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Regierung und Öffentlicher Sektor Interview Serie

Im Rahmen der Regierung und Öffentlicher Sektor Interviewserie teilen Persönlichkeiten aus der Schweizer Politik, Wirtschaft, Forschung und Medien ihre Meinungen zu digitalen und technologischen Entwicklungen, sowie Erwartungen an die Schweizer Verwaltungen und die Zukunft der Schweiz. Die Äusserungen und Meinungen in den Interviews sind persönlicher Natur. Im Rahmen der Serie beziehen Exponenten unterschiedlicher Organisationen und Parteien Stellung. Deloitte ist unabhängig, neutral und unterstützt keine politischen Institutionen.

Die Interviews Serie

 

Markus Naef / lic.oec. HSG et lic.iur.

Markus Naef ist ein erfahrener Strategieberater und Umsetzer mit einer besonderen Passion für das Thema Digitalisierung. Ihn zeichnet insbesondere seine Bereitschaft aus, in Zusammenarbeit mit Kolleginnen und Kollegen im Team zu wirken und damit in den Erfolg von Unternehmen zu investieren. Vertrauen in die Fähigkeiten und das Engagement der Team-Mitglieder, Mitstreiter und Partner – aber auch in Personen, die anderer Meinung sind – sind ihm wichtig. Des Weiteren pflegt er ein hervorragendes Beziehungsnetz zu Wirtschaft, Politik und Verwaltung.

Markus Naef hat zwei Universitätsabschlüsse in Wirtschaft und Recht der HSG (heute Universität St. Gallen). Nach den Studien war er schon früh als Startup-Unternehmer in den USA tätig. Nach der Rückkehr übernahm er Führungspositionen in internationalen Unternehmungen, u.a. war er als Country Manager eines amerikanischen Konzerns für die Schweiz und Russland verantwortlich. Zuletzt war er in der Geschäftsleitung eines börsenkotierten Schweizer Unternehmens. Er zeichnete verantwortlich für das B2B-Geschäft und durfte die digitale Transformation diverser Kunden aktiv begleiten. Heute ist Markus Naef CEO der SwissSign Group AG, welche er als CEO des JV der Post und SBB übernommen hat. Heute zählen auch namhafte Schweizer Finanzinstitute und Versicherungsunternehmen zu den Aktionären.

Vertrauenswürdige Identitäten von SwissSign Group AG bilden die Grundlage für sichere E-Business-Prozesse. Als Schweizer Trust Service Provider (TSP) begleitet SwissSign Menschen und Unternehmen in eine erfolgreiche digitale Zukunft. Im Jahr 2020 wurde Markus Naef als Digital Shaper ausgezeichnet.

Nebst dieser Tätigkeit bekleidet Markus Naef diverse (VR-)Mandate, unter anderem amtet er als Verwaltungsrat der ewl AG. Zudem ist er Mitglied des Steuerungsausschusses von digitalswitzerland.

Markus Naef ist ein ziel- und ergebnisorientierter “Macher” und ein kommunikationsstarker, natürlicher und teamorientierter Leader. Er ist verheiratet und Vater eines Sohnes. Sport findet einen fixen Eintrag in seiner Agenda.

 

Interview

Was schätzen Sie an der Schweiz? 

Vieles! Nebst der Stabilität und Sicherheit, für welche die Schweiz bekannt ist, bewundere ich die grosse Innovationskraft dieses kleinen Landes. Und natürlich die internationale Vernetzung, die jeden Lebensbereich durchdringt.

Welche Erwartungen haben Sie als Bürger an die Schweizer Verwaltungen?

Eine kundenfreundliche und gleichzeitig kosteneffiziente Leistungserbringung. Ich erwarte auch, dass Verwaltungen das staatliche Angebot regelmässig in Frage stellen und sich auch nicht scheuen zu hinterfragen, ob es privatwirtschaftliche Alternativen im Rahmen der Leistungserbringung gibt. Ich erwarte aber auch einen transparenten und sparsamen Einsatz des Steuerfrankens.

Was würden Sie in der Schweiz sofort ändern, wenn Sie die Möglichkeit dazu hätten?

In Bezug auf die öffentliche Hand: Die rasche Einführung der digitalen Demokratie basierend auf einer staatlich anerkannten digitalen Identität!

Ich würde gerne einen Kulturwandel anstossen hin zum positiven Denken. In dieser Betrachtungsweise wäre das Glas vermehrt halb voll.

Wo sehen Sie die grössten Herausforderungen für den öffentlichen Sektor in den nächsten 5 Jahren?

In der Reihenfolge der Aufzählung: in der Digitalisierung, in der Altersvorsorge und in der Eindämmung der zunehmenden Regulierungsdichte.

Welche Technologie wird unser Leben in fünf Jahren grundlegend verändern?

IoT – Internet of Things (gegebenenfalls gepaart mit KI). Die Vernetzung und Integration von Aktivitäten und Dingen im virtuellen Raum wird künftig weiter zunehmen. Das «Denken» und «Entscheiden» wird je länger, je mehr auf die Maschine übertragen. Voraussetzung für das Gelingen ist die baldige flächendeckende Einführung von 5G.

Welche Gefahren sehen Sie in der technologischen Entwicklung?

Das Tempo der technologischen Entwicklungen hat das Potential, die Gesellschaft zu spalten: Aus- und Weiterbildung müssen unbedingt synchron mit dem technologischen Fortschritt Schritt halten. Wir können uns nicht mehr vor dem «life-long learning», dem lebenslangen Lernen, drücken.

Wie sehen Sie die Schweiz im internationalen Vergleich in Bezug auf Digitalisierung / digitale Lösungen für die Bevölkerung?

In sämtlichen, mir bekannten Rankings in diesem Kontext ist die Schweiz meist im hinteren Mittelfeld – sicher nie auf einem Podestplatz, was eigentlich sehr schade ist. Ein Grund hierfür ist die fehlende digitale Identität. Es gibt bereits viele Anwendungen und Ideen für sinnvolle digitale Lösungen, die jedoch mangels E-ID nicht umgesetzt werden können. Mit anderen Worten: Hätte die Schweiz eine E-ID, wäre sie im internationalen Vergleich mit ihrer Infrastruktur und der hohen IT-Affinität der Bevölkerung immer unter den Spitzenreitern.

Wo sehen Sie das grösste Potential für digitale Identifizierungsdienste?

