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Corporate Digital Responsibility

Damit alle von KI profitieren

Das digitale Zeitalter hat längst begonnen. Big Data, Robotik und Künstliche Intelligenz halten Einzug in unseren Alltag, Mensch und Maschine kommen näher zusammen. Doch wie kann dieses neue Miteinander gelingen? Auf der Suche nach Antworten spielen Unternehmen eine Schlüsselrolle. Durch digitale Produkte und Services erhalten sie immer mehr Zugriff auf unser Leben. Damit geht auch eine Verantwortung einher.

Von Nicolai Andersen, Chief Innovation Officer Deloitte

Fast jeder kennt dieses kleine Nahtoderlebnis: Man läuft gedankenverloren auf die Straße und bemerkt das heranfahrende Auto nicht. Was wäre, wenn uns in Zukunft nicht nur pures Glück mit dem Schrecken davonkommen ließe, sondern Sensoren in unserem Smartphone das Fahrzeug rechtzeitig entdecken und einen Chip in unserem Gehirn auf die drohende Gefahr aufmerksam machen würden? Dieser Impulsgeber könnte uns dann sofort zurückspringen lassen und so eine von vielen Alltagsgefahren für immer aus unserem Leben verbannen. Manche finden dieses Zukunftsszenario aus dem Bereich des maschinellen Lernens erstrebenswert – bei anderen erzeugt die Vorstellung, von einem Chip Handlungsimpulse zu bekommen, Unbehagen.

Künstliche Intelligenz (KI) ist ohne Frage eines der bestimmenden Themen unserer Zeit. Bisher fokussiert sich die öffentliche Debatte über KI aber fast ausschließlich auf den Wegfall von Arbeitsplätzen. Allerdings wird der technische Fortschritt weitaus mehr als nur Geschäftsmodelle und Arbeitswelt beeinflussen: KI wird unseren Alltag und auch uns als Gesellschaft verändern. Wie diese Veränderungen aussehen, können und müssen wir bestimmen. Und das setzt voraus, KI zunächst besser zu verstehen.

KI ist nur in einem engen Sinn intelligent

Zu oft wird KI zu einer Art künstlichem Superhirn hochstilisiert, dass dem menschlichen Verstand haushoch überlegen ist. In Wirklichkeit greift KI, so wie wir sie heute einsetzen, auf Algorithmen zurück, die vor Jahrzehnten entwickelt worden sind. Hinter ihren Fortschritten stecken steigende Rechenleistung und exponentiell wachsende Datenmengen. „Intelligent“ sind diese Algorithmen nur in einem sehr engen Sinn, der sich von der vielschichtigen menschlichen Intelligenz unterscheidet. Dem rationalen Kalkül sind menschliche Eigenschaften wie das berühmte Bauchgefühl, Kreativität, Neugier oder Risikobereitschaft nach wie vor überlegen. KI ist eher eine Art kognitives Werkzeug, das den Menschen unterstützen, nicht aber ersetzen kann.

Und wir tun gut daran, dieses Werkzeug zu nutzen. Denn wir leben in einer immer stärker vernetzten Welt: Im Jahr 2025 werden weltweit rund 163 Zettabyte (zum Verständnis: Das ist eine 163 mit 21 Nullen) an Daten generiert werden – im Vergleich zu 3 Zettabyte im Jahr 2013. Mehr Daten bedeuten mehr Informationen. Die Menge an Informationen, die unser Gehirn verarbeiten kann, ist allerdings begrenzt. Schon heute helfen uns Maschinen bei der Auswertung von Informationen.

Wo darf die Maschine eingreifen und wo nicht?

Besonders relevant ist das bei der Entscheidungsfindung – und das ist auch der Bereich, der sich durch den Fortschritt von KI am deutlichsten verändern wird. Ein Algorithmus kann Daten schnell und effektiv analysieren, und der Mensch kann anschließend auf Grundlage der Ergebnisse entscheiden. Beim Online-Shopping versuchen Algorithmen, unser Kaufverhalten zu analysieren, um uns dann Produkte vorzuschlagen, die uns vielleicht auch gefallen könnten. In Zukunft werden Maschinen uns nicht nur beratend zur Seite stehen, sondern selbst Entscheidungen fällen können.

Auch hier stellt sich die Frage: Wollen wir das? In wenigen Jahren könnten Sensoren an einem Auto die Fahrtüchtigkeit der Insassen anhand eines Datenabgleichs überprüfen. Hält sie das System für nicht fahrtüchtig, kann es die Fahrt verweigern. Aber sollen Maschinen Menschen in ihrer Bewegungsfreiheit einschränken dürfen? Einen Betrunkenen vom Fahren abzuhalten ist eindeutig vernünftig. Aber wie sieht es mit Fahrern aus, die gerade angespannt oder aufgebracht sind? Wo darf die Maschine eingreifen und wo nicht?

