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„Wir demokratisieren künstliche Intelligenz”

Die Deloitte Cognitive Services Platform

Wenn KI-Lösungen für Unternehmen so verfügbar sind wie Apps im App Store, könnte das an der neuen Cognitive Services Platform von Deloitte liegen. Kristiina Coenen und Jan-Niklas Keltsch erklären, wie KI-Modelle Freiraum für den Menschen schaffen und warum es auf Vielfalt ankommt.

Ein Beitrag aus Resonance – dem Deloitte-Jahresbericht 2018/2019

Jan-Niklas, mit der Cognitive Services Platform hat euer Team eine Idee zur Marktreife gebracht. Was genau darf man sich darunter vorstellen?

JK Bei der Cognitive Services Platform erbringen wir Services nicht auf eine traditionelle Art und Weise, sondern basierend auf Algorithmen. Wir sprechen hier von skalierbaren Lösungen, die nachfragegetrieben abgerufen werden. All diese Services stellen wir gesammelt auf einer Plattform bereit, das heißt: KI-Anwendungen können von Kunden oder Kollegen unkompliziert genutzt werden.


Was bringt das den Kunden?

JK Zunächst einmal geht es um Geschwindigkeit. Computermodelle sind schneller und effizienter als der Mensch. Und weil auf unsere Leistungen verschiedene Kunden zugreifen können, lassen sich die Investments für den Aufbau von KI-Services auf viele Aufträge herunterbrechen. Für Unternehmen, die sich die Entwicklung von KI-Lösungen selbst nicht leisten könnten, sind diese plötzlich nutzbar. Mit anderen Worten: Mit der Cognitive Services Platform demokratisieren wir KI.


Kristiina, du leitest die Tax & Legal Garage und bist Teil des Plattform-Teams. Wo in eurem Bereich kommen bereits KI-Anwendungen zum Einsatz?

KC Ein gutes Beispiel ist unsere Lösung „Tax-I“. Das Tool kann mittels Natural Language Generation Gerichtsurteile kurz und präzise zusammenfassen. Es zeigt außerdem visuell Zusammenhänge zwischen verschiedenen Urteilen bzw. Gesetzen auf. In Kombination mit Predictive Analytics lässt sich so vorhersagen, wie wahrscheinlich der Ausgang eines Sachverhalts ist.

JK Eine andere Lösung unterstützt bei der Zuordnung von E-Mails. Stellen wir uns die Personalabteilung eines x-beliebigen Unternehmens vor. Sie erhält jeden Tag viele E-Mails, für die das Recruiting, die Payroll Services, die Data Administration oder andere Bereiche zuständig sind. Diese Sortierleistung lässt sich sehr gut mit KI erbringen. Unser Algorithmus kann E-Mails lesen und beispielsweise erkennen, ob es sich um eine Bewerbungsmail oder die Nachricht eines Mitarbeiters handelt, der lediglich seine neue Adresse mitteilen möchte. Eine solche Lösung spart viel Zeit und die Personalabteilung kann sich höherwertigen Aufgaben widmen.

 

Digitale Dienstleister für den Steuerberater

KI-Lösungen disruptieren die Steuerberatung, vor allem dort, wo Algorithmen große Datenmengen schneller und besser auswerten können als der Mensch. Die digitalen Helfer durchsuchen Dokumente nach Mustern, erkennen Auffälligkeiten und unterstützen die Steuerabteilung bei Entscheidungen. Beispiel Tax-I: Das Tool nutzt Netzwerkanalysen und Natural-Language-Processing-Modelle, die auf Deep Learning basieren. Auf diese Weise können Gerichtsurteile schnell analysiert und Handlungsempfehlungen abgeleitet werden.

 

KI übernimmt also Routineaufgaben. Kann sie auch bei strategischen Fragen unterstützen?

JK Auf jeden Fall. Nehmen wir unser Produkt „Deep Process“. Damit überprüfen wir auf Basis des Organisationshandbuchs oder von Prozessbeschreibungen, ob sich Tätigkeiten automatisieren lassen. Diese Analyse wäre üblicherweise ein Projekt, das sich über mehrere Wochen erstreckt. Der Algorithmus kann jedoch binnen kürzester Zeit eine ziemlich zuverlässige Aussage darüber treffen, wo das Unternehmen seine strategischen Ressourcen einsetzen sollte, um Automatisierungsprojekte voranzutreiben.


