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Nachhaltiges Wachstum durch zirkuläres Wirtschaften

Die neue Studie von Deloitte und BDI zeigt das ökonomische und ökologische Potenzial der Zirkulären Wirtschaft auf

Im Rahmen des Megatrends zu mehr Nachhaltigkeit hat die Zirkuläre Wirtschaft zentrale Bedeutung. Ohne eine möglichst umfangreiche Substitution von Primärrohstoffen durch wiederverwendete Materialien (Sekundärrohstoffe) ist die Erfüllung der gesellschaftlichen und politischen Klima- und Nachhaltigkeitsziele kaum möglich. In einer neuen Studie haben Deloitte und der Bundesverband der Deutschen Industrie e.V. (BDI) herausgearbeitet, welche Herausforderungen sich dadurch für den Industriestandort Deutschland ergeben – und welche Chancen innovative Geschäftsmodelle auf diesem Feld eröffnen.

Das Wachstum der Weltwirtschaft hat in den letzten 50 Jahren zu einer massiven Zunahme des globalen Rohstoffverbrauchs von 25 auf über 100 Millionen Tonnen im Jahr geführt. Es handelt sich dabei um eine der wichtigsten Problemstellungen auf dem Weg zu einer nachhaltigeren, klimaneutralen Wirtschaft. Durch zirkuläre Ansätze kann jedoch ein zunehmender Anteil der importierten Rohstoffe durch im Inland aufbereitete Sekundärrohstoffe ersetzt werden, wie die neue Studie von Deloitte und dem BDI aufzeigt. Das verringert die Importabhängigkeit der deutschen Wirtschaft und erhöht die inländische Wertschöpfung durch die Aufbereitung der Stoffe. Der ökologische Nutzen liegt einerseits in der starken Reduktion von Primärressourceneinsatz, andererseits in der Senkung von Emissionsbeiträgen z.B. beim Transport. 

Zirkuläre Wirtschaft

Schematische Darstellung der Zirkulären Wirtschaft

Der Übergang zur Zirkulären Wirtschaft bringt zwar hohe Aufwände und Kosten mit sich, er stellt aber insbesondere für den innovationsstarken Industriestandort Deutschland unterm Strich ein attraktives, zukunftsweisendes Geschäftsfeld dar. Neuartige Ansätze wie die Digitalisierung der Logistik im Abfallmanagement oder Predictive Analytics im Lieferkettenmanagement ermöglichen vielversprechende neue Geschäftsmodelle. Die zirkuläre Transformation wird dabei mitgetragen durch ein gewandeltes Konsumentenbewusstsein und wird auch von Regulatoren und der Politik mit Nachdruck gefordert. Den aktuellen Rahmen hierfür liefern auf EU-Ebene der EU Green Deal, der dazugehörige EU-Aktionsplan Circular Economy, die EU-Taxonomie-Verordnung und die EU-Ökodesign-Richtlinie. 

Zirkuläre Wirtschaft: Mehr als Recycling

Recycling ist ein wesentlicher Aspekt der Zirkulären Wirtschaft, aber bei weitem nicht der einzige. Das zirkuläre Konzept nimmt den gesamten Produktlebenszyklus in den Blick und fordert auch für Abfall-, Wasser- und Materialwirtschaft idealerweise vollständig geschlossene Kreisläufe. Beim Rohstoffeinsatz sollten Primärstoffe möglichst weitgehend durch Sekundärstoffe substituiert werden. Schon beim Produktdesign ist auf Langlebigkeit, Ressourcen-sparende Gestaltung im Design, Wiederverwertbarkeit usw. zu achten. Auch bei Herstellung und Distribution existieren zahlreiche Optimierungspotenziale (Material- und Energieeffizienz, Verpackung, digitales Logistikmanagement). Neue Nutzungsmodelle wie z.B. Car Sharing tragen ebenfalls zu einer Reduktion des Rohstoff-Fußabdrucks bei. Hierzu tritt dann das eigentliche Recycling durch Abfalltrennung und -sammlung sowie Weiter- und Wiederverwendung. Auch wenn das Ideal einer vollständigen Substitution durch Sekundärrohstoffe aufgrund diverser physikalischer Faktoren unerreichbar ist und die zirkuläre Wirtschaft technologische, stoffliche und wirtschaftliche Grenzen hat, sind die ökonomischen und ökologischen Chancen einer möglichst weitgehenden Zirkularität gleichwohl erheblich.

