken zwingt. Nicht nur Fintechs bedrohen das Geschäftsmodel der Banken, Konkurrenz kommt vor allem durch Tech Companies auf. Banken müssen sich transformieren, um künftig weiter eine Rolle im Leben ihrer Kunden zu spielen. Wie setzt man eine derartige Transformation effizient und nachhaltig um und verliert dabei nicht den Kern dessen aus den Augen, wofür jede Bank individuell steht? Die Expertise von Deloitte in allen Bereichen des Banking und tiefes Verständnis der IT, Prozesse und Organisationsstruktur unterstützt dabei eine holistische Herangehensweise. Wir erarbeiten gemeinsam mit unseren Kunden eine individuelle Lösung für die Zukunft, die sich verändernde interne und externe Faktoren ganzheitlich berücksichtigt.

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