Wie „lernt“ Deep Process so etwas?

JK Bei Deloitte greifen wir auf einen seit Jahrzehnten aufgebauten Datenbestand zurück, der mehrere hunderttausend Tätigkeitsbeschreibungen zahlreicher Branchen enthält. Unsere Experten können diese Tätigkeiten klassifizieren. Das ist ein entscheidender Schritt, denn die KI muss lernen, ob ein Prozess automatisierbar ist. Das Modell, das wir daraus ableiten, bieten wir Kunden aus unterschiedlichsten Industriebereichen an.

 

Wie muss man sich den Aufbau einer Plattform vorstellen? Welche Kompetenzen kommen da zum Beispiel zusammen?

KC Wir verfügen über eine große Bandbreite an Kompetenzen und Hintergrundwissen. Zum einen müssen wir verstehen, welche Wünsche der Kunde hat. Zum anderen stellt sich die Frage, ob die Lösung wirtschaftlich und technisch umsetzbar ist. Nur im Team können wir etwas entwickeln, was den Kunden begeistert.

JK Wichtig scheint mir, in solchen Teams mit unterschiedlichsten Fachleuten wie KI-Experten, Informatikern, Designern, Steuer- oder Rechtsberatern eine gemeinsame Vision zu formen. Kein Steuerrechtsexperte muss zum Fachmann für KI werden, aber auch nicht umgekehrt. Wenn alle Neugier, Interesse und Lernbereitschaft mitbringen, kommt etwas richtig Gutes dabei heraus.


Gibt es auch Probleme, die wir Menschen gar nicht lösen können, KI hingegen schon?

JK Die gibt es sowohl in der Wissenschaft wie auch in der Wirtschaft. Australischen Forschern ist es mithilfe einer KI gelungen, ein Bose-Einstein-Kondensat und damit ein System in einem Aggregatzustand zu erzeugen, der unter normalen Bedingungen extrem schwer herzustellen wäre. Oder zum Beispiel AlphaGo von Google DeepMind: Dieses Computerprogramm hat die weltbesten Go-Profispieler mit Strategien geschlagen, die kein Mensch zuvor entwickelt hatte. Bei uns stellt sich die Frage: Sind das Aufgaben, die durch einen Menschen überhaupt leistbar wären? Mit Gnosis setzen wir ein Tool ein, das Unternehmen bei der Weiterentwicklung ihrer Strategie hilft. Die meisten Konzerne beschäftigen Analysten, die relevante Trends und Märkte im Auge behalten und Schlussfolgerungen für die Unternehmensstrategie ziehen. Aber selbst ein großes Team kann nicht Tausende von Reports lesen, auswerten und verstehen. KI hingegen vermag das mithilfe von Natural Language Processing binnen Minuten. Gnosis liest Hunderttausende von Patentschriften, Newsartikeln und wissenschaftlichen Beiträgen und erkennt, ob sie auf einen gewissen Trend einzahlen. Strategen erhalten so ein viel umfänglicheres Bild, wo sich langsam Handelsbarrieren aufbauen oder wo gewisse Technologien, etwa die Batterietechnik für die Automobilindustrie, voranschreiten.

KC Wir haben Gnosis testweise in unserer Tax & Legal Practice eingesetzt, um herauszufinden, wie sich die Steuerberatung in den kommenden zehn Jahren entwickeln wird. Es war hochinteressant. Uns wurden Zusammenhänge aufgezeigt, auf die wir selbst vermutlich nicht gekommen wären. Die Maschine nimmt uns die Arbeit nicht weg, sie unterstützt uns enorm.

„Die Maschine nimmt uns die Arbeit nicht weg, sie unterstützt uns enorm."

Kristiina Coenen

Ökosysteme öffnet euch!

Digitale Technologien verändern ganze Branchen von Grund auf. Unternehmen stehen nicht mehr im Zentrum, sie arbeiten vielmehr in branchenübergreifenden Netzwerken. Aus dieser Vernetzung mit Zulieferern, Technologiefirmen, Forschungseinrichtungen und Start-ups entstehen neue Geschäftsmodelle. Die Teilnehmer des Ökosystems nutzen digitale Datenströme, um Kundenwünsche effizient zu bedienen und sich schnell auf Veränderungen einzustellen.