Das brachliegende Potential ist enorm: Eine digitale Identität ist eine zentrale Voraussetzung für die Entbürokratisierung der Behördengänge, für effizientere Transaktionen bei Geschäfts- und Kundenbeziehungen in zahlreichen Branchen und für die Erhöhung der Sicherheit bei der Identifikation im Internet. Davon profitieren Einwohnerinnen und Einwohner, Behörden und Unternehmen gleichermassen.

Was haben Sie rückblickend beim Aufbau einer Digitalisierungslösung unterschätzt?

Die Trägheit in der Akzeptanz der Lösung und - im Zusammenhang mit der E-ID – die tiefverwurzelte Skepsis.

Welche Erkenntnisse nehmen Sie privat und geschäftlich aus der COVID-19-Erfahrung mit?

Privat bin ich noch dankbarer, eine glückliche Familie und gute Freunde*innen zu haben.

Geschäftlich war es die Erkenntnis, dass 100% home office noch klarere Führung und explizite Kommunikation erfordert. Für beide Bereiche gilt aber, dass soziale Kontakte unabdingbar sind.

Welches Buch empfehlen Sie als «Must Read»?

Max Frischs «Homo Faber»: Der Roman zeigt auf, wie der moderne Mensch der Frage nach sich selbst ausweicht, wie er sich betäubt durch die scheinbaren Segnungen der Technik. Hier liegt die Aktualität dieser großen Erzählung, denn wir sind umgeben von Ablenkung, Spielzeug und sinnentleerter Kommunikation.

Mit welcher berühmten Persönlichkeit (am Leben oder nicht) würden Sie gerne zu Abend essen – und warum?

Ob berühmt oder nicht – das spielt für mich keine Rolle; Ein Abendessen kann ich mir mit jederfrau/-mann vorstellen: Auch ob das Essen schmeckt, ist für mich nebensächlich. Hauptsache, es findet ein gutes Gespräch statt – und vielleicht kann man ja auch zusammen Lachen!

 

Entscheidungsfragen

# Frage Antwort / Kommentar
1 Papierrechnung oder E-Rechnung? E-Rechnung
2 iOS oder Android? 75% iOS / 25% Android
3 Eishockey oder Fussball? Eishockey
4 Auto oder ÖV? ÖV kombiniert mit Auto, Vespa und Fahrrad
5 Bern oder Zürich? Wohnen und leben in Zürich, beruflich aber oft und gern auch Bern. Zürich ist eine – wenn auch kleine – Weltstadt und bietet wirklich ALLES, von Sport zu Kultur, aber auch die Nähe zu den Bündner Bergen. Und nicht zu vergessen: die Internationalität.
6 Berge oder Strand? Berge! Im Sommer (MTB, Wandern) und im Winter (Skifahren, Snowboarden)
7 Elektrisch- oder fossilbetriebenes Fahrzeug? Derzeit noch fossilbetriebenes Fahrzeug. Aber die Evaluation für ein elektrisch betriebenes Fahrzeug ist im Gange…

Daniel Leupi

Daniel Leupi (Grüne), geboren 1965, wurde 2010 in den Zürcher Stadtrat gewählt und ist seit 2013 Vorsteher des Finanzdepartements. Von 2010 bis 2013 stand er dem Sicherheitsdepartement vor.

In seiner Funktion als Finanzvorstand ist Daniel Leupi Präsident der Pensionskasse Stadt Zürich. Ebenso präsidiert er die beiden gemeinnützigen Wohnbaustiftungen Stiftung Wohnungen für kinderreiche Familien und Stiftung Einfach Wohnen. In der Konferenz der städtischen Finanzdirektorinnen und -direktoren, die sich in der Finanz- und Steuerpolitik für die Anliegen der Städte bei Bund und Kantonen einsetzt, amtet er als Vizepräsident.

Daniel Leupi sass von 2002 bis 2010 im Zürcher Gemeinderat, von 2006 bis 2009 als Fraktionspräsident der Grünen.
Daniel Leupi hat in Bern Volkswirtschaft studiert, war Mitinhaber des Velobüros Olten und Geschäftsführer der autofreien Erlebnistage slowUp. Er ist verheiratet und wohnt in Zürich.

 

Was schätzen Sie an der Schweiz?

Die direkte Demokratie, der Zusammenhalt durch permanenten Interessensausgleich und die landschaftliche Vielfalt. Leider ist der Interessensausgleich aufgrund der anhaltenden Polarisierung zunehmend gefährdet.

Welche Erwartungen haben Sie als Bürger an die Schweizer Verwaltungen?

Nutzerorientiert, zuverlässig, effizient.

Was würden Sie in der Schweiz sofort ändern, wenn Sie die Möglichkeit dazu hätten?

Dass Politik, Wirtschaft und Bevölkerung die Herausforderung des Klimawandels wirklich ernst nehmen und wirksam handeln.

Wo sehen Sie die grössten Herausforderungen für den öffentlichen Sektor in den nächsten 5 Jahren?

Klimaneutralität, Altersvorsorge, Verhältnis zu Europa.

Welche Technologie wird unser Leben in fünf Jahren grundlegend verändern?

Neue Technologien verändern unser Leben seit Jahrzehnten permanent, zurzeit unter dem Stichwort Digitalisierung. Ich erwarte Änderungen in den nächsten fünf Jahren am ehesten dort, wo höhere Energie- und Ressourceneffizienz gefordert ist.

Welche Gefahren sehen Sie in der technologischen Entwicklung?

Machtkonzentration bei digitalen Konzernen, stark steigender Energieverbrauch und Entsolidarisierung in der Gesellschaft.

Was verstehen Sie unter einer «Smart City»?

Ich verstehe smart im eigentlichen Sinne des Wortes und nicht nur IT-bezogen. Deshalb: Eine Stadt, die ihre Leistungen unkompliziert und klimaschonend für alle Bevölkerungsgruppen und Unternehmen anbietet, und die Freiraum und Innovation zulässt.

Wie sehen Sie die Schweiz im internationalen Vergleich in Bezug auf Digitalisierung / digitale Lösungen für die Bevölkerung?

Die Schweiz bietet bereits eine Vielzahl von digitalen Lösungen an. Was ansteht, ist eine e-ID-Lösung, die das Vertrauen aller geniesst und breit angewandt wird.

Ab wann können wir Ihrer Meinung nach digital abstimmen?

Digital abstimmen ist ein Bedürfnis. Das Restrisiko möglicher Manipulationen muss aber gegen Nullkommanull tendieren, damit das Vertrauen in die Demokratie nicht untergraben wird. Ich kann nicht beurteilen, wann Technik und Akzeptanz so weit sind.