Chancen für den Industriestandort Deutschland

Um die Chancen der Zirkulären Wirtschaft für Deutschland zu erfassen und bewerten, wurden im Rahmen der Studie makroökonomische Potenzialanalysen (Input-Output-Rechnung) durchgeführt. Durch eine Expertenbefragung wurde dabei die Substituierbarkeit der zehn wichtigsten Rohstoffe ermittelt. Beispielsweise wäre bei Stahl bis zum Jahr 2030 eine Steigerung der Quote von aktuell 44 auf 58 Prozent Sekundärrohstoffe möglich, bei Aluminium von 53 auf 72 Prozent. Die Umstellungen von Importen auf inländisch gewonnene Sekundärrohstoffe könnten signifikante makroökonomische Vorteile freisetzen. Die Bruttowertschöpfung der deutschen Industrie würde laut der Analyse um 12 Milliarden Euro jährlich steigen, und es ergäbe sich ein positiver Netto-Beschäftigungseffekt von knapp 180.000 zusätzlichen Arbeitsplätzen. 

Makroökonomische Effekte einer stärker Zirkulären Wirtschaft in Deutschland (Nettoeffekt)

Auch die ökologischen Vorteile wären erheblich. Der Ressourcenverbrauch sinkt in diesem Szenario insgesamt stark (Metallerze: 8,7 Millionen Tonnen Rückgang, Fossile Energieträger: 3,9 Million Tonnen Einsparung). Die Verringerung der Rohstoffimporte bedeutet zugleich auch eine Verringerung von CO2-Emissionen von netto rund 5,5 Millionen Tonnen jährlich. Dabei muss allerdings festgehalten werden, dass der Bruttoreduktion von insgesamt 14,4 Millionen Tonnen Ausstoß im Ausland eine Erhöhung des CO2-Ausstoßes in Deutschland durch Recycling und Aufbereitung um 8,9 Millionen Tonnen gegenübersteht. Eine rein nationale Betrachtung des Klimabeitrags würde somit das positive Gesamtbild verzerren. 

Zirkuläre Innovation

Damit der Übergang zur Zirkulären Wirtschaft gelingt, müssen entsprechende neue Geschäftsmodelle etabliert werden. Das erfordert hohe Innovationsleistungen der Unternehmen, für die Deutschland aber gut aufgestellt ist. Im europäischen Vergleich besteht eine Führungsrolle: Über ein Drittel aller einschlägigen Patente in der EU werden hierzulande angemeldet (2000 bis 2016: Deutschland: 1.752 Patente, Frankreich: 663, UK: 360). Allerdings herrscht im weltweiten Vergleich Nachholbedarf (China: 30.353 Patente, Japan: 16.419, Südkorea: 8.559). Die Innovationen fokussieren dabei hauptsächlich auf die drei Aspekte Reduktion der Stoffintensität in der Produktion, Maximierung der Stoffnutzung (Langlebigkeit) und Wiederverwertung. 

Wichtige Ansätze für eine erfolgreiche Transformation hin zu mehr Zirkularität sind beispielsweise additiver 3D-Druck, Leichtbau, Wiederverwertung von Produktionsabfällen, Update-Fähigkeit, Sharing-Modelle, Mehrfachnutzbarkeit (z.B. Weiterverwendung von Fahrzeugbatterien als Puffer in Smart Grids) sowie Recyclingverfahren wie Hydrolyse, Solvolyse, Chemcycling, Abfallpyrolyse und grüner Wasserstoff. Dafür lassen sich als Leitlinien „neun Rs“ definieren (in Anlehnung an den EU-Aktionsplan): 

  • Refuse
  • Rethink
  • Reduce
  • Re-use
  • Repair
  • Refurbish
  • Remanufacture
  • Repurpose
  • Recycle

Herausforderungen und Lösungen

Die Motivation zur zirkulären Innovation ist für Unternehmen hoch. Sie sparen Ressourcen und senken Kosten, erfüllen Kundenwünsche und Regulationen, und sie lösen außerdem aktuelle operative Probleme wie beispielsweise die Knappheit mancher Vorprodukte. Es ergeben sich allerdings auch eine Vielzahl an Herausforderungen. Angesichts höherer Kosten durch Produktionsumstellungen muss die Wettbewerbsfähigkeit gesichert werden. Die Rohstoffaufbereitung wird außerdem auch durch technologisch-physikalische Gegebenheiten begrenzt. In regulatorischer Hinsicht bestehen teilweise Hemmnisse und Zielkonflikte. 