 

Gibt es umgekehrt Erwartungen, die ihr dämpfen müsst, weil die Technologie sie heute noch nicht erfüllen kann?

JK Am häufigsten müssen wir das Missverständnis ausräumen, dass KI menschliche Transferleistungen übernehmen kann. Das ist in den meisten Fällen nicht möglich. Mit KI trainieren wir beispielsweise ein neuronales Netz. Wir vollziehen in etwa den Prozess nach, den unser menschliches Gehirn beim Aufwachsen durchläuft. KI ist, wenn man so will, ein Kind, dem wir helfen, die Welt zu entdecken. Was wir ihm beibringen, das lernt es. Aber was ihm nicht gezeigt wird, kann es nicht erkennen.
 

Um eure Kunden mit der Technologie und ihren Möglichkeiten vertraut zu machen, habt ihr das AI Experience Lab gegründet. Was erwartet sie dort? Wie muss man sich euer Labor vorstellen?

JK Erfahrungsgemäß ist es nicht immer ganz einfach, Anwendungsfälle zu identifizieren. Deshalb haben wir das Experience Lab ins Leben gerufen. In den Sessions erläutern wir den Kunden zunächst den theoretischen Hintergrund, bevor sie selbst Technologien ausprobieren können. Wir zeigen verschiedene Beispiele im Bereich Computer Vision und Natural Language Processing, außerdem führen wir ganz konkrete und am Markt erprobte Softwarelösungen vor. Was bedeutet es eigentlich, KI im Business einzusetzen? Das ist unseren Kunden nach dem Lab sehr viel klarer. Gemeinsam mit ihnen entwickeln wir Anwendungsfälle für ihr Geschäft. Am Ende steht eine Road Map mit ganz konkreten Schritten für Lösungen, an denen der Kunde arbeiten kann.

 

„Am häufigsten müssen wir das Missverständnis ausräumen, dass KI menschliche Transferleistungen übernehmen kann. Das ist in den meisten Fällen nicht möglich."

Jan-Niklas Keltsch

 

KI-Lösungen für jedermann

Artificial Intelligence as a Service“ liegt im Trend. Vom Mittelstandsbetrieb bis zum Großunternehmen: Immer mehr Firmen setzen auf fertige KI-Bausteine für ihre Produkte und Dienstleistungen. Die klugen Lösungen „von der Stange“ ermöglichen einen schnellen und günstigeren Zugang zu digitalen Prozessen, Services und Geschäftsmodellen. So können Unternehmen mit KI arbeiten, ohne die Technologie selbst entwickeln zu müssen.

 

Eure Plattform entwickelt ihr nicht allein, sondern mit Partnern. Wer ist dabei – und warum?

JK Wir haben uns für eine cloudbasierte Plattform-Lösung und für Google als Technologiepartner entschieden. Die KI-Algorithmen von Google nutzen wir als Ergänzung zu unseren eigenen.
 

Wenn ihr nach vorne schaut: Wo seht ihr die Plattform Ende 2020? Wann wäre sie ein Erfolg?

JK Ein Erfolg ist unsere Plattform, wenn sie viele Services beinhaltet. Deswegen besteht unsere Aufgabe nun darin zu scannen, was unsere internationalen Kollegen und was unsere Teams in Deutschland entwickelt haben, woran gerade gearbeitet wird und wie wir diese Lösungen möglichst schnell auf die Plattform bekommen. Wir sehen jetzt schon eine hohe Nachfrage bei unseren Kunden nach AI-as-a-Service-Angeboten.

KC Wir wollen unseren Kunden helfen, ihre Tax-&-Legal-Abteilungen zu disruptieren, und dafür gibt es bei Deloitte weltweit eine Menge Ansätze, die ihnen künftig auf unserer Plattform zur Verfügung stehen werden.

 

Warum Resonance?

Das Digitale ist Teil unseres alltäglichen Lebens. Es macht einiges einfacher und fordert uns heraus, Dinge zu hinterfragen. Neu zu denken. Zu gestalten. Dem Gegenüber zuzuhören und im Gespräch zu bleiben. Mehr denn je geht es um Dialog – und um Resonanz.