Welches Buch empfehlen Sie als «Must Read»?

Belletristik: «Der Besuch der alten Dame» von Friedrich Dürrenmatt und «Der kleine Prinz» von Antoine de Saint-Exupéry. Sachbuch: «Warum nur ein Green New Deal unseren Planeten retten kann» von Naomi Klein.

Mit welcher berühmten Persönlichkeit (am Leben oder nicht) würden Sie gerne zu Abend essen – und warum?

Nicht mit allen, aber mit einigen schon. Doch hier nur einen Namen zu nennen, ist mir zu eindimensional. Auch wenn keine berühmte Person mir gegenüber sitzt: Ich versuche, aus jedem Essen eine Inspiration mitzunehmen.

Welche Erkenntnisse nehmen Sie privat und geschäftlich aus der COVID-19-Erfahrung mit?

Corona hat deutlich gezeigt, dass Staaten, die konstant in ihre Grundinfrastruktur investieren und gute soziale Netze unterhalten, Bevölkerung und Wirtschaft besseren Schutz und Unterstützung gewähren können. Eindrücklich ist auch das grundsätzliche Vertrauen der Bevölkerung in die staatliche Führung. Privat habe ich die Ruhe am Himmel und auf den Strassen genossen. Beim Homeoffice wurde klar: Auch der Arbeitsmensch ist ein soziales Wesen und braucht auf Dauer physische Begegnungen mit Mitmenschen.

Entscheidungsfragen

# Frage Antwort / Kommentar
1 Papierrechnung oder E-Rechnung? E-Rechnung (bin privat aber noch nicht 100% auf digital umgestellt)
2 iOS oder Android? iOS
3 Eishockey oder Fussball? Land- und Unihockey
4 Auto oder ÖV? Velo
5 Bern oder Zürich? Ich leb(t)e in beiden Städten gern.
6 Berge oder Strand? Berge am Meer… und Städte.
7 Elektrisch- oder fossilbetriebenes Fahrzeug? E-Mobil.

Martin Bütikofer

Nach dem Abschluss der Studien zum dipl. Elektro- und dipl. Wirtschaftsingenieur arbeitete Martin Bütikofer (1961) für die amerikanische Reliance Electric AG in Dierikon, den USA und in England. Anschliessend wechselte er als Leiter des Amtes für den öffentlichen Verkehr in den Kanton Zug, wo er neben dem Tarifverbund Zug auch die Stadtbahn Zug initiierte und realisierte.

Mit dem Schritt zur Schifffahrtsgesellschaft des Vierwaldstättersees (SGV) baute er als deren Direktor u.a. den werfteigenen Schiffsbau und die Gastronomiefirma «Tavolago» auf. Die SBB AG holte Martin Bütikofer 2005 als Direktor Regionalverkehr in die Geschäftsleitung Personenverkehr nach Bern.

Seit 2011 ist er nun als Direktor des Verkehrshauses der Schweiz für die Weiterentwicklung der schweizweit grössten und meistbesuchten Plattform rund um das Thema Mobilität verantwortlich. In der Freizeit ist der Vater von drei erwachsenen Kindern als Fotograf in fernen Ländern unterwegs. Im Rahmen von Reisen gibt er als Experte sein Wissen und seine Erfahrungen gerne weiter.

 

Was schätzen Sie an der Schweiz?

Die Sicherheit, die Demokratie und die Sauberkeit.

Welche Erwartungen haben Sie als Bürger an die Schweizer Verwaltungen?

Wirtschaftsfreundlichkeit und Entscheidungsfreude. Der gesetzliche Spielraum soll genutzt werden, um Entwicklungen zuzulassen.

Was würden Sie in der Schweiz sofort ändern, wenn Sie die Möglichkeit dazu hätten?

Ich würde einen nationalen Zukunftstag lancieren, um die Innovationskraft der Wirtschaft zu stärken. Zudem braucht es einen intensiveren Schüleraustausch zwischen der Deutschschweiz, der Westschweiz und der Südschweiz, um den föderalen Zusammenhalt zu fördern.

Wo sehen Sie die grössten Herausforderungen für den öffentlichen Sektor in den nächsten 5 Jahren?

Rahmenbedingungen für die Industrie 4.0 zu schaffen. Ziel ist Vollbeschäftigung trotz Strukturwandel.

Welche Technologie wird unser Leben in fünf Jahren grundlegend verändern?

Der elektronische Zahlungsverkehr. Die Bedeutung von Bargeld wird abnehmen.

Welche Gefahren sehen Sie in der technologischen Entwicklung?

Historisch gewachsene Prozesse und Dienstleistungen werden ortsunabhängig. Der vergangene Erfolg garantiert den künftigen Erfolg nicht. Es gilt, die Weichen rechtzeitig zu stellen.

Was verstehen Sie unter einer «Smart City»?

Smart City bezeichnet einen gesamtheitlichen Ansatz. Städte sollen effizienter, technologisch fortschrittlicher, und grüner werden. Dazu gehören auch gesellschaftliche Innovationen.

Welche Rolle kommt der Mobilität in einer «Smart City» zu?

In einer Smart City steht dem Nutzer das Verkehrsmittel zur Verfügung, das optimal seine Bedürfnisse erfüllt.

Nennen Sie uns das Jahr, in welchem wir zum letzten Mal selbst ein Fahrzeug gesteuert haben werden.

Das autonome Fahren wird nicht vor 2050 Wirklichkeit.

Welches Buch empfehlen Sie als «Must Read»?

«Never eat alone» von Keith Ferrazzi.

Mit welcher berühmten Persönlichkeit (am Leben oder nicht) würden Sie gerne zu Abend essen – und warum?

Mit Alfred Escher. Er war Visionär und Unternehmer.

Entscheidungsfragen

# Frage Antwort / Kommentar
1 Papierrechnung oder E-Rechnung? Keep it simple an ecological. Ich bevorzuge die papierlose Variante.
2 iOS oder Android? Die iOS-Benutzeroberfläche finde ich aufgeräumter.
3 Eishockey oder Fussball? Weder noch.
4 Auto oder ÖV? Ich bin ein ÖV-Fahrer: Gefahren werden und arbeiten ist effizient.
5 Bern oder Zürich? In Bern ist die politische Schaltzentrale.
6 Berge oder Strand? Ich schätze die Weitsicht und die kühle Luft in den Bergen.
7 Elektrisch- oder fossilbetriebenes Fahrzeug? Bei der E-Mobilität wird die Bremsenergie zurückgewonnen. Dies ist clever und ökonomisch und ökologisch sinnvoll.