Fortschritt braucht Regeln und Freiräume

Künstliche Intelligenz ist eine ethische Herausforderung. Bisher geht es in der Digitalisierungsdebatte fast ausschließlich um Fragen des Datenschutzes – zweifelsohne ein wichtiges Thema. Aber beschäftigt man sich mit dem, was technisch künftig möglich sein wird, wird klar: Wir brauchen eine digitale Ethik, die über das Thema Datenschutz hinausgeht und sich mit komplexen Fragen von Moral und Verantwortung auseinandersetzt. Doch hier stößt man schnell auf ein Problem: Die technische Entwicklung schreitet extrem schnell voran und die Gesetzgebung ist schlicht zu langsam, um Schritt halten zu können. Zudem braucht Fortschritt Freiräume und Offenheit.

Unternehmerische Verantwortung neu denken

Fakt ist: Innovationen bringen einer Gesellschaft Wohlstand. Mit zu strikten gesetzlichen Regelungen würde Deutschland riskieren, im internationalen Vergleich abzufallen. Deswegen benötigen wir Leitplanken, die einerseits Grenzen setzen, gleichzeitig den innovativen Köpfen aber genug Freiraum lassen, ihre Ideen umzusetzen. In der aktuellen Human Capital Trendstudie von Deloitte wird deutlich: Die Bürger erwarten von den Unternehmen, das zunehmende Führungsvakuum in der Gesellschaft zu füllen. Sie trauen der Wirtschaft mehr als der Politik zu, die Chancen des technologischen Wandels zu ergreifen und die Welt gleichberechtigter zu gestalten.

Für Unternehmen bedeutet das, sie müssen das Konzept unternehmerischer Verantwortung überdenken. Mit einer Corporate Social Responsibility (CSR) stellen sie sich ökologischen und sozialen sowie Menschenrechts- und Verbraucherfragen. Der klassische CSR-Ansatz trifft nun auf die digitale Welt, denn datenbasierte Geschäftsmodelle werfen grundlegende Fragen der Verbraucherrechte, der Privatsphäre und der informationellen Selbstbestimmung auf. Eine Corporate Digital Responsibility (CDR) ergänzt die unternehmerische Verantwortung und denkt sie teilweise neu. Beispielsweise müssen Unternehmen die gesellschaftlichen Auswirkungen der digitalen Produkte und Dienstleistungen bereits in ihrer Entwicklung mitbedenken und sicherstellen, dass sie mit unseren Wertmaßstäben kompatibel sind.

Mehr als Coden

Unternehmen tragen gleichzeitig Sorge dafür, dass die Gesellschaft am technologischen Fortschritt teilhat und sich einbringen kann. Wir müssen die technische Entwicklung gemeinsam hinterfragen und gegebenenfalls auch Grenzen setzen. CDR beinhaltet deshalb auch eine Öffnung des Ökosystems der einzelnen Unternehmen für Gesellschaft und Politik. Gewinnen können dabei alle, denn CDR kann Unternehmen helfen, die komplexen Anforderungen der digitalisierten Welt und die Erwartungen der Nutzer in Sachen Datenschutz, -sicherheit und Transparenz zusammenzubringen. Das schafft Vertrauen und Akzeptanz, damit sich technologische Innovationen erfolgreich durchsetzen und unser Leben bereichern.

Auch wenn Unternehmen mit CDR Vorreiter für eine lebenswerte Welt sein können, ist letztendlich ein gesamtgesellschaftliches Bewusstsein für das Thema notwendig. Wir brauchen eine wertebasierte Medienkompetenz. Menschen müssen in der Lage sein, souverän mit digitalen Informationen umzugehen, Inhalte kritisch zu hinterfragen, bewusst Entscheidungen zu treffen und Folgen abzuschätzen. Ebenso müssen umfassende digitale Kompetenzen in Schulen und Hochschulen, in Unternehmen und in öffentlichen Organisationen vermittelt und gestärkt werden. Unternehmen sollten ihr Know-how teilen und sich dafür einsetzen, die digitale Spaltung zu verhindern – auch das ist Teil ihrer Verantwortung.

CDR als Standortvorteil für Deutschland

Deutschland war in der Geschichte des technischen Fortschritts immer von Offenheit geprägt, und eben diese Offenheit hat uns immer wieder unseren Wohlstand gesichert. CDR kann ein Alleinstellungsmerkmal für Deutschland werden. Bisher präsentieren sich vor allem China und die USA als Vorreiter der digitalen Zukunft – wobei die Digitalisierung in China als autokratischer Top-down-Prozess vorangetrieben wird, und die USA soziale Aspekte eher vernachlässigen. Deutschland kann beweisen, dass auch in einer digitalen Welt eine Soziale Marktwirtschaft möglich ist.

Der technische Fortschritt und mit ihm die Ausbreitung von KI sind nicht aufzuhalten. Die Frage ist, welche Rolle Europa und Deutschland dabei spielen wollen. Wenn wir wollen, dass technologische Innovationen human sind, gilt es, humanistische Ideale einfließen zu lassen – dafür müssen wir aber an der Spitze der Entwicklung stehen und diese aktiv gestalten.