Grundsätzlich muss von den Unternehmen überhaupt erst ein einheitliches Verständnis des zirkulären Wirtschaftens erarbeitet werden, da die gängigen Definitionen sehr unterschiedlich sind. Eine Abkehr von linearen Geschäftsmodellen ist notwendig, verbunden mit einer Anpassung von Kennzahlen und Anreizen. Die Zusammenarbeit mit anderen Unternehmen und Partnern ist zu verstärken, indem neue zirkuläre Ökosysteme aufgebaut werden. Im Bereich der bislang oft noch unzureichenden Materialrückflüsse existieren ebenfalls Hürden, u.a. verursacht durch die hohe Bedeutung globaler Exporte für die hiesige Wirtschaft. Auf der anderen Seite können innovative digitale Technologien bei der Umsetzung helfen. Viele Unternehmen haben schon wegweisende Projekte entwickelt, von denen eine Auswahl in der Studie ausführlicher dargestellt wird, etwa ein Aluminium-Kreislaufansatz beim Autobauer Audi, ein Kooperationsprojekt von BASF zur Reduktion von Kunststoffabfällen, der Car-Sharing-Dienst WeShare von Volkswagen oder die Wiederaufbereitung von Elektronikgeräten durch das Start-up Refurbed. 

Das Modell der Zirkulären Wirtschaft bietet zahlreiche positive Effekte, sowohl ökonomisch als auch in Bezug auf Nachhaltigkeit. Unsere Studie zeigt diese Chancen anhand einer makroökonomischen Potenzialanalyse sowie verschiedener Best-Practice-Beispiele internationaler Unternehmen. Bei konsequenter Anwendung ergeben sich volkswirtschaftliche Effekte durch eine steigende Wertschöpfung sowie höhere Beschäftigung. Zirkulärer Wirtschaft gehört die Zukunft, und Unternehmen, die von den Potentialen profitieren wollen, werden sie schon bald tief in ihrer Strategie und ihrem Geschäftsmodell verankern.

            Dr. Thomas Schiller, Managing Partner Clients & Industries

Über die Studie

Für die gemeinsame Studie von Deloitte und dem Bundesverband der Deutschen Industrie e.V. wurde im Zeitraum vom 29. April bis zum 4. Mai 2021 eine Befragung von Experten aus deutschen Verbänden als Online-Survey durchgeführt. Die makroökonomische Potenzialanalyse basiert auf dem erweiterten Input-Output-Modell EXIOBASE. Laden Sie hier die vollständige Studie herunter, die alle detaillierten Analysen, eine ausführliche Darstellung des regulatorischen Kontexts, Kurzbeschreibungen von Umsetzungsbeispielen sowie eine Zusammenfassung der entscheidenden Handlungsfelder für Politik und Wirtschaft enthält.

Mehr zum Thema im Future Talk Podcast von Deloitte: Kreislaufwirtschaft bei Schuhen – Recycelbares Material und ein Miet-Abo machen es möglich

Nachhaltigkeit endet nicht beim Kauf. Wie kann man aber als Produzent sicherstellen, dass auch der Kunde sein Produkt beispielsweise nachhaltig entsorgt? Wie gelingt solch eine Kreislaufwirtschaft in der Sportswear-Branche? Die Schweizer Schuhfirma On hat dafür eine Lösung: Ein komplett recycelbarer Schuh im Abo-Modell. Als Kunde miete ich die Schuhe und kann sie am Ende meiner Nutzungsdauer zurückgeben, ich erhalte ein neues Paar und das alte wird komplett rezykliert, und es entsteht ein neuer Schuh daraus. Wie es zu dieser Idee kam, was genau damit bezweckt wird, was man sich davon erhofft, das erklärt uns Viviane Gut, Leiterin Sustainability bei On.