Thierry Kneissler

Nach dem Volkswirtschaftsstudium an den Universitäten Bern und Cork (Irland), mit Abschluss lic.rer.pol, begann Thierry Kneissler 1996 sein Arbeitsleben in der Finanzbranche bei der Berner Kantonalbank. 2001 absolvierte er ein Vollzeit-Executive MBA an der Universität St. Gallen HSG im Bereich «neue Medien». In der darauffolgenden Beratungstätigkeit in der «New Economy» bei der Unternehmung New Impact vertiefte er sein technisches Verständnis und sammelte erste Management-Erfahrungen.

2003 wechselte Thierry Kneissler als Projektleiter zu PostFinance. 2004 wurde er Assistent des Leiters PostFinance, im selben Jahr übernahm er die Verantwortung für die Unternehmensentwicklung. 2008 bis 2014 begleitete und prägte er als Mitglied der Geschäftsleitung die strategische Entwicklung von PostFinance. Mit einem kleinen Team entwickelte Thierry Kneissler 2014 die Idee für TWINT – ein neuartiges Mobile Payment-System direkt von Konto zu Konto, einsetzbar im E-Commerce, an der Kasse und zwischen Personen. In drei Monaten genehmigten die Organe von PostFinance das Vorhaben und die TWINT AG wurde gegründet. 12 Monate später erfolgte der «Go Live», nach 2 Jahren die Fusion mit Paymit. Nach dem Relaunch 2017 begann das starke Wachstum, auf schon bald 1 Mio. Kundinnen und Kunden. Als Gründer und CEO durchlebte er die ganze Entwicklung hautnah und sammelte unzählige Erfahrungen, die man nur in der Praxis machen kann.

 

Was schätzen Sie an der Schweiz?

Emotionale Verbundenheit, Familie, Freunde, Sicherheit, Verlässlichkeit, Stabilität, Vertrauen, man geht «anständig» miteinander um. Wahrscheinlich etwa das, was man Heimat nennt.

Welchen Bezug haben Sie zum öffentlichen Sektor in der Schweiz?

Im Alltag denselben wie die meisten Menschen: Unsere Kinder gehen in die öffentliche Schule, ich nutze die funktionierende Infrastruktur. Beruflich bin ich ihm seit 2003 verbunden, als ich bei PostFinance anfing und über 10 Jahre dort arbeiten durfte.

Welche Erwartungen haben Sie als Bürgerin/Bürger an die Schweizer Verwaltungen?

Sie muss funktionieren. Sie soll alle gleich behandeln. Sie soll Augenmass wahren und pragmatisch sein. Und sie soll effizient sein. In der Summe erwarte ich einfach eine gute Dienstleistung.

Was würden Sie in der Schweiz sofort ändern, wenn Sie die Möglichkeit dazu hätten?

Dass alle an einem Strick ziehen, um eine möglichst gute Zukunft zu schaffen für unsere Kinder. Es handeln noch zu viele Menschen und Unternehmen nur in ihrem Eigeninteresse und sehen nicht, dass man gemeinsam weiter kommt als alleine – denn die meisten heutigen Herausforderungen wie Innovationsfähigkeit, Umweltschutz, Migration kann man nur zusammen lösen, sei es national oder über die Grenzen hinweg.

Wo sehen Sie die grössten Herausforderungen für den öffentlichen Sektor in den nächsten fünf Jahren?

Die Digitalisierung ist natürlich das grosse Thema. E-Government gibt es schon lange, es gibt gute Insellösungen, aber «das grosse Ganze» sehe ich noch nicht. Wie im kommerziellen Umfeld braucht es «Plattformen», welche Dienstleistungen sinnvoll vereinen.

Dann glaube ich, dass der öffentliche Sektor immer stärker unter Kostendruck gerät. Er muss seine Aufwände rechtfertigen und die Leistungen nachweisen. Dies ist per se begrüssenswert, aber wir müssen aufpassen, dass nicht nur ökonomisch argumentiert wird, sondern auch soziale und ökologische Aspekte berücksichtigt werden. Der öffentliche Sektor spielt eine grosse Rolle für den Zusammenhalt des Landes, dazu sollte man Sorge tragen.

Welche Technologie fasziniert Sie und welche wird unser Leben in fünf Jahren grundlegend verändern?

Faszinieren tut mich das autonome Fahren. Als ich zum ersten Mal vor etwa zwei Jahren in einem Tesla sass und mir der Beifahrer sagte, ich solle das Lenkrad loslassen, war das schon ein spezieller Moment. Und das Auto fuhr tatsächlich in der Spur weiter.

Diese Technologie wird auch unser Leben verändern: Es wird viel weniger Autos brauchen, die Städte sehen anders aus, wir bewegen uns anders, die ganze Mobilität wird neu definiert. Allerdings weiss ich nicht, ob dies bereits in fünf Jahren soweit sein wird. Vielleicht dauert es auch zehn Jahre.

Wie stellen Sie sich den bargeldlosen Zahlungsverkehr der Zukunft vor?

Dass alle Menschen mit TWINT bezahlen! Mittelfristig wird dies mit Smartphones geschehen, langfristig wird das Bezahlen in den Hintergrund rücken und einfach «geschehen».

Welche Gefahren sehen Sie in der technologischen Entwicklung?

Wir dürfen nie vergessen, dass Technologie nur ein Mittel zum Zweck ist. Und der Zweck ist, dass es den Menschen, Tieren und der Umwelt besser geht als heute. Nicht alle technologischen Entwicklungen gehen in diese Richtung.

Auch sehe ich die grosse Gefahr, dass sich die Gesellschaft teilt in eine Gruppe, die technologisch mithält und profitiert und in eine andere, die abgehängt wird. Falls wir das nicht ändern, wird es grosse Spannungen geben.

Welches Buch empfehlen Sie als „Must Read“?

Es gibt so viele! Wenn ich wählen muss: Sachbuch «The Hard Thing About Hard Things» von Ben Horowitz - das beste Buch über die Erfahrungen in Start-Ups. Fiktion «Das Labyrinth der Lichter» von Carlos Ruiz Zafon, der letzte Roman einer 4-teiligen Serie über Spanien nach dem Bürgerkrieg – hervorragend geschrieben.

Mit welcher berühmten Persönlichkeit (am Leben oder nicht) würden Sie gerne Abend essen – und warum?

Winston Churchill. Weil er mit seinen Entscheidungen und offenbarer Sturheit den Verlauf des 2. Weltkriegs massgebend beeinflusste. Ein Leader mit eigenem Charakter, Ecken und Kanten, wie es nicht mehr viele gibt. Europa hat ihm viel zu verdanken.

Martin Nydegger

Seit 1. Januar 2018 ist Martin Nydegger Direktor von Schweiz Tourismus. Er ist seit 2008 Mitglied der Geschäftsleitung und leitete den Bereich Business Development bis Ende 2017. Davor hatte er drei Jahre lang die ST-Niederlassung in Amsterdam geführt. Vor seinem Engagement bei ST wirkte er bereits an verschiedenen Positionen im Tourismus, darunter sechs Jahre als Direktor der Tourismusorganisation Engadin Scuol. Der Berner Nydegger hält einen exec. MBA in strategischer Unternehmensführung und hat sich wiederholt im Bereich des Marketing Managements weitergebildet. Er ist verheiratet und hat einen elfjährigen Sohn.

 

Was schätzen Sie an der Schweiz?

Wie die meisten unserer Gäste die atemberaubende Natur und die erhabenen Berglandschaften. Dann aber auch die attraktiven «Boutique Towns», wie wir unsere Schweizer Städte nennen.

Welche Erwartungen haben Sie als Bürger an die Schweizer Verwaltungen?

Bei uns in der Schweiz läuft die Verwaltung reibungslos und effizient, gerade auch im Vergleich zu anderen Ländern. Darauf zähle ich auch in Zukunft.

Was würden sie in der Schweiz sofort ändern, wenn sie die Möglichkeit dazu hätten?

Im Schweizer Tourismus sollte noch mehr bewusst an einem Strang gezogen werden. Die sinnvolle Kooperationsbereitschaft lässt bisweilen zu wünschen übrig.

Welche kurz- und langfristigen Herausforderungen sehen Sie im Schweizer Tourismus?

Nach wie vor die Rückgewinnung der europäischen Gäste nach den riesigen Verlusten der letzten Jahre. Auch wenn 2017 wieder ein Hotelübernachtungsplus aus der Eurozone verzeichnet werden konnte. Es gibt noch viel Luft nach oben.

Wie wirkt sich die Digitalisierung auf Schweiz Tourismus aus?

Bahnbrechend. Deshalb leben wir bei Schweiz Tourismus die Digitalisierung und halten uns nicht mit der Definition einer Digitalisierungsstrategie auf. Bei uns denkt jeder digital, nicht bloss der Bereich Digital Management.

In welchen Bereichen sehen Sie Optimierungspotential in der Vermarktung der Schweiz oder auf welche Bereiche möchten Sie sich fokussieren?

Wie bereits erwähnt müssen die Akteure der Tourismusbranche am selben Strick ziehen, heute mehr denn je. Bei der Vermarktung nehmen wir internationale Reisetrends auf und entwickeln entsprechende touristische Angebote.

Wo sehen Sie die grössten Herausforderungen für den öffentlichen Sektor in den nächsten 5 Jahren?

Mit der Überalterung der Gesellschaft werden wir uns überlegen müssen, wie unser Gesellschaftsvertrag in Zukunft aussehen wird.

Welche Technologie fasziniert Sie und welche wird unser Leben in fünf Jahren grundlegend verändern?

Ich bin fasziniert von Virtual Reality, Augmented Reality und Artificial Intelligence. Diese Technologien befinden sich aktuell im Experimentier-Stadium. Im Tourismus wird dies grossen Einfluss auf die Reiseinspiration der Gäste haben.

Welche Gefahren sehen Sie in der technologischen Entwicklung?

Der Tech-Hype bietet Nährboden für viele «Leechers», die ahnungslosen Leistungsträgern unnötige technische Plattformen und Services verkaufen. Eine wichtige Kernkompetenz ist es, die soliden Systeme und Technologien von den schlechten System zu unterscheiden.

Welches Buch empfehlen Sie als „Must Read“?

Alle von Martin Suter.

Mit welcher berühmten Persönlichkeit (am Leben oder nicht) würden Sie gerne Abend essen – und warum?

Barack Obama, Justin Trudeau oder Emmanuel Macron. Drei coole Staatsmänner mit Souveränität und Seriosität. Sie versprühen eine Locker- und Leichtigkeit, die mich beeindruckt.

Peter Düggeli

Peter Düggeli ist seit dem Sommer 2015 als SRF-Korrespondent in Washington DC tätig. Er studierte an der Universität Freiburg im Üechtland Geschichte und Englisch und schloss sein Studium 1999 mit einem Lizenziat ab. An der Schweizer Journalistenschule MAZ in Luzern absolvierte er zudem das Nachdiplomstudium Journalismus.

Der 47-Jährige ist seit 2010 bei Schweizer Radio und Fernsehen (SRF) tätig. Zunächst arbeitete er als Wirtschaftsredaktor bei der "Tagesschau", bevor er 2012 als Redaktor zum Nachrichtenmagazin "10vor10" wechselte. Vor seiner Anstellung bei SRF berichtete Peter Düggeli unter anderem drei Jahre für die Wirtschaftszeitung "Cash".

 

Was schätzen Sie an der Schweiz?

Das Kleine, das „Herzige“, die Verlässlichkeit, Verbindlichkeit und die grosse Vielfalt (kulturell, geografisch, topografisch, etc.) auf so kleinem Raum.

Welchen Bezug haben Sie zum öffentlichen Sektor (Verwaltung, Gesundheitswesen, öffentlicher Verkehr) in der Schweiz?

Als Auslandkorrespondent in Washington schätze ich das Gesundheitswesen und den öffentlichen Verkehr ausserordentlich - aus persönlichen Erfahrungen, aber auch mit dem distanzierten, einordnenden Blick aus den USA. Hier haben längst nicht alle eine ausreichende Krankenversicherung, der Zugang zu guter Medizin ist oft eine Frage des Geldbeutels, der öffentliche Verkehr ist schlecht ausgebaut. Der Kontakt mit öffentlichen Ämtern hier in den USA scheint mir etwas komplizierter als in der Schweiz. Starre bürokratische Abläufe werden eingehalten, auch wenn sie dem gesunden Menschenverstand widersprechen. In der Schweiz nehme ich Mitarbeiter des öffentlichen Dienstes als relaxter wahr.

In Zusammenarbeit mit dem öffentlichen Sektor, welche Prozesse würden Sie am liebsten optimieren?

Nichts Konkretes: Ich habe in öffentlichen Verwaltungen gearbeitet, kenne solche Institutionen natürlich als Bürger und hatte als Journalist immer wieder mit ihnen zu tun. Natürlich gibt es Prozesse, die vielen Menschen als (zu) bürokratisch erscheinen. Vieles liegt aber in der Natur der Sache. Öffentliche Verwaltungen sind nicht gewinnorientierte Institutionen. Andere Ziele sind wichtiger als reine Effizienzsteigerung und optimierte Prozesse. Zudem bevorzugen demokratisch gewählte Politiker an der Spitze eher das Bewahrende, Herkömmliche. Veränderungsprozesse können für sie ein politisches Risiko darstellen. Und last but not least können auch Parlamente, also die Gesetzgeber, bremsend wirken, wenn es darum geht Prozesse zu optimieren und Veränderungen voranzutreiben.

Welche Erwartungen haben Sie als Bürger an die Schweizer Verwaltungen?

Freundlichkeit und Kompetenz. Der Bürger soll als Kunde betrachtet werden, nicht als Steuern-zahlendes Übel.

Was würden Sie in der Schweiz sofort ändern, wenn Sie die Möglichkeiten dazu hätten?

Das Streben an die Spitze wird in der Schweiz gesellschaftlich tendenziell zu stark geächtet, finde ich. Es ist keine Schwäche, gut sein zu wollen, die/der Beste sein zu wollen. Ich habe das Gefühl, man orientiert sich bei uns tendenziell eher gegen die Mitte, gegen den Durchschnitt statt gegen die Spitze. Auch wenn jemand wirtschaftlichen Erfolg zeigt, löst das bei vielen sofort Ablehnung aus. Ich wünsche mir einen „entkrampfteren“ Umgang bei diesen Themen.

Wo sehen sie die grössten Herausforderungen für die Schweiz in den nächsten Jahren?

Wirtschaftlich innovativ und qualitativ „top“ bleiben. Dafür geniesst die Schweiz in den USA ein sehr hohes Ansehen. Das erfahre ich hier immer wieder, egal wo ich hinreise, egal, mit wem ich spreche.

Welche Technologie fasziniert Sie zurzeit am meisten?

Ich bin nicht so ein Technologie-Freak, kann immer noch Dinge bewundern, an die wir uns längst gewöhnt haben. Internet, GPS, etc. Kürzlich habe ich in einem IMAX-Kino einen 3D-Film über die Internationale Space Station (ISS) gesehen. Ein Weltraum-Spaziergang, still amazing!

Mit welcher berühmten Persönlichkeit würden Sie gerne zu Abend essen – und warum?

Ich möchte die Fliege an der Wand sein, wenn Präsident Trump und seine Tochter und Beraterin Ivanka zusammen zu Abend essen und Klartext reden...

Welches Buch empfehlen Sie als „Must Read“?

Ich lese momentan fast nur Sachbücher, sorry. Wer sich für amerikanische Politik interessiert, sollte das folgende Buch lesen: Devil’s Bargain – Steve Bannon, Donald Trump and the Storming of the Presidency. Es zeigt, wie wichtig Chefberater Bannon ideologisch und organisatorisch bei Trumps Wahl war. Wie Steve Bannon dem nationalistischen Populismus des Präsidenten einen ideologischen Boden gibt. Auch nach dem Abgang Bannons und dem Bruch mit dem Präsidenten immer noch eine äusserst interessante Lektüre.

Min Li Marti

Min Li Marti ist Nationalrätin SP und dort Mitglied der Kommission für Wissenschaft, Bildung und Kultur. Daneben ist sie Chefredaktorin und Verlegerin der Wochenzeitung P.S. Zuvor arbeitete sie unter anderem als Senior Consultant für zwei Kommunikationsagenturen, als Filmproduzentin und war stellvertretende Generalsekretarin der SP Schweiz. Sie ist Präsidentin des Schweizerischen Studiofilmverbands und im Verwaltungsrat der Energie 360 Grad AG.

 

Was schätzen Sie an der Schweiz?

Dass sie so gut organisiert ist und gut funktioniert. Man kann viel mäkeln über Verspätungen bei der SBB etwa oder Bürokratie in der Verwaltung, aber grundsätzlich haben wir in der Schweiz einen sehr gut aufgestellten Service Public und eine effiziente Verwaltung.

Welchen Bezug haben Sie zum öffentlichen Sektor in der Schweiz?

Als Politikerin sehe ich mich durchaus auch als jemanden, der im öffentlichen Dienst tätig ist, also eine Tätigkeit ausübt, die der Öffentlichkeit zugutekommen soll. Ich habe auch als Zentralsekretärin beim VPOD – dem Verband des Personals der öffentlichen Dienste – gearbeitet, gutes Personal ist für die Erbringung eines guten Service Publics unabdingbar.

Welche Erwartungen haben Sie als Bürgerin/Bürger an die Schweizer Verwaltungen?

Ich erwarte, dass sie unkompliziert ist, gut organisiert und gut funktioniert. Dass sie mich nicht allzuviel beschäftigt. Das gelingt der Verwaltung eigentlich nicht schlecht, gerade im Bereich der E-Government-Dienstleistungen wurden Fortschritte erzielt.

Was würden Sie in der Schweiz sofort ändern, wenn Sie die Möglichkeit dazu hätten?

Vieles und Weniges – ich habe geschrieben, dass die Schweiz im Grossen und Ganzen sehr gut funktioniert. Das heisst aber nicht, dass alles zum Besten steht. Im Bereich Vereinbarkeit von Beruf und Familie hinkt die Schweiz anderen Ländern – gerade den skandinavischen Ländern – massiv hinterher. Das gilt auch beispielsweise bei der Chancengleichheit in der Bildung. Grundsätzlich muss die Schweiz aufpassen, dass soziale Errungenschaften nicht leichtfertig aufgegeben werden, die abgelehnte Altersreform ist meines Erachtens in diesem Zusammenhang eine bedauerliche verpasste Chance.

Wo sehen Sie die grössten Herausforderungen für den öffentlichen Sektor in den nächsten fünf Jahren?

Das Schlagwort „Digitalisierung“ wird zwar viel diskutiert, doch konkrete Massnahmen sehen wir nur wenige. Hier gibt es meines Erachtens einen grossen Handlungsbedarf, nicht nur in den Bereichen E-Government, sondern gerade auch in der Bildung von der Primarschule bis zur Weiterbildung, aber auch in der Frage wie der Wettbewerb zwischen lokalen Gewerbe und internationalen Monopolisten fair gestaltet werden kann.

Welche Technologie fasziniert Sie und welche wird unser Leben in fünf Jahren grundlegend verändern?

Technologie fasziniert mich grundsätzlich und einige Technologien werden unser Leben grundlegend verändern – von der Informationstechnologie über die künstliche Intelligenz bis zur Gentechnik oder Biotechnologie.

Welche Gefahren sehen Sie in der technologischen Entwicklung?

Technologischer Fortschritt ist meines Erachtens weder ein Naturereignis noch ein Selbstzweck – er muss im Interesse der Menschen und der Gesellschaft sein. Diese Diskussion über mögliche erwünschte und unerwünschte Folgen von Technologie ist absolut zentral und wird meines Erachtens zu wenig geführt, es ist vielmehr zur Glaubensfrage verkommen – ob man Fortschritt gut findet oder nicht, aber das ist nicht die Frage.

Welches Buch empfehlen Sie als „Must Read“?

Für dieses Thema „The Entrepreneurial state – Debunking Public vs. Private Sector Myths“ von Mariana Mazzucato, das darlegt, dass der Glauben, dass nur die Wirtschaft Innovation schafft, falsch ist.

Mit welcher berühmten Persönlichkeit (am Leben oder nicht) würden Sie gerne Abend essen – und warum?

Mit der Feministin und Philosophin Simone de Beauvoir – aber da müsste ich mein Französisch noch ein wenig aufpolieren.

Mauro Dell‘Ambrogio

Mauro Dell'Ambrogio ist seit 2008 Staatssekretär für Bildung, Forschung und Innovation beim Bund. Promovierter Jurist der Universität Zürich, bekleidete er von 1979 bis 1999 nach dem Erwerb des Anwalts- und Notariatspatents öffentliche Funktionen im Kanton Tessin: Richter, Kommandant der Kantonspolizei, Generalsekretär für Bildung und Kultur und Projektleiter für die Schaffung der Università della Svizzera italiana (USI). Nach vier Jahren an der Spitze einer Gruppe von Privatkliniken in Italien und Tessin, war er ab 2003 Direktor der Fachhochschule der Italienischen Schweiz (SUPSI). Er war Gemeindepräsident von Giubiasco, Abgeordneter im Grossen Rat des Kantons Tessin und Präsident der Tessiner Elektrizitätswerke.

 

Was schätzen Sie an der Schweiz?

Die Vielfältigkeit, welche uns Fortschritt durch die Nachahmung von gelungenen, aus freien Stücken gemachten Versuchen erlaubt.

Welchen Bezug haben Sie zum öffentlichen Sektor in der Schweiz?

Ich habe meistens, aber nicht ausschliesslich für ihn gearbeitet.

Welche Erwartungen haben Sie als Bürgerin/Bürger an die Schweizer Verwaltungen?

Sie soll (weiterhin) nach bescheidenem Dienen und nicht nach Macht oder Grösse streben.

Was würden sie in der Schweiz sofort ändern, wenn sie die Möglichkeit dazu hätten?

Ein paar Kompetenzkorrekturen zwischen Bund und Kantonen in Richtung „wer zahlt, der befiehlt und wer befiehlt, der zahlt“.

Wo sehen Sie die grössten Herausforderungen für den öffentlichen Sektor in den nächsten 5 Jahren?

Das Subsidiaritätsprinzip nicht aufgeben, trotz der Versuchung immer neue Massnahmen und Instrumente einzuführen. Das gilt weit über die kommenden 5 Jahre hinaus.

Als Staatssekretär im SBFI haben Sie Einblick in die unterschiedlichsten Prozesse der Bundesämter. Sehen Sie hier Optimierungspotential?

Ja, sicher: Weniger Standardisierung und technokratischer Überbau aus zentralen Fachstellen, weniger vermeintliche Effizienz, mehr Effektivität, vereinfachte Kontrolle, mehr Delegation der Verantwortung.

Welche Technologie fasziniert Sie und welche wird unser Leben in fünf Jahren grundlegend verändern?

Anders als bei der Wissenschaft ist Faszination für eine entstehende Technologie vorwiegend Sache der Entwickler. Die Allgemeinheit faszinieren gelungene Anwendungen. Laien wie ich sollten im Hinblick auf die Zukunft tendenziell skeptisch bleiben. Die engere digitale Vernetzung wird auf jeden Fall, ob faszinierend oder banal, unser Leben verändern.

Welche Gefahren sehen Sie in der technologischen Entwicklung?

Das Risiko besteht immer, dass die Förderung der guten und die Verhinderung der schlechten (z.B. nicht nachhaltigen) Entwicklungen kurzfristig nicht vom Gesamtinteresse bestimmt werden. Das lässt sich aber später korrigieren.

Welches Buch empfehlen Sie als „Must Read“?

Die Werke der Antike: Dort ist z.B. viel über das Verhältnis zwischen Verschuldung und Politik zu lesen. Die vergangene Zeit erlaubt es, das Wesentliche hinter der Rhetorik der Aktualität zu erkennen.

Mit welcher berühmten Persönlichkeit (am Leben oder nicht) würden Sie gerne Abend essen – und warum?

Alessandro Manzoni verfasste an der Wende zwischen früher und später Neuzeit unerreichte Werke und prägte die moderne italienische Sprache. Er war auch Gymnasiast in Lugano. Es gäbe potenziell noch reizvollere Gesprächspartner, aber mit Manzoni hätte ich das in meiner Funktion seltene Privileg, in meiner Muttersprache zu diskutieren.

Balz Hösly

Balz Hösly ist Rechtsanwalt und Partner von MME Legal | Tax | Compliance in Zürich und Zug. Der professionelle Verwaltungsrat und Mediator SAV gilt als erfahrener Praktiker in Fragen der Corporate und Public Governance sowie für Entwicklungs- und Konfliktmanagement in privaten und öffentlichen Unternehmen. Als Fachanwalt SAV Erbrecht ist er zudem ein Spezialist für private Nachlassplanungen und Unternehmensnachfolge-Regelungen.

Balz Hösly ist Präsident des Verwaltungsrates der AG Hallenstadion, Zürich, und der Standortmarketing-Organisation Greater Zurich Area AG, die als Public-Private-Partnership aufgebaut ist, sowie Mitglied des Verwaltungsrates der Bombardier Transportation (Schweiz) AG, Zürich. Er doziert regelmässig über Reputations- und Krisenmanagement, Strategisches Risikomanagement sowie Standortpolitik und Standortmarketing.

Von 1987-1999 arbeitete Balz Hösly auf der strategischen Ebene in der Versicherungswirtschaft und baute u.a. in der Schweiz eine neue Versicherungsgesellschaft auf. 2000-2004 war er als CEO verantwortlich für die strategische Neupositionierung und Internationalisierung der Schweizer Exportförderungs-Organisation Osec (heute Switzerland-Global Enterprise).

Von 1991-2003 war Hösly aktiver Politiker im Zürcher Kantonsrat, während sechs Jahren als Präsident der Freisinnig-Demokratischen Fraktion, Mitglied der Geschäftsleitung und Präsident der “Reformkommission” des Rates.

Balz Hösly lebt in Zürich zusammen mit seiner Partnerin. Er gilt als guter Koch und Weinkenner und ist Herausgeber des Zürcher Gastro-Führers "Waltis Beizenführer". Er liebt anspruchsvolle Reisen, ist Opernfan und beschäftigt sich in der Freizeit mit Golf, Gartenarbeiten, Geschichte und zeitgenössischer Politik.

 

Was schätzen Sie an der Schweiz?

«Schweizer Qualität»: diese helvetischen Tugenden (Zuverlässigkeit, Pünktlichkeit, Genauigkeit) sind – international betrachtet – immer noch das grosse «Plus» der Schweiz. Aber aufpassen: Perfektion ist gut – Überperfektion und «Tüpflischiisserei» können zur Belastung werden.


Welchen Bezug haben Sie zum öffentlichen Sektor in der Schweiz?

Ich bin Spezialist für Führung und Organisation von öffentlichen und privaten Unternehmen, welche im Wind der öffentlichen Meinung und der Politik stehen. Dank meinem Background in Politik und Wirtschaft werde ich oft auch als «Brückenbauer» zwischen der Privatwirtschaft und der öffentlichen Hand angefragt.

Wie schätzen Sie die Zusammenarbeit zwischen dem GZA mit dem öffentlichen Sektor ein?

Die GZA hat Vieles getan, um eine Vertrauensbasis und eine gute Zusammenarbeitskultur mit den Verwaltungen und den politischen Verantwortungsträgern unserer Mitgliedskantone und der Stadt Zürich zu schaffen. Diese Anstrengungen, kombiniert mit einer sehr aktiven Kommunikationspolitik, haben Früchte getragen: Die Zusammenarbeit der GZA mit dem öffentlichen Sektor ist heute sehr gut.

Welche Erwartungen haben Sie als Bürgerin/Bürger an die Schweizer Verwaltungen?

Verwaltungen sollten konsequent mit einer bürger- und unternehmensfreundlichen «Ermöglichungs-Mentalität» arbeiten, private Initiativen unterstützen und ihre öffentlichen Aufgaben wohlwollend und zurückhaltend erbringen. Oft dominieren hierzulande aber leider noch eine übertriebene Regulierungs-Kultur und eine Art «Belehrungs-Eifer».

Was würden sie in der Schweiz sofort ändern, wenn sie die Möglichkeit dazu hätten?

Ich würde die Zentren der gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Entwicklung und Innovation unseres Landes, die fünf grössten Städte (Zürich, Basel, Genf, Bern und Lausanne), politisch stärken und ihnen eine zusätzliche «Standesstimme» in Volksinitiativen und einen zusätzlichen Ständeratssitz einräumen. Die progressiven Kräfte des Landes könnten so besser zum Tragen kommen, ohne zu dominieren.

Wo sehen Sie die grössten Herausforderungen für den öffentlichen Sektor in den nächsten 5 Jahren?

Unsere Wirtschaft und auch die Gesellschaft entwickeln sich zunehmend digital. Politik, Verwaltung und Recht aber denken, organisieren und regulieren stramm analog. Die komplexen öffentlichen Herausforderungen können zudem nur noch mit vernetztem Denken und gescheiten Zusammenarbeitsmodellen zwischen Staat und Privat gelöst werden. Das sektorielle «Gärtchendenken», das viele öffentliche Gremien und Verwaltungen heute noch prägt, genügt diesen Anforderungen nicht mehr, wird zunehmend ineffizienter und deshalb unter Druck kommen.

Welche Technologie fasziniert Sie und welche wird unser Leben in fünf Jahren grundlegend verändern?

Wir stehen bezüglich zentralen gesellschaftlichen Bedürfnissen wie Kommunikation, Mobilität, Datenschutz oder Eigentumsverhältnissen vor einer Zeit des grundlegenden Umbruchs. Sharing Ecomomy und virtuelles Vertrauen sind dabei nur nur zwei wichtige Stichworte. Das grösste Veränderungspotential hat heute vermutlich die Blockchain-Technologie, welche zentrale Koordinationsstellen durch dezentrale Netzwerke ablöst. Geschäftsmodelle, die auf zentralen Kontroll-, Verteil- oder Schaltstellen basieren (also z.B. Banken, Warenhäuser, Versicherungen oder Energieversorger) werden komplett neu aufgestellt werden müssen.

Welche Gefahren sehen Sie in der technologischen Entwicklung?

Technologie kann die menschlichen Beziehungen, die gegenseitige Achtsamkeit, bedrohen. Virtualität soll Menschlichkeit nie ersetzen, sondern darf sie nur unterstützen. Nicht umsonst ist heute die «Purpose»-Diskussion über den Zweck von Unternehmen oder der Arbeit einer der massgebendsten Management-Trends.

Welches Buch empfehlen Sie als „Must Read“?

In Zeiten des Umbruchs sind Führungs-persönlichkeiten gefragt: sie müssen Vertrauen schaffen und sich der wirklich wichtigen menschlichen und gesellschaftlichen Werte bewusst sein. Eines der anregendsten Bücher dazu ist «Der kleine Prinz» von Antoine de Saint-Exupéry.

Mit welcher berühmten Persönlichkeit (am Leben oder nicht) würden Sie gerne Abend essen – und warum?

Winston Churchill – weil er seine eigenen Ängste und Zweifel oft überwinden konnte und mit seiner Standhaftigkeit, seinen visionären Gedanken und seiner Durchsetzungskraft vielen Menschen Mut und Hoffnung machte. Er war eine herausragende Leader-Figur. Dazu war er auch ein Genussmensch und kulinarischen Freuden und einem guten Wein durchaus zugetan.

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